BNITM: Tropenkrankheiten mehr denn je vernachlässigt

Moderator Yared Dibaba unterstützt “World Day of Neglected Tropical
Diseases” am 30. Januar

Hamburg, 28. Januar 2021 – Weltweit sind fast zwei Milliarden Menschen in Gefahr, durch vernachlässigte Tropenkrankheiten arbeitsunfähig, blind, entstellt oder behindert zu werden oder früher zu sterben. Die Coronavirus-Pandemie hat diese Gefahr noch einmal verschärft: Viele Programme zur Erforschung, Behandlung und Prävention mussten in Ländern des globalen Südens gestoppt werden. Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin beteiligt sich daher an einer internationalen Kampagne mit dem Ziel, im Kampf gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten nicht nachzulassen – mit prominenter Unterstützung.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) listet aktuell 20 vernachlässigte Tropenkrankheiten. Dazu gehören Wurmerkrankungen wie die Schistosomiasis oder die Flussblindheit, Erkrankungen durch einzellige Parasiten wie Schlafkrankheit oder Leishmaniose, bakterielle Infektionen wie Lepra sowie durch Viren verursachte Erkrankungen wie Dengue-Fieber oder Tollwut. Auch Vergiftungen durch Schlangenbisse zählen dazu.

Diese Krankheiten kommen vor allem in ärmeren Ländern mit schlechten hygienischen Bedingungen und wärmerem Klima vor. Dort können sich Krankheitserreger und entsprechende Überträger wie bestimmte Mückenarten stark vermehren. Durch die Klimaerwärmung, Reisen und Migration sind aber auch zunehmend andere Länder betroffen.

Die WHO hat 2017 das Ziel ausgerufen, bis 2030 die vernachlässigten Tropenkrankheiten stark zu reduzieren. Viele lassen sich bereits heute vermeiden oder behandeln. Häufig fehlen allerdings die nötigen Gelder für Medikamente, Aufklärungskampagnen und Forschung. In den vergangenen Jahren erzielte Fortschritte hat die Coronavirus-Pandemie vielerorts zunichte gemacht.

Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank:

„Die Corona-Pandemie hat uns einmal mehr gezeigt: Krankheitserreger machen nicht an Grenzen halt. Es liegt in unserem eigenen Interesse, die vernachlässigten Tropenkrankheiten besser zu verstehen. Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin leistet als international renommiertes Institut einen wichtigen Beitrag bei der Erforschung tropischer Krankheiten und trägt zur Stärke Hamburgs im Bereich der Infektionsforschung bei. Es ist unser erklärtes Ziel, die vielfältigen Kompetenzen unserer Stadt in der Infektionsforschung künftig noch stärker zu bündeln und nachhaltig auszubauen.“

Prof. Jürgen May, Leiter der Abteilung für Infektionsepidemiologie am BNITM und Vorstandsmitglied:

„In der Coronavirus-Pandemie profitieren die Länder des globalen Südens von den Gesundheitsstrukturen, die sie gemeinsam mit vielen Nicht-Regierungsorganisationen und Forschungseinrichtungen wie dem BNITM aufgebaut haben. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass die vernachlässigten Tropenkrankheiten nicht weiter aus dem Blick geraten. Wir forschen weiterhin mit Hochdruck an den Ursachen und Mechanismen dieser tückischen Erkrankungen.“

Botschafter des BNITM für den World NTD Day ist der bekannte norddeutsche Moderator Yared Dibaba:

 „Als norddeutscher Jung mit Wurzeln in Oromia kenne ich die Folgen vernachlässigter Tropenkrankheiten aus eigener Anschauung: Kinder in Äthiopien fangen sich z.B. beim Baden oft die Erreger der Schistosomiasis ein. Noch Jahrzehnte später können sie chronische Folgesymptome entwickeln, bis hin zu Berufsunfähigkeit und Tod.“

Am zweiten „World NTD Day“ beteiligen sich weltweit mehr als 350 Partner-Institutionen. Ziel ist, dass der Tag offiziell von der WHO als Welttag anerkannt wird.



