Neue Wege der flugmedizinischen Ausbildung für den Patientenlufttransport
Artikel: A. Höpner

Neue Wege der flugmedizinischen Ausbildung für den Patientenlufttransport

Aus dem Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe, Köln (Leiter: Generalarzt Prof. Dr. ­Raphael Schick)

Der qualifizierte Patientenlufttransport (Aeromedical Evacuation – AE) ist als Bindeglied in der Rettungskette auch zukünftig ein unverzichtbarer Faktor zur Erzielung des bestmöglichen Behandlungserfolges im Sinne der Maxime der sanitätsdienstlichen Versorgung.

Die sich in den letzten Jahren abzeichnende Entwicklung von großen Einsatzkontingenten mit entsprechend dimensionierten Sanitätseinrichtungen hin zu kleineren, weiter dislozierten Komponenten – mit qualitativ teils weniger umfangreicher sanitätsdienstlicher Unterstützung – stellt auch den Aufgabenbereich AE vor Herausforderungen. So werden zukünftig Patienten mit vor dem Transport nicht herzustellender optimaler Lufttransport­fähigkeit geflogen werden müssen oder auch kurz vor dem Flug oder gar während desselben rettungsmedizinisch und gegebenenfalls sogar notfallchirurgisch zu behandeln sein.

Hinzu tritt die Notwendigkeit, auch in Szenaren der Landes- und Bündnisverteidigung, ggf. mit hohen Zahlen an Verwundeten, bestehen zu können. Einzelne Flüge in der Vergangenheit, wie nach dem Tsunami in Südostasien und dem Busattentat in Afghanistan oder auch dem wiederkehrenden Transport ukrainischer Verwundeter nach Deutschland lassen diese Herausforderungen im Ansatz erkennen.

Anforderungen an das Personal

PhotoA400M in AE-Konfiguration AE stellt eine besondere und missionskritische Einsatzform dar, da das entsprechende Sanitätspersonal die notwendigen Maßnahmen in einer fordernden und mitunter gefährlichen Umgebung ausübt. Die Fähigkeiten dieses Sanitätspersonals haben entscheidende Auswirkungen auf das Behandlungsergebnis der Patienten.

Dabei sind die Anforderungen an das Sanitätspersonal auf den unterschiedlichen Luftfahrzeugen mindestens ebenso unterschiedlich wie die fliegenden Plattformen selbst. Grundsätzlich gilt, dass je taktischer das Lufttransportmittel ist, desto eingeschränkter die Möglichkeiten aber auch die Notwendigkeit der umfassenden medizinischen Behandlung sind. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass je strategischer der Patientenlufttransport ist, umso weniger Flexibilität hinsichtlich spontaner Reaktion auf Veränderungen des Zustandes des einzelnen oder auch mehrerer Patienten besteht. Während also bei einem Patiententransport im Hubschrauber mit kurzen Flugzeiten und der Möglichkeit zum relativ spontanen Wechsel der anzufliegenden Behandlungseinrichtung auch eine Verschlechterung des Patienten kompensiert werden kann, besteht diese Möglichkeit im strategischen Patientenlufttransport (Strategic Aeromedical Evacuation – StratAE) nicht ohne weiteres. 

Daher sind die möglichst optimale Lufttransportfähigkeit und damit ein umfassendes Bild zum Zustand des Patienten essentiell, bevor diesem die zusätzliche Belastung eines mehrstündigen Fluges zugemutet werden kann. Es ist zu berücksichtigen, dass insbesondere der Lufttransport auf der Langstrecke immer mit Belastungen für den Patienten einhergeht, die sich in den meisten Fällen negativ auf den Zustand des Patienten auswirken und somit das begleitende Sanitätspersonal hinsichtlich seiner medizinischen Fähigkeiten fordert. Der Einfluss des Luftdrucks auf die Sauerstoffsättigung ist auch bei modernen Verkehrsluftfahrzeugen immer noch ein nicht zu unterschätzender Faktor bezüglich der Oxygenierung des Gewebes, egal ob es durch Trauma oder Erkrankung geschädigt ist und bedarf der Berücksichtigung im Rahmen der therapeutischen Maßnahmen.

