14.03.2016 •

    Das zivil-militärische Kompetenz­zentrum in der Luft- und Raumfahrtmedizin

    Durch die Aufstellung des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe ­(ZentrLuRMedLw) begann im Oktober 2013 ein neuer Abschnitt der militärischen Luft- und Raumfahrtmedizin. Die Abteilungen des Flugmedizinischen Instituts der Luftwaffe ­(FlMedInstLw) wurden mit dem Ziel der Bündelung sowohl der fachlichen Kompetenz als auch der Führungsverantwortung umstrukturiert. Mit der neuen Namensgebung wurde erstmals auch die Zuständigkeit des Generalarztes der Luftwaffe für die Raumfahrtmedizin zum Ausdruck gebracht.

    Die Unterzeichnung des Kooperationsvertrages mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR) durch die Bundesministerin der Verteidigung sowie den Vorständen des DLR im Mai 2014 stellt einen weiteren bedeutenden Meilenstein dar. Die geplante Zusammenführung der Außenstellen des ­ZentrLuRMedLw am Standort Köln wird nach der Fertigstellung des Neubaus ZentrLuRMedLw die Kooperation weiter beleben. Auf dem Gebiet der Wissenschaft wird die Kooperation durch gemeinsame Forschungsprojekte bereits jetzt „gelebt“. Mittel- bis langfristiges Ziel ist die Errichtung eines europäischen Kompetenzzentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin, das in Europa zu den Fragstellungen der Luft- und Raumfahrtmedizin einen wesentlichen Beitrag leisten kann.

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    Abbildung 1: Vertragsunterzeichnung zwischen der Bundesministerin der Verteidigung und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt auf der ILA 2014 (Quelle: Bundeswehr/Vennemann)

    Geschichtlicher Hintergrund und ­Beginn der Kooperation zwischen dem ­ZentrLuRMedLw und dem DLR

    Auf der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) 2014 wurde durch die Bundesministerin der Verteidigung und den Vorständen des DLR, Prof. Johann-Dietrich Wörner und Prof. Hansjörg Dittus, am 21. Mai der Kooperationsvertrag unterzeichnet. Die schon lange währende Partnerschaft hat somit eine vertraglich geregelte Grundlage erlangt und bildet den Grundstein für die Intensivierung der flugmedizinischen wissenschaftlichen Zusammenarbeit
    sowie der Nutzung der Großanlagen beider Seiten.

    Beide Institutionen blicken auf eine lange Geschichte zurück. Das DLR hat 2012 seinen 60. Geburtstag gefeiert, die Bundeswehr feiert aktuell ihr 60. Jubiläum. Die militärischen Einrichtungen der Luft- und Raumfahrtmedizin haben aufgrund der deutschen Teilung bis zur Wiedervereinigung unterschiedliche Entwicklungen genommen. Seit 1959 wurde im westlichen Teil der Bundesrepublik die medizinische Begutachtung von fliegendem Personal am FlMedInstLw mit den Standorten Fürstenfeldbruck, Bücke­burg und Manching unter der Leitung des Generalarztes der Luftwaffe durchgeführt. In der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde die luft- und raumfahrtmedizinische Be­gutachtung am Institut für Luftfahrtmedizin der Nationalen Volksarmee (ILM) in Königsbrück durchgeführt. In Kö­nigs­brück wurde relativ früh damit begonnen, neben der Luftfahrt- auch die Raumfahrtmedizin zu eta­blieren. Hintergrund war die langjährige Erfahrung in der flugmedizinischen Begutachtung, was dazu führte, dass hier die erste medizinische und psychologische Kandidatenauswahl für den ersten gemeinsamen Raumflug der UdSSR und der DDR (1976 bis 1978) stattfand. Zudem wurde ein Teil der medizinischen und psychologischen Experimente für diesen Flug vorbereitet und nach dem Raumflug 1978 systematisch an raumfahrtmedizinischen Projekten gearbeitet.

