Artikel: C. Barthel

10 Jahre Kooperation zwischen dem Bundeswehrkrankenhaus und der ­Ammerland-Klinik in Westerstede

Aus dem Bundeswehrkrankenhaus Westerstede (Kommandeurin: Oberstarzt Dr. L. Bartoschek)

Geschichte der Kooperation mit der Ammerland-Klinik GmbH

Am 27. Mai 2018 wurde in Westerstede ein Jubiläum gefeiert: Seit 10 Jahren kooperiert das Bundeswehrkrankenhaus mit der Ammerland-Klinik als Pilotprojekt zivil-militärischer Zusammenarbeit.

Photo Alles begann im Frühjahr 2001, als der damalige Chefarzt des ehemaligen Bundeswehrkrankenhauses im ca. 10 km entfernten Bad Zwischenahn, Oberstarzt Dr. Helff, Gespräche mit dem Landkreis Ammerland aufnahm. Es war damals bereits abzusehen, dass die „kleinen“ Bundeswehrkrankenhäuser in Amberg, Hamm, Leipzig und Bad Zwischenahn nicht überleben werden. Aufgrund der Größe und des eingeschränkten Leistungsspektrums war eine adäquate Ausbildung von Einsatzchirurgen nicht möglich. Deshalb war es das Ziel, einen Kooperationspartner zu identifizieren, um als „kleines“ Bundeswehrkrankenhaus ärztliches und nichtärztliches medizinisches Personal optimal für Einsätze aus-, fort- und weiterzubilden. Nach Gesprächen mit mehreren Kliniken der Region zeigte sich, dass die Ammerland-Klinik Westerstede ein idealer Kooperationspartner wäre.

So wurden noch im Jahr 2001 Konzepte erarbeitet, in der die jetzige Struktur bereits im Groben skizziert wurde. Schließlich erfolgte im November 2004 die Stationierungsentscheidung durch den damaligen Bundesminister der Verteidigung, Peter Struck, und Westerstede wurde als einziger Standort Deutschlands neue Garnisonsstadt. Es wurde beschlossen, das Bundeswehrkrankenhaus Bad Zwischenahn zu schließen und das Bundeswehrkrankenhaus Westerstede in Dienst zu stellen. Im September 2005 wurden die Kooperationsverträge unterzeichnet und im August des Folgejahres fand der erste Spatenstich für den Gebäudeteil E – den Kernbereich des Bundeswehrkrankenhauses Westerstede – statt. Im Juni 2007 wurde Richtfest gefeiert und im April 2008 begann der Umzug aus dem Bundeswehrkrankenhaus Bad Zwischenahn nach Westerstede. Der OP-Betrieb wurde am 13. Mai 2008 aufgenommen und am 30. Juni 2008 fand die offizielle Indienststellung durch den damaligen Bundesminister der Verteidigung, Franz Josef Jung, statt.

Struktur des Bundeswehrkrankenhauses und der Ammerland-Klinik

Sowohl das Bundeswehrkrankenhaus als auch die Ammerland-Klinik sind als Plankrankenhäuser nach § 108 Nr. 2 SGB V in den Niedersächsischen Landesbettenplan aufgenommen. Beide Häuser sind eigenständig, befinden sich jedoch auf einem gemeinsamen Gelände in einem zusammenhängenden Gebäudekomplex. Das Bundeswehrkrankenhaus betreibt 135 Betten, von denen 91 in den Landesbettenplan aufgenommen sind: 75 Betten der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie (67 im Landesbettenplan) als größte Orthopädie und Unfallchirurgie aller Bundeswehrkrankenhäuser, 15 Betten der Klinik für Neurochirurgie (6 im Landesbettenplan), 33 Betten der Klinik für Innere Medizin (18 im Landesbettenplan), 6 Betten auf der perioperativen Intensivstation (betrieben durch die Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin) sowie 6 Betten auf der interdisziplinären Aufnahmestation. Neben diesen bettenführenden Kliniken gibt es die Kliniken für Dermatologie und Venerologie, Augenheilkunde, Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Psychiatrie und Klinische Psychologie, Zahnheilkunde und Oralchirurgie, Radiologie und Gynäkologie, die keine Betten in der Sollorganisation aufweisen und ambulant tätig sind. HNO und Oralchirurgie belegen bedarfsweise Betten für operative Patienten.

