Artikel

GESUNDHEITS- UND FITNESSFÖRDERUNG IN DER BUNDESWEHR: VON ­RESSOURCENORIENTIERTER PRÄVENTIONSFORSCHUNG ZUR UMSETZUNG IN DIE FLÄCHE

Promotion of health and physical fitness in the Bundeswehr: From resource ­oriented prevention research to implementation in the Armed Forces

Aus der Laborabteilung IV - Wehrmedizinische Ergonomie und Leistungsphysiologie -¹ (Leiter: Oberstarzt Prof. Dr. Dr. D. Leyk) am Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr Koblenz, der Forschungsgruppe Leistungsepidemiologie² (Leiter: Prof. Dr. Dr. D. Eßfeld und Oberst­arzt Prof. Dr. Dr. D. Leyk) an der Deutschen Sporthochschule Köln, der Sanitätsakademie der Bundeswehr München³ (Kommandeurin: Generalarzt Dr. E. Franke, Stellv. Kommandeur: Generalarzt Dr. N. Weller), dem Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr Köln⁴ (Vizepräsident: Generalmajor M. Hofmann, Abteilungsleiter IV: Brigadegeneral G. Klein), dem ­Department für Sportwissenschaft⁵ (Leiter: Prof. Dr. D. Hackfort) an der Universität der Bundeswehr München, der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention e. V. ⁶ (Ehrenpräsident: Prof. Dr. H. Löllgen) und dem Institut und Poliklinik für Arbeitsmedizin, Umwelt­medizin und Präventionsforschung⁷ (Emeritus: Prof. Dr. C. Piekarski) der Universität zu Köln

Dieter Leyk¹,², Erika Franke³, Manfred Hofmann⁴, Georg Klein⁴, Norbert Weller³, Dieter Hackfort⁵, Herbert Löllgen⁶ und Claus Piekarski⁷

WMM; 57. Jahrgang (Ausgabe 7/2013; S. 162-166)

Zusammenfassung

Die NATO-Streitkräfte sind dauerhaft in weltweiten Konfliktgebieten im Einsatz. Hohe Belastbarkeit, Durchhaltevermögen und Leistungsfähigkeit der Soldaten sind entscheidend für die erfolgreiche Auftragserfüllung. Gleichzeitig werden die Streitkräfte zunehmend von gravierenden Folgen weitverbreiteter und immer früher etablierter ungesunder Lebensgewohnheiten getroffen. Längsschnittuntersuchungen zur körperlichen Leistungsfähigkeit von Soldaten belegen, dass es sich hier um einen seit langem laufenden Trend in unserer Gesellschaft handelt.

Auch die Bundeswehr ist als moderne Einsatzarmee auf die effektive Verbesserung der Leis­tungs- und Gesundheitsressourcen angewiesen. Handlungs- und Investitionsbedarf besteht besonders im Bereich Gesundheits- und Fitnessförderung: Trotz der im Vergleich zum zivilen Bereich weitaus besseren Voraussetzungen (Möglichkeit während des Dienstes Sport zu treiben, Infrastruktur mit Sportstätten, sanitätsdienstliche Versorgung), vorhandenen Erfahrungen (zum Beispiel Gesundheits- und Fitness-Initiativen) und Screening-Verfahren (Basis-Fitness-Test) sind die bisherigen Maßnahmen und Strukturen nicht ausreichend. Ohne den weiteren Ausbau einer ressourcen- und einsatzorientierten Präventionsforschung und einer professionellen, bis zur Truppe reichenden Wirkungskette lassen sich allenfalls vereinzelte, kurzfristige Erfolge erzielen.
Das im Rahmen der Strukturreform geplante Institut für Präventivmedizin bietet daher eine große strukturelle Chance zur Optimierung soldatischer Gesundheits- und Fitnessförderung in der Bundeswehr. Ziel ist es, bei möglichst vielen Soldatinnen und Soldaten ein Umdenken für eine gesunde und leistungsfördernde Lebensweise zu erreichen.
Schlagworte: Prävention, Gesundheit, soldatische Fitness, Einsatz, Präsentismus.

