FORWARD AIR MEDEVAC - RETTUNG AUS DER LUFT
Artikel

FORWARD AIR MEDEVAC - RETTUNG AUS DER LUFT

EIN WIEDERENTDECKTER AUFTRAG - GEDANKEN EINES NOTFALLMEDIZINERS

Im Rahmen der Auslandseinsätze der Bundeswehr soll für die dort eingesetzten Soldaten eine sanitätsdienstliche Betreuung sichergestellt werden, die im Ergebnis einer Versorgung in Deutschland entspricht. Diese Maxime bestimmt unser Handeln und unsere personelle und materielle Ausstattung in den Einsatzgebieten. Diese Maxime bestimmt unser Handeln und unsere personelle und materielle Ausstattung in den Einsatzgebieten.

Um diese Versorgungsqualität zu gewährleisten, werden in Abhängigkeit von Auftrag und Risiko, Einsatzraum sowie Möglichkeiten zur multinationalen sanitätsdienstlichen Zusammenarbeit und medizinischen Kapazitäten des Einsatzlandes sanitätsdienstliche Fähigkeiten definiert. In Würdigung dieses sanitätsdienstlichen Kernauftrages rückt auch, die zur Zeit noch bestehende Fähigkeitslücke des Forward Air Medical Evacuation unter Gefechtsbedingungen wieder in den Fokus des Interesses.

Bereits in der Ausgabe Juni 2000 der Zeitschrift „Soldat und Technik“ ist in einem Typenblatt NH 90 eine CSAR Version beschrieben und eine beginnende Auslieferung für 2004 angenommen. Momentan wird diese Fähigkeit im ISAF Einsatz noch von unseren amerikanischen Verbündeten sichergestellt. Hierfür ist den dort eingesetzten Kameraden Dank und Achtung auszusprechen. Beginnend mit der zweiten Jahreshälfte 2012 ist geplant, diese Aufgabe durch Heeresflieger mit dem NH 90 wahrzunehmen.

Das Transporthubschrauberregiment 10 aus Faßberg ist für diesen Einsatz benannt. Zur Implementierung der notwendigen fliegerischen Verfahren und Ausbildung der Luftfahrzeugführer und Bordtechniker wird zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch auf das Vorgängermodell LTH Bell UH 1-D zurückgegriffen. Die Abteilung X des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg unterstützte die bisherigen Übungsvorhaben des Regimentes durch Abstellung sowohl von Sanitätsoffizieren als auch Sanitätsfeldwebeln Rettungsassistent / HEMS. Dieser Artikel soll einige ganz persönliche Erlebnisse dieser Übungen und daraus resultierende Ideen wiedergeben.

Lage / Übungsablauf

Das Transporthubschrauberregiment 10 soll ab Juli 2012 die Einsatzbereitschaft für Forward Air MedEvac ISAF mit NH 90 sicherstellen. In mehreren Übungsvorhaben wird dafür die Ausbildung der Luftfahrzeugbesatzungen, insbesondere das Zusammenspiel mit den Medical Crews und den Doorgunnern, im Hinblick auf das taktische Vorgehen bei Forward Air MedEvac Einsätzen vertieft. Als Rahmenlage wird ein NATO Einsatz mit dislozierten eigenen Kräften, die in Gefechte mit zum Teil hoher Intensität verwickelt sind, zu Grunde gelegt. In den einzelnen Szenarien sollen die Luftfahrzeugbesatzungen das einsatzrelevante Verfahren, vom Eingang 9-Liner und Crew Mission Briefing, über den Einsatz mit Landung in der Landezone, Aufnahme des Verwundeten und Abflug in Koordination zwischen Sicherungs- und MedEvac Hubschrauber bis hin zum Debriefing durchführen. Ein besonderes Augenmerk wird auf das Zusammenspiel mit den Bodentruppen, den Befehlsständen und innerhalb der Luftfahrzeugbesatzungen zwischen den einzelnen Truppengattungen gelegt.

