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MUNDSCHLEIMHAUTVERÄNDERUNGEN

EINE HILFESTELLUNG BEI DER ERSTEN VERDACHTSDIAGNOSE

Die Mundschleimhaut kleidet die gesamte Mundhöhle aus. Die Eingangspforte zur Mundhöhle wird durch die Lippen begrenzt. Diese stellen den Übergang vom äußeren Gesichtbereich zur Mundhöhle dar. Die Mundschleimhaut bedeckt die Weichteile sowie den Ober- und Unterkiefer.

Im Gegensatz zum mehrschichtig verhornten Plattenepithel des Gesichtes, handelt es sich in der Mundhöhle um ein mehrschichtiges unverhorntes Plattenepithel, die Mukosa. Diese unverhornte Mukosa kleidet den Mundboden, den weichen Gaumen, die Zungenunterseite sowie die Wangen, Innenseite der Lippen und das Vestibulum aus. In den Bereichen des harten Gaumens, des Zungenrückens und des Zahnfleisches handelt es sich auf Grund stärkerer mechanischer Belastung um ein leicht verhorntes mehrschichtiges Plattenepithel (parakeratinisiert). 

Veränderungen der Mundschleimhäute können eine Vielzahl von pathologischen Veränderungen zu Grunde liegen:

  • entzündliche Veränderungen
  • Aphthosen
  • traumatische und irritative Läsionen
  • metabolische Störungen
  • systemische Erkrankungen
  • Fehlbildungen
  • orale Vorläuferläsionen

Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die einzelnen Mundschleimhautveränderungen gegeben.

Entzündliche Veränderungen 

Bakterien, Viren und/oder Pilze sind die häufigsten Ursachen für Entzündungen. Physikalischen Noxen, z. B. Strahlen, Hitze oder Druck (z. B. Prothesendruck) oder chemischen Noxen wie Tabak- und Alkoholkonsum begünstigen die Einwirkung für die Entzündung. Diese entzündliche Veränderungen werden in akute und chronische Entzündungen eingeteilt.

Akute Entzündungen können sich nach ihrer Heftigkeit und Intensität unterschiedlich darstellen:

  • katarrhalisch
  • vesikulär-pustulös
  • aphthös
  • eitrig, ulzerös-nekrotisierend

Chronische Entzündungen stellen sich klinisch als:

  • atrophisch
  • hypertropisch
  • granulomatös

Weiterhin gibt es spezifisch lokalisierte Entzündungsformen der Mundhöhle, die durch ihre Lokalisation charakterisiert sind. Die Ursache für diese Entzündungsform ist nach wie vor meist unklar. Dies sind beispielsweise:

  • Glossitis rhombica mediana
  • Glossitis migrans, Lingua geographica
  • Schwarze Haarzunge
  • Cheilitis und Glossitis granulomatosa

Aphthosen 

Aphthosen werden als rezidierende, nicht infektiöse entzündliche Epitheldefekte beschrieben. Ihre Ätiologie ist immer noch unbekannt. Als Ursache werden bakterielle Antigene, autoimmune Mechanism, Virusinfektionen, Mangelerkrankungen und hormonale Faktoren diskutiert.

Traumatische und irritative Veränderungen 

Die Ursachen von diesen Veränderungen sind meistens mechanisch (z. B. eine Bissverletzung). Physikalische Veränderungen können beispielsweise durch Hitze (Tabakkonsum) hervorgerufen werden. Eine Ursache für eine chemische Veränderungen kann eine Verätzung durch Chemikalien sein. Die häufigsten Folgen dieser traumatischen Schleimhautläsionen sind Ulzera, Fremdkörpergranulome und konsektive Narbenbildungen.

Metabolische Störungen 

Metabolische Störungen spielen bei den Mundschleimhautveränderungen eine eher untergeordnete Rolle. Bei bestimmten Erkrankungen, wie z. B. bei Eisenmangel (Plummer- Vinson-Syndrom), hormonelle Störungen (Schwangerschaftsepulis), Störungen der Melaninproduktion (Morbus Addison), Avitaminosen durch Vitamin-C-Mangel oder Vitamin- B-Mangel und Intoxikationen durch Schwermetalle kann es zu einer Veränderung der Mundschleimhäute kommen.