Summary
NATO forces are permanently deployed in worldwide theaters of operation. High levels of resilience, endurance, and performance in the individual soldier are critical prerequisites for mission success. At the same time, armed forces are more and more affected by the grave consequences of widespread and increasingly earlier establishment of unhealthy lifestyles. Longitudinal studies of physical performance of service personnel have shown this to be a long and continuous trend. The Bundeswehr as a modern mission-oriented army has to depend on the effective improvement of performance and health resources. Particularly the promotion of health and fitness requires action and investments: Existing measures and structures are insufficient, despite superior conditions compared to the civilian sector (ability to exercise on duty, infrastructure with sports facilities, access to medical services), preexisting experience (e.g. from health and fitness initiatives), and screening tools (Basis-Fitness-Test). Without development of resource and mission oriented prevention research and establishment of a professionally organized functional chain, any success will be insular and short-lived. In this context the planned Institute for Preven­tive Medicine presents a great opportunity to optimize military health and fitness promotion in the Bundeswehr. The goal is to convince as many soldiers as possible to develop a healthy and performance oriented lifestyle.
Keywords: health, presenteeism, military fitness, deployment, prevention.

Einführung
Die Bundesregierung hat 2008 mit der Initiative IN FORM einen nationalen Aktionsplan für gesunde Ernährung und mehr Bewegung in Deutschland gestartet, mit der bis 2020 eine nachhaltige Verbesserung des Bewegungs- und Ernährungsverhaltens erzielt werden soll (1, 2). Hintergrund für diese Maßnahmen sind die gravierenden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der weitverbreiteten und immer früher etablierten ungesunden Alltagsgewohnheiten. Die Zunahme der Technisierung und des Wohlstandes hat in den letzten Jahrzehnten zu einer tief greifenden und umfassenden Verhaltensänderung geführt (3 – 6). Die meisten Menschen bewegen sich nach dem Dauer-Sitzen im Beruf und im Verkehr auch in ihrer Freizeit kaum noch (zum Beispiel 7, 8). Gleichzeitig wird unverändert viel und fettreich gegessen, hinzu kommt der übermäßige Konsum von zuckerhaltigen Getränken (zum Beispiel Softdrinks, Limonade) und Alkohol (9, 10).

Auswirkungen gesundheitsbedingter ­Beeinträchtigungen auf Produktivität und Belastbarkeit von Erwerbstätigen
Sichtbare Folge von Bewegungsmangel und unausgewogener Ernährung ist die massenhafte Verbreitung von Übergewicht und gesundheitlichen Beeinträchtigungen in der Bevölkerung (zum Beispiel 11 – 14). Sind steigendes Körpergewicht und Leibesfülle zunächst nur störend, so führen die im Gefolge auftretenden internistischen, orthopädischen und onkologischen Erkrankungen zu beträchtlichen gesundheitlichen Beschwerden und Kosten. Im Jahre 2010 lagen die bundesdeutschen Gesundheitsausgaben mit 287 Milliarden Euro (15) bereits bei über 11 % des Brutto-Inlandproduktes.
Auch in Unternehmen und Politik setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Gesundheit nicht allein Voraussetzung für Wohlbefinden und Leistung ist, sondern ein zunehmend wichtiger werdender Wirtschaftsfaktor (16, 17). Dennoch wird weitgehend außer Acht gelassen, dass es schon lange vor der Manifestation chronischer Erkrankungen und krankheitsbedingter Fehlzeiten bei betroffenen Erwerbstätigen zu einer verminderten Belastbarkeit und deutlichen Leistungseinbußen, dem sogenannten „Präsentismus“, (17 – 21) kommt. Mittlerweile gilt es als gesichert, dass diese gesundheitsbedingten Produktivitätseinbußen (eingeschränkte Arbeitsfähigkeit, höhere Fehleranfälligkeit, Unfallgefahr etc.) um ein Vielfaches über den Unternehmenskosten liegen, die durch Fehltage (sogenannten „Absentismus“) entstehen (22 – 24). Angesichts des abzusehenden weiteren Anstieges der Krankheitskosten, der Verbreitung der Zivilisationskrankheiten und der Überalterung der Belegschaften wird die effektive und effiziente Gesundheitsvorsorge zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland und die sozialen Sicherungssysteme. Die Dringlichkeit und Notwendigkeit zum Handeln wird an der politischen Absicht deutlich, ein Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention zu erlassen. Gesetzlich verankert werden soll unter anderem die Einrichtung einer „Ständigen Präventionskonferenz“, die regelmäßig über die Entwicklung von Gesundheitsförderungs-/Präventionszielen, deren Umsetzung und über Weiterentwicklungsmöglichkeiten berichten soll (25).

