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Erfahrungen einer Jungfachärztin für Anästhesie

Am frühen Abend meines Dienstes kündigt mir der diensthabende HNO-Oberarzt per Telefon einen 34-jährigen männlichen Patienten aus der Notaufnahme an, der im Spiegelbefund einen Tonsillarabszess und im Larynx eine massiv aufgetriebene Epiglottis bei nicht einseh- und beurteilbarer Stimmbandebene aufweist.

Photo Abb. 1: Unterstützung beim Management eines vorhersehbar schwierigen Atemweges mit CMAC 3. Das operative Vorgehen soll die Abszessinzision bzw. -ausräumung in Tracheotomiebereitschaft zum Ziel haben.

Als verantwortlicher anästhesiologischer Fach­arzthintergrund bespreche ich umgehend mit meinem Team die notwendigen Maßnahmen zur Vorbereitung. Bis der aufgeregte Patient bei uns im Saal erscheint, liegen zur Intubation verschieden große Endotrachealtuben, ein Cook-­Tubuswechselstab sowie ein Larynxtubus bereit. Für die Narkoseeinleitung steht schließlich der HNO-Oberarzt in Tracheotomiebereitschaft eben­so wie zwei erfahrene Anästhesiefachpflegerinnen, meine Anästhesieassistentin und, weil die Umstände es erlauben, auch der dafür hergebetene Anästhesiefacharzt aus der Notaufnahme als Rückfallebene im Vorraum bereit.

In Sekundenschnelle fällt trotz umsichtiger und angepasster Präoxygenierung die Sauerstoffsättigung beim vergeblichen Versuch, die Stimmbandebene mit einem Videolaryngoskop darstellen zu wollen. Ich lasse das Manöver abbrechen, platziere sofort den bereitliegenden Larynxtubus und glücklicherweise gelingt damit, wenn auch mit geringen Atemhubvolumina, die Beatmung des kranken Patienten. Die Notfalltracheotomie ist nun unumgänglich. Sie verläuft ebenso unkompliziert wie die anschließende Abszessausräumung.

Als der Patient später auf Station gebracht wird, wird mir klar, wie sinnvoll, patienten- und lebensrettend die umfangreichen Narkosevorbereitungen mit all ihren bereitgestellten Rückfallebenen zur Atemwegssicherung waren.

Klar ist aber auch, dass ich als Fachärztin genau dafür ausgebildet wurde. Angepasst an die Patientensituation und die jeweiligen Erfordernisse lege ich als Teamleader und Hauptverantwort­licher das Narkoseverfahren, zu applizierende Medikamente, notwendiges Monitoring, das entsprechende Equipment sowie Rückfallebenen fest und wann immer möglich oder notwendig, nutze ich auch erreichbare Hilfsinstanzen, sei es durch persönliche Anwesenheit, wie der herbeigerufene Kollege aus der Notaufnahme, oder telefonische Rücksprachen.

Seit April 2015 bin ich nun Fachärztin für Anästhesie und dafür seit 2003 ausgebildet worden. Darin enthalten ist ein Ausbildungsabschnitt in der Unfallchirurgie weiterhin die Truppenarztzeit, Mutterschutz und Elternzeit sowie die zivile Weiterbildung.

Dabei kann ich mich noch genau erinnern, wie ich, im Jahr 2005, und neu in der Abteilung Anästhesie und Intensivmedizin Hamburg ehrfurchtsvoll auf einen meiner jetzigen Oberarztkollegen geschaut habe, als in der Morgenbesprechung verkündet wurde, er hätte am Vortag seine Facharztprüfung bestanden. Solche Nachrichten haben mich damals lange nachhaltig beeindruckt und motiviert gleichermaßen. Diese Kollegen, die es „geschafft hatten“, waren fast Helden für mich. Mein langer Weg der Fach­arzt­aus­bildung lag ja noch vor mir, einer langen Wanderung gleich, deren Ende ohnehin ebenso wenig wie die dabei zu bestehenden Strapazen absehbar waren. Und nun bin ich selbst Fachärztin, bin am Ziel und inzwischen schon ein wenig weiter gekommen.

So, wie ich es schon bei meinen Kollegen vor mir beobachten konnte, wurden auch mir nach meiner Ernennung zum Facharzt die gleichen Aufgabenbereiche übertragen: im OP, als Aufsicht und fachlich-organisatorischer Ansprechpartner für den saalführenden anästhesiologischen Weiterbildungsassistenten, für die fachärztlich geführte Narkoseplanung für den nächsten Tag im OP sowie als Facharzt in der Notaufnahme.

Dieser Positions- und Verantwortungswechsel war also erwart- und absehbar und verursacht trotzdem eine persönliche Veränderung, Reifung, ein Wachsen, das nach wie vor anhält. Ähnlich dem Vorgang nach der Geburt meines Kindes: auch hier bin ich als Mutter in meine Rolle hineingewachsen, immer der Verantwortung für mein Kind bewusst. Im Krankenhaus fühle ich mich entsprechend meinen Patienten einerseits und andererseits meinen Kollegen gegenüber verantwortlich.

