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PERSPEKTIVEN DER WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG IM SANITÄTSDIENST

Wissenschaft und Forschung haben im Sanitätsdienst eine sehr lange Tradition.

Sind sie doch mit so berühmten Namen verbunden, wie Ernst von Bergmann oder Johann Friedrich Goercke, um nur zwei der darüber hinaus für die Sanitätsakademie der Bundeswehr als Namenspatrone besonders bedeutenden Personen zu nennen. Photo Abb. 1: Ziele Wissenschaft und Fähigkeitsentwicklung

Was aber ist nun genau das Besondere, das Wissenschaft und Forschung im Sanitätsdienst der Bundeswehr kennzeichnet und wo ergeben sich ggf. Unterschiede zum zivilen Bereich?
Diese beiden Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden und gleichzeitig die Rolle der Sanitätsakademie der Bundeswehr in ihrer neuen Struktur als Alma Mater für den akademischen Anteil der Ausbildung der Kräfte des Sanitätsdienstes dargestellt werden.

Kennzeichen von Wissenschaft und Forschung in der Militärmedizin

Zunächst sollte man eine Begriffsdefinition vornehmen. Von Forschung spricht man, wenn man die „Erforschung“ bzw. „Erweiterung des Wissens“ in aktiver Weise durch eine wissenschaftliche Beschäftigung mit einer umschriebenen Fragestellung voran bringen möchte. Wissenschaft hingegen ist der Oberbegriff bzw. die begriffliche Zusammenfassung aller Aktivitäten in diesem Zusammenhang, insbesondere die Untrennbarkeit von Forschung und Lehre.
Diese Begrifflichkeit ist insofern von besonderer Bedeutung, als es oftmals zu Missverständnissen und Verwechselungen der verwendeten Termini kommen kann. So ist Wissenschaft ohne Anteile der Lehre oder ohne eine aktive Forschung keine eigentliche Wissenschaft im streng genommenen Sinne. Wir werden im Folgenden darauf zurückkommen und die Bedeutung bzw. Übertragung dieser Begriffe für den besonderen Bereich der Militärmedizin herausarbeiten.
Was also unterscheidet zum Beispiel Forschung in der Militärmedizin von „klassischer“ universitärer Forschung. Beide Forschungszweige münden im Idealfall in umsetzbaren Ergebnissen und in für das Fachpublikum und die Allgemeinheit verfügbaren Veröffentlichungen. Anmerkung: Forschung, die nicht publiziert wird, bzw. deren Ergebnisse nicht öffentlich gemacht werden, erfüllt nicht den Zweck klassischer Forschung und auch und vor allem nicht die Kriterien einer Wissenschaftlichkeit. Hierzu ist stets der kritische Diskurs in der jeweiligen Fachwelt notwendig. Offenheit und Transparenz sind Grundprinzipien wehrmedizinischer Forschung. Betrachtet man nun Forschungsaktivitäten an Universitäten und innerhalb der Bundeswehr (die Universitäten der Bundeswehr nehmen hierbei eine Sonderrolle ein), so kann man drei grundsätzliche Unterschiede / Paradigmen feststellen.

  • Wehrmedizinische Forschung schließt Fähigkeitslücken

Der wichtigste Grundsatz wehrmedizinischer Forschung ist, dass diese sich streng an militärischen Fähigkeitslücken zu orientieren hat. Zum Beispiel liegt eine reine Grundlagenforschung zunächst eindeutig nicht im Auftrag wehrmedizinischer Forschungseinrichtungen. Mehr hierzu und Sonderfälle werden weiter unten erläutert.
Universitäten und zivile außeruniversitäre Großforschungseinrichtungen, z. B. Max Planck Institute haben hingegen ihre Hauptschwerpunkte auf dem Gebiet der Grundlagenforschung. Hier geht es teilweise zunächst nurum globalen Wissensgewinn. Den Vor- und Nachteilen beider Herangehensweisen wirdin idealer Weise durch Kooperationen zwischen wehrmedizinischen Instituten und z. B. universitären Einrichtungen begegnet.

