60 Jahre Zahnmedizin in den Einsätzen
MarineeinsatzInnenaufnahme des ausziehbaren MSE-Doppelcontainers „Zahnmedizinische Behandlung“ (Abb.: Ch. Hemme)
Artikel: A. Müllerschön

60 Jahre Zahnmedizin in den Einsätzen

Aus dem Sanitätsunterstützungszentrum München (Leiter: Oberstarzt Dr. R. Süß) und dem Sanitätsversorgungszentrum Neubiberg (Leiter: Oberfeldarzt H. U. Will)

Einleitung

Die Teilnahme an weltweiten besonderen Auslandsverwendungen gehört mittlerweile zum militärischen Alltag der Bundeswehr. In Einklang mit der Leitlinie des Sanitätsdienstes, wonach ein Behandlungsergebnis im Einsatz qualitativ dem fachlichen Standard in Deutschland entsprechen muss, sind Sanitätssoldaten seit jeher in fast alle Einsatzkontingente eingebunden.

PhotoZahnärztliches und zahntechnisches Feldgerät aus dem Jahre 1962 (Abb.: SanAkBw) Vier Jahre nach Gründung der Bundeswehr nahmen erstmals deutsche Soldaten an einem humanitären Hilfskontingent für das marokkanische Agadir teil. Allerdings sollten noch weitere Jahre vergehen, bis 1976 ein Sanitätsoffizier Zahnarzt Angehöriger eines Hilfskontingentes war – von einer regulären zahnmedizinischen Versorgung im Einsatz konnte zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht gesprochen werden.

Im Folgenden soll die Geschichte der zahnärztlichen Betreuung in den verschiedensten internationalen Missionen dargestellt werden. Dies kann an dieser Stelle nicht vollumfänglich geschehen. Stattdessen wird die Kontur des Weges von der zahnmedizinischen Sicherstellung in Katastropheneinsätzen hin zur Einbindung des Fachbereichs Zahnmedizin in die sanitätsdienstliche Versorgung der modernen deutschen Einsatzarmee herausgearbeitet.

Der zahnärztliche Dienst in Auslandsmissionen während des Kalten Krieges

Als „Geburtsstunde“ der zahnmedizinischen Versorgung in Auslandseinsätzen ist ohne Zweifel das Jahr 1976 zu sehen. Im November dieses Jahres wurde die abgelegene türkische Region um Van von einem Erdbeben getroffen, was auf der Hochebene zu großen Zerstörungen und einer hohen Anzahl von Opfern führte. Nach dem Anlaufen der internationalen Hilfe verlegte die 2. Kompanie des in München stationierten gemischten Sanitätslehrbataillons 865, deren Hauptaufgabe in der sanitätsdienst­lichen Versorgung der Allied Command Europe Mobile Forces (Land) lag und die daher meist nur als „2./865 AMF (L)“ bezeichnet wurde, in das Katastrophengebiet und übernahm mit einem verstärkten Feldlazarett und mobilen Arzttrupps die Versorgung der Verletzten. Jürgen Macheleidt, der spätere Inspizient Zahnmedizin und zum damaligen Zeitpunkt Leiter der Zahnstation 627 in Murnau, wurde der Kompanie zukommandiert, um mit einem Behandlungsteam die zahnärztliche Versorgung sicherzustellen. Zur Verfügung stand das ab 1961 in die Bundeswehr eingeführte und von der Firma Huber hergestellte zahnärztliche Feldgerät.