    Am FlMedInstLw stand der Bereich der Raumfahrtmedizin nicht im Vordergrund, weil die Astronautenauswahl und Ausbildung der Astronauten von der damaligen Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR), dem heutigen DLR, seit 1969 unter Beauftragung der Bundesregierung erfolgte. Der erste Bundesbürger wurde in Zusammenarbeit mit der European Space Agency (ESA) ausgewählt und für seinen Flug mit dem Space Shuttle (1983) vorbereitet.

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    Abbildung 2: Organigramm des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin des DLR (August 2015)
    Nach der Wiedervereinigung wurde das ILM in Königsbrück als Abteilung II in das FlMedInstLw integriert. Das ehemalige FlMedInstLw bestand aus sechs Abteilungen: der Abteilung I Klinische Flugmedizin (Fürstenfeldbruck), der Abteilung II für Flugphysiologie (Königsbrück), der Abteilung III Forschung, Wissenschaft und Lehre (Fürstenfeldbruck), der Abteilung IV Ergonomie (Manching), der Abteilung V Rechtsmedizin und Flugunfallmedizin (Fürstenfeldbruck) und der Abteilung VI, Flugpsychologie (Fürstenfeldbruck). Hauptsäule der Aktivitäten des FlMedInstLw war die Untersuchung, Begutachtung und Eignungsfeststellung von Luftfahrzeugbesatzungsangehörigen. Darüber hinaus waren die wissenschaftliche Bearbeitung von Fragestellungen der Luft- und Raumfahrtmedizin, die wissenschaftliche Analyse von Flugunfällen, die Ergonomie und die Aus- Fort- und Weiterbildung wichtige Arbeitsschwerpunkte. Von Beginn an wurde das fliegende Personal über die Auswahl, die gesamte berufliche Laufbahn bis zum Ende der aktiven fliegerischen Karriere und teilweise auch darüber hinaus medizinisch, psychologisch und physiologisch betreut. Die Erkenntnisse aus den Flugunfalluntersuchungen wurden zur Optimierung des Flugbetriebes und der Erhöhung der Flugsicherheit eingesetzt. Die ständige Verbesserung der Mensch-Maschine Schnittstelle stand in vielen Abteilungen als Leitgedanke vor zahlreichen Projekten.

    Das heutige Bild der militärischen Flugmedizin ist im Grundsatz unverändert, hat sich aber noch weiter in Richtung Prävention und Gesundheitsschutz entwickelt.

    Organisationsaufbau und Fähigkeitsprofile ZentrLuRMedLw - DLR

    In der neuen Struktur des ZentrLuRMedLw sind die ehemaligen Abteilungen zu Fachabteilungen und Fachgruppen umgegliedert worden. Die drei Fachabteilungen des ZentrLuRMedLw unterstehen dem Generalarzt der Luftwaffe. 

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    Abbildung 3: Organigramm Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe (Quelle: Luftwaffe)

    Die ehemaligen Abteilungen des FlMedInstLw werden in der neuen Struktur folgendermaßen abgebildet:

    In der Fachabteilung (FA) I sind die ehemaligen Abteilungen II, III, IV und V, mit Ausnahme der lehrgangsgebundenen Ausbildung am Standort Fürstenfeldbruck, integriert worden. Zusätzlich wurden die Aufgaben für die Grundsatzfragen der Wissenschaft (ehemals Dienststelle Generalarzt der Luftwaffe) mit in die FA I integriert. Die Fachgruppe 1 in Königsbrück ist das Flugphysiologische Trainingszentrum, die Fachgruppe 2 in Köln befasst sich mit Grundsatzfragen der Wissenschaft, in der Fachgruppe 3 sind die ehemaligen Abteilungen IV in Manching und der Anteil der Forschung und Wissenschaft der ehemaligen Abteilung III in Fürstenfeldbruck aufgegangen. Die Fachgruppe 4 befasst sich mit Fragestellungen der Rechtsmedizin und Flugunfalluntersuchung. Die FA II ist das Begutachtungszentrum, das mit seinen drei Fachgruppen die flugmedizinische und psychologische Begutachtung sowie die psychologische Eignungsfeststellung sicherstellt. Die FA III wird durch den leitenden Fliegerarzt der Luftwaffe geführt. In der FA III wird die fliegerärztliche Tätigkeit fachlich koordiniert und weiterentwickelt. Darüber werden operative Fragestellungen der Materialversorgung und der Aus- Fort- und Weiterbildung in der FA III federführend bearbeitet.