Systemische Erkrankungen 

Mundschleimhautveränderungen, die durch systemische Erkrankungen verursacht wurden können nur auf Grund einer histologischen Abklärung genau zugeordnet werden. Neben Veränderungen bedingt durch, z. B. einen Magen-Darm-Erkrankungen manifestieren sich häufig dermatologische Erkrankungen in der Mundhöhle. Hier können sowohl die Haut und die Schleimhaut betroffen sein, aber auch ausschließlich die Schleimhaut, wie beim Lichen planus. Die wichtigsten dermatologischen Erkrankungen mit Beteiligung der Mundschleimhaut sind Lichen planus, Pemphigus vulgaris, benignes Schleimhautpemphigoid, Erythema exsudativum multiforme und Lupus erythematodes. Lichen planus gehört zu den häufigeren systemischen Erkrankungen, dessen Ätio - logie nach wie vor unbekannt ist. Vermutlich handelt es sich um Autoaggression von T-Lymphozyten, was zu einer Degeneration der Basalschicht des Plattenepithels führt. Etwa 2 % der Bevölkerung sind betroffen, in der Mehrheit Frauen. In etwa 70 % der Fälle sind beim Lichen planus die Mundschleimhäute betroffen. Sie ist chronisch und kann ihre Lokalisation verändert. Oft ist der Lichen planus symptomlos. Beschwerden, die sich schubweise äußern können, können als metallischer Geschmack oder auch Zungenbrennen geäußert werden.

Fehlbildungen 

Fehlbildungen können sich isoliert im Bereich der Mundschleimhaut darstellen. Diese Veränderungen sind in der Regel harmlos, im Zweifelsfall sollten sie diffentialdiagnostisch abgeklärt werden. Fehlbildungen der Mundschleimhäute können beispielsweise Fordyce- Flecken (Nester ektoper Talgdrüsen), Naevus spongiosus albus (kongenitale Störung der Epitheldifferenzierung während der Pubertät) und Altersveränderungen sein.

Orale Vorläuferläsionen 

Zu den oralen Vorläuferläsionen werden die Leukoplakie und die Erythroplakie gezählt. Bei beiden handelt es sich um nicht abwischbare weißliche bzw. rötliche Veränderungen, die weder klinisch noch histologisch einer anderen Erkrankung zu zuordnen sind. Da es sich um eine Tumorvorstufe handelt, muss eine differentialtherapeutische Abklärung erfolgen und der Betroffene einer Therapie zugeführt werden. Bei der Leukoplakie sollten zu Beginn andere Mundschleimhauterkrankungen ausgeschlossenen und auch Risikofaktoren, wie z. B. Tabakkonsum ausgeschaltet werden. Anschließend erfolgt die klinisch morphologische Klassifizierung. Bei einer homogenen Leukoplakie wird bei gegrenzter Größe eine Exzisionsbiopsie und bei ausgedehnten Befunden eine Inzisionsbiopsie durchgeführt. Im Gegensatz zu einer inhomogenen Leukoplakie, wo als Therapie eine Exzision erfolgen sollte. Wichtig ist bei beiden Formen, das der Betroffenen anschließend in regelmäßigen Abstand sich zur Kontrolle vorstellt.

Untersuchungsmethodik 

Die verschiedenen Läsionen der Mundschleimhaut sind meisten bei einer visuellen Inspektion zu erkennen. Diese Inspektion der Mundhöhle sollte standardisiert immer in der gleichen Reihenfolge ablaufen. Sie erfolgt nach der Anamnese und vor der Inspektion der Zähne (Abb. 1.1, 1.2, 2.1, 2.2, 3, 4.1, 4.2, 5, 6.1, 6.2, 7, 8, 9, 10, 11).

Alle verdächtigen Läsionen sollten nach der klinischen Inspektion mit zwei oder drei Fingern durch gegenläufige Bewegung palpiert werden.

Zusätzlich sind für die Stellung einer ersten Verdachtsdiagnose verschiedene Charakteristika von Läsionen von Bedeutung:

  • Farbliche Darstellung der Läsion,
  • Beschreibung des Niveaus,
  • ist die Läsion mit einem Wattepellet abwischbar – nicht abwischbar.

Der im Folgenden dargestellte Algorithmus zur Untersuchung der Mundschleimhäute stellt einen Handlungspfad da, der die Stellung einer ersten Verdachtsdiagnose hierzu erleichtern soll (Abb.12).

Jede verdächtige Läsion sollte nach Kriterien wie Größe/Ausmaß, Aussehen und Symptomatik dokumentiert und nach 2 Wochen kontrolliert werden. Sofern sie nicht einer eindeutigen definierten Grunderkrankung oder Ursache zu zuordnen ist, muss sie nach zwei Wochen eindeutige Rückbildungstendenzen zeigen oder einer weiterführenden Diagnostik zugeführt werden.

Fazit 

Veränderungen der Mundschleimhäute können eine Vielzahl von pathologischen Veränderungen zu Grunde liegen. Wichtig für die erste Stellung einer Verdachtsdiagnose ist, dass die Untersuchungsmethodik der Mundschleimhäute standardisiert immer in der gleichen Reihenfolge abläuft. Etwaige Veränderungen, die nicht einer eindeutigen Grunderkrankung oder Ursache zu zuordnen sind und nach zwei Wochen keine Rückbildungstendenz zeigen, müssen einer weiterführenden Diagnostik zugeführt werden. Der beschriebene Algorithmus bietet eine gute Unterstützung bei der Stellung einer ersten Verdachtsdiagnose.

Datum: 19.09.2012

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2012/2