Hepatitis-C-Therapie: Mitten in der Pandemie?

Seit mehr als einem Jahr bestimmt das Thema SARS-CoV-2 weltweit die Agenda und stellt Ärzte und Patienten vor erhebliche Herausforderungen. Die Pandemie hat auch für die Behandlung anderer Erkrankungen weitreichende Konsequenzen. Als elektiv erachtete Therapien wurden zeitweise aufgeschoben, um Ressourcen für die Versorgung von Covid-19 Patienten zu schonen. Gleichzeitig meiden auch Patienten häufiger Arztkontakte aus Sorge vor einer Ansteckung.

Diese Entwicklungen haben auch potenzielle Auswirkungen auf die Behandlung von Menschen mit einer chronischen Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV). Dies wurde im vergangenen Jahr in der ersten Welle der Pandemie im Rahmen eines virtuellen Expertentreffens ausführlich diskutiert 1  und durch eine Analyse, der HCV-Behandlungszahlen aus dem DHC-R für Deutschland gezeigt. 2

Es sei zu befürchten, dass aufgrund der Pandemie Therapien verzögert würden, so die Experten1 Der Inhalt der Diskussion hat auch in der zweiten Welle der Pandemie nichts an seiner Aktualität verloren. Denn auch in Zeiten von Covid-19 hat jeder Patient mit chronischer Hepatitis C erst einmal grundsätzlich eine Indikation zur Therapie.

Abbildung 1
Abbildung 1

Es drohen Rückschläge beim Ziel der Elimination von ­Hepatitis C

Wichtig ist, dass eine HCV-Therapie nicht dauerhaft verzögert wird oder gänzlich unterbleibt. „Wenn durch die Pandemie Therapien länger verzögert werden, kann dies negative Konsequenzen für die Patientenversorgung haben, insbesondere für Patienten mit bereits fortgeschrittener Lebererkrankung. Es könnte beispielsweise sein, dass die Zahl der Fälle mit hepatozellulärem Karzinom ansteigt“ erläuterte PD Dr. Benjamin Maasoumy im Rahmen der Expertenrunde. 1

Da Ressourcen für Covid-19 freigehalten werden, hat sich auch der Zugang zu Risikopopulationen deutlich verschlechtert. Im vergangenen Jahr wurden viele Screening- und soziale Projekte gestoppt oder zumindest aufgeschoben. Gerade hier ist allerdings das Risiko einer Weitergabe der HCV-Infektion besonders hoch. Ein Aufschieben der Behandlung in den Risikogruppen wie z. B. Drogengebrauchenden beinhalte allerdings das Risiko, dass diese den Zugang zum medizinischen System in der Zwischenzeit wieder gänzlich verlieren. So wird unter Umständen dauerhaft gar keine Behandlung mehr eingeleitet, befürchtete PD Dr. Maasoumy. 1

Abbildung 2
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Hepatitis C ist heute bei nahezu allen Patienten, einschließlich Hochrisikogruppen wie Drogenkonsumenten, schnell und gut verträglich heilbar. Jeder Betroffene sollte daher eine Therapie erhalten – dies gelte auch in Zeiten von Corona.

PD. Dr. Maasoumy erläuterte nun, dass mittlerweile Ergebnisse erster Modelrechnungen vorliegen, die mögliche gravierende Effekte der Covid-19-Pandemie auf die Ziele der Weltgesundheitsorganisation 3  und der Bundesregierung 4  skizzieren, Hepatitis C bis 2030 zu eliminieren. Dies betreffe nicht nur Deutschland, sondern auch den Rest der Welt. Eine kürzlich veröffentlichte Analyse einer internationalen Forschergruppe errechnete bereits für eine einjährige Verzögerung der globalen Eliminationsbemühungen eine Zunahme der HCV-Neuinfektionen von ca. 120 000 Fällen bis 2030 – das hätte, zusammen mit den geringeren Behandlungsraten, eine Erhöhung der Gesamtzahl der Infizierten um mehr als eine halbe Million Menschen zur Folge.5 Im gleichen Zeitraum müsste dann mit ca. 70 000 zusätzlichen leberbedingten Todesfällen gerechnet werden. Besonders betroffen von der Zunahme wären unter anderem die USA, Australien aber auch verschiedene westeuropäische Länder wie Frankreich und Deutschland. 5