    Das Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des DLR in Köln-Porz besteht aus insgesamt sechs Abteilungen, davon ist die Abteilung für Luft- und Raumfahrtpsychologie in Hamburg disloziert. Einzigartig ist die neue Forschungsanlage :envihab am Standort Köln. Innerhalb des gesamten DLR e. V. ist das Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin die einzige Forschungseinrichtung, die sich mit den lebenswissenschaftlichen Fragestellungen im Hinblick auf die Luft- und Raumfahrt sowie den Verkehr befasst.

    Im Mittelpunkt der Forschungsaktivität des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin des DLR steht der Mensch, der in der künftig noch weiter stark anwachsenden Mobilität sowohl auf der Erde als auch im Weltraum langfristig gleichermaßen gesund und leistungsfähig bleiben soll. Die gewonnenen Erkenntnisse sind nicht nur nutzbar für den klinischen Alltag, sondern sie tragen auch dazu bei, Astronauten Kandidaten für Langzeitmissionen im Weltall vorzubereiten.

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    Abbildung 4:Langarm-Humanzentrifuge des ZentrLuRMedLw in Königsbrück (Quelle: Luftwaffe)
    Das Flugmedizinische Center des DLR befasst sich interdisziplinär mit den spezifischen Anforderungen an den Menschen in der Luftfahrt, beim Aufenthalt im Weltall und auf Reisen. Hier werden zivile Luftfahrzeugbesatzungsangehörige auf ihre Eignung und Tauglichkeit untersucht. Die Abteilung für Biomedizinische Forschung befasst sich mit biologisch und humanphysiologisch relevanten Fragestellungen. Neben Forschungs- und Entwicklungsarbeit wird wissenschaftliche und operationelle Unterstützung für Vorhaben in der Humanphysiologie, Gravitationsbiologie und Telemedizin geleistet. In der Abteilung für Flugphysiologie werden die Leistungsfähigkeit, die Ermüdung und die Arbeitsbelastung des fliegenden Personals sowie spezifische Auswirkungen des Flug-, Straßen- und Schienenverkehrs auf die Bevölkerung erforscht. Zu den untersuchten Stressfaktoren gehören Schlafmangel, Jetlag, Druckveränderungen, Lärm und Vibrationen. Diese Faktoren werden unter streng kontrollierten Laborbedingungen und in Feldstudien unter Realbedingungen untersucht. Aus den Forschungsergebnissen werden entsprechende Empfehlungen abgeleitet. Die Abteilung für Luft- und Raumfahrtpsychologie (Sitz: Hamburg) führt die Auswahl von zukünftigem fliegenden Personal unter Berücksichtigung der hohen Berufsanforderungen in der Luft- und Raumfahrt durch. Die Abteilung für Strahlenbiologie beschäftigt sich mit luft- und raumfahrtrelevanten Fragen zur Wirkung der Strahlung auf Mensch und Biosphäre. Zentrale Aufgabe der Abteilung für Strahlenbiologie ist es, die experimentellen und theoretischen Voraussetzungen für einen wirksamen Strahlenschutz in der Luft- und Raumfahrt zu schaffen. In der Weltraumphysiologie wird die Anpassung von Astronauten an die Lebensbedingungen im Weltraum und ihre Rückanpassung an die Gravitationsbedingungen auf der Erde (1-G Bedingungen) wissenschaftlich untersucht. Dabei werden Einflüsse von Faktoren wie Schwerelosigkeit, Ernährung, Bewegungsmangel in Verbindung mit engem Raum, Isolation und Alterungsprozesse auf die Gesundheit des Menschen untersucht.