Zu diesem Zweck unterstützt das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg das Transporthubschrauberregiment 10 bei den Übungsvorhaben durch Abstellung von SanOffz Arzt Rettungsmedizin und SanFw Rettungsassistent. Das abgestellte Personal verfügt durchweg über langjährige Erfahrung im Rettungsdienst, der Luftrettung und im Auslandseinsatz. Neben der sanitätsdienstlichen Beratung des StffKpt 2./ Fliegende Abteilung 101 gehört es zu den Aufgaben des abgestellten Personal, gemeinsam mit den Luftfahrzeugbesatzungen im Rahmen der Übungen FwdAirMedEvac Einsätze zu fliegen und die angewendeten Verfahren ggf. weiterzuentwickeln. Die geflogenen Übungsszenarien liefen im Tag- und Nachtflug nach folgendem Schema ab. Nach einem umfangreichen Briefing wurden die Luftfahrzeugbesatzungen in eine 15 min. Bereitschaft gesetzt. Nach Alarmierung durch den Befehlstand erfolgte die Verlegung in das Einsatzgebiet. Dort wurde von einer Forward Operation Base aus nach Eingang des 9-liner und einem kurzen Briefing der eigentliche FwdAirMedEvac Einsatz geflogen.

Die Einsatzrotte bestand jeweils aus einem LTH Bell UH-1D als Rottenführer mit zwei Doorgunnern und einem LTH Bell UH-1D MedEvac mit einem Flight Surgeon (Sanitätsoffizier) und einer Flight Nurse (Sanitätsfeldwebel). Kurz vor Erreichen der Landezone erfolgte in Absprache mit den Bodentruppen ein Lageupdate, dies schloss neben der Feindlage und dem Zustand der Landezone den Verwundetenzustand mit ein. Nach Identifizierung der Landezone und Anflug / Landung erfolgte ein Absitzen der Medical Crew und Übernahme des Verwundeten von den Bodentruppen, parallel wurde der Verwundete bereits in das Luftfahrzeug verladen, gesichert und entsprechend seines Zustandes medizinisch versorgt. Nach der möglichst kurzen Bodenzeit erfolgte der taktische Abflug aus dem Einsatzgebiet zur Forward Operation Base, dort wurde der Verwundete ausgeladen und das Szenario war beendet. Eine Simulation einer weitergehenden sanitätsdienstlichen Versorgung oder Übergabe fand bei diesen Übungsvorhaben nicht statt.

Erfahrungen aus dem Einsatz als Flight Surgeon

Das fliegerische Verfahren ist, soweit dies für einen Sanitätsoffizier mit Luftrettungserfahrung beurteilbar, grundsätzlich bereits gut eingeführt, bedarf aber sicherlich noch einer intensiven Übung, damit auch eine ausreichende Zahl an erfahrenen Luftfahrzeugführern zur Verfügung steht. Für die weitere Etablierung der Verfahren bleibt selbstverständlich die Umrüstung auf den NH 90 abzuwarten und dann zu prüfen, inwieweit sich die mit dem LTH Bell UH 1-D geübten Verfahren auf das neue Luftfahrzeug übertragen lassen. Eine intensive Ausbildung auf dem neuen Luftfahrzeug ist aus meiner Sicht vor dem Auslandseinsatz unabdingbar. Es bleibt daher zu hoffen, dass der NH 90 bald hierfür zur Verfügung steht. Aus der momentanen Erfahrung des ISAF Einsatz ist sicherlich eine Reduktion der Bodenzeit auf das absolut notwendige Maß erforderlich, um die Gefährdung für das eingesetzte Material und Personal soweit als möglich zu minimieren und damit auch den Erfolg der gesamten MedEvac Mission sicherzustellen.

Dieser Umstand, wie auch der zwangsläufig notwendige taktische An- und Abflug unter Gefechtsbedingungen haben weitreichende Auswirkungen auf die medizinischen Versorgungsmöglichkeiten und somit auch auf die notwendige personelle und materielle Ausstattung. Im Verlauf der zuletzt durchgeführten Übung Bold Dragon III konnten Bodenzeiten von 85 Sekunden realisiert werden. Auf www.deutschesheer.de findet sich ein Video mit dem Titel „Gefährlicher Auftrag, Rettung aus der Luft“ in dem gut zu erkennen ist, dass auch diese Zeit noch verbessert werden kann. Wirklich positiv hervorzuheben ist die Versorgung des Verwundeten durch die Ersthelfer der eingesetzten Bodentruppen, sie kann insgesamt als gut bis sehr gut bewertet werden. Es fanden weitgehend die Prinzipien des TCCC Anwendung. Alle Patienten waren in den meist ca. 30 min von dem Zeitpunkt der Verwundung bis zum Eintreffen des Hubschraubers in der Landezone mehrfach in ihrem Zustand beurteilt, eine Erstversorgung durch entsprechend geschultes Nicht - Sanitätspersonal wurde bei allen Verwundeten begonnen. Ein besonderes Augenmerk auf Blutungskontrolle, Atemwegsmanagement und eingeschränkt auch Analgesie war erkennbar.

