21.08.2023 •

Bedeutung des Ukrainekriegs für das Zielbild 2031 des Sanitätsdienstes der Bundeswehr

Workshopserie zur Evaluierung der aktuellen Fachlichen Grundlagen unserer sanitätsdienstlichen Einsatz- und Ausplanungsgrundsätze

C. Wetzel, J. Backus, R. Wieking, S. Fricke

Präsentation der Ergebnisse der einzelnen Workshops
Bundeswehr/Christian Wetzel

Die Inspekteurin des ukrainischen Sanitätsdienstes legte erste detaillierte Auswertungen zu Erfahrungen der sanitätsdienst­lichen Versorgung im eigenen Lande vor. Dies nahm der Sanitätsdienst der Bundeswehr (SanDstBw) zum Anlass, die in den letzten drei Jahren erarbeiteten Planungsgrundsätze für das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr (FPBw) aus fachlichen, operativen und planerischen Blickwinkeln nochmals zu überprüfen. Insbesondere war zu untersuchen, ob die bisherigen Planungen den realen Konfliktsituationen standhalten und angemessen sind. Grundsätzlich bestätigten sich die Annahmen und weiterführenden Überlegungen. Wie zu erwarten war, haben sich aber auch zusätzliche Aspekte ergeben, denen jetzt im Rahmen der Feinplanung zur Zielstruktur 2031 nachgegangen wird.

Der SanDstBw konnte in den vergangenen Jahren wiederholt sein breites Leistungsspektrum äußerst professionell unter Beweis stellen. Routiniert eingebunden in Internationale Krisenmanagement Einsätze, dabei aber auch mitten in der Ausplanung der Refokussierung auf Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV), überschlugen sich die Ereignisse infolge der Coronapandemie. Neben der logistischen ­Unterstützung durch Einkauf, Lagerung und Distribution von Impfstoffen und Schutzausstattungen war der SanDstBw, wie landesweit alle Arztpraxen und Kliniken, enorm durch das erhöhte Patientenaufkommen und ergänzte Schutzbestimmungen belastet. Oft erprobte, nationale und ressortübergreifende Zusammenarbeit wurde intensiviert und neue Verfahren (z. B. die deutschlandweite Patientenverteilung im Kleeblattprinzip) etabliert. 

Am 24.02.2022 hat der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine den Zeitdruck der Anpassungen in der Bundeswehr noch einmal erhöht. Die Bundesregierung hat eine „Zeitenwende“ in der Außen- und Sicherheitspolitik angekündigt und ermöglichte ein 100 Mrd. Euro Sondervermögen für die Bundeswehr, um Fähigkeitslücken zu schließen und die Einsatzbereitschaft zu erhöhen. Auch der Sanitätsdienst konnte hierin einige Projekte platzieren und damit wichtige Schritte in die richtige Richtung gehen. Mit dem Ziel des Generalinspekteurs der Bundeswehr, kohäsive und kaltstartfähige Großverbände aufzustellen um die Planungsziele der NATO aus der Grundorganisation zu erfüllen, gilt es insbesondere auch für die Unterstützungskräfte (Enabler) ebenfalls Anpassungen vorzunehmen. Das Bundesministerium der Verteidigung hat nach der Stärkung der Streitkräftebasis mit zusätzlichen Dienstposten auch der vorgeschlagenen Optimierung des Sanitätsdienstes zugestimmt. Mit zunächst 2 000 zusätzlich bewilligten Dienstposten sollen im Schwerpunkt die Bereiche des SanDstBw verstärkt werden, die eine Versorgung der Kräfte des NATO Force Model (NFM) sicherstellen. In diesem Kräftedispositiv gilt es zunächst ab 2025 eine mechanisierte Division sanitätsdienstlich zu versorgen. 

Im Kontext dieser Ereignisse beauftragte der Chef des Stabes des Kommandos Sanitätsdienst der Bundeswehr (Kdo SanDstBw), Generalstabsarzt Dr. Weller, die kommandoübergreifende Arbeitsgruppe FPBw damit, eine Workshopserie mit dem Titel „Weiterentwicklung der konzeptionellen Grundvorstellungen SanDstBw“ durchzuführen. Ziel war es, Expertiseträger aus allen Bereichen der Bundeswehr zusammenzubringen, um zum einen die Planungsgrundlagen des SanDstBw an den aktuellen Herausforderungen zu überprüfen und zum anderen die Weichen für den SanDstBw auf dem Weg zum „Zielbild SanDstBw 2031+“ zu stellen. In drei aufeinander aufbauenden Workshops befassten sich unter dem Vorsitz des Leiters der Abteilung A des Kdo SanDstBw, Generalarzt Dr. Backus, über 100 VertreterInnen aus allen Bereichen der Bundeswehr in sieben Arbeitsgruppen mit den oben genannten Themen. 

Teilnehmende waren neben allen Abteilungen des Kdo SanDstBw, die Sanitätsakademie der Bundeswehr, die Fähigkeitskommandos Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung und Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung, die Bundeswehrkrankenhäuser (BwKrhs), die sanitätsdienstlichen Vertreter der Organisationsbereiche, das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr, das Logistikkommando der Bundeswehr, die Führungsakademie der Bundeswehr und das Amt für Heeresentwicklung.

