Artikel: K. Schlolaut

Verbindungsoffizier zum U.S. Military Health System

Vor vier Jahren wurde der Dienstposten des Verbindungsoffiziers des Sanitätsdienst der Bundeswehr zum U.S. Military Health System in den U.S.A. eingerichtet. Zeit, die Entwicklung der Zusammenarbeit beider Sanitätsdienste aus Sicht des Verbindungsoffiziers zu bewerten.

Photo Der Sanitätsdienst der Bundeswehr pflegt seit Jahrzehnten eine vertrauensvolle und freundschaftliche Partnerschaft mit den U.S. Streitkräften. Seit Etablierung des Liaison Officers im Department of Defense (DoD) in 2016 konnte diese Zusammenarbeit weiter intensiviert, erweitert und nachhaltig strukturiert werden. Der ‚Structured Dialog‘ beider Sanitätsdienste setzt den Rahmen beiderseitiger Gespräche in den Schwerpunkten ‚Operational Medicine‘, ‚Public Health‘ und der wehrmedizinischen Forschung. Eine gemeinsame Vision und Zielsetzung der Zusammenarbeit ist die Grundlage für Projekte, wie z. B. gemeinsamer Forschungsthemen, dem Austausch von Health Surveillance Daten, neuer Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, gemeinsamer Übungen und der Etablierung neuer Austauschdienstposten. Aber es gibt auch Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit, wenn z. B. bilaterale Grundlagen für Projekte fehlen oder der Austausch und Einsatz von Fachpersonal zwischen Krankenhäusern scheitert. Chancen ergeben sich insbesondere aus der aktuellen Reform des U.S. Military Health Systems (MHS), dem Bedarf der fachlichen Inübunghaltung sowie gemeinsamer Sicherheitsinteressen in Europa.

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr genießt bei den U.S. Streitkräften insbesondere aufgrund seiner breiten Fähigkeiten, der umfassenden Leistungskapazitäten und seiner Professionalität ein einmaliges fachliches Ansehen. Das Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns ist nicht nur vor dem Hintergrund der in Deutschland stationierten U.S. Truppen oder der Zusammenarbeit im Einsatz, sondern insbesondere aufgrund gemeinsamer Sicherheitsinteressen und Planungen der Bündnisverteidigung in Europa ausgesprochen hoch. Zudem ist die Stärkung der Zusammenarbeit mit Partnernationen eine der drei Top-Prioritäten des U.S. Verteidigungsministers. Die Bereitschaft für eine engere Zusammenarbeit mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr ist uneingeschränkt gegeben. 

Die Einbindung als Verbindungsoffizier im MHS könnte nicht besser sein. Die Einrichtung des Dienstpostens an zentraler Stelle im DoD ermöglicht einen Einblick und den Zugang zu Informationen auf strategischer Ebene. Die Positionierung im Defense Health Headquarters am Rande Washington D.C. bietet die unmittelbare Verbindungsaufnahme vor Ort zur Defense Health Agency (DHA), den Stäben der drei Surgeon Generals der Army, Navy und Air Force, dem Joint Staff Surgeon, der Uniformed Services University sowie ausgesuchten Behandlungseinrichtungen in der Region (u. a. Walter Reed Hospital). Die aktive Einbindung in Stabsbesprechungen, Fähigkeitsanalysen, Reformüberlegungen, Forschungskoordinierungskonferenzen, um nur einige Beispiele zu nennen, zeugen von Vertrauen und einer ausgesprochenen Offenheit. Darüber hinaus bietet das MHS dem SanDstBw die Möglichkeit des Austauschs zu seinen umfangreichen Erfahrungen in aktuellen Themengebieten wie z. B. der Traumaversorgung (Joint Trauma System/Trauma Registry), der Digitalisierung (Electronic Health Record) sowie ‚neuer‘ medizinischer Berufsbilder (Physician Assistant). 