Die Dokumentation auf einer DIN A5 Patientenanhängekarte mit Verlaufsdokumentation war völlig ausreichend und ersetzte meist das nur sehr eingeschränkt mögliche Übergabegespräch. Die wesentliche Aufgabe der Medical Crew bestand in der Zusammenarbeit mit dem Bordtechniker in der sicheren Verladung des Verwundeten in das Luftfahrzeug unter Fortsetzung der bereits begonnenen Therapiemaßnahmen. besondere der Sicherung der Atemwege und Beatmung des Patienten. Eine weiweitere Intensivierung der Therapie war bei den geflogenen Szenarien, mit Flugzeiten bis zur Forward Operation Base von 8 Minuten inklusiv Abflug und Landung am FOB, nicht möglich bzw. bei dem vermuteten Patientenzustand nicht erforderlich. Unter realen Einsatzbedingungen wird sich vermutlich die Behandlung auch auf eine Fortsetzung und Sicherstellung der eingeleiteten Therapie beschränken.

Eine medikamentöse Therapie ist im Sinne einer adäquaten Analgesie ist allerdings auch bei diesen kurzen Flugzeiten ebenso möglich wie eine Optimierung der Blutstillung mit modernen und im Einsatz eingeführten Materialien wie zum Beispiel Tourniquet oder Hämostyptika. Die in allen aktuellen Traumaalgorithmen eingeführte Strategie des „Treat and run“ muss wegen der geschilderten Rahmenbedingungen auf jeden Fall bei FwdAirMedEvac Einsätzen zur Anwendung kommen. Weitere Zeit auf dem Transport wird, wie bei allen Verwundetentransporten, für Dokumentation und Anmeldung bei der aufnehmenden Sanitätseinrichtung benötigt. Eine direkte Anmeldung in der aufnehmenden Sanitätseinrichtung ist sicherlich wünschenswert, wird aber nur schwer zu realisieren sein.

Ideen eines Notfallmediziners

Die Zusammensetzung der medizinischen Besatzung ist sicher weiterhin kontrovers zu diskutieren. Inwieweit ein eingesetzter Sanitätsoffizier bei den kurzen und unruhigen Flügen seine zusätzliche Fachexpertise einbringen kann, ist vom Einzelfall abhängig und sollte vielleicht auch so entschieden werden. Nach Möglichkeit sollte für die eingesetzten Bordtechniker eine erweiterte Sanitätsausbildung erfolgen, um einen sicheren Umgang mit dem Verwundeten und dem eingesetzten Sanitätsmaterial zu gewährleisten. Bei einem Übungsszenario blickte mich der Bordtechniker mit „großen Augen an“, als ich vor der Maschine stehend ihm den Beatmungsbeutel in die Hand drückte, damit er in der Zeit, bis ich meinen Platz eingenommen hatte den Patienten weiter beatmen sollte. Im Umkehrschluss ist aber auch die medizinische Crew in ähnlichem Umfang selbstverständlich in den fliegerischen Gegebenheiten zu schulen und sollte auch als vollwertige Besatzungsmitglieder geführt werden.

Ein gegenseitiges Verständnis ist wie immer zur erfolgreichen Auftragserfüllung erforderlich. Bereits während den nur wenige Tage dauernden Übungen war dieser Effekt gut zu erkennen. Die eingesetzten Rettungs-assistenten sollten über umfangreiche Erfahrung in der Luftrettung verfügen, insbesondere wenn erwogen wird, die Einsätze ohne Sanitätsoffizier zu fliegen. Der Verwendung von im Inland „fachfremd“ eingesetzten SanFw RettAss mit mangelnder Einsatzerfahrung scheidet meines Erachtens völlig aus, die fachlichen Anforderungen sind dafür zu umfangreich. Im Rahmen der Vorausbildung muss zwingend eine Schulung in moderner Traumaversorgung erfolgen (TCCC, PHTLS o.ä.). Ein modulares Ausbildungskonzept in Anlehnung an den am BwK Hamburg seit einiger Zeit erfolgreich durchgeführten BAT Kurs für SanOffzArzt Rettungsmedizin mit praktischer Ausbildung unter anderem in invasiven Maßnahmen, ist auch für die Rettungsassistenten zu fordern.