PhotoMobiles Behandlungsgeräte „Trans Care“ der Firma Satelec (Abb.: J. Ströker) Mit den ersten vier Kästen des Feldgerätesatzes waren alle zahnärztlichen Therapieoptionen unter Feldbedingungen durchführbar. Neben einer elektrisch oder per Fußbetrieb angetriebenen Bohrmaschine sowie dem Feldbehandlungsstuhl, mit dem allerdings eine Patientenbehandlung nur in aufrechter Position möglich war, standen den Sanitätsoffizieren Zahnarzt auf Übungen oder in Einsätzen weitere Apparate und Instrumente zur Verfügung. Dazu zählten beispielsweise ein zerlegbares Röntgengerät (Kasten 6), dentale Laborgeräte und -materialien zur Verarbeitung von Kunststoffen und Metallen (Kästen 7 bis 9) sowie Materialien und Gerätschaften zur Versorgung von Kieferbrüchen oder anderen Kieferverletzungen (Kasten 10).

Lag die Hauptaufgabe des Zahnarztes im Türkeikontingent noch überwiegend in der Versorgung von zivilen Patienten, änderte sich dies während des Einsatzes im Rahmen der süditalienischen Erdbebenhilfe 1980/81. Erstmals gehörte eine zahnärztliche Behandlungseinheit zur Versorgung der Brannenburger Gebirgspioniere zum „Ospedale da campo tedesco“, wie das deutsche Feldlazarett in Calabritto genannt wurde.

Neben den hier beispielhaft erwähnten landgestützten Missionen übernahmen deutsche Marinezahnärzte über viele Jahre die Betreuung der Angehörigen verschiedener NATO-Einsatzflotten. Dazu zählten unter anderem die ständige NATO-Einsatzflotte Atlantik (STANAVFORLANT) und die 1988 zur Unterstützung der NATO-Seestreitkräfte gebildete „German Task Group 500.1“ als Teil der NAVOCFORMED (Naval On Call Force Mediterranean). Die Behandlung erfolgte mit den sogenannten Bordzahnstationen, zu deren bekanntesten Vertretern die in einem Koffer verstauten mobilen Behandlungsgeräte „Trans Care“ der Firma Satelec und der fahrbare „Siroboy“ von Siemens gehörten.

Die zahnärztliche Versorgung deutscher Auslandskontingente nach Ende des Kalten Krieges

PhotoInnenaufnahme des ausziehbaren MSE-Doppelcontainers „Zahnmedizinische Behandlung“ (Abb.: Ch. Hemme) Anfang der 1990er Jahre veränderte sich das Aufgabenspektrum der Bundeswehr deutlich. Im Jahre 1992 beschloss die Bundesregierung, dass die Bundeswehr nicht mehr nur „Deutschland und seine Staatsbürger gegen politische Erpressung und äußere Gefahr“ schützt, sondern „dem Weltfrieden und der internationalen Sicherheit im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen“ dient.

Als erster Verband konnte das Flugabwehrraketengeschwader 36 mit einer deutschen Zahnstation während des zweiten Golfkrieges 1991 echte „Einsatzerfahrungen“ sammeln. Die Ausrüstung des deutschen Zahnarztes, der für die Versorgung des gesamten internationalen Kontingentes zuständig war, bestand aus mehreren Kästen des zahnärztlichen Feldgerätes und einer extra für den Einsatz beschafften Bohrmaschine „elco S“. Ergänzt wurde die Ausstattung durch Bestandteile des Satzes „Truppenverbandplatz“, wie beispielsweise eine Operationsleuchte und einer fußbetriebenen Absaugpumpe.

Die neuen Einsatzszenarien des Sanitätsdienstes führten auch zu Veränderungen und Anpassungen des nicht mehr zeitgemäßen zahnmedizinischen (Feld-)Sanitätsmaterials. Letztmalig wurde während der Erdbeben- und Kurdenhilfe im Iran 1991 ausschließlich auf das zahnärztliche Feldgerät der 1960er Jahre zurückgegriffen. Im Zuge der Beteiligung von insgesamt mehr als 400 Sanitätssoldaten am UN-Einsatz in Kambodscha (UNTAC = United Nations Transitional Authority in Cambodia) von 1992 bis 1993 kam erstmals ein zusätzlicher „Bushranger“-Behandlungsstuhl zum Einsatz, durch dessen Hydraulik ein ergonomischerer Behandlungsablauf möglich war. Entgegen der bis zu diesem Zeitpinkt üblichen Unterbringung in Zelten erfolgte die Einrichtung einer ortsfesten Zahnstation im Field Hospital in Phnom Penh. Ziemlich schnell zeigte sich, dass die zum zahnärztlichen Feldgerät gehörende Bohrmaschine einem Dauereinsatz nicht gewachsen war, was zum Austausch durch die tragbare dänische Behandlungseinheit der Firma Lystadent und die zusätzliche Ausstattung mit einem Behandlungsgerät „Trans Care“ führte.

