Artikel: Wehrmedizinische Monatsschrift 2/2019

Sportmedizin und Sportwissenschaften am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg

Aus der Klinik I – Innere Medizin¹ (Abteilungsleiter: Oberstarzt Dr. C. Busch) des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg (Kommandeur und Ärztlicher Direktor: Generalarzt Dr. J. Hoitz) und dem Arbeitsbereich Sport- und Bewegungsmedizin der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft² (Prof. Dr. R. Reer) der Universität Hamburg

Fanny Frenzel¹, Rüdiger Reer², Lorenz Scheit¹

Zusammenfassung

Die sportmedizinische Ausbildung in der Bundeswehr besitzt einen hohen Stellenwert und wird umfangreich an der Sport-sschule in Warendorf vermittelt. Auch am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg stellt der sportmedizinische Schwerpunkt in der allgemeinmedizinischen Ausbildung eine attraktive und inzwischen gut etablierte Ergänzung in der Ausbildung und Forschung dar.

Seit 2015 besteht eine Kooperation zwischen dem Bundeswehrkrankenhaus Hamburg (Abteilung I – Innere Medizin) und dem Arbeitsbereich Sport- und Bewegungsmedizin der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg. Hier werden Weiterbildungsassistentinnen und -assistenten im Fachgebiet Allgemeinmedizin für sechs Monate sportmedizinisch ausgebildet und haben die Möglichkeit, an wissenschaftlichen Projekten teilzunehmen. Neben der Vermittlung von Grund- und Spezialkenntnissen im Rahmen der Leistungsdiagnostik an Sportlerinnen und Sportlern ist somit auch die wissenschaftliche Beteiligung an wehrmedizinisch relevanten Fragestellungen von großem Interesse. Im Folgenden soll die sportmedizinische Ausbildungsgestaltung und die sportwissenschaftliche Aktivität am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg skizziert und vorgestellt werden.

Schlüsselwörter: Sportmedizin, Sportwissenschaft, Basis Fitness Test

Keywords: sports medicine, sports science, basic fitness test

Einleitung

Während des ersten klinischen Abschnittes der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin wird es am Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) Hamburg Weiterzubildenden ermöglicht, für ein halbes Jahr ihrer Weiterbildungszeit an das Institut für Sport- und Bewegungsmedizin (ISB) der Universität Hamburg „zu rotieren“. Für die Facharztanerkennung Allgemeinmedizin werden diese sechs Monate Weiterbildungszeit durch die Ärztekammer Hamburg angerechnet.

Die Weiterbildung in diesem Wahlfach bietet dabei eine sehr gute Möglichkeit, über den Krankenhausalltag hinweg Erfahrungen und Eindrücke zu gewinnen sowie vor allem auch dia-gnostische Fähigkeiten im Spannungsfeld zwischen Allgemein- und Sportmedizin zu erwerben.

Im Folgenden wird der Ablauf dieses Weiterbildungsabschnitts vorgestellt sowie die bisher gemachten Erfahrungen beschrieben und bewertet.

Ablauf und Inhalt des Weiterbildungs-abschnitts „Sportmedizin“

Vorbemerkung

Die Integration von Sanitätsoffizieren in die Arbeitsabläufe des ISB gestaltet sich problemlos. Eine Einarbeitungszeit von zwei Wochen reicht zur Gewöhnung an die Abläufe am Institut für Sport- und Bewegungsmedizin (ISB) der Universität Hamburg. Durch Überschneidungszeiten mit der/dem vorherigen Weiterzubildenden und Zusammenarbeit mit dem Team fallen das Einfinden in den Alltag und das Erlernen der diagnostischen Methoden nicht schwer.

Einmal pro Woche findet mit dem gesamten Team des ISB ein Mitarbeiterkolloquium statt. Es treffen sich dabei nicht nur die Ärztinnen und Ärzte, sondern es wird mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Bereichen medizinische Assistenz, Ernährungs- und Sportwissenschaftlern über Neuigkeiten, Termine, Vorschläge, aber auch Probleme und Mängel gesprochen. Dieser wöchentliche Austausch ist ein wichtiges Element, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten und die Qualität der Arbeit zu verbessern. Zudem findet einmal monatlich ein wissenschaftliches Kolloquium statt, in dessen Rahmen aktuelle Forschungsprojekte inhaltlich vorgestellt und kritisch diskutiert werden. Hierbei ergeben sich synergistische Effekte und Ergänzungen aus unterschiedlichen Schwerpunktbereichen, welche im Sinne eines „Think-tanks“ die Forschungsprojekte beleuchten. Es eignet sich auch zum Einstieg und zum Generieren von Anregungen für eigens wissenschaftliches Arbeiten.

