Artikel: Wehrmedizinische Monatsschrift 11/2018

Medizinische Relevanz von Fliegen

Bundeswehrkrankenhaus Ulm

Einleitung

Fliegen sind ubiquitäre Begleiter des Menschen. Der folgende Artikel soll die medizinische Relevanz von Fliegen anhand einer Kasuistik beschreiben und einen kurzen Überblick über durch Fliegen übertragene Gesundheitsrisiken geben.

Fallbeschreibung

Photo Eine 94-jährige Patientin stellte sich mit einem seit einem Jahr bestehenden Knoten am Hinterkopf bei einem niedergelassenen Dermatologen vor. Die entnommene Histologie zeigte ein gut differenziertes spinozelluläres Karzinom. Drei Wochen später stellte sie sich wegen einer Blutung aus dem Tumor notfallmäßig in unserer Ambulanz vor.

Bei Erstvorstellung sah man einen mit den Haaren verklebten, eindrückbaren, etwa 4 cm großen Tumor, der leicht blutete. Nach Rasur der Haare, Reinigung und erstem Wunddebridement zeigten sich im Bereich des großflächig nekrotisch zerfallenden Tumors zahlreiche Fliegenmaden (Abbildung 1). Diese wurden zunächst durch das okklusive Auftragen von Vaseline entfernt. Durch den darunter entstehenden Sauerstoffmangel im Gewebe kommen die sauerstoffabhängigen Fliegenmaden an die Hautoberfläche, wo sie leicht abgesammelt werden können.

Im weiteren Verlauf wurden der Tumor am Hinterkopf sowie zwei weitere Knoten in der Umgebung operativ entfernt und ein Staging mittels PET-CT durchgeführt. Dieses zeigte neben weiteren Satellitenmetastasen im Bereich des Kapillitiums auch stoffwechselaktive Lymphknoten im Bauchraum. Daher wurde die Patientin im Tumorboard vorgestellt. Aufgrund der palliativen Situation erhielten wir die Empfehlung, eine Strahlentherapie mit insgesamt 36 Gy zur lokalen Tumorkontrolle durchzuführen. Bereits unter der Strahlentherapie kam es zu einem deutlichen Progress mit zahlreichen Knoten und Ulzerationen im Bereich des gesamten Hinterkopfes, sodass die Patientin auf eigenen Wunsch die Strahlentherapie abbrach und in ein Hospiz verlegt wurde.

Zur Identifizierung der Fliegenart und ihrer pathogenen Relevanz für den Menschen wurden die abgesammelten Maden an das Zentrale Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Koblenz versandt. Dazu wurden sie in einem Transportgefäß mit Sägespänen bedeckt, als Nahrung während des Transports diente etwas Naturjoghurt. Die durchgeführte Artbestimmung zeigte, dass es sich bei den Maden um die Larven der Gold-fliege, Lucilia sericata, handelte (Abbildung 2).

Diskussion und Fazit

PhotoAbb. 2: Lucilia sericata (Bild: John Talbot, Ottawa, auf Wikimedia Commons) Die in diesem Fall gefundene Goldfliege gehört zu den Schmeißfliegen und ernährt sich von Aas und Blütennektar. Die Eiablage erfolgt auf Aas und tierischen Lebensmitteln, die den Larven zur Ernährung dienen.

Im Labor gezogene Larven werden in der Wundtherapie zum biologischen Debridement von nekrotischem Gewebe und Fibrinbelägen angewendet [1]. Der Madenbefall (Myiasis) kann allerdings auch zufällig durch Eiablage auf nicht durch Verbände abgedeckte, chronische Wunden erfolgen.

Neben der Myiasis können Fliegen als Vektoren von pathogenen Keimen in Erscheinung treten. Zum einen können Fliegen nach Kontakt mit Fäkalien Lebensmittel kontaminieren und dadurch Durchfallerkrankungen wie Salmonellosen, Ruhr oder Cholera auslösen. Zum anderen wurde die Übertragung von Krankenhauskeimen durch Schmetterlingsfliegen der Art Clogmia albipunctata (Psychodidae) nachgewiesen. Unter den 45 Bakterienarten, die auf diesen Fliegen gefunden wurden, waren auch multiresistente, gramnegative Problemkeime, wie Acinetobacter, Enterobacter, Pseudomas und Klebsiella [2]. In Tabelle 1 ist eine Übersicht über durch Fliegenmaden verursachte parasitäre Erkrankungen dargestellt [3].


Tab. 1: Myiasis- Larven als Ektoparasiten (nach [3])

Verhalten 

Familie / Spezies

Krankeitsbild

zufällig parasitär

Musca

Fannia

Stomoxys

Pseudomyiasis

fakultativ parasitär

Calliphora

Chrysomya

Lucilia

Wundmyiasis 

(Larven entwickeln sich normalerweise in Tierkadavern)

obligat parasitär*

Cordylobia

Dermatobia

Furunkulöse Myiasis


Wohlfahrtia

Cochliomyia

Chrysomyia

Gewebe-zerstörende Myiasis

Oestrus

Rhinoestrus

Schleimhautmyiasis


* Larven entwickeln sich ausschließlich in Gewebe von Mensch und Tier

Bereits einfache Maßnahmen sind geeignet, die Übertragung von pathogenen Keimen durch Fliegen bzw. den Madenbefall von Wunden zu verhindern. Dazu gehört es, Wunden durch Verbände zu schützen und Lebensmittel tierischen Ursprungs stets abzudecken. Darüber hinaus sollten Fliegen insbesondere in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen – auch im Einsatz – konsequent im Rahmen des Wasser- und Schädlingsmanagements bekämpft werden.

Literatur

  1. Raposio E, Bortolini S, Maistrello L, Grasso DA: Larval Therapy for Chronic Cutaneous Ulcers: Historical Review and Future Perspectives. Wounds 2017 Dec; 29 (12): 367 - 373.
  2. Faulde M, Spiesberger M: Role of the moth fly Clogmia albipunctata (Diptera: Psychodinae) as a mechanical vector of bacterial pathogens in German hospitals. Journal of Hospital Infection; 83 (2013): 51 - 60.
  3. Fuchs M, Faulde M: Kompendium der Schädlingsbekämpfung, Schriftenreihe Präventivmedizin, Bundesministerium der Verteidigung, Bonn, 1997.


Oberstabsarzt Dr. Andrea Gawaz
E-Mail: andreagawaz@bundeswehr.org 

Datum: 04.02.2019