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Chamäleon oder Meerechse?

Taktische Verwundetenversorgung Marine

Nächtliches Feuergefecht, Gefährdung durch den Gebrauch von Taschenlampen, kaum verfügbare Nachtsichtgeräte, so beschreibt Captain (USN) Frank Butler in seinem Artikel „Tactical Combat Casualty Care in Special Operations“ das taktische Umfeld, in dem Ersthelfer und auch Sanitätspersonal ihre Aufgabe erfüllen müssen.

Nächtliches Feuergefecht, Gefährdung durch den Gebrauch von Taschenlampen, kaum verfügbare Nachtsichtgeräte, so beschreibt Captain (USN) Frank Butler in seinem Artikel „Tactical Combat Casualty Care in Special Operations“ das taktische Umfeld, in dem Ersthelfer und auch Sanitätspersonal ihre Aufgabe erfüllen müssen. Auf Grund der Erfahrungen insbesondere bei Operationen in Somalia wurde die Basis eines Systems der Verwundetenversorgung entwickelt, das die bis zu diesem Zeitpunkt auf individualmedizinischen rettungsmedizinischen Prinzipien beruhende sanitätsdienstliche Versorgung nicht nur der amerikanischen Spezialkräfte erweiterte und ergänzte. PhotoAbb. 1: Rauchentwicklung nach einem Treffer.

Die Auswertung der Erfahrungen aus dem Irak und aus Afghanistan zeigte, dass es deutliche Unterschiede zwischen einer zivilen Notfallversorgung und der militärischen Versorgung im Gefecht gab. Auf dem Gefechtsfeld beeinflussen zahlreiche Faktoren, die Versorgung von Verwundeten. Dazu gehören Temperatur, Wetter, Sichtverhältnisse, verzögerte Evakuierungszeiten, die Verfügbarkeit von sanitätsdienstlich qualifiziertem Personal und natürlich die Feindeinwirkung. Die Grundsätze des Tactical Combat Casualty Care (TCCC) wurden kontinuierlich weiterentwickelt. Zurzeit verfügbar sind die TCCC Guidelines des Committee on TCCC (CoTCCC), einer Arbeitsgruppe im US-Verteidigungsministerium, mit Stand Oktober 2013, und die darauf basierenden Leitlinien der Tactical Rescue & Emergency Medicine Association (TREMA) e. V. mit Stand November 2013.

TCCC unterscheidet drei Phasen. Die erste Phase wird mit „Care Under Fire“ bezeichnet und umfasst die Erstversorgung unter feindlichem Feuer, im Bereich direkter Gefahr oder am Anschlagsort. Diese Phase ist charakterisiert durch die Minimierung weiterer Risiken durch die Fortsetzung des Feuerkampfes, Stoppen lebensbedrohlicher Blutungen durch das Anlegen eines oder mehrerer Tourniquets, Rettung des Verwundeten unter Beachtung des Eigenschutzes. Faktoren, die das Vorgehen in dieser Phase bestimmen, sind die taktische Lage, Gelände, Tageszeit, Wetter und Klima.

PhotoAbb. 2: Einsatz von Hilfsmitteln. Die zweite Phase, „Tactical Field Care“, fokussiert auf die Erstversorgung des Verwundeten in relativ sicherem Umfeld. Hier finden die Erstmaßnahmen nach dem Schema ABCDE, abhängig von der jeweiligen Gefährdungslage, ihren Platz. Dies sind

  • die Versorgung der lebenbedrohlichen Blutung (Critical Bleeding, ) soweit noch nicht geschehen,
  • das Atemwegsmanagement (Airway, A),
  • Überprüfung der Atmung und des Thorax (Breathing, B) und die Versorgung die Atmung gefährdender Verletzungen,
  • Stabilisierung des Kreislaufs (Circulation, C) durch Versorgung weiterer Blutungen, Kontrolle von Puls und Blutdruck und Etablierung eines venösen oder intraossären Zugangs,
  • Prüfung des Bewusstseins, Schmerzbekämpfung (Disability, D),
  • weitere Untersuchung, Wärmeerhalt, Überwachung (Exposure, E).

Die einzelnen Maßnahmen folgen drillmäßig vermittelten Algorhithmen. Das dafür notwendige Sanitätsmaterial wird entweder der persönlichen Sanitätsausstattung oder den zusätzlich vohandenen Sätzen entnommen.

In der dritten Phase, „Tactical Evacuation Care“, geht es um die Überwachung des Verwundeten während des Transports, die Dokumentation und die Übergabe an die nächste Versorgungseinrichtung oder -ebene, in der Regel den Verbandplatz.  PhotoAbb. 3: Transport an Bord.