Gesundheits- und Leistungstrends bei ­Soldaten
Ausreichende Belastbarkeit, Leistungsfähigkeit und Gesundheit haben bei der Bundeswehr, aber auch bei Polizei, Feuerwehr und weiteren Berufsfeldern, eine besonders hohe Bedeutung (26 – 28). Erstaunlich ist daher, dass dem Phänomen „Präsentismus“ nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird: Mit Blick auf die Einsatzfähigkeit ist es höchst relevant, inwieweit sich bereits vorliegende Einschränkungen und Beschwerden auf Fitness und Belastbarkeit der Soldaten auswirken. Ursache ist möglicherweise die Annahme, Soldaten seien relativ „immun“ gegenüber den beschriebenen negativen Verhaltensänderungen, da regelmäßige körperliche Belastungen und Training eigentlich doch zum militärischen Alltag gehören (29). Ergebnisse eines kürzlich veröffentlichten NATO-Berichtes und internationale Studien belegen jedoch, dass Bewegungsmangel, ungünstige Ernährungs- und Freizeitgewohnheiten auch bei Soldaten deutlich zunehmen (30). Dies kann unter anderem aus den steigenden Ausfallzeiten durch Erschöpfungssyndrome und Adipositas-assoziierte Erkrankungen abgeleitet werden und weist auf die größer werdende Diskrepanz zwischen militärischen Leistungsanforderungen und der tatsächlichen individuellen Belastbarkeit hin (31, 32).

Die wenigen existierenden Längsschnittstudien zur körperlichen Leistungsfähigkeit von Soldaten belegen, dass es sich um einen bereits seit mehreren Jahrzehnten laufenden Trend handelt. Aus Untersuchungen von norwegischen Wehrpflichtigen geht zum Beispiel hervor, dass die maximale Sauerstoffaufnahme – als Bruttokriterium für die Ausdauerleistungs­fähig­keit – innerhalb von nur 2 Jahrzehnten um 8 % gesunken ist, während hingegen die Körpermasse um 7 % und der Body-Mass-Index (BMI) um 6 % anstiegen (33). Besonders wertvoll und eindrucksvoll sind die Daten von Santilla et al. (34), da diese nahezu alle 20-jährigen finnischen Männer (95 %) von 1979 bis 2004 umfassen. Wie in Abbildung 1 zu sehen, ist es zu einer deutlichen Abnahme der beim 12-Minuten-Test zurückgelegten Laufstrecke gekommen: Die seit 1979 eingetretenen mittleren Leistungsverluste kommen fast einer Überrundung auf der 400-Meter-Bahn gleich (Abb. 1).

Photo

Der zitierte NATO-Bericht zeigt, dass sich die sinkende Leistungsfähigkeit und geringere Belastbarkeit von Soldaten zu einem zentralen Problem in den NATO-Streitkräften entwickelt (30). Offensichtlich ist schon heute ein beträchtlicher Anteil der deutschen Rekruten elementaren militärischen Anforderungen nicht gewachsen. Dies ist sicherlich einer der Gründe für die berichtete Abbrecherquote von circa 30 % bei freiwillig Wehrdienstleistenden (5 % Beendigung durch die Bundeswehr; 35). Mit Blick auf den Arbeitsmarkt ist zu befürchten, dass der Wettbewerb um leistungsstarke und belastbare Arbeitnehmer zu selten vom Militär gewonnen wird (36). Daher werden die Streitkräfte angesichts der hohen Einsatzbelastungen künftig auf eine vorsorgende Strategie setzen und im Bereich Präventionsforschung und in der professionellen Umsetzung von Gesundheits- und Fitnessförderung viel mehr investieren müssen (27).

