VLEP2 – Patientendekontamination
Artikel: M.-Th. Pfalzgraf, M. Rizzoli, K. Kehe u. R. Wölfel

VLEP2 – Patientendekontamination

Der vorgeschobene leichte Entstrahlungs-, Entseuchungs- und Entgiftungsplatz

Aus dem Direktorat Wehrmedizinische Wissenschaft und Fähigkeitsentwicklung Sanitätsdienst (Direktor: Generalarzt Dr. H.-U. Holtherm) der Sanitätsakademie der Bundeswehr (Kommandeurin: ­Generalstabsarzt Dr. G. Krüger)

PhotoAbb. 1: Gemeinsamer Einsatz von Sanitätspersonal und ABC-Abwehrkräften im VLEP2-Ansatz. (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr / Wölfel) Aktuelle Bedrohungen, wie der Einsatz von Chemiewaffen bei Konflikten im Nahen Osten, aber auch die Vorbereitung auf Einsätze im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung, stellen den Sanitätsdienst der Bundeswehr vor neue Herausforderungen. Dabei müssen betroffene Patienten auf allen Ebenen der Rettungskette rasch dekontaminiert und gleichzeitig notfallmedizinisch stabilisiert werden können, bevor sie weiter behandelt werden.

Für diese Aufgabe verfügt der Sanitätsdienst der Bundeswehr derzeit über sechs Landgestützte Patienten-Dekontaminationseinrichtungen. Diese sind für einen Einsatz vor medizinischen Behandlungseinrichtungen der Ebene 2 und höher vorgesehen. Entsprechend der Maxime des Sanitätsdienstes und basierend auf NATO-Vorgaben muss allerdings jede Sanitätseinrichtung die Fähigkeit zur Patientendekontamination vorhalten können. Unterhalb der Ebene 2, insbesondere für eine unmittelbare Unterstützung von hochmobil operierenden Spezialkräften oder Kampfmittelabwehrkräften, sind die derzeit verfügbaren Patienten-­Dekontaminationseinrichtungen des Sanitätsdienstes aufgrund ihres benötigten Material- und Personalumfangs und ihrer eingeschränkten Mobilität nur bedingt geeignet.

In Kooperation mit den Kräften der ABC-Abwehr hat der Sanitätsdienst daher eine neue, leichte Aufbauvariante der Landgestützten Patienten-Dekontaminationseinrichtung, basierend auf vorhandenem Material und Personal, konzipiert. Diese erfüllt die Anforderungen an ein leichtes, schnellverlegbares System, in welchem sowohl Patienten, als auch unversehrtes, kontaminiertes Personal und persönliche Ausrüstung unter minimalem Kräfte­einsatz dekontaminiert werden können.

PhotoAbb. 2: VLEP2- Aufbau im Übungseinsatz in Kanada (Abb.: Sanitätsdienst Bundeswehr / Voßen) Dieser „vorgeschobene leichte Entstrahlungs-, Entseuchungs- und Engiftungsplatz für Patienten und Personal“ (VLEP2) besteht aus zwei Modulen, die zum reibungslosen Ablauf jeweils ein Team aus nur sieben Personen benötigen. Für die Patientendekontamination (VLEP San) wird das Modul allein durch Sanitätspersonal betrieben, wobei zwei Notfallsanitäter die notfallmedizinische Versorgung sicherstellen. Bis zu drei schwerverletzte, kontaminierte Patienten können damit sowohl dekontaminiert, als auch notfallmedizinisch behandelt und für den weiteren Transport stabilisiert werden. Ein Team aus ebenfalls sieben ABC-Abwehrsoldaten stellt im zweiten Modul (VLEP ABC) die Dekontamination von Personen und Material sicher.

Beide Module können sowohl parallel nebeneinander, als auch zusammengeführt als VLEP2 betrieben werden. Hierbei gewährleistet ein Team aus drei Soldaten der ABC-Abwehr und vier Soldaten des Sanitätsdienstes (inklusive zwei Notfallsanitätern) gemeinsam das umfangreiche Spektrum an Verwundeten-, Personal- und Materialdekontamination. Je nach Klima- und Umweltbedingungen sollen die Module zukünftig durch ein Zelt- bzw. Klimasystem angepasst werden können.

Das hochmobile, leichte Konzept erfordert nur wenig Transportraum und kann durch das betreibende Personal selbst aufgebaut werden. Es ist innerhalb von 30 - 40 Minuten einsatzbereit und benötigt nur eine kleine Betriebsfläche von etwa 10 m auf 20 m. Dadurch ist es für den mobilen Einsatz nahe am Schadensort hervorragend geeignet. Der kontaminierte Patient profitiert dadurch von einer frühzeitigen Dekontamination und einer qualifizierten medizinischen Erstversorgung. Im Rahmen des weiteren Patiententransports wird zudem das Risiko einer Kontamination der Transportmittel umgangen. Der Lufttransport (MEDEVAC) wird dadurch ermöglicht.

PhotoAbb. 3: Versorgung eines kontaminierten Patienten durch VLEP2-Personal. (Abb.: Sanitätsdienst Bundeswehr / Wölfel Der VLEP2 wurde auf der NATO Live Agent Übung Precise Response 2017 und 2018 gemeinsam mit Soldatinnen und Soldaten des Sanitätslehrregiments aus Feldkirchen und des ABC-Abwehrbataillons aus Höxter erprobt. Hierbei wurden in gemischten Teams sowohl medizinische Szenare dargestellt, als auch dem laufenden Personal- und Material- Dekontaminationsauftrag der Übung nachgegangen. Die gemischten Dekontaminationsteams wurden mit unterschiedlichen medizinischen Patientenlagen konfrontiert. Diese umfassten traumatische und internistische Krankheitsbilder sowie C-Kampfstoffverwundungen und Kontaminationen mit Nervenkampfstoffen, S-Lost, Schwefelwasserstoff und Cyaniden. Je nach Patientenaufkommen konnte die Dekontamination von Patienten und Personal auch parallel durch­geführt werden.

Insgesamt hat sich im Verlauf der Erprobungen gezeigt, dass der VLEP2 für das beabsichtigte Einsatzspektrum eine geeignete Einrichtung zur Dekontamination von Patienten, Personal und Material ist. Er erweitert das Fähigkeitsspektrum des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Ein Initiativantrag zur raschen und breiten Einführung dieses System für alle Sanitätsregimenter des Sanitätsdienstes der Bundeswehr wurde erstellt und befindet sich derzeit in der Umsetzung im Rahmen des Rüstungsprozesses. 

Für die Verf.:
Oberstabsarzt
Dr. Marie-Theres Pfalzgraf
Sanitätsakademie der Bundeswehr
Abteilung F Medizinischer ABC-Schutz
Ingolstädter Str. 240, 80939 München
E-Mail: marietherespfalzgraf@instmikrobiobw.de 

Datum: 30.10.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 3/2019