  • Wehrmedizinische Forschung ist zweck- und anwendungsorientiert

Wehrmedizinische Forschung muss stets auf ein fassbares und umsetzbares Ziel ausgelegt sein. Es geht dabei nicht um die reine Wissensvermehrung im Sinne der schon genannten Grundlagenforschung, z. B. die Erforschung molekularer oder zellulärer Prozesse, ohne dass diese in einem festen Anwendungsbezug steht. Es geht alsodarum, Fähigkeiten zu identifizieren, die wir noch nicht haben und Fähigkeitslücken zu schließen, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse in begreifbare Produkte, in Verfahren oder neue Technologien umgesetzt werden.
Wehrmedizinische Forschung ist also darauf ausgerichtet, entweder ein rüstungsfähiges Endprodukt, etwa ein Testkit oder ein verlegbares mobiles Labor zu entwickeln, oder aber das Knowhow zu generieren, welches den spezifischen Bedarf des Sanitätsdienstes, etwa nach der Diagnostik einer speziellen, vor allem für die Militärmedizin relevanten Erkrankung decken kann.
Was aber tun, wenn für die Entwicklung spezifischer wehrmedizinisch notwendiger Verfahren die entsprechenden Grundlagen nicht vorhanden sind? Hier genau haben wir den Sonderfall, dass zunächst selber Grundlagen erarbeitet werden müssen, erst dann kann der zweite Schritt der gezielten zweck- und anwendungsorientierten Weiterentwicklung folgen. Dies entspricht dem Forschungsprinzip von Max Planck: „Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen.“

  • Wehrmedizinische Forschung ist langfristig angelegt

Im Gegensatz zu rein universitärer Forschung, ist Forschung in der Wehrmedizin langfristig angelegt. Sie ist frei von Modetrends und robust gegen Schwankungen der öffentlichen Risikoperzeption. Das bedeutet, aktuelle Trends müssen berücksichtigt werden, können jedoch nicht allein entscheidend sein. Ziel ist die langfristige Sicherstellung der medizinischen Versorgung von Soldaten im Einsatz.
Hier haben wir es in erster Linie mit Gesundheitsstörungen zu tun, welche im zivilen Bereich eine eher untergeordnete Rolle spielen. Dies sind etwa in Deutschland eher selten zu behandelnden einsatztypischen Verletzungen mit zum Teil systemischen Auswirkungen auf den gesamten Körper oder das Auftreten von Infektionen mit im Inland nicht endemischen Erregern. Als Beispiele seien hier auch Gesundheitsstörungen durch biologische, chemische und radioaktive Stoffe sowie durch ionisierende Strahlung, d.h. der Medizinische ABC-Schutz genannt.
Das bedeutet, hierfür notwendigen Behandlungsverfahren oder die entsprechende Spezialdiagnostik stetig weiter zu entwickeln und diese ständig für den Einsatz abrufbereit zu haben. Die Fähigkeit, die hierzu erforderlichen Verfahren zur Diagnostik für spezielle Krankheitsverursacher in den Einsatz zu bringen, wird beispielsweise durch die Task Force Med ABC-Schutz ermöglicht.

  • Ressortforschung in der Wehrmedizin

Um sich der Fragestellung „Ressortforschung in der Wehrmedizin“ zu nähern, sind weitere allgemeine Anmerkungen und Begriffsbestimmungen zur Einordnung von Ressortforschungseinrichtungen und der Ressortforschung sinnvoll. Sogenannte Bundeseinrichtungen mit Forschungs- und Entwicklungs-(FuE)-aufgaben gehören dem Geschäftsbereich eines Bundesministeriums an. Sie sind Teil der staatlichen Verwaltung und werden aus Bundesmitteln finanziert. Derzeit gibt es in Deutschland 52 Ressortforschungseinrichtungen. Davon sind im Geschäftsbereich BMVg insgesamt 13 grundfinanzierte Einrichtungen angesiedelt (Meineke 2009).”Im Sanitätsdienst betrifft dies die drei Münchner Med ABC-Schutz Institute sowie die Laborabteilung IV des Koblenzer Zentralinstitutes, welche wiederum in das neu aufzustellende Institut für Präventivmedizin überführt werden wird.
Was aber macht die Ressortforschung anders, als andere Forschungseinrichtungen. „Müsste man den Auftrag der Ressortforschungseinrichtungen stark vereinfachend in einem Satz zusammenfassen, so könnte eine Definition lauten: (…)“Im Gegensatz zu allen anderen Säulen der deutschen Forschung, ist die Arbeit der Ressortforschungseinrichtungen streng ausgerichtet auf durch eigene langfristige und kontinuierliche Forschungsaktivitäten und Expertise ausgewiesene wissensbasierte, direkte und unmittelbare Unterstützung des jeweiligen Ressorts“ (Meineke 2009).” Oder aber noch einfacher formuliert, die wehrmedizinischen Ressortforschungseinrichtungen erfüllen alle bisher, insbesondere aber die im Folgenden beschriebenen Kriterien.