Modellkampagne „Gesundheits- und ­Fitness-Initiative“
Der Sanitätsdienst hat daher gemeinsam mit der ehemaligen Stammdienststelle der Bundeswehr (jetzt Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr) und der Deutschen Sporthochschule 2011 in Köln eine Gesundheits- und Fitness-Initiative durchgeführt, die als Modellkampagne konzipiert wurde und deren Erkenntnisse bei der Umsetzung künftiger Präventionskampagnen genutzt werden sollten. Aufgrund der überwiegenden Schreibtischtätigkeiten, des großen Pendleranteils und des relativ hohen Altersdurchschnittes sollte eine möglichst große Zahl von Mitarbeitern erreicht werden und zu einer gesunden und leistungserhaltenden Lebensweise motiviert werden. Wie im nachfolgenden Beitrag von Witzki et al. (37) in dieser Ausgabe ausführlicher dargestellt, konnten die Angehörigen während des Dienstes sowohl ein umfangreiches Sportangebot nutzen, monatliche Vortrags-/Informationsveranstaltungen besuchen als auch an Gesundheits- und Fitnesschecks teilnehmen. Darüber hinaus wurden ein erweitertes Ernährungs- und Informationsangebot zur Mittagsverpflegung und ein auf der Intranet-Startseite verlinktes Mitarbeiterforum zur Verfügung gestellt. Die Teilnehmer gaben außerordentlich positive Rückmeldungen zu der Gesundheits- und Fitness-Initiative und zeigten sich unter anderem überzeugt, dass die Maßnahme zu einer Verbesserung ihrer dienstlichen Leistungen und Belastbarkeit geführt hat. Neben diesem, im oben genannten Artikel dargestellten, positiven Ergebnis stellte sich allerdings auch heraus, dass trotz der zahlreichen Angebote, die während des Dienstes genutzt werden konnten, weniger als 50 % der Angehörigen diese auch tatsächlich wahrgenommen und an der Initiative teilgenommen haben.
Dies spricht dafür, dass zur Verbesserung von Leistungs- und Gesundheitsressourcen weitere wirkungsvolle Steuerungsmöglichkeiten erforderlich sind: Neben dem Überwinden von Barrieren geht es um Attraktoren beziehungsweise um die Honorierung von mehr Bewegung und gesunder Ernährung im soldatischen Alltag (38). Dies könnte zum Beispiel durch zusätzliche Anreizfunktionen im Rahmen des Besoldungssystems oder andere Belohnungen gelingen, die sich auf positive objektivierbare körperliche Parameter, wie zum Beispiel körperliche Fitness, Erfüllen der WHO-Gesundheitskriterien (5), BMI, Taillenumfang, stützen.
Aus der Modellkampagne lassen sich weitere wichtige Schlussfolgerungen ziehen: Die sehr guten Bewertungen der Vortrags-/Informationsveranstaltungen, der Gesundheits- und Fitness­checks und des Intranet-Forums verdeutlichen die hohe Bedeutung für die Teilnehmer. Gerade die so erfolgte Sensibilisierung und Wissensvermittlung ist wichtig, denn eine ausreichende Fähigkeit zur Eigenverantwortung ist eine wesentliche Voraussetzung, die den Einzelnen erst dazu in die Lage versetzt, sich gezielt gesund zu verhalten und erfolgreich auf seine Leistungs-/Belastungsfähigkeit zu achten.