Die Ammerland-Klinik ist mit 375 Betten im Niedersächsischen Landesbettenplan aufgenommen: 105 Betten der Klinken für Allgemein- und Viszeralchirurgie sowie Gefäß- und Thoraxchirurgie, 35 Betten der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, 128 Betten der Kliniken für Innere Medizin sowie Kardiologie, 65 neurologischen Betten, 40 urologischen Betten sowie je einem Belegbett für Augenheilkunde und für HNO.

Betrachtet man beide Krankenhäuser, die (als nicht rechtssicherer Begriff) gemeinsam als Klinikzentrum Westerstede auftreten, erkennt man deren chirurgische Ausrichtung, die sich auch in der gemeinsamen Zertifizierung als Überregionales Traumazentrum der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie e. V. widerspiegelt – als erste Klinik des TraumaNetzwerkes Oldenburg-Ostfriesland. Das Klinikzentrum ist hierbei fest in die Versorgung von schwer- und schwerstverletzten Patienten eingebunden. Im Jahr 2017 wurden fast 200 Patienten mit Rettungshubschraubern zuverlegt und mehr als 250 Schockraumpatienten in der Interdisziplinären Notaufnahme gemeinsam durch ärztliches und nichtärztliches Personal beider Kliniken behandelt. In der Notaufnahme wurden mehr als 37 000 Patienten versorgt, in Spitzenzeiten bis zu 150 Patienten am Tag und bis zu 20 pro Stunde. Insgesamt werden im Bundeswehrkrankenhaus jährlich fast 5 000 Patienten stationär versorgt, davon etwa 85 % Zivilpatienten, und in der Ammerland-Klinik etwa 20 000 Patienten.

Kooperation im Klinikzentrum Westerstede

PhotoDer Rettungshubschrauber auf dem Gelände des Klinikzentrums Westerstede (Abb. BwKrhs Westerstede) Die Bundeswehr konzentriert sich in Westerstede auf die Kernkompetenz eines Krankenhauses: Die Patientenbehandlung. Patientenferne Dienstleistungen werden bei der Ammerland-Klinik ­eingekauft, beispielsweise Labor, Sterilgutversorgung, Verpflegung, Reinigungsdienste, Pförtner- und Empfangsdienste, Wäscheversorgung, Arzneimittelversorgung der gemischt betriebenen Bereiche oder Bauunterhalt. Insgesamt ist dies in mehr als 50 Unterverträgen geregelt. Als Besonderheit wird zusammen in einem Krankenhausinformationssystem gearbeitet: Agfa ORBIS, im Gegensatz zu Nexus, welches alle anderen Bundeswehrkrankenhäuser nutzen. Als Referenzhaus der Firma Agfa ist die Ammerland-Klinik (und somit auch das Bundeswehrkrankenhaus) weit fortgeschritten auf dem Weg der Digitalisierung. Bereits mit Umzug nach Westerstede wurde die Elektronische Patientenakte eingeführt, sodass in weiten Bereichen der Patientenversorgung völlig papierlos gearbeitet wird. Seit 2014 wird ein PDMS (Patientendatenmanagementsystem) auf den Intensivstationen genutzt: Auch hier wird voll digital gearbeitet und sämtliche Daten der Medizintechnik wie Beatmungsgeräten und Infusionspumpen werden elektronisch erfasst. Deutschlandweit gehören Bundeswehrkrankenhaus Westerstede und die Ammerland-Klinik zu den am weitesten fortgeschrittenen Kliniken im Bereich der Digitalisierung. 