Weiterhin ist die gesamte Luftfahrzeugbesatzung intensiv allgemeinmilitärisch zu schulen, um die Zusammenarbeit mit den Bodentruppen sicherzustellen und nicht zuletzt um ein eigenes Überleben im Gefecht zu ermöglichen. Unter diesen Rahmenbedingungen ist es durchaus vorstellbar bei den oben geschilderten FwdAirMedEvac Einsätzen mit kurzen Flugzeiten unter 15 min auf den Einsatz eines SanOffz an Bord zu verzichten. Immer eine sehr erfahrene nicht ärztliche Crew vorausgesetzt. Die zusätzliche Expertise des Notfallmediziners hat bei diesen Szenarien keine Gelegenheit zum Tragen zu kommen. Bei anderen denkbaren Einsatzszenarien mit längerer Flugzeit ist allerdings der Einsatz eines Arztes an Bord durchaus sinnvoll und für eine optimale Patientenversorgung zu fordern. Insbesondere wenn kleinere Patrouillen nicht mehr zwingend von einem BAT sondern nur von einem RettTrp begleitet werden, muss der Arzt frühzeitig zum Patienten gebracht werden können, um in Anlehnung an das deutsche Rettungssystem, bereits präklinisch mit der adäquaten und über die erweiterte Notkompetenz hinausgehenden Therapie beginnen zu können und auch die geeignete Versorgungseinrichtung zu identifizieren.

Dieses kann dann sicherlich auch mit deutlich längeren Bodenstandzeiten und Flugzeiten verbunden sein. Die materielle Ausstattung der NH 90 MedEvac sollte sich nach Meinung der Übungsteilnehmer an der BAT Ausstattung orientieren, um weitestgehende Kompatibilität sicherzustellen. Eine weiterreichende intensivmedizinische Ausrüstung erscheint für den Einsatz als FwdAirMedEvac Hubschrauber nicht zweckmäßig. Bei Sekundäreinsätzen oder weniger intensiven Einsatzszenarien mit gegebenenfalls deutlich längeren Flugzeiten wäre allerdings eine erweiterte Ausrüstung wieder wünschenswert. Eine modulare Ausrüstung ist hierfür zu fordern. Ein wesentlicher Zeitfaktor war bei etlichen geflogenen Szenarien das ordnungsgemäße Verladen der Trage in das Luftfahrzeug, hier ist noch eine deutliche Optimierungsmöglichkeit zu sehen.

Als eine sehr zweckmäßige Option wäre aus Sicht des Autors hierfür die umfassende Ausrüstung der Truppe mit dem Spine Board vonnöten. Dieses System wird seit längerem in der Luftrettung und Bodenrettung erfolgreich eingesetzt und bündelt einige Vorteile. Das aus Kunststoff gefertigte Board ist sehr widerstandsfähig und besitzt keinerlei Verschleißteile. Mittels des Kopffixier Set und des Gurtsystems ist der Patient im Bereich der Wirbelsäule vollständig immobilisiert und zuverlässig auf dem Board fixiert, ein zusätzlicher Lufttransportsack ist nicht mehr erforderlich. Die umlaufenden Tragegriffe ermöglichen selbst mit Gefechtshandschuhen ein deutlich einfacheres Verladen und das Board ist an den Tragegriffen schnell und sicher im Hubschrauber, bzw. auf der Trage des Hubschraubers fixierbar. Das hier beschriebene Verfahren wird im Luftrettungszentrum des BwK Hamburg, wenn auch unter Friedensbedingungen, seit längerem erfolgreich durchgeführt.

Zusammenfassung

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass eine medizinische Versorgung in der Luft, wie aus der Luftrettung in Deutschland bekannt, im Rahmen von Forward Air MedEvac Einsätzen unter Gefechtsbedingungen nur sehr eingeschränkt möglich ist. Weiterhin kommt erschwerend bei MedEvac Einsätzen hinzu, dass die Verwundeten nicht die Vorbehandlung erfahren haben, die man vor einem Lufttransport im Inland eigentlich fordern würde. Das BwK Hamburg wird einen sehr erfahrenen Sanitätsoffizier in den ISAF Einsatz entsenden, der zusammen mit unseren Alliierten im Einsatzland Einsätze fliegen wird und somit die Möglichkeit haben wird, umfangreiche Erfahrungen direkt vor Ort zu sammeln. Das Ergebnis dieses Einsatzes bleibt aus meiner Sicht abzuwarten, damit die wertvollen Erfahrungen von vornherein in den Prozeduren und bei der personellen und materiellen Feinausplanung berücksichtigt werden können.

Datum: 18.10.2011

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2011/3