Präventives Screening-Verfahren ­„Basis-Fitness-Test“
Zur Sensibilisierung könnte zum Beispiel der 2010 flächendeckend in der Bundeswehr eingeführte Basis-Fitness-Test (BFT) genutzt werden (39 – 41). Dieser effiziente und valide „Fitness-Check“, mit dem Ausdauer-, Schnelligkeit- und Kraftleistungen bestimmt werden, lässt sich ohne weiteres durch die einfach zu ermittelnden Körpermaße Größe, Gewicht und Taillenumfang ergänzen. Damit kann ein wichtiges präventives Screening-Verfahren zur Verfügung gestellt werden, mit dem frühzeitig negative Veränderungen sichtbar und auf die Bedeutung von gesundheitsförderlichem Verhalten aufmerksam gemacht werden kann (39). Auch in anderen Armeen gibt es ähnliche Überlegungen: In den Niederlanden wird beispielsweise erwogen, zumindest für ältere Soldaten einen umfassenden jährlichen Gesundheits- und Fitnesscheck durchzuführen (Abb. 2).

Photo

In Abbildung 2 ist alters­bezogen die Quote (in Prozent der Gesamtzahl der Soldatinnen x Soldaten) der erfolgreich absolvierten BFT aus dem Jahr 2011 dargestellt. Die mit steigendem Lebensalter assoziierte geringere Rate ist in erster Linie auf die wachsende Personenzahl zurückzuführen, die den BFT nicht absolviert hat, obwohl dieser für alle Soldaten verpflichtend einmal jährlich abzulegen ist (42). Neben möglichen Erklärungen, wie zum Bespiel Zeitmangel, ist wahrscheinlich, dass ein erheblicher Prozentsatz aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen oder auch geringer körperlicher Fitness nicht teilgenommen hat. Das unterstreicht die Notwendigkeit, gezielte und nachhaltig wirksame Präventionsmaßnahmen durchzuführen.

Umdenken für einen gesunden und ­leistungsfördernden Lebensstil
Ein Umdenken wird allerdings nur gelingen, wenn Soldaten tatsächlich auch erreicht und „mitgenommen“ werden. Die Umsetzung gesunden und leistungsrelevanten Verhaltens lässt sich eben nicht einfach „von oben anordnen“. Es gilt stattdessen, dazu die personalen (unter anderem Motivation) und organisatorischen Rahmenbedingungen weiter zu verbessern (30). Dies erfordert auch ein Umdenken bei Akteuren, die an der Umsetzung von Präventionsmaßnahmen beteiligt sind. Eine derartige Neuorientierung zeigt sich zum Beispiel an dem Paradigmen-wechsel der US-Streitkräfte, die auf die gesundheitlichen Negativentwicklungen und wachsenden Einsatzbelastungen reagiert haben: Seit 2010 wird mit „Total Force Fitness for the 21st Century“ ein umfassender neuer Präventionsansatz verfolgt, der die alltäglichen und individuellen Lebenswelten der Soldaten berücksichtigt (43, 44). In Abbildung 3 sind die für die „Total Force Fitness“ wesentlichen acht Dimensionen dargestellt: Soziale („social“) und physische („physical“) Fitness, Umweltfaktoren („environmental“), Gesundheitsvorsorge („medical“), ethische Wertorientierung („spiritual“), Ernährungsverhalten („nutritional“), psychologische Fitness („psychological“) und Gesundheits-/Risikoverhalten („behavioral“).

Photo Abb. 3: Dimension soldatischer Fitness nach dem "Gesundheitsschutzschild" der amerikanischen Streitkräfte (43), mit freundlicher Genehmigung von "Military Medicine".