Nach aktueller Datenlage sind chronische virale Hepatitiden, auch Hepatitis C, kein Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf. 6  Die Einhaltung der allgemein gültigen Maßnahmen zum Schutz vor einer SARS-CoV-2 Infektion sollten nach Ansicht der Experten daher weiterhin als ausreichend angesehen werden (Abbildung 1).

Abbildung 3
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Patienten könnten von Telemedizin profitieren

Eine Möglichkeit, auch mit reduzierten Kontakten eine antivirale Behandlung durchzuführen, bietet die telemedizinische Unterstützung (Abbildung 2). 7  Viele Behand­ler haben in den vergangenen Monaten gute Erfahrungen mit Videosprechstunden gemacht. Gerade bei jüngeren Patienten sei die Akzeptanz meist hoch, so PD Dr. Maasoumy. 1

An der Untersuchung nahmen HCV-Patienten teil, darunter auch Substitutionspatienten, die auf eine direkt antiviral wirksame (DAA-) Therapie eingestellt wurden.7 Eine Probandengruppe erhielt ein Standard-Monitoring der Behandlung, die andere ein vereinfachtes Monitoring mittels Telemedizin. Die Ergebnisse 12 Wochen nach Therapieende zeigten, dass sich die SVR (sustained virologic response)-Raten zwischen den beiden Patientengruppen nicht signifikant unterschieden (Abbildung 3). Die Studie bestätigt, dass telemedizinische Möglichkeiten für die Versorgung von HCV-Patienten ein spannendes Potenzial bieten.

Diagnostik und Behandlung sollten wieder vorangetrieben werden

SARS-CoV-2 wird die Gesellschaft noch einige Zeit beschäftigen. Durch neue Mutationen und Engpässe bei der Impfstoffversorgung lässt sich tatsächlich aktuell nur schwer abschätzen, wann ein medizinischer Normalbetrieb wieder dauerhaft möglich ist. Um Folgeschäden der Hepatitis C in Deutschland zu vermeiden, müssen Wege gefunden werden, die auch unter besonderen Bedingungen eine antivirale Behandlung uneingeschränkt ermöglichen. Hierfür stehen einfache Therapien mit kurzer Behandlungsdauer und gutem Sicherheitsprofil zur Verfügung.

„Die Elimination von Hepatitis C muss weiterhin das Ziel bleiben. Wir waren bereits auf einem guten Weg – und daran müssen wir weiterarbeiten“, so PD Dr. Maasoumy. 1


Referenzen

Virtuelles Expertentreffen am 06. Mai 2020. Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Markus Cornberg und PD Dr. Benjamin Maasoumy, Medizinische Hochschule Hannover.

Hüppe et al. Z Gastroenterol. 2020 DOI 10.1055/a-1291–8518.

World Health Organization 2017. Global Hepatitis Report.

Bundesministerium für Gesundheit, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 2016. Bis 2030 – Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen.

Blach et al. J Hepatol. 2021 Jan; 74(1):31–36.  DOI 10.1016/j.jhep. 2020.07.042

Boettler T et al. JHEP Rep. 2020. DOI 10.1016/j.jhepr.2020.100113

Dore GJ et al. J Hepatol. 2020 72:431–40. DOI 10.1016/j.jhep.2019.10.010

DE-ABBV-210057


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² Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, Abteilung VIII – Radiologie und Neuroradiologie
³ Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, Klinik X – Anästhesie, Intensiv-...

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