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DAS HIP LAG ZEICHEN - EIN NEUES, VERLÄSSLICHES KLINISCHES ZEICHEN ZUR DIAGNOSE DES HÜFTABDUKTORENSCHADENS IM LICHT DER DRINGLICHKEIT PRÄZISER UNTERSUCHUNGSMETHODEN IM EINSATZ

Aus dem Bundeswehrkrankenhaus Westerstede

Alexander Kaltenborn

WMM, 58. Jahrgang (Ausgabe 10-11/2014; S. 358)

Zusammenfassung:

Hintergrund

Die Wehrmedizin – insbesondere im Auslandseinsatz – ist charakterisiert durch den Spannungsbogen höchster Erwartungen an die Qualität der ärztlichen Versorgung bei limitierten Ressourcen.

Vor diesem Hintergrund scheint es umso wichtiger klinische Zeichen zu entwickeln, die zum einen ohne technische Hilfe erhebbar sind, zum anderen aber nahe an die diagnostische Verlässlichkeit eines apparativen Goldstandards heranreichen. Um zukünftig die Diagnose eines Hüftabduktorenschadens ohne Bildgebung vereinfachen zu können, wurde das in dieser Studie vorgestellte Hip Lag Zeichen entwickelt. Läsionen des M. gluteus medius bzw. minimus sind für einen Großteil des sogenannten Trochanter major-Schmerzsyndroms verantwortlich. Epidemiologische Untersuchungen konnten zeigen, dass bis zu 25 % der Bevölkerung an diesem Syndrom leiden, das sich durch Schmerzen und Spannungen über dem Trochanter major charakterisiert. 

Methoden

Das neu definierte Hip Lag Zeichen wurde nach neuesten Standards der diagnostischen Studienmethodik etabliert, überprüft und bewertet. In einem zweiten Studienabschnitt wurde das Hip Lag Zeichen kompetitiv mit dem etablierten Trendelenburg-Zeichen verglichen, welches heute als Standarduntersuchungsmethode der Hüftabduktorenfunktion angesehen wird. Es wurden 48 „Patientenhüften“ in eine verblindete, prospektive diagnostische Validierungsstudie aufgenommen. In der zur Zeit laufenden zweiten Phase der Studie konnten bisher sechs Patienten rekrutiert werden, bei denen ein Vergleich vom neuen Hip Lag Zeichen und Trendelenburg Zeichen erfolgte.
Alle Patienten wurden standardisiert untersucht und dabei das Hip Lag Zeichen klinisch ohne vorherige Kenntnis des MRT-Ergebnisses überprüft. Die Resultate dieses neuen Zeichens wurden anschließend mittels Chi²- und Mann-Whitney-U-Test mit den MRT-Ergebnissen korreliert. Die diagnostische Genauigkeit wurde anhand von Kreuztabellenkalkulationen analysiert.

Untersuchungstechnik
Zu Beginn der Untersuchung liegt der Patient in einer lateralen Position auf der Untersuchungsliege mit dem zu untersuchenden Bein oben auf. Der Untersucher steht hinter dem Patienten und positioniert seinen Arm unter das zu untersuchende Bein, um einen guten Halt der Extremität zu gewährleisten, während seine andere Hand das Becken des Patienten etwa auf Höhe der Spina iliaca anterior superior stabilisiert. Nun extendiert der Untersucher das Bein in der Hüfte des Patienten passiv um 10°, abduziert es um 20° und erzeugt soweit wie möglich eine passive Innenrotation, während das Knie des Patienten in einer flektierten Position von 45° belassen wird (Abbildung 1). Nachdem der Patient aufgefordert wurde, das gesamte Bein aktiv in dieser Position zu halten, löst der Untersucher dieses aus seinem Griff und überprüft visuell, ob sich die Position der Extremität verändert. Das Hip Lag Zeichen ist positiv zu bewerten, wenn der Patient nicht in der Lage ist, die zuvor beschriebene abduzierte, innenrotierte Position aktiv zu halten und der Fuß mehr als 10 cm Richtung Untersuchungsliege abfällt.

Ergebnisse

Ein positives Hip Lag Zeichen war statistisch signifikant assoziiert mit dem Nachweis eines Hüftabduktorenschadens in der MRT-Schnittbildgebung (p<0.001; Chi²-Test). Das Hip Lag Zeichen ist in der Lage, mit einer Sensitivität von 90 % und einer Spezifität von 97 % eine Läsion der Hüftabduktoren festzustellen. Der positive prädiktive Wert liegt bei 94 %, der negative prädiktive Wert bei 93 %. Ein diagnostisches Odds Ratio konnte bei 239 000 (95 %-Konfidenzintervall: 20.031-2827.819) mit einer statistischen Signifikanz von p<0.001 eruiert werden. Damit reicht das Hip Lag Zeichen in seiner diagnostischen Genauigkeit erstaunlich nahe an den Goldstandard, das MRT, heran. Insbesondere im Vergleich zu Daten zur Genauigkeit des weit verbreiteten Trendelenburg-Tests für die gleiche Entität ist das Hip Lag Zeichen klar überlegen. Dies wird betont durch die Ergebnisse des direkten Vergleichs der beiden klinischen Zeichen. Hierbei hat das Hip Lag Zeichen eine Sensitivität von 100 % gezeigt, wohingegen das Trendelenburg-Zeichen in nur 60 % der Fälle richtig positiv war. Noch dazu ist das Hip Lag Zeichen schnell, ohne jegliche technische Hilfsmittel und mit verlässlicher Aussagekraft auch bei unterschiedlichen Untersuchern reproduzierbar; dies konnte mit Hilfe der Kappa-Statistik (0,911) gezeigt werden.

Schlussfolgerung

Das neue Hip Lag Zeichen besitzt eine hohe diagnostische Zuverlässigkeit. Durch das Fehlen anderer Optionen im Umfeld begrenzter diagnostischer Möglichkeiten, sei es im Auslandseinsatz oder in abgelegenen Regionen und Entwicklungsländern, hat die Anwendung solider klinischer Tests weitreichende Konsequenzen.

Abb. 1: Das Hip Lag Zeichen

Datum: 27.11.2014

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2014/10-11