Jede einzelne dieser Präventions-Dimensionen ist für den Erhalt von Gesundheit, Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit wichtig. Mit Blick auf die Zielerreichung und die erforderlichen Anstrengungen existieren jedoch große Unterschiede: So ist zum Beispiel, ein ausreichender Impfschutz (Präventions-Dimension: „Gesundheitsvorsorge“) bei Soldaten vergleichsweise schnell und leicht zu realisieren. Ungleich schwieriger ist es, eine deutliche und nachhaltige Verbesserung des Bewegungs- und Ernährungsverhaltens (Präventions-Dimensionen: „Physische Fitness“ oder „Ernährungsverhalten“) zu erzielen.
Besonders bei der Gesundheits- und Fitnessförderung besteht noch ein großer Handlungs- und Investitionsbedarf: Ohne Aufbau einer ressourcen- und einsatzorientierten Präventionsforschung und einer professionellen, bis zur Truppe reichenden Wirkungskette lassen sich allenfalls vereinzelte, kurzfristige Erfolge erzielen (27).
Vor diesem Hintergrund ist das im Rahmen der Strukturreform geplante Institut für Präventivmedizin eine große strukturelle Chance zur Optimierung soldatischer Gesundheits- und Fitnessförderung in der Bundeswehr. Von großem Vorteil ist dabei sicherlich, dass mit den hierfür eingeplanten Einrichtungen bereits jetzt wichtige Dimensionen der „Total Force Fitness“ abgedeckt werden: Neben der „Medizinischen Fitness“ (Laborabteilung IV, Zentrales Institut des Sanitäts­diens­tes der Bundeswehr Koblenz (ZInstSanBw KOB), Teile des Instituts für den Medizinischen Arbeits- und Umweltschutz der Bundeswehr und Institut für Wehrmedizinalstatistik und Berichtswesen) sind dies „Physische Fitness“, „Umgang mit Umweltfaktoren“, „Ernährungsverhalten“ und „Psychologische Fitness“ (Laborabteilung IV, ZInstSanBw KOB). Die deutliche Stärkung der Präventionsforschung und deren praktischen Umsetzung im Bereich der Gesundheits- und Fitnessförderung hat auch der Wissenschaftsrat im Rahmen der Evaluation der wehrmedizinischen Ressortforschungseinrichtungen ausdrücklich empfohlen (45 – 47). Die Notwendigkeit zum Handeln wird des Weiteren in der „Mittelfristigen Zielsetzung 2015 der Bundeswehr“ deutlich, in der die Implementierung einer systematischen betrieblichen Gesundheitsförderung eines der Ziele ist, um das Potenzial der Bundeswehrangehörigen zu erhalten (48): Denn mit Blick auf Belastbarkeit, Durchhaltevermögen und Leistungsfähigkeit im Einsatz wird es künftig noch wichtiger werden, möglichst viele Soldatinnen und Soldaten zu motivieren und die erforderliche Eigenkompetenz zu vermitteln, langfristig einen gesundheits- und leistungsfördernden Lebensstil zu etablieren.

Bildquellen:
Abb. 1: mit freundlicher Genehmigung von „Deutsches Ärzteblatt“ (siehe auch 20, 34)
Abb. 2: Laborabteilung IV, Zentrales Institut des Sanitätsdiens­tes der Bundeswehr Koblenz
Abb. 3: mit freundlicher Genehmigung von „Military Medicine“ (siehe 43)