In den vergangenen Jahren konnten dadurch u. a. folgende Projekte initiiert oder intensiviert werden: 

  • Etablierung eines regelmäßigen strukturierten sanitätsdienstlichen Dialogs (‚Structured Dialog‘)
  • Abstimmung einer gemeinsamen ‚Vision‘ und ‚Strategy Map‘ der Zusammenarbeit
  • Nutzung der deutsch-amerikanischen Army Staff Talks für Themen der Interoperabilität
  • Etablierung eines Austauschoffiziers am Army Medical Center of Excellence
  • Zusammenarbeit in gemeinsamen Forschungsthemen
  • Austausch im Bereich der medizinischen Simulation
  • Intensivierte Zusammenarbeit im Bereich Public Health/Preventive Medicine
  • Austausch von ‚Health Surveillance‘ Daten
  • Teilnahme an der Übungsserie Combined Joint Atlantic Serpent
  • Einbindung in das Committee Tactical Combat Casualty Care
  • Klinische ‘Electives’ für SanOA an U.S. Militärkrankenhäusern
  • Teilnahme von SanOA an der Operation Bushmaster
  • Teilnahme am Lehrgang Global Health Security Strategy

 

Darüber hinaus ist es Absicht, zukünftig die ­Forschungszusammenarbeit mit dem Institute of Surgical Research durch die Entsendung eines wehrmedizinischen Forschers zu stärken, eine gemeinsame einsatzvorbereitende Teamausbildung für Sanitätspersonal hochbeweglicher Role 2 Einrichtungen in Europa einzurichten, einen amerikanischen Austauschoffizier am MMCC in Koblenz einzusetzen und die Voraussetzungen zu schaffen, dass medizinisches Personal bereits im Grundbetrieb in Krankenhäusern der jeweils anderen Nation eingesetzt oder inübunggehalten werden kann. 

PhotoSanitätsdienstlicher ‘Structured Dialog’ zwischen SanDstBw und U.S. MHS mit ‚Focus Areas‘ Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit ergeben sich neben sprachlichen Barrieren (zumindest auf amerikanischer Seite) insbesondere dann, wenn z. B. die Organisationsstrukturen wesentlich voneinander abweichen (Fähigkeiten des ZSanDstBw vs Fähigkeiten der Army, Navy und Air Force oder Fähigkeiten der aktiven Truppe vs Reserve), Aufgaben in anderen Ebenen wahrgenommen werden (z. B. die sanitätsdienstliche Einsatzplanung, -vorbereitung und –unterstützung der Übung DEFENDER 2020 im ZSanDstBw vs Army, Joint Staff und EUCOM) oder Interessen-Schwerpunkte nicht zur Deckung gebracht werden können (gemeinsame Interessen an spezifischen Forschungsthemen). Auch die Aufgabenabgrenzung zwischen den Services (Army, Navy, Air Force) und der zentralen DHA (z. B. im Bereich der sanitätsdienstlichen Ausbildung, der Präventivmedizin oder der Forschung) erfordert einen erhöhten Abstimmungs- oder Billigungs-Bedarf. Darüber hinaus mussten z. B. geplante Entsendungen von amerikanischen Ärzten an ein Bundeswehrkrankenhaus aufgrund fehlender vertraglicher Grundlagen und damit der Verfügbarkeit von Ressourcen von amerikanischer Seite abgesagt werden. Nicht zuletzt die fehlende Möglichkeit der Anerkennung von Berufsabschlüssen von medizinischem Fachpersonal oder deren Tätigkeit an einem Krankenhaus des jeweils anderen MHS im Grundbetrieb schränken die gelebte Zusammenarbeit derzeit noch ein.