Die Untersuchungsergebnisse wurden als Handlungsempfehlungen zur Optimierung abgestimmt und stellen nun die Basis für die Weiterentwicklung des SanDstBw dar. Einerseits leiten sich daraus umfangreiche Aufgaben zur Forschung und Entwicklung ab, andererseits wurden aber auch viele der in der Workshopserie von 2019 erarbeiteten Grundsätze bestätigt. Eine Veröffentlichung der Ergebnisse in einem Band, aber auch in dieser Artikelserie in der Zeitschrift „Wehrmedizin und Wehrpharmazie“, soll eine breite Ergebnissicherung leisten. 

Die Themen fallen vielseitig aus. In dieser Ausgabe wird zunächst zum Thema Patiententransport und Patientenversorgung in den Dimensionen berichtet. Der taktische und der strategische Patiententransport genauso wie die Patientenversorgung müssen den Besonderheiten der Dimensionen Land, Luft und See in einem LV/BV Szenario gerecht werden. Bisherige Ableitungsrationale und Planungsannahmen wurden überprüft und in ihrem uneingeschränkten Bestand bestätigt. Gerade mit Blick in die Ukraine wurde deutlich, dass land-, luft- und seegestützte Patientengroßraumtransporter notwendig sind. Außerdem ist ein digitales Patiententracking System für die Steuerung einer großen Patientenanzahl erforderlich. Die bereits laufenden nationalen und multinationalen Projekte gilt es, verstärkt zu verfolgen.

In einem folgenden Quartalsheft steht die Drehscheibe Deutschland im Fokus – Deutschland in der Gesamtverteidigung und Kräfteplanung NFM mit notwendigen strukturellen Anpassungen zur Steigerung der Kaltstartfähigkeit. Im Rahmen der Gesamtverteidigung wird eine enge Zusammenarbeit verschiedenster ressortübergreifender aber auch multinationaler Akteure erforderlich sein. Das neu aufgestellte Territoriale Führungskommando der Bundeswehr wird hier eine entscheidende Rolle spielen und es gilt, gemeinsam die Schnittstellen zu identifizieren, damit der SanDstBw als dimensionsübergreifender Leistungserbringer wirken kann. Ein zukünftiges Gesundheitssicherstellungs- und Vorsorgegesetz soll die Grundlage für die notwendige und wirkungsvolle Zivil-Militärische Zusammenarbeit sein. Zur Sicherstellung der sanitätsdienstlichen Unterstützung der deutschen Kräfte des NFM gilt es, neben der Optimierung der persönlichen Einsatzbereitschaft und der Erhöhung der materiellen Ausstattung, die Einnahme einer kohäsiven Struktur weiter zu verfolgen, um die national geforderten gestaffelten Zeitlinien einzuhalten. 

Voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte werden Artikel zu den logistischen Systemen im SanDstBw und dem Fachkompetenzzentrum IT SanDstBw veröffentlicht. Wesentlicher Träger der ­Einsatzlogistik des Zentralen Sanitätsdienstes ist der Unterstützungspunkt Sanitätsdienst. Dieser stellt die materielle Ein­satz­bereitschaft und logistische Versorgung eines Sanitätsbataillons sicher. Noch handelt es sich dabei um ein laufendes Rüstungsprojekt, das schnellstmöglich realisiert werden muss. Zur Sicherstellung der Betriebsführung der Vielzahl neuer IT-Services, bei steigender Nutzerzahl und zunehmender Komplexität der Systeme, soll im kommenden Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr ein Arbeitsschwerpunkt eingerichtet werden.

Zum Ende des Jahres ist ein Einblick in die Weiterentwicklung des stationären Versorgungsbereiches der BwKrhs geplant. Zu diesem Thema werden die Ergebnisse der Workshops in diesen Monaten mit einer weiteren Arbeitsgruppe vertieft. Einsatzabgeleitet gilt es, durch eine zukunftsorientierte belastbare Aufstellung der BwKrhs die Auftragserfüllung auch in der LV/BV sicherstellen zu können. Die einzelnen BwKrhs müssen unter Berücksichtigung der Entwicklungen und Vorgaben im zivilen Gesundheitssystem und mit Blick auf das jeweilige regionale Potential durch Kooperationen so weiterentwickelt werden, dass der Auftrag der Ebene 4 Versorgung bestmöglich sichergestellt wird.

Auch wenn durch den Krieg in der Ukraine, das Sondervermögen der Bundeswehr und das NFM viel Bewegung in die angesprochenen Themenfelder gekommen ist, ist erkennbar, dass die bisherige Streitkräfteplanung des SanDstBw auf einem soliden Fundament ruht und dabei die notwendige Flexibilität und Adaptionsfähigkeit hat, um auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren zu können. 

Eine bereits erstellte, eine sich in der Entwicklung befindliche und eine weitere geplante Simulationsumgebung werden uns die Möglichkeit geben, diese Überlegungen laufend zu hinterfragen und anzupassen. 


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