Sportmedizinische Ausbildung

PhotoAbb. 1: Durchführung einer Spiroergometrie im Rahmen der Leistungsdiagnostik für Spitzensportler und -sportlerinnen (Bild: F. Frenzel, Hamburg) Als Assistenzärztin und -arzt der Bundeswehr wird man für drei Tage pro Woche am Zentrum für Sport- und Bewegungsmedizin zu sportmedizinischen Untersuchungen eingeplant. Hierzu ge-hören sportmedizinische Gesundheitsuntersuchungen und -Leistungsdiagnostik von Vereins- und Kadersportlern und -sportlerinnen oder anderen Personen sowie allgemeine Gesundheitsuntersuchungen im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements und Tauchsportuntersuchungen.

Die Leistungsdiagnostik beinhaltet:

  • Anamnese und körperliche Untersuchung [1],
  • Blutuntersuchung (mit kleinem Blutbild, Leber- und Nierenwerte, Elektrolyte, Spurenelemente, Eisenhaushalt, Fettstoffwechsel, Glukose, BSG, Schilddrüsenwert, Urinstatus),
  • Echokardiografie,
  • Ergometrie und Spiroergometrie,
  • Laktatkurvenbestimmung und
  • Functional Movement Screen (FMSTM) Test.


Der FMSTM dient der Beurteilung und Bewertung von Bewegungsabläufen. Hierbei können Beeinträchtigungen in diesem Bereich, z. B. durch verkürzte Muskeln oder eine eingeschränkte Beweglichkeit, detektiert werden. In sieben kleinen Tests werden verschiedene Bewegungsmuster erfasst und je nach Ergebnis Punkte von 0 bis 3 vergeben. Bei einem Totalscore von unter 14 von 21 erreichbaren Punkten steigt das Verletzungsrisiko [2].

Darüber hinaus werden sonografische Untersuchungen des Abdomens, der Schilddrüse und der Halsgefäße durchgeführt. Besonders für Assistenzärztinnen und -ärzte im Fachgebiet Allgemeinmedizin ist es von Vorteil, Untersuchungszahlen im Bereich EKG, Ergometrie, Lungenfunktionstestung, sowie Sonografien zu „sammeln“, wodurch die eigene medizinische Erfahrung geschärft wird. Insgesamt wird ein zeitnahes selbstständiges Arbeiten gefördert, bei dem aber auch gleichzeitig eine fachliche Supervision im Bedarfsfall gewährleistet ist.

Sportwissenschaftliche Schwerpunkte

PhotoAbb. 2: Klimmhang (oben) und Pendellauf (unten, Proband vor dem Start) aus dem BFT werden im Rahmen von wehrmedizinisch-sportwissenschaftlichen Studienuntersuchungen eingesetzt. (Bilder: F. Frenzel, Hamburg) An zwei Tagen pro Woche werden wissenschaftliche Studienarbeiten im Rahmen wehrmedizinischer Projekte mit sportwissenschaftlichen und -medizinischen Inhalten durchgeführt. Hierbei ist zurzeit eine Aktivitätsstudie am BwKhrs Hamburg in Bearbeitung, welche als Sonderforschungsvorhaben von der Bundeswehr gefördert wird.

Hintergrund der Studie ist, dass an Soldatinnen und Soldaten allgemein hohe Anforderungen an Fitness und sportliche Leistungsfähigkeit gestellt werden, damit diese ihre Einsatzaufgaben wahrnehmen können [3]. Das jährliche Absolvieren der individuellen Grundfertigkeiten (IGF) dient dem Nachweis einer Grundfitness bei militärischem Personal. Auch an das Personal eines Krankenhauses werden hohe körperliche Anforderungen bei der Patientenversorgung gestellt. Deshalb sollen grundsätzlich Zeiten und Möglichkeiten für Dienstsport seitens des Arbeitgebers bereitgestellt werden. Aus strukturellen und beruflichen Gründen können diese Möglichkeiten nicht von allen Berufsgruppen gleichermaßen am BwKrhs genutzt werden.

Das Sonderforschungsvorhaben beschäftigt sich mit 3 Kernfragen:

  1. Inwieweit sind verschiedene Berufsgruppen am BwKrhs Hamburg innerhalb und außerhalb des Dienstes körperlich aktiv und wie spiegelt sich dies in ihrer Fitness wider?
  2. Welche Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung werden wahrgenommen und wo liegen die Hinderungsgründe?
  3. Wie kann die Attraktivität von sportlicher Aktivität gesteigert werden?


Die Studie wird bereits seit 2015 in Zusammenarbeit mit dem ISB durchgeführt. Hierbei werden 3 Berufsgruppen untersucht:

  • Ärzte/Ärztinnen,
  • medizinisches Assistenz-/ Pflegepersonal sowie
  • Personal aus dem Stabsbereich, dessen Teilnahme am Dienstsport jeweils freiwillig ist.