Zeitgemäße Wissenschaftlichkeit in der wehrmedizinischen Forschung

Nicht alles, was das Etikett „Wissenschaftlichkeit“ trägt, genügt auch diesen Kriterien. So ist z. B. eine bloße Auswertung von in der Literatur vorhandenen Daten oder aber eine reine Beauftragung externer Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, ohne dass zwingend erforderliche eigene wissenschaftliche Expertise vorhanden ist, bzw. diese Ergebnisse auch im eigenen Bereich umgesetzt werden, keine Wissenschaft im eigentlichen Sinne. Diese Tatsache wird leider häufig verwechselt. Entscheidend hingegen ist die Tatsache, dass unterschiedlichste Elemente die Qualität der wissenschaftlichen Erkenntnisse sichern.

  • Zentrales Forschungsmanagement

Der Startpunkt bei jeglichen Aspekten zur Sicherung einer hohen Qualität wehrmedizinischer Forschung ist ein modernes und vor allem zentrales Forschungsmanagement mit fachlicher Expertise. Es ist von grundlegender Bedeutung, dass dieses Forschungsmanagement über alle erforderlichen Informationen verfügt, um zielgerichtet und zeitnah sämtliche Aktivitäten in der wehrmedizinischen Forschung koordinieren zu können.
Derartige Strukturen finden sich bereits im zivilen Bereich an Universitäten und Großforschungseinrichtungen und werden z. B. durch einen Forschungsdekan nach innen und außen repräsentiert. Dadurch ist auch eine Profilbildung der einzelnen Institution möglich. Um Missverständnissen vorzubeugen, bei einem zentralen Forschungsmanagement geht es nicht darum, eine reine Kontroll- bzw. zuweilen negativ empfunden „Verbietefunktion“ wahrzunehmen.
Es geht vielmehr darum, Forschungsaktivitäten zu bündeln, Doppelungen zu vermeiden, bzw. überhaupt einmal alle forschenden Einrichtungen zusammen zu bringen und Kontakte und Möglichkeiten der Kooperationen auch im Sanitätsdienst selbst zu bahnen. Ziel sollte in diesem Zusammenhang zumindest ein „virtuelles Wissenschaftsnetzwerk“ innerhalb des Sanitätsdienstes sein. Das Miteinander und die Vernetzung sind Kennzeichen sanitätsdienstlicher Forschung.

  • Elemente der Qualitätssicherung in der wehrmedizinischen Forschung

Es sind aber noch eine Reihe anderer direkter und indirekter Parameter einer Qualitätssicherung in der Wissenschaft zu nennen. Zuvorderst steht hier die unabhängige Begutachtung der Forschungsergebnisse, bzw. das Sich-Stellen im wissenschaftlichen Wettbewerb mit anderen zivilen und militärischen Einrichtungen national und international.
Das bedeutet z. B. unabhängige externe Begutachtungen, wie durch den Wissenschaftsrat oder vergleichbare anerkannte Gremien, die kompetitive Übernahme von Forschungsaufgaben für Drittmitteln oder aber die Publikation aller Ergebnisse in sogenannten peer-reviewed Online und Printmedien. Zu Überlegen wäre in diesem Zusammenhang, inwieweit eine „Listung“ von eigenen Zeitschriften im Sanitätsdienst in der Medline diesen Prozess nicht entscheidend verstärken könnte.
Ein weiterer indirekter Parameter der Qualitätssicherung ist die Zahl von Promotionen und Habilitationen im eigenen wissenschaftlichen Bereich. Aber auch Kooperationen mit zivilen Universitäten und Forschungseinrichtungen sind ein wichtiges Maß für die Qualität und damit auch der Attraktivität der eigenen Wissenschaft im Sanitätsdienst. Zusätzlich kann es hierdurch zu einer konstruktiven Synergie von Grundlagenforschung und angewandter Forschung kommen.
Hinzu kommen aber noch weitere zwingende Elemente, wie die Begleitung der wissenschaftlichen Arbeit durch fachbezogene Beiräte und zumindest periodische externe formale Begutachtungen wie durch den Wissenschaftsrat oder vergleichbare Institutionen. Unter Umständen wird hierbei in der Zukunft auch eigenen Gremien aus der Ressortforschungentsprechende Funktion und Bedeutung zukommen.
Ein wesentliches direktes Qualitätskriterium ist die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, also die Wirkung (Outcome) der Forschung. Beispielhaft wäre der Eingang von Forschungsergebnissen in aktuelle Leitlinienempfehlungen oder Vorschriften zu nennen.