Um den klimatischen Bedingungen bei weltweiten Missionen besser gerecht zu werden und gleichzeitig über Sanitätseinrichtungen nach dem „Baukastenprinzip“ für verschiedenste Einsatzoptionen zu verfügen, begannen bereits Anfang der 1990er Jahre Planungen und Konzeptentwicklungen für modulare Container. Noch bevor 1995 die offiziellen Erprobungen begannen, konnten 1993 während des deutschen Blauhelmeinsatzes UNOSOM II (United Nations Operation in Somalia II) erste Erfahrungen bei der Behandlung in derartigen modularen Komponenten gesammelt werden. Für das in Belet-Uen zu errichtende Feldlazarett beschaffte die Bundeswehr vollklimatisierte US-amerikanische Container – die sogenannten US-MASH (Mobile Army Surgical Hospital). Die während des Einsatzes gewonnenen Erfahrungen mündeten letztlich in die Entwicklung der heutigen Modularen Sanitätseinrichtungen (MSE). Nach positiv verlaufenen Truppenversuchen beschaffte die Bundeswehr zahnärztliche Container mit zwei unterschiedlichen ­Konfigurationen: den ausziehbaren Doppelcontainer „zahnmedizinische Behandlung“ und den Einfachcontainer „Zahntechnik – Röntgen“. Erstmals konnten sie als Teil der sanitätsdienstlichen Versorgung der KFOR (Kosovo Force) ab 1999 eingesetzt werden. Im Behandlungscontainer sind neben allen zahnärztlichen Therapieoptionen auch oralchirurgische Eingriffe möglich. Die notwendige Instrumentenaufbereitung erfolgt in der Hygienezeile des Röntgencontainers. 

Dental Fitness

Betrachtet man die Geschichte der zahnmedizinischen Versorgung in den Einsätzen, darf auch die Dental Fitness Classification (DFC) nicht unerwähnt bleiben. Diese internationale NATO-Vereinbarung, offiziell als „NATO Standardisation Agreement (STANAG) 2466 – Dental Fitness Standards for Military Personell and a dental fitness classification system“ bezeichnet, ratifizierte die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2008 und implementierte sie in die Bundeswehr. Damit soll gewährleistet werden, dass Angehörige der Streitkräfte rechtzeitig vor Beginn eines Einsatzes ihren zuständigen Truppenzahnarzt aufsuchen und entsprechend den Vorgaben begutachtet werden. Ziel ist sicherzustellen, „dass die Soldaten für die Ausübung aller militärischen Aufgaben unter Ausschluss zahnmedizinischer Ursachen unverzüglich und uneingeschränkt tauglich sind.“ Entscheidend dabei ist der prognostische Ausschluss eines möglichen „zahnmedizinischen Notfalls“ in den nächsten zwölf Monaten.

Aus militärzahnmedizinischer Sicht ist die STANAG 2466 als wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Einsatzarmee anzusehen. Erstmals stand nicht mehr die komplette Sanierung des Kausystems im Vordergrund, sondern vorausschauend die Befundung und die Durchführung notwendiger Therapiemaßnahmen, damit Soldaten innerhalb der nächsten zwölf Monate uneingeschränkt Auslands- und Tropendienstverwendungsfähig waren.