Zu Beginn der Studie werden personenbezogene und anthropometrische Daten (Körpergröße und -gewicht, BMI, Bauch-, Taillen- und Hüftumfang, Körperfettmessung) erhoben.

Jeder Teilnehmende trägt für sieben Tage ein Herzfrequenzmessgerät und einen Bewegungssensor, womit Herzfrequenz, Körperposition, Schrittzahl, Intensität der Aktivität und Energieumsatz ermittelt werden. Begleitend erfolgt das Protokollieren von körperlichen Aktivitäten sowie das Beantworten eines standardisierten Fragebogens zur körperlichen Aktivität und Dienst-sport.

Weiterhin führt jede/-r Teilnehmende einen Basis Fitness Test (BFT), bestehend aus 11x10 m Sprinttest, Klimmhang und 1 000 m-Lauf, durch. Mit diesem Test kann die körperliche Fitness mit einer wissenschaftsbasierten und validierten Methode untersucht werden [4].

Diskussion und Fazit

Die halbjährige sportmedizinische Ausbildung im ISB der Universität Hamburg ist bei den Weiterzubildenden im Fachgebiet Allgemeinmedizin sehr beliebt und wurde bisher gern wahrgenommen.

Das eingespielte Team vor Ort und die gemeinsame multidisziplinäre Betreuung von Projekten durch Sportwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie von Sanitätsoffizieren in Oberarztfunktion führen zu effektivem Arbeiten und schaffen darüber hinaus ein angenehmes Arbeitsklima.

Die zusätzlich erlangten diagnostischen Fähigkeiten, die erworbene Routine und das selbstständige Arbeiten sind für eine Tätigkeit in der Allgemeinmedizin von großem Wert – insbesondere für die zukünftige Arbeit in der Truppe.

Darüber hinaus können bereits bestehende diagnostische Kenntnisse und Erfahrungen vertieft und Untersuchungszahlen (insbesondere in der Sonografie) für die Weiterbildung gesammelt werden, welche während der Zeit in der klinischen Ausbildung nicht immer im erforderlichen Umfang erreicht werden können.

Möglichkeiten zum wissenschaftlichen Arbeiten sind am Krankenhaus oder während der Truppenarztzeit eher beschränkt und werden durch die Kooperation mit dem ISB auch und besonders für wehrmedizinisch relevante Fragestellungen geboten.

Nicht zuletzt sind die erworbenen sportmedizinischen Kenntnisse bei der Arbeit in den Regionalen Sanitätseinrichtungen unmittelbar anwendbar.

Kernaussagen

  • Seit 2015 werden Assistenzärztinnen und -ärzte während der Weiterbildung im Fachgebiet Allgemeinmedizin im Rahmen einer Kooperation zwischen dem BwKrhs Hamburg und dem Institut für Sport- und Bewegungsmedizin der Universität Hamburg sportmedizinisch ausgebildet.
  • Die sechsmonatige Weiterbildung wird von der Ärztekammer Hamburg für die Facharztweiterbildung in Allgemeinmedizin anerkannt.
  • Neben der sportmedizinischen Ausbildung werden wehrrelevante und sportmedizinische Studien durchgeführt.
  • Die sportmedizinische Kooperation ist eine gute Möglichkeit, über den Klinikalltag am Bundeswehrkrankenhaus hinweg, fachspezifische Erfahrungen, insbesondere im Bereich der Sport- und Bewegungsmedizin, zu sammeln.


 Literatur 

  1. Raschka C, Nitsche L: Praktische Sportmedizin. 1. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2016. doi:10.1055/b-003-127001.
  2. Parchmann CJ, McBride JM: Relationship between functional movement screen and athletic performance. J Strength Cond Res 2011; 25(12): 3378-3384.
  3. Leyk D, Rhode U, Harbaum T et al.: Körperliche Anforderungen in militärischen Verwendungen: Votum für ein „Fitness-Register Ausbildung und Einsatz“. Wehrmedizinische Monatsschrift 2018; 62(1-2): 2-6.
  4. Eßfeld D: Entwicklung einsatznaher Leistungstests und Prüfverfahren (Abschlussbericht zum Verbundprojekt M/SAB1/3/A011). Bonn: Bundesministerium der Verteidigung 2007.


Erklärung zum Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Commitee of Medical Journal -Editors vorliegt.


Für die Verfasser
Oberfeldarzt Dr. Lorenz Scheit
Klinik I – Innere Medizin
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Lesser Str. 180, 22049 Hamburg
E-Mail: lorenzscheit@bundeswehr.org 

Datum: 27.03.2019

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