Neben den Kliniken werden einige Bereiche gemeinsam betrieben, insbesondere die perioperative Intensivstation und die Interdisziplinäre Notaufnahme. Auf der Intensivstation betreibt die Bundeswehr sechs Betten, die Ammerland-Klinik zehn; auf der Notaufnahmestation werden sechs Betten durch die Bundeswehr und 18 Betten durch die Ammerland-Klinik vorgehalten. In diesen Bereichen arbeitet Personal beider Kliniken gemeinsam und versorgt auch Patienten der jeweils anderen Klinik. Die Belegung erfolgt nach Bedarf, sodass auch mehr als sechs Patienten des Bundeswehrkrankenhauses oder mehr als zehn der Ammerland-Klinik auf der Intensivstation betreut werden.

Für den Patienten ist in der Regel nicht ersichtlich, ob er von Personal der Ammerland-Klinik oder des Bundeswehrkrankenhauses versorgt wird. Die Zuordnung der stationären Notfallpatienten zum Bundeswehrkrankenhaus oder zur Ammerland-Klinik orientiert sich hier an der Aufnahmediagnose, da es keine Überschneidungen im Leistungsspektrum der Kliniken gibt.

Des Weiteren betreibt die Ammerland-Klinik im Zentral-OP neun Säle, die Bundeswehr drei OP-Säle. Es werden insbesondere Assistenzärzte der Anästhesie auch in den OP-Sälen der Ammerland-Klinik ausgebildet. Der Chefarzt der Ammerland-Klinik sowie der Klinische Direktor der Klinik X haben gemeinsam die volle Weiterbildungsermächtigung im Fachgebiet, sodass es möglich ist, Ärzte komplett bis zur Facharztreife weiterzubilden. Dies ist in anderen Bundeswehrkrankenhäusern nicht möglich, da dort keine Anästhesien bei gynäkologischen und geburtshilflichen Eingriffe durchgeführt werden können und zum Teil nur wenige pädiatrische Narkosen durchgeführt werden.

Ein weiterer Bereich, in dem eng zusammengearbeitet wird, ist die Radiologie. Auch hier liegt die volle Weiterbildungsermächtigung vor und die Ärzte beider Kliniken arbeiten hausübergreifend: Untersuchungen bei Patienten beider Kliniken werden an Geräten beider Häuser durchgeführt, je nach Indikation und Kapazität. Das Assistenzpersonal ist an Geräten beider Kliniken ausgebildet. Befundungen werden ebenfalls häuserübergreifend durchgeführt. Leider verliert das Bundeswehrkrankenhaus im Rahmen der Einnahme der neuen Sollstruktur die eigene radiologische Kompetenz. Diese Leistungen werden voraussichtlich ab 2019 ebenfalls komplett bei der Ammerland-Klinik bezogen.

Als Besonderheit ist die Klinik XX – Gynäkologie zu nennen. Im Oktober 2012 wurde beschlossen, eine gynäkologische fachärztliche Kompetenz zu implementieren, insbesondere für wehrmedizinische Fragestellungen, die zivile Gynäkologen oft nur unzureichend beantworten können. Wurde diese FU-Stelle bisher kommissarisch durch den Chefarzt der Frauenklinik der Ammerland-Klinik geleitet, wurde nach Ausbildung der ersten Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe der Bundeswehr die FU-Stelle im Januar 2018 offiziell in Dienst gestellt. Zwei weitere Sanitätsoffiziere befinden sich in der Facharztweiterbildung in der Ammerland-Klinik.

Auch in patientenferneren Bereichen arbeiten beide Kliniken eng zusammen, beispielsweise die Hygiene, der Arbeitsschutz, das Qualitäts- und Risikomanagement, das Medizincontrolling, die Verwaltung und die Apotheke.