Informationen zum World NTD Day:

https://worldntdday.org/ 

Einblick in die Forschung des BNITM zu vernachlässigten Tropenkrankheiten

https://www.bnitm.de/ntd-expertise/ 

https://www.bnitm.de/forschung/einblick-in-die-forschung/vernachlaessigtetropenkrankheiten/ 


Beispiele und Highlights

Helminthen-Immunologie

Die Arbeitsgruppe von Prof. Minka Breloer untersucht unter anderem, welche Immunreaktionen Wurmparasiten im Menschen hervorrufen und wie sie es schaffen, dessen Immunabwehr zu stören: Viele Darmparasiten wie z.B. Hakenwürmer bohren sich durch die Haut des Menschen und gelangen nach einer Gewebewanderung über die Lunge in den Darm. Doch auch der Mensch organisiert seine Abwehr gewebeübergreifend: So setzen Körperzellen Alarmsignale frei, die bestimmte Immunzellen in der Lunge aktivieren. Diese bringen über Zwischenspieler schließlich Immunzellen im Darm dazu, den Wurm besser abzustoßen.

Gleichwohl verlängern viele Würmer ihr Überleben im Menschen, indem sie dessen Immunabwehr abschwächen. Das wirkt sich auch auf Schutzimpfungen aus. So funktionierten z.B. Grippeimpfungen in wurminfizierten Mäusen schlechter als in gesunden Mäusen – nicht nur bei akuten, sondern selbst nach ausgeheilten Wurminfektionen. Dies sollte man bei der Entwicklung von Impfstoffen berücksichtigen. Die WHO schätzt, dass immer noch jeder vierte Mensch von einer Wurminfektion betroffen ist.

Bilharziose/ Schistosomiasis

Unter den NTDs steht die Bilharziose an erster Stelle bezüglich verlorener Le ensjahre durch vorzeitigen Tod bzw. Behinderung. Die Infektion wird durch Larven, sog. Zerkarien verursacht, die beim Baden in entsprechend kontaminierten Seen in die Haut des Menschen eindringen. Von dort wandern sie über die Lymph- und Blutgefäße in das Gefäßgeflecht des Darmtraktes und der Harnblase. Hier entwickeln sich innerhalb einiger Wochen erwachsene 2 cm große Würmer, die regelmäßig Eier abgeben. Diese Eier können dann im Darm- und Blasengewebe sowie in anderen Organen wie z.B. in Leber und Niere zu chronischen Entzündungen führen, mit zum Teil schwerwiegenden Spätfolgen wie Leberfibrose oder Blasenkrebs.

Bei Frauen können auch die Fortpflanzungsorgane betroffen sein. Die Genitale Schistosomiasis der Frau (FGS) kann zu Unfruchtbarkeit oder Früh- und Fehlgeburten führen. Das ist vor allem in Madagaskar ein großes Problem. In der Abteilung Infektionsepidemiologie führt Daniela Fusco zusammen mit der Universität von Antananarivo, Fianarantsoa, Mahajanga und dem Centre d'Infectiologie Charles Mérieux das Projekt FIRM-UP durch. Ziel ist, das Bewusstsein für die FGS zu schärfen, sowohl beim Gesundheitspersonal als auch in der Bevölkerung, und damit das Gesundheitsmanagement zu verbessern.

Leishmaniose

Leishmanien sind einzellige Parasiten, die durch Sandmücken übertragen werden. Sie verursachen schlecht heilende chronische Hautläsionen (Orientbeule), können aber auch zu tödlich verlaufenden Erkrankungen der inneren Organe führen (Kala-Azar). Zudem ist sie eine wichtige erschwerende Komplikation bei HIV-Infektionen.

Durch den Klimawandel treten Sandmücken zunehmend auch in Deutschland auf. Es sind bereits wiederholt Fälle von Leishmaniose bei Tieren und vereinzelt auch bei Menschen aufgetreten, die Deutschland nie verlassen haben.

