Diagnose: Fischgräte, subkutan –  Famulatur im Militärkrankenhaus ­Clermont-Tonnerre Brest im Sommer 2018
Artikel: L. M. Schonhart

Diagnose: Fischgräte, subkutan – Famulatur im Militärkrankenhaus ­Clermont-Tonnerre Brest im Sommer 2018

Aus dem Bundeswehrkrankenhaus Berlin (Kommandeur: Admiralarzt Dr. K. Reuter)

„Sie nehmen seinen kleinen Kopf, halten ihn mit beiden Händen fest und holen mit dem Holzhammer aus. Der muss genau in der Mitte mit viel Kraft aufkommen, sonst bricht er nicht auf.“ Was sich anhört wie ein mittelalterliches Verfahren der Trepanation, ist in der Bretagne die Anleitung zu einem der feinsten Köstlichkeiten, die der westlichste Zipfel Frankreichs für den Gourmet bereithält: Taschenkrebs, vorgegart mit Pellkartoffeln und Dip.

PhotoAbb. 1: Brest, Brücke
Von dem handwerklich deutlich geschickteren Kellner werde ich in die hohe Kunst des Krebseknackens eingeführt. Ich lasse die harten Schalen des gekochten Krustentiers durch den ganzen Raum spritzen. Zum Glück tragen wir alle eine Schürze in den Farben des Restaurants, le Crabe Marteau.

Zwischen aufgehäuften Schalenbergen sitze ich also neben médecin-­chef Général M MACAREZ, dem Chefarzt des kleinen Militärkrankenhauses in Brest, der Hauptstadt der Bretagne und der Leiterin der réanimation hier vergleichbar mit einer Notaufnahme und Poliklinik Colonel MME LE COAT.

Wie komme ich nun dazu im Hafen von Brest Krabben zu knacken? 

PhotoAbb. 2: Pointe Saint-Mathieu Seit Jahren besteht zwischen dem französischen und deutschen Sanitätsdienst eine enge Freundschaft und Kooperation. Frankreich ist nicht nur wegen geografischer Nähe und trotz historischen Ereignissen ein enger Verbündeter Deutschlands geworden. Auf politischer Ebene sowie auf militärischer wird eng kommuniziert und kooperiert. Gemeinsame Einsätze wie in Mali oder auf dem Mittelmeer (SOPHIA) verbinden. In Mali ist Frankreich mit rund 4500 Soldaten in ihrem größten Auslandseinsatz in Barkhane vertreten. Deutschland hat seit 2016 eine Verstärkung auf bis zu 1100 Soldaten durch den Bundestag und eine Mandatsverlängerung bis 31. Mai 2019 für den Blauhelmeinsatz MINUSMA beschlossen.

Die zwei Nationen verbindet viel, umso wichtiger ist der Austausch zwischen den medizinischen Institutionen und Krankenhäusern, um auch in Zukunft diese Verbindung aufrechtzuhalten.

Für eine Famulatur standen mir als SanOA alle neun Militärkrankenhäuser in Frankreich zur Auswahl. Jedes Bundeswehrkrankenhaus pflegt eine Partnerschaft mit einem Krankenhaus der französischen Streitkräfte. Das BwKrhs Berlin, meine Stammeinheit ist verpartnert mit dem Militärkrankenhaus HIA Percy im Pariser Umland. Trotzdem habe ich mich für das Krankenhaus in Brest entschieden. Es ist eines der kleinsten, aber die Bretagne, die französischen Kameraden vor Ort und die Stadt selbst haben die ein oder andere Überraschung bereitgehalten und mich die Wahl nicht bereuen lassen.