    Neben den bestehenden hoch qualifizierten Abteilungen des DLR ist durch den Bau der Forschungsanlage :envihab („environment“ und „habitat“), das am 5. Juli 2013 feierlich eröffnet wurde, ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der modernen Forschung auf dem Gebiet der Luft- und Raumfahrtmedizin vollendet worden. Das 5 400 m² große Gebäude, das auf dem Gelände des DLR errichtet worden ist, befindet sich in unmittelbarer Nähe zu dem neu entstehenden Gebäude des ZentrLuRMedLw. Die einzigartige hoch technologische medizinische Forschungseinrichtung beherbergt sechs separate Labormodule: Das Modul für Prävention und Rehabilitation, das Schlaf- und Physiologie Labor, ein Ganzkörper-PET-MRT, das Psychologielabor, das Biologielabor und eine Kurzarmhumanzentrifuge (kaHZF). Außerdem verfügt es über eine besondere Infrastruktur sowie ein Auditorium. Des Weiteren sind in den einzelnen Modulen Einrichtungen vorhanden, die zum Beispiel im Physiologie Labor eine Sauer­stoffreduktion und eine Unterdrucksituation (getrennte Sauerstoffmangeldemonstra­tion und Höhensimulation) ermöglichen. Außerdem gibt es zwei Wohn- und Simula­tionsbereiche, die Isolationsstudien oder Bettruhestudien (Modell zur Simulation der Effekte von Schwerelosigkeit auf der Erde) zulassen sowie vier Mikrobiologielabore mit entsprechender medizinischer Infrastruktur. Die zukunftsweisende Einrichtung ist zwar mit dem Schwerpunkt für die gezielte Begutachtung von Astronauten konzipiert, wird aber darüber hinaus auch für wissenschaftliche Fragestellungen auf dem Gebiet der Luftfahrt genutzt werden können. Diese Einrichtung eröffnet daher auch der Forschung im Zuständigkeitsbereich des ZentrLuRMedLw neue Dimensionen. Vom wirtschaftlichen Standpunkt her betrachtet, trägt die gemeinsame Nutzung der Ressourcen zu einer höheren Effizienz bei. 

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    Abbildung 5: Kurzarm-Humanzentrifuge im :envihab des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin des DLR (Quelle: DLR)

    Gemeinsame Nutzung von Ressourcen schafft Synergien und bildet das Fundament für ein neues Kompetenzzentrum Luft- und Raumfahrtmedizin

    Die Kooperation ZentrLuRMedLw – DLR hat das ambitionierte Ziel, die Aufgabenspektren der beiden Institutionen zu vereinen und zu erweitern. Der Anspruch des gegenseitigen Lernens und der Stärkung der Verbindung von Praxis und Wissenschaft ist dabei ein wichtiger Leitgedanke.

    Das ZentrLuRMedLw, eine Ressortforschungseinrichtung des Bundes, befasst sich auf wissenschaftlichem Gebiet hauptsächlich mit Fragestellungen auf dem Gebiet der Luftfahrtmedizin, insbesondere für die militärische Luftfahrt. Entsprechend des Votums des Wissenschaftsrates sollen dabei nicht nur anwendungsorientierte wissenschaftliche Fragen im Vordergrund stehen, auch der Vorlaufforschung muss ein entsprechender Anteil an der Forschung eingeräumt werden[1]. Der Auftrag und die damit einhergehenden Aufgaben des ZentrLuRMedLw als militärische Dienststelle werden auch in der Kooperation mit dem DLR Bestand haben. In Kombination mit dem forschungsorientierten Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des DLR, das seinen Schwerpunkt in der Raumfahrtmedizin hat, bieten sich Chancen für eine in Europa einzigartige Bündelung von wissenschaftlicher Expertise auf dem Gebiet der Luft- und Raumfahrtmedizin. Beide Partner verfügen über nationale und internationale Netzwerke, die voneinander profitieren können und dadurch ein größeres Spektrum abdecken. Ein weiterer großer Vorteil ist, dass durch diese Bündelung der Expertise die Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum DLR-ZentrLuRMedLw auch für weitere Partner ( z. B. Universitäten, Fraunhofer-Gesellschaft) attraktiv werden kann.