Der weltweite Kampf gegen den Terror

Der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 und der daraus resultierende Kampf gegen den internationalen Terrorismus stellte für den Fachbereich Zahnmedizin der Bundeswehr erneut eine Zäsur dar. Stand bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend die Versorgung von Angehörigen der Stabilisierungs- und humanitären Missionen im Vordergrund, begann im Jahre 2002 in Afghanistan der erste Kampfeinsatz für deutsche Streitkräfte nach Ende des Zweiten Weltkrieges, was zu veränderten Verletzungsmustern und damit einhergehenden notwendigen Therapiemaßnahmen durch Sanitätsoffiziere Zahnarzt führte.

Das deutsche Kontingent ISAF (International Security Assistance Force) wurde zunächst im Feldlazarett Camp Warehouse in Kabul durch Oralchirurgen und Zahnärzte in MSE-Containern zahnmedizinisch versorgt. Nach Schließung des Feldlagers in Kabul errichtete die Bundeswehr in Mazar-i Scharif (Camp Marmal) ab 2007 ein Feldlazarett in gehärteten Fertigbauten. Die im Jahre 2013 aus acht Räumen bestehende zahnärztlich-oralchirurgische Fachuntersuchungsstelle galt als eine der größten Abteilungen im Camp Marmal.

Neben diesen landgestützten Einsätzen müssen die Deutschen Einsatzkontingente der Marine erwähnt werden. Während im Rahmen der Operation Enduring Freedom (OEF) am Horn von Afrika und des UNIFIL-Einsatzes vor der libanesischen Küste die zahnmedizinische Versorgung überwiegend im Marineeinsatz­rettungszentrum (MERZ) eines Einsatzgruppenversorgers (EGV) erfolgte, waren Zahnärzte als Angehörige der Operation ­ATALANTA fast ausschließlich auf Fregatten eingesetzt. Dabei konnten sie auf die neue Bordzahnstation „Amadeus 1017“ von KaVo zurückgreifen.

Zusammenfassung

Der Fachbereich Zahnmedizin hat sich innerhalb der zurückliegenden Jahrzehnte zu einem wichtigen Element der sanitätsdienstlichen Versorgung in den Auslandseinsätzen entwickelt. Waren Sanitätsoffiziere Zahnarzt zunächst nur sporadisch im Rahmen internationaler Hilfseinsätze eingesetzt, gehörten sie ab der Teilnahme der Bundeswehr an der UNTAC-Mission zu festen und – gerade seit dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus und seinen veränderten Verletzungsmustern zusammen mit Oralchirurgen – unverzichtbaren Bestandteilen der deutschen Kontingente.

Parallel zu den gestiegenen Herausforderungen im Zusammenhang mit Auslandsverpflichtungen gegenüber der NATO hat sich das zahnmedizinische Sanitätsgerät weiterentwickelt. Mussten die Zahnärzte anfänglich noch mit dem zahnärztlichen Feldgerät, das für den Einsatz in Mitteleuropa konzipiert war, zurechtkommen, können sie heute auf hochmoderne MSE zurückgreifen. Darüber hinaus konnte in einigen Einsatzgebieten ortsfeste Infrastruktur errichtet werden, was nochmals eine deutliche Qualitätssteigerung der zahnärztlichen Versorgung mit sich brachte. Dessen ungeachtet liegt der Schwerpunkt des Fachbereiches Zahnmedizin für das Einsatzgeschehen in der Vorbereitung und zahnärztlichen Sanierung der Soldaten im Inland, um zahnärztliche Zwischenfälle im Einsatz weiterstgehend zu vermeiden. 

 

Anschrift des Verfassers:

Oberfeldarzt Dr. André Müllerschön
Sanitätsversorgungszentrum Neubiberg
Universität der Bundeswehr München
Werner-Heisenberg-Weg 39, 85579 Neubiberg
E-Mail: andremuellerschoen@bundeswehr.org 

Literatur beim Verfasser

Datum: 12.03.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2019