Keine Wissenschaft ohne das enge Zusammenwirken von Forschung und Lehre

Wie bereits weiter oben in der Einleitung dargelegt, bedeutet Wissenschaft immer das enge Zusammenwirken von Forschung und Lehre. Alle gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen zeitnah in Lehr- und Lerninhalte umgesetzt werden.
Um dies noch einmal zu betonen, hierzu bedarf es einer vollständigen Transparenz aller Forschungsaktivitäten zu den verschiedensten Zeiten in den unterschiedlichsten Einrichtungen des Sanitätsdienstes. Nur diese Offenheit kann sicherstellen, dass qualitätsgesicherte Ergebnisse unmittelbar in die sanitätsdienstliche Versorgung umgesetzt werden können. Der Sanitätsakademie der Bundeswehr kommt bei diesem Umsetzungsprozess eine ganz besondere Rolle zu.
Diese Aufgabe wird in der Akademie von den neuen Fachbereichen der Abteilung – „Lehre Gesundheitsversorgung Bundeswehr“ zu leisten sein. Die Fachbereiche sind Teil des Direktorat Ausbildung und Lehre und von zentraler Bedeutung, wenn es um die wissenschaftlich geprägte Erschließung und der daraus resultierenden Erarbeitung und Vermittlung von Lehrinhalten geht. Hier können zukünftig zentral wissenschaftliche Ergebnisse aus den Feldern der präklinischen und klinischen Einsatzmedizin sowie der Präventivmedizinaber auch der Bereich Führung und Management der Gesundheitsversorgung in die Lehre umgesetzt werden.Neben den Instituten werden hier die Verbindungen zu anderen Lehreinrichtungen innerhalb und außerhalb des Sanitätsdienstes geknüpft. Unabhängig von der Lokalisierung und Unterstellung einzelner wissenschaftlicher Teilbereiche können so alle Informationen in München zusammen laufen.

Photo Abb. 3: Lehre Gesundheitsversorgung an der Schnittstelle Wissenschaft und Ausbildung Perspektiven für den Sanitätsdienst

Der Sanitätsdienst verfügt mit seinen forschenden Einrichtungen und der neuen Akademie als Zentrum eines Wissenschafts- und Bildungsnetzwerkes über ein hervorragendes Potential, welches im zivilen Bereich seines Gleichen sucht. Umso wichtiger ist es, sämtliche Forschungsaktivitäten zu bündeln, Forschungsziele zu fokussieren und die Interaktion und Verzahnung zwischen Ressortforschungsinstituten und forschenden Einrichtungen mit Ressortauftrag deutlich zu verstärken.
Um Versäumnisse zu vermeiden, wird es von besonderer Bedeutung sein, klare Definitionen für Forschungsaktivitäten in diesen beiden Bereichen zu finden und gleichzeitig sicherzustellen, dass Redundanzen vermieden werden. Gleiches gilt für die Stärkung der wissenschaftlichen Elemente in den Bundeswehrkrankenhäusern und die Etablierung von deutlicheren Schnittstellen zu den anderen forschenden Einrichtungen im Sanitätsdienst.
Vorhandene Elemente der Qualitätssicherung müssen auf allen Ebenen und in allen Bereichen des Sanitätsdienstes weiter ausgebaut werden. Nur gemeinsame Standards können das hohe Niveau der wissenschaftlichen Erkenntnis in einzelnen Bereichen der Forschung weiter stärken und vor allem alle anderen forschenden Einrichtungen zur Nachahmung anregen.
Diese Bemühungen werden zu einer weiteren kontinuierlichen Ressourcenschonung bei dennoch ständig steigender Qualität führen. Hierzu wird aber auch gehören, dass wissenschaftliche Laufbahnen im Sanitätsdienst an Selbstverständlichkeit gewinnen werden.

Datum: 27.08.2014

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2014/2