Die Arbeitsgruppe von Prof. Joachim Clos untersucht unter anderem das Genom von Leishmanien und deren Resistenz gegen Hitze und saures Milieu. Dies könnte eine tragende Säule der Anti-Leishmania-Therapie darstellen.

Chagas

Die Chagas-Krankheit gehört zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten, obwohl sie in Lateinamerika weit verbreitet ist. Allein in Bolivien könnte laut Schätzungen ein Viertel der Bevölkerung betroffen sein. Die Krankheit wird durch einzellige Parasiten verursacht, die über den Kot von Raubwanzen übertragen werden. In der akuten Phase können Fieber, Atemnot, Durchfall, Lymphknotenschwellungen und andere Symptome auftreten. In der chronischen Phase kann es Jahrzehnte später unter anderem zu Herzveränderungen kommen, die dann zum Tod führen können.

Chagas ist zunehmend auch für europäische Gesundheitssysteme ein Problem: Die Erreger können durch Blutspenden übertragen werden oder während der Stillzeit von infizierten Müttern auf den Säugling.

Die CHASE-Studie (Chagas HAmburg ScrEening) will die Chagas-Krankheit weiter erforschen, Infizierte erfassen und die weitere Verbreitung verhindern. Sowohl die lateinamerikanische Community als auch deutsche Arztpraxen werden über die Chagas-Krankheit aufgeklärt. In dem Zusammenhang kann man sich am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin kostenlos testen und behandeln lassen.



Hintergrundinformationen über das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) ist Deutschlands größte Einrichtung für Forschung, Versorgung und Lehre auf dem Gebiet tropentypischer und neu auftretender Infektionskrankheiten. Aktuelle Forschungsschwerpunkte bilden Malaria, hämorrhagische Fieberviren, Immunologie, Epidemiologie und Klinik tropischer Infektionen sowie die Mechanismen der Übertragung von Viren durch Stechmücken. Für den Umgang mit hochpathogenen Viren und infizierten Insekten verfügt das Institut über Laboratorien der höchsten biologischen Sicherheitsstufe (BSL4) und ein Sicherheits-Insektarium (BSL3). Das BNITM umfasst das nationale Referenzzentrum für den Nachweis aller tropischen Infektionserreger und das WHO-Kooperationszentrum für Arboviren und hämorrhagische Fieberviren.

Gemeinsam mit dem ghanaischen Gesundheitsministerium und der Universität von Kumasi betreibt es ein modernes Forschungs-und Ausbildungszentrum im westafrikanischen Regenwald, das auch externen Arbeitsgruppen zur Verfügung steht.

Verwandte Artikel

CRISPR/Cas - Technologische und ethische Implikationen des genetischen Enhancements für die Wehrmedizin

CRISPR/Cas - Technologische und ethische Implikationen des genetischen Enhancements für die Wehrmedizin

Ein „außergewöhnliches Potenzial“ schrieb Oberstarzt Prof. Dr. Lothar Zöller, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr, der Genschere CRISPR/Cas zu. Hohe Aktualität und wissenschaftliche Bedeutung stehen dem...

MEDICAL INTELLIGENCE – „FORCE HEALTH PROTECTION“ IM EINSATZ

MEDICAL INTELLIGENCE – „FORCE HEALTH PROTECTION“ IM EINSATZ

Das sicherheitspolitische Umfeld Deutschlands und die globale geopolitische Lage hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Deutschland begegnet diesen Herausforderungen im In- und Ausland durch eine multinationale...

Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2009/1

Forschung und Wissenschaft am Bundeswehrkrankenhaus Ulm

Forschung und Wissenschaft am Bundeswehrkrankenhaus Ulm

Forschungsaktivitäten am Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) Ulm gibt es bereits seit Ende der 1970er Jahre. Eine der ersten Publikationen aus dem BwKrhs Ulm entstand 1979 in der Chirurgie mit Oberstarzt Prof. Dr. Gerngross als treibendem...

Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2021

Meist gelesene Artikel