Im Patientenlufttransport vom Ort des Geschehens in die erste aufnehmende Behandlungseinrichtung (Forward Aeromedical Evacuation – FwdAE) stellen sich ganz andere Herausforderungen. Grundsätzlich trifft das Sanitätspersonal, ausgestattet mit den spärlichen Informationen des Notrufes oder des sogenannten „Nine-Liners“, auf einen weitgehend unversorgten Patienten. In dieser Phase werden höchste Anforderungen an das rettungsmedizinische Personal gestellt. Schnelle Einschätzung des Patienten, Kontrolle und Erhalt der lebenswichtigen Körperfunktionen sowie ein rascher Transport sind nun erforderlich. Gleichzeitig ist die taktische Lage am Ort des Geschehens extrem wichtig für die erfolgreiche Durchführung des Einsatzes. 

Unabdingbar ist das Zusammenwirken mit den Kräften am Boden, ganz gleich, ob es sich um zivile Rettungskräfte, militärische Sicherungskräfte oder gar im Kampf stehende Einheiten handelt. Eine Gefahrenlage besteht ohnehin in vielen Fällen – die Unfallstelle an sich, eine mögliche Gefechtssituation und nicht zuletzt das operierende Luftfahrzeug mit schnell drehenden Rotorteilen und heftigen Abwinden bei sehr eingeschränkter Kommunikation sind Gefahrenquelle, die das Sanitätspersonal in seinen Handlungen maßgeblich bestimmen. Hier gilt „Survive to operate“ – Selbst- und Eigenschutz ist unerlässlich, um die medizinischen Maßnahmen durchführen zu können. In Ausnahmefällen muss der Hubschrauber sogar die Landezone verlassen. Das Sanitätspersonal wäre dann gezwungen, Patienten für eine unbestimmte Zeit unter einfachsten Verhältnissen, auf sich allein gestellt, zu versorgen.

Der taktische Patientenlufttransport (Tactical Aeromedical Evacuation – TacAE) innerhalb eines Einsatzgebietes, meistens mit taktischen Luftfahrzeugenwie der C-160 Transall aber auch dem mittleren Transporthubschrauber CH-53, ist hinsichtlich seiner Anforderungen an das Sanitätspersonal zwischen StratAE und FwdAE einzuordnen.

Weiterentwicklung der fliegenden Plattformen

Auch die fliegenden Plattformen und die zumeist multinationalen Konzepte zum Betrieb und Einsatz dieser Luftfahrzeuge haben sich längst weiterentwickelt. Die Bundeswehr verfügt mit den Luftfahrzeugen NH-90 und A400M bereits über neue Transporthubschrauber und Transportflächenflugzeuge, die höhere Anforderungen an Zulassung und Betrieb stellen und damit Einfluss auf die Auswahl, die Ausbildung und das Vorhalten des begleitenden Sanitätspersonals haben.

Weitere Systeme befinden sich in Planung und Beschaffung, wie z. B. A330, der in der Multinational MRTT (Multi Role Tanker Transport) Fleet (MMF) betrieben werden wird, und dadurch die Notwendigkeit eines gemeinsamen Einsatz- und Ausbildungskonzept der MMF Partnernationen deutlich macht.

Europäischer Vergleich: assigniertes Personal für AE ist Standard

In Deutschland wird das AE-Personal bei Bedarf weitgehend ohne Assignierung aus dem gesamten Sanitätsdienst der Bundeswehr rekrutiert. Dagegen sind in den meisten europäischen Partnernationen assignierte AE-Kräfte ausgebracht, die in entsprechenden Einheiten, z. B. der spanischen Unidad Médica de Aeroevacuación (UMAER), zusammengefasst sind. Großer Vorteil dabei ist, dass diese deutlich nachhaltiger ausgebildet und trainiert werden können, als im deutschen System möglich ist.

Neuordnung der flugmedizinischen Ausbildung

Aus den dargestellten Rahmenbedingungen des Einsatzes von Sanitätspersonal im Patientenlufttransport wurde bereits vor Jahren deutlich, dass eine Änderung des Ausbildungskonzeptes der flugmedizinischen Ausbildung für AE-Personal dringend notwendig war.