Versuchen wir nun die Beantwortung der Frage aus dem Titel. Ist die Taktische Verwundetenversorgung Marine (TVVM) mit einem Chamäleon zu vergleichen, einem ganz dem Land verhafteten Konzept, das nur seine Farbe anpasst und nun blau-grau erscheint, oder eher mit einer Meerechse, ebenfalls ein Reptil aus der Unterordnung der Leguanartigen, das sich auf ein Leben am, im und vom maritimen Umfeld spezialisiert hat?

Ist ein Modell wie TCCC oder, streitkräftegemeinsam eingeführt, die taktische Verwundetenversorgung also für die Marine überhaupt relevant? Dass diese Ideen und Verfahren für etwa das Seebataillon und das Kommando Spezialkräfte Marine sinnvoll sind, liegt auf der Hand. In entsprechenden Situationen wie etwa bei der Sicherung eines Hafens oder bei einem opposed boarding unterscheiden sich die Rahmenbedingungen im Falle eines Falles nur marginal von denen, die bei Spezial- und Landstreitkräften zur Entwicklung dieses Modells geführt haben. An Bord von Kriegsschiffen scheint der Nutzen allerdings nicht so offensichtlich zu sein.

Bei der Übertragung der Prinzipien der taktischen Verwundetenversorgung auf die Situation an Bord seegehender Einheiten ist es sinnvoll, die einzelnen Phasen des Konzepts hinsichtlich ihrer bestimmenden Faktoren und der sich daraus ergebenen Folgerungen zu untersuchen.

Grundsätzlich gilt, dass die Einheiten größer, die Besatzungen kleiner werden. Das Sanitätspersonal kann sinnvoll nur im Bereich des oder der Verbandplätze wirken. Das System der Verwundetenversorgung an Bord stützt sich in hohem Maße auf Nicht-Sanitätspersonal ab. Hierbei kann es sich um Soldaten mit einer Basisausbildung handeln oder um sanitätsdienstlich besser qualifiziertes Personal. Seit 2011 hat sich die Qualifikation der Ersthelfer in der Bundeswehr mit der Einführung der Einsatzersthelfer A (jeder Soldat), der weiter fortgebildeten Einsatzersthelfer B und, in den Spezialkräften, der Combat First Responder (CFR) deutlich verbessert. In der Marine ist noch durch das Flottenkommando festgelegt worden, dass an Stelle der „Helfer im Sanitätsdienst“ früherer Zeiten der weitaus höher qualifizierte Einsatzersthelfer B tritt und auf seegehenden Einheiten neben den Einsatzersthelfern A 4 bis 12 Einsatzersthelfer B für die Erstversorgung zur Verfügung stehen.

„BANGA, BANGA, BANGA; FK Splitterwirkung an Steuerbord; Raum- und Bilgenkontrolle durchführen; BANGA, BANGA, BANGA“

Die bestimmenden Faktoren in einer solchen Situation sind deutlich anders als in Landoperationen oder bei Operationen von Spezialkräften. Die taktische Rahmenlage an Bord wird durch das „command aim“ und die daraus abgeleiteten „command priorities“ vorgegeben. An diesem Gesamtauftrag der Einheit orientieren sich alle Maßnahmen und Vorgehensweisen. Dies betrifft sowohl die Weiterführung des Gefechtes nach außen (äußeres Gefecht“), als auch die Schadensabwehr („inneres Gefecht“), die auf die Sicherung der Einsatzfähigkeit der Einheit und die Beseitigung von Schäden zielt. In dieser Situation ordnet sich die Verwundetenversorgung in ein Gesamtkonzept ein. Zunächst besteht eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, dass nur wenige Ersthelfer überhaupt zur Verfügung stehen. Abgesehen von wenigen Gefechtsstationen wie etwa der OPZ befindet sich nur eine kleine Anzahl von Soldaten auf den einzelnen Stationen. Eine Sichtverbindung gibt es in der Regel nicht.
Das Risiko für den Verwundeten und den oder die Helfer ist geringer. Es ist keine „persönliche“ Gefährdung durch den Gegner, wie sie für das Gefechtsfeld typisch ist, sondern eine eher unpersönliche, die durch weitere Waffenwirkung gegen die Einheit, mehr noch durch die Folgen des ursächlichen Treffers wie Feuer, Rauch, Wassereinbruch verursachte Gefährdung. Diese sekundäre Gefährdung ist meistens lokalisiert.
Darüber hinaus ist überwiegend mit schlechten Sichtverhältnissen durch den Ausfall der Beleuchtung oder Rauchentwicklung zu rechnen (Abbildung 1).

Hinzu kommt die räumliche Enge. Der Einsatz von Hilfsmitteln wie Helm- oder Taschenlampen ist jedoch in aller Regel gefahrlos möglich (Abbildung 2).

