21.12.2020 •

Ausbildung ohne Grenzen

Einblicke in einen ­erfolgreichen DEU-FRA SanOA Austausch

N. Göres

56 Jahre nach der Grundsteinlegung der deutsch französischen Freundschaft, profitierte ich von der auf dem 1963 unterzeichneten „Élysée-Vertrag“ basierenden Absichtserklärung zum sanitätsdienstlichen Personalaustausch. Es führte mich zur Ableistung meiner ersten PJ-Hälfte nach Toulon, in die Apotheke des größten Militärkrankenhauses, „Hôpital d’instructions des armées Sainte Anne“.

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Haupteingang „Hôpital d’instructions des armées Sainte Anne“
Die tatkräftige Unterstützung vor allem seitens der Ausbildungsbeauftragten Madame le Morvan und des damaligen deutschen Verbindungsoffiziers, Frau Oberstarzt Dr. Niggemeier-Groben, sowohl bei der Vorbereitung als auch während der kompletten Praktikumszeit, spiegelte das gegenseitige Interesse an einem effizienten Personalaustausch wieder. Der sehr herzliche Empfang seitens des Kommandeurs Generalarzt Dr. Yves Auroy unterstrich dies zusätzlich.

Fest integriert im Apothekerteam konnte ich mich mit den verschiedenen Tätigkeitsfeldern und organisatorischen Abläufen vertraut machen.

Darüber hinaus wurden Besichtigungen in umliegende militärisch-pharmazeutische Einrichtungen, wie beispielsweise das Marinelabor „laboratoire d‘analyses de surveillance et d‘expertise de la Marine (LASEM)“ auf dem Gelände des Marinestützpunktes in Toulon und das Versorgungs- und Instandsetzungszentrum „Établissement de ravitaillement sanitaire des armées (ERSA)“ in Marseille, für mich organisiert. Zum ERSA wurde ich sogar vom leitenden Apotheker pharmacien en chef Cyrille Beranger begleitet.

Bei der Auswahl des Standortes für den Austausch half mir ein Gespräch mit einer FRA Kameradin, die ich bereits bei meiner ersten Famulatur beim französischen Sanitätsdienst kennen gelernt hatte. Neben der hohen in unmittelbarer Nähe liegenden sanitätsdienstlichen Militärpräsenz (LASEM, ERSA, HIA Marseille), war die breit gefächerte Aufstellung der größten Krankenhausapotheke des FRA Sanitätsdienst entscheidend für meine Wahl.

Zur Bewerkstelligung der vielfältigen Tätigkeitsbereiche stehen in etwa 46 Dienstposten zur Verfügung, wovon fünf Posten mit Apothekern besetzt sind.

Im folgenden Organigramm sind meine Haupttaufgabengebiete grün und besondere Tätigkeitsbereiche der Apotheke rot umrandet. Da unter anderem diese farblich hinterlegten pharmazeutischen Dienstleistungen nicht zu den festen Bestandteilen all unserer Häuser zählen, möchte ich diese für Sie kurz beleuchten.

UPC = Unité de Préparation des Cyto­toxiques = Zytostatikaherstellung

Es werden täglich ca. 32 Krebstherapeutika in zertifizierten Räumlichkeiten hergestellt. Rund 22 % davon sind monoklonale Antikörper und ca. 80 % Zytostatika. Hierfür werden wöchentlich rotierend drei pharmazeutisch technische Angestellte (PTA) eingeteilt. Die Herstellung erfolgt unter dem Isolator im Vier-Augen-Prinzip.

Radiopharmacie = Radiopharmazie

Die Radiopharmazie befindet sich in den Räumlichkeiten der Nuklearmedizin. Während das medizinische Personal für die Betreuung der Patienten, die Injektionen der Radiopharmaka und die Auswertungen zuständig sind, fällt die Herstellung ausschließlich in die Hände des pharmazeutischen Personals. Insgesamt werden monatlich ca. 600 Zubereitungen hergestellt, wobei der Großteil diagnostischen und weniger therapeutischen Zwecken dient.

Stérilisation = Sterilisation

Auf 900 m2 wird täglich das anfallende medizinische Material vier verschiedener Einrichtungen sterilisiert. (HIA Sainte-Anne Toulon, HIA Laveran Marseille, structures du ministère des armées, structures du ministère de l’intérieur). Genauso wie die Zytostatika Herstellung ist die Sterilisationsabteilung zertifiziert.

Meine Aufgabengebiete

“La conciliation médicamenteuse” und “la validation pharmaceutique” gehören zu den Tätigkeitsbereichen, die einen wichtigen Beitrag zu einer sicheren Arzneimittelversorgung leisten.

Validation pharmaceutique

Täglich überprüft die Apotheke systematisch die Medikationspläne aller Stationen. Erst mit Freigabe dieser dürfen die Arzneimittel an die Patienten ausgegeben werden. Voraussetzung hierfür ist eine digitale Vernetzung zwischen den Stationen und der Apotheke.