Literatur

  1. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (ed.): IN FORM- Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung. Bonn 2008.
  2. Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung: IN FORM- Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und Bewegung: https://www.in-form.de/profiportal/in-form-initiative/allgemeines/ umsetzung.html.
  3. Cordain L, Gotshall RW, Eaton SB, et al.: Physical activity, energy expenditure and fitness: An evolutionary perspective. Int J Sports Med 1998; 19 (5): 328 – 335.
  4. Leyk D, Rüther T, Wunderlich M, et al.: Sporting activity, prevalence of overweight, and risk factors: Cross-sectional study of more than 12 500 participants aged 16 to 25 years. Dtsch Ärztebl Int 2008; 105 (46): 793 – 800.
  5. World Health Organization (ed.): Europäische Charta zur Bekämpfung der Adipositas. Kopenhagen 2006.
  6. International Society for Physical Activity and Health, Global Advocacy for Physical Activity: The Toronto Charter for Physical Activity: A global call for action. 20.05.2010: www.globalpa.org.uk.
  7. Ford ES, Caspersen CJ: Sedentary behaviour and cardiovascular disease: A review of prospective studies. Int J Epidemiol 2012; 41 (5): 1338 – 1353.
  8. Matthews CE, Chen KY, Freedson PS, et al.: Amount of time spent in sedentary behaviors in the United States, 2003–2004. Am J Epidemiol 2008; 167 (7): 875 – 881.
  9. World Health Organization: Europäischer Aktionsplan Nahrung und Ernährung der WHO 2007-2012. Kopenhagen 2008.
  10. Robert Koch-Institut (ed.): Daten und Fakten: Ergebnisse der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2010“. Berlin: Robert Koch Ins­åtitut 2012.
  11. Katzmarzyk PT, Church TS, Craig CL, et al.: Sitting time and mortality from all causes, cardiovascular disease, and cancer. Med Sci Sports Exerc 2009; 41 (5): 998 – 1005.
  12. Leyk D, Rüther T, Wunderlich M, et al.: Physical performance in middle age and old age: Good news for our sedentary and aging society. Dtsch Ärztebl Int 2010; 107 (46): 809 – 816.
  13. Lampert T: Übergewicht und Adipositas in Deutschland: Zur Verbreitung und Entwicklungstendenz. Epidemiologisches Bulletin 2007; 18: 155 – 160.
  14. Lee I, Shiroma EJ, Lobelo F, et al.: Effect of physical inactivity on major non-communicalble diseases worldwide: An analysis of burden of disease and life expectancy. Lancet 2012; 380 (9838): 219 – 229.
  15. Statistisches Bundesamt (ed.): Statistisches Jahrbuch 2012: Für die Bundesrepublik Deutschland mit »Internationalen Übersichten«. Wiesbaden 2012.
  16. Europäisches Netzwerk für Betriebliche Gesundheitsförderung: Luxemburger Deklaration zur betrieblichen Gesundheitsförderung in der Europäischen Union. Essen 2007.
  17. Rüther T, Mödl A, Sievert A, et al.: Jung, gesund und Fit-fürs-Leben? Lifestyle und Leistungsfähigkeit im Kontext von Bildung und Beruf. F.I.T.- Das Wissenschaftsmagazin der Deutschen Sporthochschule Köln 2013; 1/2013: 19 – 23.
  18. Burton WN, Chen CY, Conti DJ, et al.: The association of health risks with on-the-job productivity. J Occup Environ Med 2005; 47: 769–777.
  19. Goetzel RZ, Carls GS, Wang S, et al.: The relationship between modifiable health risk factors and medical expenditures, absenteeism, short-term disability, and presenteeism among employees at novartis. J Occup Environ Med 2009; 51 (4): 487 – 499.
  20. Leyk D, Rüther T, Witzki A, et al.: Körperliche Leistung, Gewichtsstatus, Raucherquote und Sporthäufigkeit von jungen Erwachsenen. Dtsch Ärztebl 2012; 109 (44): 737 – 745.
  21. Badura B, Steinke M: Präsentismus: Ein Review zum Stand der Forschung. Dortmund, Dresden, Berlin: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2011.
  22. Hemp P: Presenteeism: At work- but out of it. Harv Bus Rev 2004; 82 (10): 49 – 58.
  23. Steinke M: Präsentismus: Arbeiten mit eingeschränkter Gesundheit. Public Health Forum 2011; 19 (72): 9.e1–9.e3.
  24. Goetzel RZ, Long SR, Ozminkowski RJ, et al.: Health, absence, disability, and presenteeism cost estimates of certain physical and mental health conditions affecting U.S. employers. J Occup Environ Med 2004; 46 (4): 398 – 412.
