Weiße Rose“: Ethik des Widerstands –gestern und heute.
Bericht: V. Hartmann

Weiße Rose“: Ethik des Widerstands –gestern und heute.

Ein Symposium in München

75 Jahre Gedenken an den militärischen Widerstand des 20. Juli 1944, aber auch genauso 75 Jahre Gedenken an die vielen unterschiedlichen Widerstandsgruppen und -formen gegen das verbrecherische NS-System. In diesem zeitlichen und inhaltlichen Kontext widmete sich eine hochkarätige Veranstaltung am 15. Juli 2019 in München an zwei Veranstaltungsorten Fragen wie „Was können wir von den Protagonisten des zivilen und militärischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus für die Gegenwart lernen? Was davon ist essenziell für unsere Haltung und für den Schutz unserer demokratischen Grundordnung? Wie kann uns der Widerstand von damals heute motivieren, alarmierenden Entwicklungen weltweit – wie den wachsenden Nationalismen, ja Egoismen – etwas entgegenzusetzen?“

PhotoDer Katholische Militärbischof Dr. Overbeck bei seiner Rede. Foto Julia Langer SanAkBw Das Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften (zebis) aus Hamburg hatte hierfür verschiedene Kooperationspartner in der bayerischen Landeshauptstadt gewonnen, wie die Hochschule für Philosophie, die Ludwig-Maximilians-Universität, die Sanitätsakademie der Bundeswehr und die Katholische Militärseelsorge. Als prominenten Gast konnte die Direktorin des zebis, Frau Dr. Veronika Bock, den Katholischen Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck für einen Vortrag zum Thema gewinnen.

Die Veranstaltung begann mit einem Gedenkakt im Lichthof des Hauptgebäudes der Ludwig-Maximilians-Universität genau an der Stelle, an der Sophie und Hans Scholl an jenem 18. Februar 1943 das 5. Flugblatt verteilten. Anschließend führte Frau Dr. ­Hildegard Kronawitter, die 1. Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung e. V., die Gäste durch die DenkStätte Weiße Rose am Lichthof, dem zentralen Erinnerungsort zur Geschichte des studentischen Widerstands der Weißen Rose. Dort bietet die neue Dauerausstellung einen umfassenden Blick auf die Geschichte der Weißen Rose und stellt ihren Widerstand in den Kontext von NS-Terrorherrschaft und verbrecherischem Krieg.

Im Anschluss begrüßte der Präsident der Hochschule für Philosophie, Prof. Dr. Johannes Wallacher, ca. 200 Gäste in der Großen Aula seiner bedeutenden Bildungseinrichtung. Darunter waren auch viele Soldatinnen und Soldaten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, an der Spitze der Stellvertreter des Inspekteurs des Sanitätsdienstes, Generalstabsarzt Dr. Stephan Schoeps. In ihrem Grußwort betonte die Kommandeurin der Sanitätsakademie der Bundeswehr, Frau Generalstabsarzt Dr. Gesine Krüger, das seit Jahren an der Akademie institutionalisierte Gedenken an die Mitglieder der Weißen Rose und ihr ethisches Selbstverständnis. Ihr Mut und ihr Opfer ist heute Verpflichtung auch für die Angehörigen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Im folgenden Festvortrag widmete sich Bischof Dr. Overbeck der Ethik des Widerstandes, erläuterte verschiedene Widerstandsformen und postulierte ein Recht zum Widerstand als Aufgebot zum Schutz von unveräußerlichen in der Verfassung garantierten Werten. 

Im Übrigen seien die notwendigen Stimmen des Gewissens mit ihrer ethischen Implikation nur durch eine lebenslange Pflicht zur Gewissensbildung zu erreichen. Auf der Basis dieses Vortrags schloss sich eine Podiumsdiskussion an, bei der unter Leitung von Prof. Wallacher neben dem Militärbischof sich weitere namhafte Wissenschaftler und Ethiker über den Begriff des Widerstands austauschten. Diskutiert wurde insbesondere die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Erinnerungskultur an die unterschiedlichen Widerstandsformen und vor allem auch die Frage, wie heute Bildungsprozesse gestaltet werden können, wie sich in unserer Zeit vor dem Hintergrund bedenklicher gesellschaftlicher Prozesse Bildung zum unbequemen Denken, zum möglichen Widerstand erreicht lässt.

Die Veranstaltung endete mit der Aufführung der Kammeroper „Weiße Rose“ von Udo Zimmermann. Die semikonzertante Version geht zurück auf eine szenische Produktion von Studierenden der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Sie zeigte unterlegt mit eindrucksvoller Musik Dialoge von Hans und Sophie Scholl mit ihren Gedanken, Hoffnungen, Ängsten, aber auch ihrer festen ethischen Grundhaltung im Angesicht des Todes.

Den facetten- und inhaltsreichen Tag fasste Bischof Dr. Overbecks eindrucksvolles Schlusswort zusammen: „Für das Nachdenken über den Widerstand gibt es kein Ende“.

Flottenarzt Dr. Volker Hartmann
SanAkBw München


Datum: 12.11.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 3/2019