Bis 2017 wurde das Sanitätspersonal, teilweise unterteilt nach Anästhesie-Personal und rettungsmedizinischem Sanitätspersonal, getrennt ausgebildet. Im Rahmen einer flugphysiologischen Ausbildung, die für alle Luftfahrzeugbesatzungen vorgeschrieben ist, wird zunächst im Flugmedizinischen Ausbildungszentrum des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin in Königsbrück die Höhenphysiologie mit dem ­Einfluss des Luftdrucks auf die Sauerstoffsättigung im Blut vermittelt. Eine Sauer­stoffmangel-demonstra­tion in der Höhen- und Klimasimulationskammer ist obligat, um den Besatzungsangehörigen, zu denen auch das mitfliegende Sanitätspersonal gehört, die individuellen Symptome zu vermitteln, die z. B. bei einem schleichenden Druckverlust in großer Höhe auftreten können. Für das Sanitätspersonal ist es zudem essentiell zu lernen, wie die medizinische Ausrüstung auf die unterschiedlichen Druckverhältnisse reagiert. Aufgrund der eingeschränkten Verfügbarkeit des Sanitätspersonals des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr mit seiner Bindung in seinen originären Aufgaben der Gesundheitsversorgung ist die Verpflichtung zur wiederkehrenden Ausbildung im Rahmen einer vertretbaren Ausnahmeregelung entfallen.

Das bis 2017 durchgeführte Basistraining „Grundlagen Aeromedical Evacuation für medizinisches Personal“ mit einer Dauer von zehn Ausbildungstagen wurde umfassend geändert. Bis dato wurden in diesem Training alle Einsatzformen des Patientenlufttransportes von StratAE über TacAE bis FwdAE ausgebildet. Unter optimalen Bedingungen, also der Verfügbarkeit von Luftfahrzeugen und Flugstunden, wurden auf C-160 Transall, CH-53 und dem A310 Gewöhnungsflüge durchgeführt. In der letzten Phase des Trainings, kurz vor Änderung der Trainings, kam es meistens zu einem Gewöhnungsflug C-160 von Penzing nach Manching, wo in einem Rendezvous der A310 im Rahmen einer Bodenausbildung demonstriert und im günstigsten Fall ein Beladevorgang mit Patienten vermittelt und ansatzweise geübt wurde.

Mit Einsatz der Hubschrauber CH-53 und später auch des NH 90 in Afghanistan entstand die unabweisbare Notwendigkeit der Intensivierung und Spezifizierung der Ausbildung. Mit dem bis dato durchgeführten relativ unspezifischen Basistraining, das aber auf die Flächenluftfahrzeuge in der Rolle StratAE fokussierte, wurden in den betreffenden Hubschraubertransportverbänden der Luftwaffe und des Heeres erste luftfahrzeugspezifische Ausbildungen beim Hubschraubergeschwader 64 in Laupheim und dem Transporthubschrauberregiment 10 in Faßberg als Truppenausbildung durchgeführt. Das bedeutete, dass Einsatzverbände von den Inhalten der Ausbildung über die Ausbildungsorganisation bis hin zur Dokumentation alles selbst entwickelten und durchführten. Der Erfolg dieser mit unglaublich viel Engagement und Idealismus entwickelten Ausbildungen war der Katalysator für die Neuordnung der flugmedizinischen Ausbildung für Sanitätspersonal im Patientenlufttransport.