  25. Deutscher Bundestag: Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und FDP- Entwurf eines Gesetzes zur Förderung der Prävention: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/130/1713080.pdf.
  26. Leyk D, Erley OM, Gorges WA, et al.: Körperliche Leistungsfähigkeit und Trainierbarkeit im mittleren und höheren Lebensalter. Wehrmed Mschr 2007; 51 (5 - 6): 148 – 152.
  27. Leyk D, Gorges WA, Bergmann H, et al.: Gesundheitsförderung und Präventionsforschung im Kontext von Arbeit und Leistung. Wehrmed Mschr 2010; 54 (11-12): 274 – 278.
  28. Rohde U, Erley OM, Rüther T, et al.: Leistungsanforderungen bei typischen soldatischen Einsatzbelastungen. Wehrmed Mschr 2007; 51 (5-6): 138 – 142.
  29. NATO: RTO-TR-HFM-080: Optimizing operational physical fitness. 2009.
  30. NATO: RTO-TR-HFM-178: Impact of lifestyle and health status on military fitness 2012.
  31. Lohmann-Haislah A: Stressreport Deutschland 2012. Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden. Dortmund, Berlin, Dresden: Bundesanstalt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz 2012.
  32. DAK Gesundheit: Gesundheitsreport 2013- Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update psychische Erkrankungen - Sind wir heute anders krank? Hamburg 2013.
  33. Drystad SM, Aandstad A, Hallén J: Aerobic fitness in young Norwegian men: a comparison between 1980 and 2002. Scand J Med Sci Sports 2005; 15 (5): 298 – 303.
  34. Santtila M, Kyröläinen H, Vasankari T, et al.: Physical fitness profiles in young Finnish men during the years 1975-2004. Med Sci Sports Exerc 2006; 38 (11): 1990 – 1994.
  35. Deutscher Bundestag: Unterrichtung durch den Wehrbeauftragten. Jahresbericht 2012 (54. Bericht) 2013.
  36. Apt W: Herausforderungen für die Personalgewinnung der Bundeswehr. In: Bundeszentrale für politische Bildung (ed.): Wehrpflicht und Zivildienst. Bonn 2011; 24 – 30.
  37. Witzki A, Rohde U, Rüther T, et al.: Erkenntnisse aus der Gesundheits- und Fitness-Initiative an einer großen Bundeswehrdienststelle für die künftige Präventionsarbeit in der Bundeswehr. Wehrmed Mschr 2013; 57 (7): 171 – 176.
  38. Leyk D, Witzki A, Sievert A, et al.: Importance of sports during youth and exercise barriers in 20- to 29-year-old male non athletes differently motivated for regular physical activities. J Strength Condit Res 2012; 26 (7): 15 – 22.
  39. Leyk D, Witzki A, Gorges WA, et al.: Körperliche Leistungsfähigkeit, Körpermaße und Risikofaktoren von 18-35-jährigen Soldaten: Ergebnisse der Evaluierungsstudie zum Basis-Fitness-Test (BFT). Wehrmed Mschr 2010; 54 (11-12): 278 – 282.
  40. Leyk D, Witzki A, Gorges WA, et al.: The Basis-Fitness-Test (BFT) and it’s data-management system: A new tool to monitor physical fitness and to analyse performance predictors. In: Häkkinen K, ­Kyröläinen H, Taipale R (eds.): Proceedings of the 2nd International Congress on Soldiers’ Physical Performance. Jyväskylä: University of Jyväskylä, Finnish Defence Forces 2011; 221.
  41. Bundesministerium der Verteidigung: Erhalt und Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Grundsatzdokument zum Basis-Fitness-Test (BFT) der Bundeswehr 2006.
  42. Weisung zur Ausbildung und zum Erhalt der Individuellen Grundfertigkeiten: Weisung IGF / Fü S I 5 - Az 32-01-05.
  43. Jonas W, Deuster P, O´Conner, Macedonia C (eds.): Total force fitness for the 21st century: A new paradigm. Mil Med 2010; 175 (8).
  44. Chairman of the Joint Chiefs of Staff: Chairman’s total force fitness framework: http://www.dtic.mil/cjcs_directives/cdata/unlimit/  s3405_01.pdf.
  45. Wissenschaftsrat: Umsetzung der Empfehlungen aus der zurückliegenden Evaluation der Laborabteilung IV des Zentralen Instituts des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Koblenz. Hamburg 2012.
  46. Wissenschaftsrat: Stellungnahme zur Laborabteilung IV „Wehrmedizinische Ergonomie und Leistungsphysiologie“ des Zentralen Instituts des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Koblenz. Saarbrücken 2009.
  47. Wissenschaftsrat: Übergreifende Stellungnahme und Empfehlungen zu den wehrmedizinischen Bundeseinrichtungen mit FuE-Aufgaben. Aachen 2009.
  48. Bundesministerium der Verteidigung: Mittelfristige Zielsetzung 2015 (MFZ 2015). Bonn 2013.

Datum: 24.07.2013

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2013/7