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    Abbildung 6: Höhen-Klima-Simulations-Anlage des ZentrLuRMedLw in Königsbrück (Quelle: Luftwaffe)
    Beide Partner verfügen über Großgeräte, die zum einen überwiegend in Ausbildung und Begutachtung (ZentrLuRMedLw) und auf der anderen Seite überwiegend in der Forschung (DLR) genutzt werden. Zu den Großgeräten zählen nicht nur die Humanzentrifuge, Höhen-Klima-Simulationsanlage und Desorientierungstrainer sowie eine Überdruckkammer im flugphysiologischen Trainingszentrum Königsbrück, sondern auch die klinisch genutzten Geräte der Fachabteilung II Begutachtung (z. B. Magnetresonanztomographie).

    Auf der Langarm-Humanzentrifuge (laHZF) wird zu einem großen Prozentsatz Ausbildung für die Piloten von hochagilen Luftfahrzeugen betrieben, auch für andere europäische und internationale Nationen, zudem mit Zertifizierung durch die USA. Die Höhen-Klima-Simulationsanlage (HKS, kombinierte Sauerstoffmangeldemonstration und Höhensimulation mit einem Anteil der Klimatisierung) wird neben der nationalen Nutzung ebenfalls durch mehrere Nationen hauptsächlich für die flugphysiologische Ausbildung betrieben, aber auch für wissenschaftliche Untersuchungen genutzt. Darüber hinaus werden beide Anlagen für die Beantwortung von Fragestellungen aus dem Bereich der Erprobung und Ergonomie genutzt. Der internationale Ausbildungsanteil und der materielle Erprobungsanteil sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. 

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    Abbildung 7: Barokammer im :envihab. Die Barokammer misst 110m2 und erlaubt z. B. eine Reduzierung des Gesamtdrucks auf minimal 300mbar (Quelle: DLR)

    Mit dem Desorientierungstrainer konnte das ZentrLuRMedLw mittlerweile eine große Expertise auf dem Gebiet des Trainings zur Vorbeugung einer räumlichen Desorientierung aufbauen. Vervollständigt wird die Ausbildung durch die Demonstration der Nachtsicht unter verschiedenen Bedingungen, die das Sehen mit Nachtsichtbrillen (Night Vision Goggles) einschließen. Klinisch wissenschaftliche Fragestellungen in der Flugmedizin werden vom Begutachtungszentrum in Fürstenfeldbruck übernommen. Die Dezernate Innere Medizin, Neurologie und Psychiatrie, Hals-Nasen-Ohren- und Augenheilkunde, Orthopädie, Radiologie, Klinisches Labor sowie Zahnheilkunde sind spezialisiert auf dem Gebiet der Flugmedizin in den jeweiligen Fachgebieten. Hierzu werden die neuesten technischen Möglichkeiten in der Diagnostik und Befundung genutzt und können in Zukunft bei der Zusammenarbeit mit dem DLR ein großes Maß an Expertise zur langfristigen Erhaltung der Leistungsfähigkeit und Gesundheit des hochmobilen Menschen beisteuern.

    Eine besondere Bedeutung hat die Fachgruppe I 4, Rechtsmedizin und Flugunfalluntersuchung. Diese Einrichtung ist in der Bundeswehr einzigartig. Die bevorstehende Akkreditierung für die Teilbereiche Forensische Toxikologie, Histologie und DNA-Analyse wird einen weiteren wichtigen Schritt in die Zukunft darstellen.

    Aktuelle Entwicklung der ­wissenschaftlichen Zusammenarbeit des ­ZentrLuRMedLw mit dem DLR

    Die bisher am ZentrLuRMedLw und DLR durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen haben zwar viele Schnittmengen, befassen sich aber im Grundsatz mit zwei vollkommen unterschiedlichen Dimensionen der Atmosphäre. Im militärischen Flugbetrieb wird der Bereich des Tiefflugs ab ca. 100 Fuß (entspricht ca. 30 m) bis hin zum Flug in extremen Höhen bis ca. 65 000 Fuß (entspricht ca. 20 000 m) mit unterschiedlichen Luftfahrzeugen (Hochleistungskampfflugzeuge mit Strahlantrieb, Transportluftfahrzeuge mit Turboprop-Propeller Antrieb, Transport- und Linienflugzeug mit Strahlantrieb sowie leistungsfähige Kampf- und Transporthubschrauber) mit jeweils unterschiedlichen militärischen Auftragsstellungen abgedeckt. Durch hohe Beschleunigungskräfte, hohe Geschwindigkeiten, Flüge über mehrere Zeitzonen sowie durch den Aufenthalt in großen Höhen wird der menschliche Organismus stark beansprucht. Die Besonderheit des militärischen Flugdienstes, der militärische Einsatzauftrag – falls erforderlich an jedem Ort der Welt – erhöht die Beanspruchung sowie Belastung der militärischen Luftfahrzeugbesatzungen im Vergleich zu den zivilen Luftfahrzeugbesatzungen erheblich.