Die Erstellung bzw. Modifizierung der Medikationspläne seitens der Stationsärzte erfolgt komplett elektronisch über eine Software (Am@deus). In diesem Programm sind alle Patientendaten (Arztberichte des aktuellen und aller vorherigen Krankenhausaufenthalte, Laborwerte, aktueller Medikationsplan, Dokumentation der abgegebenen Medikamente etc.) gespeichert. Dieses ermöglicht den Ärzten und dem restlichen Krankenhauspersonal, zusätzlich zur Dokumentation, die Patienten für verschiedene Untersuchungen einzuplanen und Laborprobenentnahmen zu veranlassen. Kurz gefasst, das Programm erleichtert die Kommunikation im Krankenhaus.

Um die Medikationspläne in der Apotheke prüfen, kommentieren und freigeben zu können, bedienen sich die Apotheker einer weiteren Software (Pharma), welche mit „Am@deus“ direkt verknüpft ist.

Sobald die Medikamentenfreigabe aus pharmazeutischer Sicht abgesegnet ist, wird mit diesem Programm ebenfalls die Verfügbarkeit der verschriebenen Arzneimittel/Medizinprodukte im Krankenhaus geprüft und ggf. auf Alternativen ausgewichen.

Mögliche Lösungsansätze sind die Prüfung auf Substituierbarkeit durch einen anderen Wirkstoff der gleichen oder einer ähnlichen Wirkstoffklasse oder eine Entnahme aus dem privaten Bestand des Patienten.

Parallel dazu bestücken die PTA die patientenindividuellen Medikamentendöschen, welche nach Freigabe in die Beförderungssysteme geladen werden

Diese, auch „Tortues“ = Schildkröten genannten Maschinen, werden dann vollautomatisch auf die jeweiligen Stationen befördert.

Conciliation médicamenteuse

Anders als die täglich durchgeführte Prüfung der Medikationspläne, welche in Frankreich landesweit verpflichtend ist, gehört die Medication Reconciliation zu den neueren und sich noch entwickelnden Dienstleistungen.

Unter ihr versteht sich der systematische Abgleich der bestehenden Medikation des Patienten mit der im Rahmen der Behandlung verordneten Medikation. Etwaige Abweichungen werden mit dem verschreibenden Arzt besprochen und ggf. angepasst. Zur Realisierung wird eine Brücke zwischen allen involvierten Parteien (Krankenhaus, Hausarzt, Apotheke, Angehörige etc.) geschlagen. Durch diesen interdisziplinären Informationsaustausch kann eine kontinuierliche, lückenlose und sichere pharmazeutische Betreuung gewährleistet werden.

Bei Entlassung des Patienten sind die drei wichtigsten Adressaten der Hausarzt, die Apotheke und der Patient. Letzterer sollte eigentlich bereits ausführlich vom Stationsarzt über den modifizierten Medikationsplan unterrichtet worden sein. Doch da dies in der Praxis häufig sehr kurz ausfällt, ist zur Compliance Steigerung ein ausführliches Gespräch mit einem Apotheker durchaus sinnvoll. Dies trifft vor allem auf ältere Patienten mit einer Polymedikation zu, da sie Veränderungen häufig kritisch gegenüber stehen.

Diese Tätigkeit ist sicherlich keine langfristige Alternative zum Zukunftsmodell eines fest im Stationsteam integrierten Apothekers, stellt aber eine adäquate Vorstufe dar. 

Rückblickend haben diese zwei Aufgabenbereiche mich in vielerlei Hinsicht bereichert und zum Nachdenken angeregt. Beide Nationen führen unterschiedliche Pilotprojekte durch und variieren in ihrer Schwerpunktsetzung um eine kontinuierliche, vollständige und optimale pharmazeutische Betreuung gewährleisten zu können. Ein Erfahrungsaustausch auf diesem Gebiet könnte für alle Parteien von gegenseitigem Nutzen sein.

Fazit

Wie bereits die Teilnahme an anderen gemeinsamen Projekten mit unserem engsten Verbündeten, war auch dieser Auslandsabschnitt außerordentlich erfahrungsreich. Meine Kenntnisse über den FRA Sanitätsdienst wurden vertieft und ich konnte neue, sinnvolle und zukunftsfähige pharmazeutische Dienstleistungen kennen lernen.

Kooperationen zwischen Bündnispartnern dieser Art nehmen aufgrund der zunehmenden Globalisierung einen immer höheren Stellenwert ein. Deshalb möchte ich jedem SanOA ans Herz legen die vielfältigen Möglichkeiten im Rahmen verschiedener internationaler Abkommen bereits während der Ausbildung auszuschöpfen und den Prozess fortschreitender Internationalisierung des Sanitätsdiensts weiter aktiv zu begleiten.

Abschließend möchte ich mich bei allen involvierten Abteilungen sowie den Betreuungseinheiten bedanken und Sie motivieren uns weiterhin tatkräftig zu unterstützen.

Praktische Hinweise

Die Bedingungen und der Bewerbungsvorgang für die Ableistung von Auslandsabschnitten sind in der Zentralen Dienstvorschrift „A-1341/3 ® 6.11 Studienanteile im Ausland“ nachzulesen.

Im SanNetz sind interessante Erfahrungsberichte über bereits abgeleistete Auslandsabschnitte bzw. über die Teilnahme an unterschiedlichen internationalen Projekten zu finden.

Sehr gerne stehe ich für alle fachlichen oder auch organisatorischen Rückfragen zur Verfügung.  

Abbildungen bei Verfasserin
Nathalie Göres
E-Mail: nathi.goeres@web.de 

Datum: 21.12.2020

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