Artikel: J. Knab

Traditionspflege – Ethik – Sanitätsdienst

In der Rubrik „Ethik und berufliches Selbstverständnis“ lassen wir in diesem Quartal einen Gastautor zu Wort kommen: Jakob Knab, geboren 1951 in Waidhofen (Obb.), Studium in München, Edinburgh und Oxford (Christ Church), von 1999 bis 2015 Fachbetreuer für Kath. Religionslehre am Jakob-Brucker-Gymnasium Kaufbeuren, Studiendirektor a. D.

Jakob Knab ist nicht nur einer der besten Kenner der Widerstandsgruppe der „Weißen Rose“, sondern auch Gründer und Sprecher der „Initiative gegen falsche Glorie“. Seit Juli 1979 gilt sein verfassungspatriotischer Einsatz einer sinnstiftenden Benennung von Kasernen der Bundeswehr. Er hat zudem zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichtspolitik und zur Erinnerungskultur der Bundeswehr verfasst. Sein Beitrag soll zur Diskussion im Rahmen des Traditionsverständnisses im Sanitätsdienst der Bundeswehr anregen. (Flottenarzt Dr. Hartmann)

Photo Abb: Jakob Knab (Foto beim Verfasser) Sinnstiftende Traditionspflege soll verantwortungsbewusste Auswahl aus der Geschichte sein, die sich am Werterahmen des Grundgesetzes orientiert. Daher soll sich die Bundeswehr vorrangig auf die freiheitlichen Werte der deutschen Militärgeschichte stützen. Wenn Persönlichkeiten als traditionswürdig ausgewählt werden, dann geht es um Fragen des Umgangs mit der Geschichte unseres Landes. Tradition ist jener Teil der Geschichte, der über Generationen hinweg im Bewusstsein der Menschen überdauert und in vielen Situationen ihr Handeln leitet. Ereignisse, Personen und Leistungen aus der Geschichte, die Leitbild für die Zukunft sind, bilden Tradition, weil sie hohe moralische Werte, beispielhafte Tugenden, herausragendes Handeln repräsentieren. Wir sind nicht frei in der Wahl unserer Geschichte, wir können aber frei entscheiden, was aus dieser Geschichte wir als sinnstiftende Tradition nehmen wollen. Traditionspflege ist wertende Auswahl aus der Geschichte. Dabei haben wir Deutsche es schwerer als andere. Fehlentwicklungen, Brüche, ja Katastrophen in der deutschen Geschichte, besonders im 20. Jahrhundert, erschweren auch die Traditionspflege in der Bundeswehr. Sie erfordern ein hohes Maß an historischer Kenntnis, politischer Bildung und moralischer Urteilskraft. Ein Blick auf die Namensgebungen im Sanitätsdienst der Bundeswehr soll das bisher Gesagte verdeutlichen.

Nur wenige ausgewiesene Kenner der Medizingeschichte werden wissen, dass der Traditionsname „Rodenwaldt“ historisch bedenklich und belastet war. Ernst Rodenwaldt (1878 - 1965) war einer der namhaftesten Tropenmediziner Deutschlands und ein weltweit führender Malariaexperte. 1940 wurde er Leiter des Instituts für Tropenmedizin und Tropenhygiene der Militärärztlichen Akademie und Beratender Tropenmediziner beim Chef des Sanitätswesens des Heeres. 1943 wurde er zum Generalarzt ernannt. Nach dem Krieg engagierte er sich als Beirat im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und für das Sanitäts- und Gesundheitswesen der Bundeswehr. Am 15. Dezember 1967 wurde dem Institut für Wehrmedizin und Hygiene der Bundeswehr in Koblenz der Name „Ernst-Rodenwaldt-Institut“ verliehen. Nachdem sich jedoch aufgrund der Forschungsergebnisse von Wolfgang U. Eckart (Heidelberg) der Verdacht bestätigte, Rodenwaldt habe Kenntnis von den Menschenversuchen in der Zeit des Nationalsozialismus gehabt, wurde am 24. März 1998 der Traditionsname „Ernst-­Rodenwaldt-­Institut“ ersatzlos gestrichen. 

„Der Kriegsgott entfesselt nicht nur die Dämonen“, so die Erkenntnis Peter Bamms, „er macht auch die Engel mobil.“ Sein Erlebnisbericht Die unsichtbare Flagge (1952) erlebte viele Auflagen. Hier berichtete der Autor von seinen Erlebnissen und Erfahrungen als Chirurg in der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Adolf Hitler bezeichnete er durchgängig als den „primitiven Mann an der Spitze“. Stets grenzte sich Bamm von „den Anderen“ ab, die sich in Schuld verstrickt hatten. Nach der Eroberung Sewastopols auf der Krim im Frühjahr 1942 sammelten „die Anderen“ die jüdischen Bewohner „Mauer an Mauer“ mit der Sanitätskompanie Bamms und töteten sie in speziellen Fahrzeugen, in die während der Fahrt Abgase geleitet wurden – ein Verfahren, das sich während der Euthanasie-­Aktion „bewährt“ hatte. Bamm bekennt: „Wir wußten das. Wir taten nichts.“ Nach ihm ist seit 1986 in Munster die Peter-Bamm-Kaserne benannt.