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    Abbildung 8: Luftaufnahme des :envihab am Standort Köln-Porz. Am oberen Bildrand zeigt sich ein Teil des weiteren Gebäudes des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin des DLR (Quelle: DLR)
    Der Bereich der Weltraummedizin befasst sich mit den Beanspruchungen und Belastungen sowie den physiologischen Phänomenen jenseits einer Höhe von ca. 20 000 m. Diese Dimension war bisher für die militärische Flugmedizin weniger relevant. Dennoch gibt es Fragestellungen, die sowohl für die Weltraummedizin, als auch für die militärische Flugmedizin Bedeutung haben. Hierzu zählt zum Beispiel die Überwindung der Monotonie bei extremen Langstreckenflügen oder die Beeinflussung der zirkadianen Rhythmen des Organismus durch längere Flüge über mehrere Zeitzonen.

    Im Bereich der Weltraummedizin spielt das Phänomen der Schwerelosigkeit, die im Regelfall für sechs Monate auf der Internationalen Raumstation (ISS) auf die Weltraumfahrer einwirkt eine besondere Rolle. Sie verursacht andere physiologische Reaktionen als bei einer großen Beschleunigung oder Hypergravidität in Hochleistungskampfflugzeugen. Eine große Herausforderung sind die Pläne der ESA (Aurora Programm) eine bemannte Marsmission im Zeitraum 2040 - 2060 realisieren zu wollen. Die Herausforderung liegt unter anderem darin, eine ca. zweijährige Reise in Schwerelosigkeit zu realisieren. Diese langen Expositionszeiten haben zahlreiche Auswirkungen auf den Organismus. Unter diesen geringen Erdanziehungskräften (mikro-G Bedingungen) wird Muskulatur und Knochendichte, vor allem in den unteren Extremitäten abgebaut. Zudem findet eine Flüssigkeitsverschiebung („fluid shift“) in die oberen Regionen des Körpers, besonders in den Kopf, statt. Veränderungen der Blutzusammensetzung und eine Veränderung der Homöostase bis hin zur Aktivierung oder Deaktivierung von Teilen des Immunsystems kennzeichnen weitere Anpassungen des Organismus an die Bedingungen im Weltraum. Für den Herz-Kreislauf-Bereich ergeben sich ebenfalls komplexe Veränderungen. Physiologische Mechanismen, die unter 1-G Bedingungen auf der Erde in der Evolution einen Vorteil geboten haben, verlieren ihren physiologischen Nutzen unter mikro-G Bedingungen.

    Die physiologische Herz-Kreislauf Regulation unter Hypergravitation und hohen Beschleunigungskräften ist für die militärische Luftfahrtmedizin dagegen von großer Bedeutung. Im Regelfall findet bei diesen Bedingungen eine Flüssigkeitsverschiebung („fluid shift“) vom Kopf zum Fuß statt. Damit werden die Durchblutung und die Sauerstoffversorgung des Gehirns deutlich reduziert und es kann zum kurzzeitigen Bewusstseinsverlust (G-force induced Loss of Consciousness (G-LOC)) kommen. Auch das Herz ist vom fluid shift betroffen, es können Herzrhythmusstörungen entstehen. 