PhotoAbb. 3: Das ärztliche Personal der Notaufnahme Brest liegt am westlichsten Zipfel der Bretagne, geschützt in der Rade de Brest, der Bucht von Brest an der Atlantikküste. Der Hafen der rund 140 000 Einwohner zählenden Stadt ist einer der wichtigsten Frankreichs. Durch die strategisch günstige Lage, den Schutz der Bucht und gleichzeitigem Überblick über ein großes Seegebiet war Brest besonders in den Weltkriegen ein stark umkämpfter Ort. Die Stadt ist der an den Vereinigten Staaten nächstgelegenste Punkt Kontinentaleuropas, weswegen sie bereits im Ersten Weltkrieg ein wichtiger Nachschubhafen der US-Truppen war. Nach der Einnahme durch die Wehrmacht 1940 diente Brest den Deutschen als einer der wichtigsten Stützpunkte am Atlantikwall, und wurde zur „Festungsstadt“ ernannt, um die nach der Landung der Alliierten in der Normandie und der anschließenden 43 tägigen Belagerung erbittert gekämpft wurde. Die Zerstörung der alten charmestiftenden Gebäude sieht man der in der Nachkriegszeit am Reißbrett entworfenen Stadt heute noch an. Der Pont Navale, der militärische Teil des Hafens, ist jetzt Stützpunkt der französischen Atlantikflotte und Heimat­hafen der vier strategischen Atom-U-Boote Frankreichs, die mit (nuklearen) Interkontinentalraketen ausgestattet sind. Der zivile Hafen ist für die kommerzielle Fischerei und Handelsschifffahrt nach wie vor wichtiger Anlaufpunkt und Umschlagpunkt.

Es wartete also eine spannende Stadt auf mich. Ein paar Wochen zuvor habe ich in Berlin nach Beginn der Semesterferien meinen Koffer für den Aufenthalt in Frankreich gepackt. Dass es die Möglichkeit einer Famulatur in einem der Militärkrankenhäuser in Frankreich gibt, war noch nicht lange bekannt, da war mir klar: Ich will mein Schulfranzösisch endlich für etwas mehr nutzen als die Croissantbestellung im Urlaub. Die Kommunikation und Bewerbung lief über meine Ansprechpartnerin, die deutsche Verbindungsoffizier in Paris, zu der Zeit Frau OTA Dr. ­Niggemeier-Groben. 

Nachdem es eine Kommandierung und Unterkunft im Krankenhaus für mich gab, habe ich mich die vielen Kilometer von Berlin nach Brest aufgemacht und wurde sehr herzlich in Empfang genommen. Ich wurde direkt in Begleitung der Leiterin der Notaufnahme und des stellvertretenden Chefarztes durch das Krankenhaus geführt.

Das Hôpital d’Instruction des Armées Clermont-Tonnerre Brest ist zwar eines der kleineren der neun Militärkrankenhäuser, die der französische Sanitätsdienst landesweit betreibt, bildet aber viele Abteilungen ab.

PhotoAbb. 4: Der Chefarzt des HIA Brest und die Leiterin der Notaufnahme bei der Verabschiedung Die Franzosen sind in Deutschland bekannt für ihr Talent zu genießen. Das gilt nicht nur für die vorzüglichen Speisen und den Wein, sondern auch für die Ferien. Zu meiner Zeit im Krankenhaus waren die grand vacances, die großen Sommerferien und damit meine präferierte Station, die Unfallchirurgie/Orthopädie auf das nötigste reduziert. Operiert wurde nur ambulant und elektiv, Notfälle wurden in den zwei größeren Krankenhäusern der Stadt behandelt. Kurzerhand wurde ich in die Notaufnahme umdisponiert. Dass ich mir und meinem Französisch nicht zugetraut hätte, ein diverses Spektrum an Patienten aufzunehmen und zu untersuchen, hat glücklicherweise keinen interessiert.

Die Notaufnahme war klein. Es gab einen Schockraum, in dem ein Patient maschinell überwacht werden konnte, einen Eingriffsraum, in dem zwei Patienten Platz fanden und drei weitere Boxen mit jeweils drei Plätzen. Die Patientenklientel war bunt gemischt. Da das HIA kein Haus der Maximalversorgung war, gab es mehr kleinere Unfälle, Platzwunden, die genäht werden wollten, Urlaubs- und Schulunfälle traumatischer Genese, aber auch häufig über Nacht zur Überwachung aufgenommene Fälle von Drogen- und öfter Alkoholabusus. Anders als in Deutschland darf die Polizei keine alkoholisierte Person im eigenen Gewahrsam ausnüchtern lassen, sondern muss sie in ein Krankenhaus zur Überwachung bringen. Das Personal der Notaufnahme schien sich mit den mindestens drei Fällen der überwachten Ausnüchterungen pro Nacht abgefunden zu haben und schob es auf die hohe Arbeitslosenzahl, die der Rückgang der traditionellen Fischerei Brest beschert hat.