Der zweimal jährlich tagende Kooperationsrat ist oberstes Gremium der Kooperation. Hier treffen Vertreter des Landkreises Ammerland und des Bundesministeriums der Verteidigung strategische Entscheidungen. Auf Ortsebene ist der Lenkungsausschuss eingerichtet, in dem auf Seiten der Ammerland-Klink der Hauptgeschäftsführer, der Medizinische Geschäftsführer sowie die Pflegedirektorin und auf Seiten des Bundeswehrkrankenhauses die Kommandeurin und Ärztliche Direktorin, der Pflegedienstleiter und der Leiter Krankenhausverwaltung Probleme lösen und Entscheidungen des Kooperationsrates vorbereiten. Der Lenkungsausschuss tagt einmal pro Quartal.

Zusammenfassung und Bewertung

Seit 10 Jahren kooperieren die Ammerland-Klinik Westerstede und das Bundeswehrkrankenhaus Westerstede. Als Pilotprojekt zivil-militärischer Zusammenarbeit arbeitet Personal der Ammerland-Klinik mit Personal der Bundeswehr eng zusammen. Gemeinsam wird im Bereich der Traumatologie das Leistungsspektrum eines Maximalversorgers abgebildet. Abgesehen von schwerstverletzten Kleinkindern können alle traumatischen Krankheitsbilder adäquat versorgt werden. Hierdurch ist eine optimale Aus-, Fort- und Weiterbildung von medizinischem Personal der Bundeswehr gewährleistet, um die Soldaten bestmöglich auf Einsätze vorzubereiten. Zu Beginn der Kooperation musste sich das Personal beider Kliniken an die Besonderheiten der jeweils anderen Klinik gewöhnen. So war es insbesondere in den gemischt betriebenen Bereichen nicht immer nachvollziehbar, dass Soldaten für militärische Aufgaben wie Schießen, Marsch oder auch Dienstsport ihren Arbeitsplatz verlassen oder ohne Ersatzgestellung für Auslandseinsätze geplant werden. Derartige Situationen konnten jedoch schnell gemeistert werden und bereits nach kurzer Zeit kam es zu keinen derartigen Missverständnissen mehr.

Die Erlöse des Bundeswehrkrankenhauses konnten im Verlauf der Kooperation stark gesteigert werden. Wurden 2007 im ehemaligen Bundeswehrkrankenhaus Bad Zwischenahn weniger als 10 Millionen Euro als Einnahmen verbucht, stiegen die Erlöse auf mittlerweile mehr als 25 Millionen Euro. Im Bereich der Kosten sind derartige Aussagen aufgrund einer fehlenden detaillierten Datenlage aus Bad Zwischenahn schwieriger. In vielen Fällen kann jedoch viel ökonomischer gearbeitet werden. So sind die Kosten für Laborleistungen, die bei der Ammerland-Klinik eingekauft werden, niedriger als allein die Personalnormkosten in Bad Zwischenahn. Auch im Bereich der Pförtner- und Empfangsdienste sind die jährlichen Kosten niedriger als die Personalnormkosten in Bad Zwischenahn. In beiden Bereichen hat die Ammerland-Klinik ihren Personalschlüssel nur unerheblich erhöhen müssen und die Auslastung verbessert.

Nach 10 Jahren Kooperation ist festzustellen, dass sich die meisten Mitarbeiter des Klinikzentrums Westerstede – egal ob Ammerland-Klinik, Soldat, Beamter oder Zivilangestellter der Bundeswehr – als Mitarbeiter des Klinikzentrums verstehen. Insbesondere in den besonders eng zusammenarbeitenden Bereichen ist der einzige Unterschied der Arbeitgeber bzw. Dienstherr. Bei ihrem Arbeitsplatz verstehen sie sich als Team.

Zusammenfassend ist die Kooperation als voller Erfolg zu werten und kann als Vorbild auch für andere Bundeswehrkrankenhäuser dienen, um den Auftrag – Aus-, Fort- und Weiterbildung von Sanitätspersonal – optimal und ökonomisch zu erfüllen.

Verfasser:
Oberfeldarzt Dr. Christian Barthel
Bundeswehrkrankenhaus Westerstede
Leiter Controlling QM
Lange Str. 38, 26655 Westerstede
E-Mail: Christian8Barthel@bundeswehr.org 

Datum: 18.02.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2018