Für die Phase „Care Under Fire“ bedeuten diese Faktoren zunächst, dass eine Versorgung grundsätzlich umgehend einsetzen kann, sobald erforderliche Brandbekämpfungsmaßnahmen o. ä. dies zulassen. Auf Grund der Verteilung der Besatzung und der erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen etwa bei der Öffnung von Schotten ist es allerdings möglich, dass der Verwundete und ggf. der Ersthelfer längere Zeit ohne weitere Unterstützung bleiben müssen. Die Priorisierung der Maßnahmen des äußeren und inneren Gefechtes auf Grund der Lagefeststellung legt auch den Zeitpunkt der weiteren Versorgung der Verwundeten und damit den Übergang zur Phase „Tactical Field Care“ fest.

Wenn auch die notfallmedizinischen Maßnahmen an Land und auf See sich in dieser Phase nicht unterscheiden, sind die taktischen Rahmenbedingungen nicht vergleichbar. Im Gegensatz zu Situationen an Land, wo jetzt in einer Phase der „relativen Ruhe“ die Verwundetenversorgung vorrangig stattfinden kann, muss sich ist die Sorge um die Verwundeten nur ein Punkt unter anderen. Jeder Soldat an Bord besetzt im Gefecht eine genau zugewiesene Funktion, die abhängig von der Situation weitergeführt werden muss, um den Verlust der Einheit zu vermeiden. In dieser Phase des Gefechtes an Bord ist eine über die initiale Behandlung hinausgehende Verwundetenversorgung aus personeller Sicht nur äußerst eingeschränkt sicherzustellen. Zurzeit wird untersucht, ob ein „Spezialisierter Trupp Verwudetenversorgung“, bestehend aus einem Ersthelfer B und einem Ersthelfer A, die Versorgung schneller und fachlich besser durchführen und zu einem besseren Sanitätslagebild beitragen kann. Bis zur Umsetzung dieses Konzeptes ist eine qualitativ gleichwertige Durchführung von „Tactical Field Care“ schwierig.

Sobald Personal aus den anderen Schadensabwehrbereichen in ausreichender Anzahl für einen Transport zur Verfügung steht, kann die Phase „Tactical Evacuation Care“ folgen. Der Abtransport zur sanitätsdienstlichen Versorgung auf dem Verbandplatz erfordert in der Regel sechs Soldaten und führt durch enge Gänge und steile Niedergänge hinauf oder herab (Abbildung 3).

Eine kontinuierliche Überwachung ist, insbesondere auf Grund der räumlichen Verhältnisse, nur schwer möglich und führt zu regelmäßigen Transportunterbrechungen. Der Weg kann sich durch Sperrungen von Räumen und Verkehrswegen wegen Rauch oder Wassereinbruch erheblich verlängern oder für gewisse Zeit unmöglich sein. Die Situation ist vergleichbar mit den Bedingungen bei Operationen in urbanem Gelände, nur gibt es kein „draußen“. Die erste Versorgung durch Sanitätspersonal ist dann erst auf dem oder den Verbandplätzen möglich.

Bei aller Verwandtschaft ist zu konstatieren, dass eine Kreuzung der Taktischen Verwundetenversorgung Land und der Taktischen Verwundetenversorgung Marine wohl nicht möglich ist Zu verschieden sind die Lebensräume des Chamäleons und der Meerechse, zu verschieden sind die Anforderungen, die das jeweilige Umfeld stellt.

Die Marine hat 2013 erstmals einen Lehrgang „Taktische Verwundetenversorgung Marine (TVVM)“ am Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine als Pilotlehrgang durchgeführt. 2014 findet der erste Lehrgang für Rettungsmediziner und Rettungsassistenten statt, der 2015 durch einen Lehrgang für Sanitätsunteroffiziere und -mannschaften sowie Einsatzersthelfer B ergänzt wird. Die Absolventen dieser jährlich stattfindenden Lehrgänge, die auch Teil der Ausbildung zum Schiffsarzt und Schifffahrtmedizinischen Assistenten sind, sollen befähigt werden, zukünftig als Multiplikatoren an Bord und in den entstehenden Einsatzausbildungszentren die Ausbildung der Besatzungen zu übernehmen. Ziel ist es, dass jeder Soldat an Bord in der Lage ist, die lebensrettenden Sofortmaßnahmen der Selbst- und Kameradenhilfe entsprechend der jeweiligen persönlichen Ausbildungshöhe auch unter Stress und ungünstigen Bedingungen sicher durchzuführen und damit sich und den Kameraden Leben und, soweit möglich, Gesundheit bewahren kann.

Datum: 12.11.2015

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2015/3