In der Notaufnahme durfte ich bei allen Aufnahmen dabei sein, Wunden nähen, bei Gipsanlagen und -abnahmen assistieren und gegen Ende Patienten selbstständig aufnehmen und untersuchen. Sogar um das Dokumentieren kam ich mit der Ausrede der Sprachbarriere nicht mehr herum. Die Oberärzte und Assistenzärzte haben sich viel Zeit genommen, um mir die Anamnese und Untersuchung auf der fremden Sprache näherzubringen. Die Patienten waren durchweg verständnisvoll und bemüht, dass ich sie verstehe.

Da ich trotz der abwechslungsreichen Fülle an Patienten in der Notaufnahme gut beschäftigt war, brannte ich darauf, den OP sehen zu dürfen. Die Unfallchirurgen haben mich freundlicherweise immer mitgenommen, wenn eine ambulante Operation anstand. Obwohl kein Patient stationär war, konnte ich eine Vielzahl an Operationen sehen: Der Oberarzt der Unfallchirurgie/Orthopädie war Handchirurg, hat aber auch Achillessehnenrupturen versorgt, Osteo­synthesen, Lappenplastiken und Kreuzbandrekonstruktionen durchgeführt und ich durfte assistieren, nachdem ich mir die Vokabeln für das Operationsbesteck angeeignet hatte.

An zwei Nachmittagen der Woche war ich bei den consulations dabei. In der orthopädischen Sprechstunde wurden Patienten prä- und post-operativ, Soldaten vor und nach den Einsätzen und Patienten in der Erstvorstellung betreut. Hier war ich stille Beobachterin und konnte viele Fragen stellen und im Anschluss interessante Fälle mit dem Orthopäden besprechen.

Besonders der Chefarzt, Mon Général MACAREZ hat sich um mich gekümmert. Ihm war es ein großes Anliegen, dass ich möglichst viel vom Krankenhaus und Brest zu Gesicht bekomme. Dies beinhaltete nicht nur eine persönliche Führung im militärischen Teil des Hafens und Austausch über die historische Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland im Angesicht des U-Boot Bunkers, gebaut durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, der heute von der französischen Marine als Aufbereitungslager für kleine Boote genutzt wird, sondern auch einen praktischen Einblick in die Hochseesimulationsplattform. Das Krankenhaus hält sich die Simulationsplattform zur Diagnostik und Therapie von seekranken Soldaten vor. Diese Kameraden werden in einen beweglichen Sessel mit einer Virtual Reality Brille auf dem Kopf gesetzt. Es gibt verschiedene Eskalations­stufen von Seegängen, die einem ein ganz anderes Gefühl in die Magengrube zaubern, als man vorher gedacht hätte.

Nach den vier Wochen habe ich unter der Woche nicht nur eine Vielzahl neuer französischer Vokabeln aufgeschnappt, sondern auch an den Wochenenden und nach dem Dienst die wunderschöne Bretagne entdeckt. So gesehen war es die perfekte Verbindung zwischen Famulatur und Freizeit. Es ist ein enormer Unterschied, ob man ein Croissant auf Französisch bestellt oder auf der gleichen Sprache versucht zu verstehen wie sich der Patient eine gigantische Fischgräte unter die Epidermis des Mittelfingers impfen konnte. Die Zeit in Frankreich wurde mir durch die Kameraden vor Ort zu einem einmaligen Erlebnis gemacht, was ich so schnell nicht ver­gessen werde. Die Möglichkeit Famu­laturen, Abschnitte des PJ und Truppenpraktika in Frankreich zu absolvieren, ist nicht nur wichtig für die Erweiterung des eigenen Horizontes, sondern auch vor dem Hintergrund gemeinsamer Einsätze unabkömmlich und zu empfehlen.  z

Abbildungen bei Verfasserin

Verfasserin:
Leutnant (SanOA) Luisa M. Schonhart
Wöhlertstraße 12
10115 Berlin
luisaschonhart@sanoaev.de 

Datum: 03.06.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2019