PhotoInspSan, Herr Generaloberstabsarzt Dr. Baumgärtner, im Gespräch mit dem Assistant Secretary of Defense Health Affairs Welche Chancen ergeben sich aktuell in der Zusammenarbeit? Das DoD nennt in seiner aktuellen ‚National Defense Strategy 2018‘ drei Top-Ziele für die U.S. Streitkräfte. Neben der Stärkung der Einsatzbereitschaft (‚Build a more lethal force‘) und der Reform von zentralen Prozessen des DoD, ist es insbesondere Ziel des Verteidigungsministers, die Zusammenarbeit mit Partnern zu stärken (‚Strengthen alliances and attract new partners‘). Deutschland ist das größte Stationierungsland amerikanischer Streitkräfte in Europa und gemeinsames rückwärtiges Gebiet im Rahmen der Bündnisverteidigung in Europa. Damit ist der strategische Bedarf einer intensiven Zusammenarbeit mit dem SanDstBw, insbesondere im Rahmen der Bündnisverteidigung, definiert. Die aktuelle Reform des MHS bietet darüber hinaus vielfältige Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Analog des ZSanDstBw werden seit Aufstellung der DHA vermehrt sanitätsdienstliche Aufgaben in den U.S. Streitkräften zentral wahrgenommen, die Führung aller Behandlungseinrichtungen unter der DHA zentralisiert und zukünftig U.S. Forschungseinrichtungen und Einrichtungen des Public Health unter der DHA zusammengefasst. Der deutsche Erfahrungsschatz einer zentralen sanitätsdienstlichen Aufgabenwahrnehmung wird aktiv von amerikanischer Seite gesucht und der SanDstBw wird dabei insbesondere als ‚Role Model‘ für die aktuelle MHS Reform wahrgenommen. Dies gilt ausdrücklich auch für unsere Erfahrungen mit den Bundeswehrkrankenhäusern und ihrer regionalen Positionierung als Traumazentren und als Einrichtungen der Aus-, Fort-, Weiterbildung und Inübunghaltung (‚Centers of Readiness‘). Hieraus ergibt sich das ausgesprochen große Interesse des MHS den Austausch von klinischem Personal mit dem SanDstBw zu intensivieren, bzw. zu ermöglichen.

Risiken ergeben sich für die Kontinuität der Zusammenarbeit mit jedem Personalwechsel auf Projektebene und umso mehr bei einem Wechsel von Führungspersonal (z. B. dem Assistant Secretary of Defense Health Affairs, aber auch bei einem Wechsel der Leitung einer Dienststelle wie z. B. dem Landstuhl Regional Medical Center). Der initiierte ‚Structured Dialog‘ und die Vereinbarung gemeinsamer Ziele und Projekte soll einem jeweiligen Neuanfang der Zusammenarbeit nach Personalwechseln vorbeugen. Um zukünftig insbesondere den Austausch von medizinischem Fachpersonal zwischen den Behandlungseinrichtungen zu ermöglichen und langfristig sicherzustellen, sind nachhaltige Lösungen anzustreben, umfassend abzustimmen und schriftliche Verfahren z. B. in bilateralen Vereinbarungen festzuhalten. Auch diese Abstimmung birgt Risiken des Scheiterns, sofern zivile Vorschriften der Berufsausübung betroffen sind.

Die Zusammenarbeit des SanDstBw mit dem U.S. MHS hat sich auf der Basis einer jahrzehntelangen Partnerschaft in den letzten vier Jahren wesentlich weiterentwickelt. Das U.S. MHS schätzt den SanDstBw als umfassend aufgestellten Sanitätsdienst, aufgrund seiner Professionalität und seiner zentralen Lage in Europa. Die aktuellen Schwerpunkte der Zusammenarbeit dienen insbesondere einer verbesserten Zusammenarbeit im Einsatz, einer Lastenteilung und einer zunehmenden Integration von Aufgaben oder Personal im Grundbetrieb. Um die Zusammenarbeit zukünftig noch enger gestalten zu können, sind weitere Abstimmungen angestoßen, um z. B. die intensivere klinische Zusammenarbeit im Grundbetrieb als Voraussetzung für den Einsatz zu ermöglichen bzw. die sanitätsdienstlichen Herausforderungen der Interoperabilität bei Multi Domain Operations im Rahmen der Bündnisverteidigung im Rahmen der Army Staff Talks adressieren zu können.  

Oberstarzt Dr. Kai Schlolaut
Kai.s.schlolaut2.fm@mail.mil 

Datum: 11.06.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2020