Der Lufttransportstützpunkt der ­Luftwaffe in Niamey, Niger
Artikel: Ch. Fiedler

Der Lufttransportstützpunkt der ­Luftwaffe in Niamey, Niger

Aus der Fachgruppe III 1 des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe, Köln/Fürstenfeldbruck (Leiter: Generalarzt Prof. Dr. R. Schick)

„Wir sind ein kleiner und feiner – aber aufstrebender Lufttransportstützpunkt“ so die einleitenden Worte von Oberstleutnant G., dem Leiter des Lufttransportstützpunktes in NIAMEY, Niger in der Eingangsunterrichtung zum Einsatzbeginn der neuen Soldatinnen und Soldaten. Die 72 Soldatinnen und Soldaten, davon 20 Kameradinnen und Kameraden mit sanitätsdienstlicher Ausbildung, finden sich zügig in die bestehenden Strukturen ein und der Routine-Dienstbetrieb kann beginnen.

PhotoDie PTE 1 (Patiententransporteinheit) bereit für einen Patienten und gut gerüstet für die intensivmedizinische Versorgung Mitte 2016 startete der Einsatz in Niamey in Zelten der Franzosen – zunächst waren nur ein paar Soldaten und Soldatinnen neben Crew und MedEvac Besatzung vor Ort – jetzt, zwei Jahre später mit etwas über 70 Soldatinnen und Soldaten, ist ein modernes Lager mit zwei Unterkunftsgebäuden, einem Stabsgebäude sowie Betreuungs-, Sport- und Marketendergebäude entstanden. Die sanitätsdienstliche Versorgung am Boden wird durch den Beratenden Sanitätsoffizier samt BAT (Beweglicher Arzt Trupp) und CSU (casual ­staging unit, hier können Patienten vor Übergabe an das StratAirMedEvac-­Luftfahrzeug vorübergehend stabilisiert und behandelt werden) gewährleistet. Die fliegenden Besatzungen werden vom Fliegerarzt und seinem flugmedizinischen Assistenten betreut. Die Truppenküche wird durch die Franzosen bewirtschaftet und schafft es immer, ein leckeres Mahl auf den Tisch zu bekommen.

Die C-160 Transall ist der Garant für den Patientenlufttransport im größten Einsatzgebiet der Bundeswehr. Stationiert ist die MedEvac-Maschine in Niamey, der Hauptstadt des Niger. Mit über einer Million Einwohner die größte Stadt eines der ärmsten Länder der Welt. Als Dreh- und Angelpunkt der Sahelzone südlich der Sahara in Westafrika ist Niamey der ideale Ort für einen Lufttransportstützpunkt. Die Sicherheitslage erlaubt es, in Niamey ungeschützte Flugzeuge wie den Airbus A-310 oder den A-400M für den Strategischen Patientenlufttransport zurück in die Heimat landen zu lassen.

Das Einsatzgebiet der C-160 Transall erstreckt sich vom Westen Malis bis in den Tschad und von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, bis nach Tessalit mitten in der Sahara. Die Entfernungen zu den deutschen Kräften von EUTM-Mali und MINUSMA wie auch den verbündeten Kräften, vor allem aus Frankreich, sind ideal für die C-160 Transall. In gut einer Stunde ist man in Gao und in zweieinhalb Stunden in Bamako. Als Back-up dient eine zweite C-160 Transall, die regelmäßig Transportflüge für das Deutsche Einsatzkontingent und auch für die Verbündeten Nationen durchführt.

Der Patientenlufttransport ist wesentlicher Bestandteil der Rettungskette, der Patient steht bei allen an erster Stelle. Egal ob Obergefreiter oder Oberst – egal ob Franzose, Deutscher oder Niederländer – jeder Patient ist an Bord willkommen und die gesamte Crew versucht den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.