Photo Abb. 2: Konzentriert bei der Akupunktur eines Schmerzpatienten. Somit werden an mich als Fachärztin tagtäglich hohe Erwartungen gestellt, eigenverantwort­liches Arbeiten und Entscheiden sind nun selbstverständlich geworden. Trotzdem erhebe ich nicht den Anspruch, alles immer und sofort zu wissen und weiß, dass es noch viel zu lernen und Erfahrung zu sammeln gilt. Wann immer notwendig und möglich, berate ich mich und nutze die Erfahrung und das Wissen meiner Kollegen in der Abteilung.

Dass ich während meiner Dienste als Jungfachärztin kritisch und neugierig beobachtet werde, so nach dem Motto: „Na, kriegt die das auch hin?“, nehme ich mit Verständnis wahr, schließlich mache ich etwas für meine Person noch Neues. Aber vielleicht steckt auch einfach nur Respekt dahinter, ähnlich, wie ich ihn auch für alle empfunden habe, die die Prüfung bereits geschafft hatten.

Aber auch Dankbarkeit und Erleichterung kann ich aus der Körpersprache meiner Dienstkollegen ablesen, wenn Verantwortung an mich abgegeben werden kann, ich sie als Fachärztin der Anästhesie berate, gemeinsam die weiteren therapeutischen Schritte, auch eine Ausweitung der Therapie auf z. B. unserer Intensivstation vorplane.  Ich halte es für wichtig und selbstverständlich, mich für meinen Dienst im OP, in der Notaufnahme, auf der Intensivstation und als Notarzt permanent und vielfältig weiterzubilden. Als Mutter eines Kleinkindes muss ich mir dafür die Zeit gut einteilen. Für Printmedien bleibt oft noch die meiste Zeit zwischen dem einen und dem nächsten Notarzteinsatz oder eben am Abend. Der Besuch von Weiterbildungsveranstaltungen erfordert dagegen eine langfristige Vorplanung.

Wie meistere ich den Spagat zwischen Familie und Beruf?

Im Team mit meinem Mann klappt es ganz gut. Mein Mann, Oberarzt in der Abteilung Innere Medizin am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, arbeitet in Vollzeit, ich erlaube mir hingegen im Teilzeitmodell immer freitags eine Auszeit, um für unser Kind da zu sein, aber auch den Haushalt nicht außer Acht zu lassen. Verlässliche Absprachen und Dienstplanungen sind sicher unsere täglichen organisatorischen Stützen. Bei üblichen Problemen des Alltags, ob noch Brot für das Abendessen fehlt oder ein Elternabend in der Kita ansteht, helfen uns kurzfristige Absprachen mit dem Telefon. Wer dann eben früher fertig ist, holt das Kind ab und der andere später das Brot vom Bäcker.

Trotzdem scheint die gefühlte Zeit, die am Ende für alle reichen muss, nicht zu genügen: für Kind und Mann, für meine Weiterbildungsansprüche, für Ideen bei Extraprojekten. Es hilft mir dann, in kleinen Zeitetappen und ebenso kleinen Schritten für jeden etwas zu erübrigen und vor allem abends oder bei späterem Dienstbeginn vor Bereitschaftsdiensten an Extraprojekten oder in der Fachliteratur zu arbeiten.

Mein jetzt unmittelbar anstehender Auslandseinsatz erfordert eine ganz andere Art der Planung. Die Vorausbildung und Impfungen sind abgeschlossen, das Gepäck verstaut. Meine Aufgabe im Einsatzland ist mir wohl bekannt. Meine Rolle als Mutter und Ehefrau allerdings werde ich nur von dort aus, so gut es geht, erfüllen. Mein Mann wird sich dann alleine um unser Kind kümmern und den täglichen Spagat zwischen seinem Beruf und unserer Familie leisten.

Längst ist mir klar, dass auch der Facharzt­erwerb „nur“ eine Zwischenetappe in meinem Soldaten- und Medizinerleben war und ist. Es geht auch bei mir weiter, entlang meiner gesteckten (Zwischen)-Ziele:

Die Schmerztherapie ist mir eine Herzensangelegenheit. Neben meiner derzeitigen Weiter­bildung für die Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ unterstütze ich unser kleines Schmerzteam am Bundeswehrkrankenhaus darin, das Qualitätsmanagement zur postoperativen Schmerztherapieerfassung mittels des Projektes QUIPS (Qualitätsverbesserung in der postoperativen Schmerztherapie) der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) zu etablieren. Meine Schmerzpatienten behandle ich neben der Schulmedizin gerne auch zusätzlich mit Traditioneller Chinesischer Medizin in Form von Akupunktur und Phytotherapeutika.

Auch wenn ich jetzt erneut in einem Ausbildungsabschnitt stecke, fühle ich mich doch persönlich freier. Sicher mag das daran liegen, nicht mehr jeder Narkose für den Narkosekatalog nachjagen zu müssen, vielleicht auch daran, mit der erfolgreich abgeschlossenen Fach­arzt­ausbildung ein festes Fundament gegossen zu haben. Es ist nun ausgehärtet, trägt belastbar und gibt mir Halt, dass ich mich stabil aufstellen kann, um mich stetig weiterzuentwickeln: als Anästhesistin, Soldatin und Frau.

Datum: 01.04.2016

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2016/1