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    Abbildung 9: Schlaf- und Physiologielabor im :envihab. Die Gesamtfläche dieses Moduls beträgt 364 m2 inkl. zwölf Probandenzimmern und Sozialbereich. Die Lichtintensität kann in jedem Raum zwischen 0,5 und 1.500 Lux reguliert werden. Auch kann die spektrale Zusammensetzung des Lichts (LED (RGBW)-Technologie) zwischen 465nm und 630nm reguliert werden. (Quelle: DLR)

    Forschungsschwerpunkte, die die militärische Luftfahrtmedizin daher aktuell beschäftigen, sind die Hypoxie (Sauerstoffmangel) und Situationen, in denen der Luftfahrzeugführer hohen G-Belastungen ausgesetzt ist. Für den Umgang mit hohen G-Belastungen ist für den Luftfahrzeugführer ein besonderes Anti-G Training sowie eine Sensibilisierung für die Situationen unter hoher G-Belastung erforderlich (G-Awareness). Zudem betreffen die flugmedizinischen Themen den Bereich des langfristigen Erhalts der fliegerischen- und körperlichen Leistungsfähigkeit (Human-Performance und Enhancement (HPE)). Eine weitere Zusammenarbeit mit dem DLR ergibt sich auf dem Gebiet der Kinetose, der sogenannten „Reisekrankheit, englisch: „motion sickness/tumbling“ oder auch „Weltraumkrankheit“. Die Ursache für diese Erscheinungen liegt, wie auch bei der Seekrankheit, wahrscheinlich im Gleichgewichtorgan. Die genauen physiologischen Mechanismen sind noch nicht vollständig erforscht. In gemeinsamen Projekten mit dem DLR kann aus physiologischer als auch psychologischer Sicht möglicherweise einiges dazu beigetragen werden, dass die Ursachen und möglicherweise auch Präventionsmöglichkeiten für diese Phänomene erforscht werden.

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    Abbildung 10: :envihab (Quelle: DLR)
    Nach Beginn der offiziellen Kooperation mit dem DLR ist als erster Schritt die Kooperation auf wissenschaftlichem Gebiet mit Leben gefüllt worden. In einem Schlüsselworkshop wurden im Dezember 2014 im Beisein der jeweiligen Instituts- bzw. Zentrumsleiter die Arbeitsbereiche und die wissenschaftlichen Kernthemen beiden Institutionen durch die entsprechenden wissenschaftlichen Mitarbeiter dargestellt. Schnell konnten Gemeinsamkeiten in den einzelnen Teilbereichen der Luft- und Raumfahrtmedizin gefunden werden. Anfang 2015 wurde der nächste Schritt unternommen und vier Forschungsanträge bei der Sonderforschungskonferenz des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in München vorgestellt. Diese Anträge, die jeweils aus Anteilen des DLR und des ZentrLuRMedLw bestehen, konnten insgesamt ein gutes Ergebnis erreichen und werden voraussichtlich in Kürze beauftragt. Damit ist ein erster wichtiger Schritt erreicht worden und setzt eines der Ziele, die bei der Unterzeichnung der Kooperation formuliert wurden, jetzt schon um: „Um den Zukunftsfragen der Luft- und Raumfahrtmedizin adäquat begegnen zu können, ist ein Umfeld erforderlich, in dem wesentliche nationale Kompetenzen im Bereich der Luft- und Raumfahrtmedizin gebündelt werden und in dem eine Infrastruktur vorhanden ist, die den zukünftigen Anforderungen gerecht wird.“ (Zit. Prof. Wörner)

    Fazit

    Mit der Unterzeichnung des Kooperationsvertrages hat das ZentrLuRMedLw als Ressortforschungseinrichtung der Luftwaffe mit dem Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des DLR e. V. einen neuen vielversprechenden Weg in Richtung eines europäischen Kompetenzzentrums auf dem Gebiet der Luft- und Raumfahrtmedizin eingeschlagen. Das neue Kompetenzzentrum beschäftigt sich mit den Fragestellungen der Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Menschen in einem technologisch hochentwickelten Bereich der Mobilität sowohl im Luft- als auch im Weltraum. Hierbei können sich beide Partner infrastrukturell als auch personell gegenseitig bereichern und Synergieeffekte generieren. Diese Bündelung von Kompetenzen macht die Kooperation auch für weitere Partner aus dem nationalen und internationalen Bereich attraktiv.


    [1]

    Wissenschaftsrat, Drucksache 9271-09 Berlin, 09.07.2009, S. 11.

    Datum: 14.03.2016

    Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2015/4

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