Beginnend ab 2017 wurden in den Lufttransportverbänden der Luftwaffe unter Leitung und Koordination des Internationalen Flugmedizinischen Ausbildungs- und Trainingszentrums der Fachgruppe III 2 des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe sukzessive luftfahrzeugspezifische, modular aufgebaute trainingsgestütze Ausbildungen eingerichtet, die das auszubildende Sanitätspersonal im Team an ihre zukünftige Rolle auf dem jeweiligen MedEvac-Luftfahrzeug vorbereiten sollten. Die enge Verzahnung des medizinischen Personals mit den fliegenden Besatzungen direkt in den Verbänden erfüllte alle Aspekte, die heute mit Begriffen „train as you fight“ oder Kohäsionsausbildung verbunden werden. Höchste Akzeptanz beim auszubildenden Sanitätspersonal vom medizinischen Assistenzpersonal bis zum Facharzt für Anästhesie, die Evaluierung der AE-Einsatzflüge und die Rückmeldung von den fliegenden Besatzungen stellten den Erfolg dieser schon lange notwendig gewordenen Intensivierung und Spezifizierung der Ausbildung dar. Mittlerweile sind Ausbildungsmodule für die Luftfahrzeuge C-160 Transall, A310, A400M und CH-53 etabliert. Dabei steht im Vordergrund die Fähigkeit zu vermitteln, die vorausgesetzten medizinischen Kompetenzen an Bord und im Umfeld der jeweiligen fliegenden Plattform möglichst optimal zur Wirkung zu bringen und dabei die Flugsicherheit als eigene Lebensversicherung und für die Besatzung zu verstehen.

In der modularen flugmedizinischen Ausbildung wurde zudem SERE (Survival, Evasion, Resistance, Extraktion) obligat, um in einem Minimalumfang den Überlebensausbildungen der fliegenden Besatzungen zu entsprechen. Nach einer Übergangsfrist wird die mittlere Ausbildungshöhe B von allen medizinischen Besatzungsangehörigen gefordert werden.

Zukünftig wird die sich ebenfalls verändernde Ausbildung auf NH-90 in Zuständigkeit des Heeres mit der flugmedizinischen Ausbildung für Sanitätspersonal synchronisiert, so dass ein abgestimmtes und durchgängiges, streitkräftegemeinsames Ausbildungskonzept unter der fachlichen Zuständigkeit des Generalarztes der Luftwaffe entstanden sein wird.

Auf Grundlage dieser Basisausbildung sind weitere Ausbildungsgänge in Pilotphasen eingetreten oder befinden sich in Vorbereitung. Die Ausbildung der Medical Directors und Medical Crew Chiefs der Flächenflugzeuge wird ebenso standardisiert werden, wie die des Personals für den Lufttransport hochkontagiöser Patienten. Luftgestützte, zumindest aber luftmobile Notfall­chirurgie-Teams (Forward Surgical Elements – FSE oder Special Operations Surgical Teams – SOST) werden eine weitere Gruppe von Bedarfsträgern für die flugmedizinische Ausbildung von Sanitätspersonal werden.

Nicht zuletzt ist die neugeordnete flugmedizinische Ausbildung für AE-Sanitätspersonal bereits so angelegt, dass sie auch für andere Partnernationen geöffnet ist. Die multinationale Zusammenarbeit in der MMF, mit der Stationierung eines A330 in MedEvac-Konfiguration in Köln, wird der Startschuss für ein fest etabliertes europäisches luftfahrzeugspezifisches AE-Training werden. 

Allen diesen Bedarfsträgern gemeinsam ist aber die Notwendigkeit der Assignierung des Personals, um die Kompetenzen, die in einer hochspezifischen und komplexen Ausbildung vermittelt wurden, auch durch ständige Einsätze, Übungen und Inübunghaltung zu erhalten.

Fazit

Tiefgehende Ausbildung und intensives Training der medizinischen und fliegerischen Besatzungen sind neben der adäquaten Ausstattung sowie einer umfassenden und detaillierten Einsatzplanung auf Grundlage wissenschaftsbasierter Verfahren und Konzepte unabdingbare Voraussetzungen für hochqualifizierte Patientenlufttransporte.

Die Konsolidierung und Weiterentwicklung der flugmedizinischen Ausbildung in der fachlichen Zuständigkeit der Luft- und Raumfahrtmedizin und mithin des Generalarztes der Luftwaffe wird diesen Herausforderungen umfassend Rechnung tragen. 

Abbildungen: bei Verfasser

Verfasser:
Oberstarzt Dr. Axel Höpner
Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung
Schloss Oranienstein
65582 Diez
E-Mail: AxelericvolkerHoepner@bundeswehr.org 

Datum: 29.07.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2019