Ein neues Kapitel in der Erinnerungskultur und Traditionspflege des Sanitätsdienstes der Bundeswehr wurde aufgeschlagen, als Ende März 2012 das Auditorium Maximum der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München nach dem Sanitätsfeldwebel Hans Scholl benannt wurde. Diese sinnstiftende Benennung ist zuvörderst das Verdienst des damaligen Kommandeurs, des heutigen Generalstabsarztes Dr. Stephan Schoeps. Hans Scholl war der charismatische Kopf der Weißen Rose. Im Sommer und Herbst 1942 machten die Medizinstudenten der Weißen Rose als Sanitätsfeldwebel ihre Erfahrungen mit dem Vernichtungskrieg und der Besatzungsherrschaft der Wehrmacht direkt an der Ostfront vor Moskau. Schon früh prangerten sie die Verfolgung und Vernichtung der Juden an. Sie klagten die Verantwortung der Wehrmachtsführung ein. Hier ein Auszug aus meiner Laudatio: „Recht verstandene Traditionspflege und Erinnerungskultur sind unverzichtbar. Nur wenn Geschichte gedeutet wird, gewinnt sie für uns auch existenzielle Bedeutung. Wer sich mit Geschichte befasst, der möchte an die Vergangenheit erinnern, die Gegenwart verstehen, die Zukunft gestalten. Nur wer die eigene Identität als Ergebnis vorausgegangener Entwicklungen kennt und richtig auslegen kann, wird die Gegenwart verantwortungsvoll gestalten sowie der Zukunft unverzagt entgegen gehen. So gesehen ist die Geschichte des Widerstandes eine Herausforderung für die nachlebenden Generationen. Das letzte Flugblatt der Weißen Rose spricht vom Kampf für die Zukunft, von Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewussten Staatswesen. Diese Grundwerte sind auch für uns Richtschnur und Wegweisung. Hans Scholls letzter Ruf „Es lebe die Freiheit!“ war zunächst vergeblich – sinnlos war er nicht!“

Dieser geschichtlichen Herausforderung, für den Grundwert „Freiheit“ einzutreten, stellte sich auch die Bundeswehr in Blankenburg (Harz), als am 22. Juni 2016, am 75. Jahrestag des Angriffs der Wehrmacht auf die Sowjetunion, die dortige Liegenschaft neu nach Feldwebel Anton Schmid (1900 - 1942) benannt wurde. Dies ist die Geschichte seiner spontanen Hilfsbereitschaft, seines aktiven Anstandes und seiner vorbildlichen Humanität: Als Feldwebel der Wehrmacht hat er Menschen gerettet, er hat geholfen – und er hat dabei sein Leben riskiert. Als Anton Schmid am 14. Oktober 1941 die Versprengten-Sammelstelle der Wehrmacht am Hauptbahnhof Wilna übernahm, war der größte Teil der Wilnaer Juden bereits von den deutschen Besatzern und ihren Helfershelfern getötet worden. Schmids Entscheidung zur Hilfeleistung ist eine Sache des Augenblicks, ein Akt des Erbarmens angesichts der Notlage eines bedrängten Menschen. Nach mehrmonatiger Rettungstätigkeit wurde Feldwebel Schmid verraten, von der Geheimen Feldpolizei verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt. Am 13. April 1942 wurde das Todesurteil gegen ihn vollstreckt. 

Alle beim Festakt anwesenden Staatsbürger (mit und ohne Uniform) zeigten sich dankbar für das Grußwort der Bundesministerin der Verteidigung: „Gerade in einer Zeit, als Menschlichkeit, Rechtsstaatlichkeit und Gottesfürchtigkeit nicht viel galten in Deutschland, erwies sich Feldwebel Anton Schmid als wahrer Menschenfreund und gläubiger Christ. Mit der Umbenennung der Harz-Kaserne in Feldwebel-Anton-­Schmid-­Kaserne wird das Andenken an einen beispielgebenden und vorbildlichen Soldaten wach-gehalten. Mein großer Dank gilt allen, die sich dafür engagiert haben. Die Erinnerung an Feldwebel Anton Schmid entspricht unserem Traditionsverständnis. Und sie stiftet Sinn für die Angehörigen der Bundeswehr sowie für alle Bürgerinnen und Bürger.“

Die neue „Feldwebel-Anton-Schmid-Kaserne“ wird auch eine Gedenkstätte, das ist gut so. Dieser Ort in Blankenburg ist zugleich ein authentischer Ort der Erinnerung, da er auch das Leiden derer mit einschließt, die im NS-Regime als Zwangsarbeiter eines KZ-Außenlagers das Felsenmassiv für die unterirdischen Anlagen aufreißen mussten. Diese Wunden gehören zur Geschichte und zur Erinnerung. Somit ist dies auch eine Stätte des Gedenkens jener Seite der Geschichte, die den Terror des NS-Systems repräsentiert. Hier wird Geschichte konkret, sie braucht Verstehen und Erklären. Möge das Leitbild des Feldwebels Anton Schmid, so der aufrichtige Wunsch aller Verfassungspatrioten, den Horizont der Sanitätssoldaten weiten und geleiten, erhellen und Sinn geben. Diese Werte begründen Tradition. 

Jakob Knab
Weinhauserstr.
87600 Kaufbeuren
E-Mail: JakobKnab@web.de


Datum: 30.11.2017

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 3/2017