PhotoDer Blick in den Rumpf der C-160 Transall, im hinteren Bereich „Litter- Kit“ ist Platz für 7 Personen mit leichten Verletzungen Sind die Soldaten und Soldatinnen im Einsatz gesund, ist es auch für die MedEvac-Besatzungen ruhig. Der Einsatz ist aber gleichzeitig auch die Gelegenheit, all das gewinnbringend einzusetzen, was bis hierhin immer wieder trainiert und professionalisiert wurde. Der grundsätzliche Ablauf eines MedEvac-Einsatzes ist allen Beteiligten klar, jeder ist Spezialist in seinem Arbeitsbereich. Diesmal sollen zwei Patienten so schnell wie möglich nach Deutschland repatriiert werden – die C-160 Transall in Niamey dient dabei als Transportmittel innerhalb des Einsatzgebietes MINUSMA und als Zubringer zum Strategischen Patientenlufttransport zwischen dem Einsatzgebiet MINUSMA und Deutschland. Zwei Stunden vor Abflug wird über alle Abläufe im ­Zusammenhang mit dem Einsatzflug gebrieft – fliegende und medizinische Crew natürlich zusammen. Direkt vor dem Abflug wird alles überprüft, Checklisten werden abgearbeitet und letzte Fragen geklärt. Dem als Medical Director (MD) eingesetzten Fliegerarzt obliegt die Verantwortung für die Ablauforganisation des medizinischen Anteils unter besonderer Berücksichtigung der flugmedizinischen Besonderheiten. Der Medical Crew Chief (MCC) ist für Organisation und Koordination der Medical Crew verantwortlich und unterstützt dabei den Medical Director. Sobald es losgehen kann, übermittelt der MCC das „Go“ ins Cockpit. Immer zur Stelle ist der Medizintechniker, der für die Einsatzbereitschaft der Medizingeräte verantwortlich ist.

Während eines AirMedEvac Einsatzes führt der Medical Director (MD), der gleichzeitig der Fliegerarzt für den Einsatz MINUSMA ist, die Medical Crew, bestehend aus bis zu 11 Personen, unterstützt vom MCC, dem „Spieß“ an Bord. Für die Schwerstverletzten stehen zwei PTE’s (Patienten-Transport-Einheiten, „Intensivplätze“) zur Verfügung; hier ist der Anästhesist mit seinem Team, bestehend aus einem Fachpfleger und zwei Notfallsanitätern, zuständig. Der sogenannte „Litterkit-Bereich“ mit sieben NATO-­Tragen für Patienten, die keiner intensivmedizinischen Betreuung bedürfen, wird von einem erfahrenen Notfallsanitäter in der Funktion „Führer Litterkit-Bereich“ geleitet. Dieser unterstützt nicht nur die 4 Notfallsanitäter in seinem Bereich, sondern ist auch für die Koordination des Be- und Entladens der Patienten verantwortlich.

Nach Ankunft am Abholort werden die Patienten übernommen, gut gesichert und weiter geht’s – keine Zeit ist zu verlieren, denn in Niamey wartet schon das Luftfahrzeug für den Strategischen Patientenlufttransport – diesmal ein Airbus A310, um die Patienten nach Deutschland zurück zu bringen.

In der Luft läuft diesmal nicht alles glatt – ein Patient bekommt Reiseübelkeit und muss sich mehrfach übergeben und eine zweite Patientin reagiert allergisch auf ein Medikament, das sie gegen die Schmerzen bekommen hat – jetzt heißt es situationsgerecht handeln. Doch alles geht gut – die Übelkeit ist unverzüglich behoben und die allergische Reaktion schnell im Griff. Das Flugprofil ist an die Bedürfnisse der Patienten und an die Sicherheitslage angepasst, die Landung in Niamey ist sanft und schonend.

Im tail-to-tail Verfahren werden die Patienten direkt von Luftfahrzeug an Luftfahrzeug übergeben, weiter versorgt und nach Deutschland verbracht. Für die gesamte Crew der C-160 beginnt nun das Aufräumen – ganz nach dem Motto – erst Material, dann Personal. Zu guter Letzt wird das Debriefing gemacht, lessons identified aufgenommen, um das nächste Mal noch besser zu sein. 

Nach anstrengenden 5 Stunden sind alle froh, dass es diesmal doch nur eine Übung war und die Patienten nicht wirklich erkrankt waren.

Solch ein Trainingsflug findet regelmäßig einmal pro Woche statt, um allen Crew-Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, ihre Rolle an Bord zu finden und auch mal in eine andere Funktion zu schlüpfen, um im Notfall auch für den Anderen einspringen zu können. 

Nach nunmehr 30 Monaten Einsatz wurden 41 scharfe Einsätze mit insgesamt 71 Patienten durchgeführt. Dazu kommen zahlreiche Trainingsflüge, um auch bei wechselndem Personal stets höchste Qualität im Sinne einer optimalen Patientenversorgung zu leisten. 

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Verfasser
Oberstabsarzt
Dr. med.Christian Fiedler
Klinik HNO
Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz
Rübenacher Str. 170, 56072 Koblenz
Christian7fiedler@bundeswehr.org 





Datum: 08.07.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2019