Bericht: J. Lührs, BwKrhs Ulm

Das wissenschaftliche Programm der CMC 2018

Zum dritten Mal in Folge ist es den Organisatoren auch in diesem Jahr gelungen, ein aktuelles und auch spannendes wissenschaftliches Programm zusammen zu stellen. In 8 Sitzungen wurden 34 Vorträge zu aktuellen Themen an den zwei Tagen angeboten. Die Simultan-Übersetzungen Englisch-Deutsch und Deutsch-Englisch ermöglichten es auch den internationalen Zuhörern, den Vortragenden zu folgen. Die Referenten kamen nicht nur aus Europa (Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Belgien, Norwegen, Schweiz), sondern auch aus Übersee (Kanada, Nigeria, Südafrika, USA).

PhotoEine internationale Referentin aus Kanada Nach den Grußworten gab Staff Sergeant James C. Lee, Angehöriger der Special Operations Group der US Armee, anhand seines „eigenen“ case-reports einen sehr emotional gehaltenen Einblick in die Thematik der taktischen Medizin. In freier Rede, ohne eine einzige Folie, berichtete er über ein schweres Feuergefecht, in das seine Einheit in Afghanistan verwickelt wurde und bei dem er nach Granatbeschuss lebensbedrohliche Verletzungen erlitt. Authentisch schilderte er die im direkten Explosionsradius einer Granate erhaltenen Schrapnellverwundungen am gesamten Körper: eine schwere Lungenverletzung und den Verlust von fast 30 % der rechten Armmuskeln. Die medizinische Erstversorgung wurde durch den Team-Medic und den Team-Sergeant unter Beschuss durchgeführt, und es brauchte aufgrund des andauernden Gefechtes noch 48 Min bis zur Evakuierung mittels einer BlackHawk-Maschine. In dieser Zeit wurde er stabilisiert und am Leben gehalten. Im Feldhospital angekommen, verlor er aufgrund des Blutverlustes und eines Spannungspneumothorax das Bewusstsein und erlitt trotz intensiver Versorgung für 63 Sekunden einen Herzstillstand. Nur durch die sofortige Thoraxeröffnung konnte das Herz per Handmassage wieder in einen Rhythmus gebracht, und er im Anschluss operativ versorgt werden. Schließlich gelang es, durch die professionelle taktische und medizinische Hilfe seiner Kameraden und zahlreicher Operationen, ihn erfolgreich einer Rehabilitation zu unterziehen, so dass er auch wieder einen Einsatz ableisten konnte. Lee unterstrich somit die Bedeutung einer suffizienten medizinischen taktischen Erstversorgung innerhalb der „golden Hour“ eindrucksvoll anhand seiner Erfahrungen am eigenen Leib. Er dankte den anwesenden Teilnehmern für ihre Disziplin, ihren Einsatz und auch ihre regelmäßigen Trainings, um im Einsatzfall rasch und zielgerichtet die notwendigen Entscheidungen zu treffen und Schwerverletzten wie ihm zu helfen. Ganz nach dem Motto der CMC, „who cares wins“.

Im Anschluss erläuterte der Keynote-speaker Uwe Kranz, unabhängiger Sicherheitsberater aus Deutschland, den Zuhörern aktuelle Gefährdungen durch terroristische Organisationen. Dabei führte er die historische Entwicklung unterschiedlicher Terrorzellen auf, nannte Drahtzieher beim Namen, präsentierte eindrucksvolle Statistiken und tätigte eine Bedrohungsanalyse gerade für Zivilisten in Deutschland.

PhotoBlick ins Plenum bei dem Fallbeispiel des J. Lee Dies leitete zur ersten Sitzung über, die unter dem Motto stand: „recent terror attacks – what can we improve“. Den Organisatoren war es gelungen, zu den jüngsten Terrorszenarien auf europäischem Boden Experten zu gewinnen, die über ihre Erfahrungen, z. B. aus London und Brüssel, berichten konnten. Anhand einer Analyse der häufigen Terrorattacken in Frankreich der letzten Jahre stellte ein französischer Vertreter die dortigen Konzepte und Entwicklungen im Bereich taktischer Medizin vor. Dabei erfordern unterschiedliche Arten von Angriffen auch unterschiedliche Herangehensweisen. Bei allen Anschlägen wird der Anschlagort in drei Gefahrenzonen unterteilt, durchaus anlog zu den Phasen des TCCC. Danach soll die Polizei in der „roten“ unsicheren Zone agieren und versuchen, die Verletzten in der „gelben“, teilsicheren Zone an das medizinische Personal zu übergeben. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die Polizei an einfachen medizinischen Erstmaßnahmen ausgebildet und eine entsprechende Materialausstattung beschafft wird. Im Vordergrund steht auch hier die Blutstillung.

Die folgende Session „recent military mission – lessons learned“ thematisierte aktuelle Militäreinsätze mit Schwerpunkt in Afrika. Der Mali-­Einsatz gilt schon jetzt als der verlustreichste UN-Einsatz der Geschichte. Eine hohe Bedeutung hat auch hier die zivil-militärische Zusammenarbeit, so stellte z. B. die südamerikanische Firma Starlite ihr dortiges AirMedEvac-Konzept vor. In diesem Zusammenhang wurden von Stephan Kühn auch die Erfahrungen des Bundeswehr Forward Air Medevac Rettungskonzepts mit dem Helikopter NH 90 in Mali präsentiert. Fachlicher und auch emotionaler Höhepunkt dieser Sitzung war der Vortrag des US-amerikanischen Chirurgen Sam Attar, der wiederholt unter schwierigsten Bedingungen als Chirurg im syrischen Bürgerkrieg humanitäre Hilfe leistete. Durch anschauliche Beispiele schilderte er das operative Vorgehen und die Folgen von „combat related injuries“, u. a. auch in Aleppo. Attar berichtete zudem von häufigen Bombardierungen der Sanitätseinrichtungen durch die Regierungstruppen und insbesondere über viele bewegende Schicksale von verletzten Frauen, Kindern und alten Menschen. Sein überaus eindrucksvoller Vortrag wurde vom Publikum mit stehendem Beifall bedacht. Auch der belgische Chirurg Bart Vanderheyden stellte operative Erfahrungen aus dem Krisengebiet des Mittleren Ostens vor und berichtete über die Versorgung von über 200 Patienten in einem CCP (Casualty Collection Point) in Mossul, Irak, bei denen er z.T. die neue REBOA-Technologie zur Ballon­okklusion der Aorta anwandte. Oberst B.O. ­Aderoba aus Nigeria beendete die Session mit einem Blick auf das nigerianische System der Verwundetenversorgung und Rettung beim Kampf gegen die Terrororganisation BokoHaram. 

Ein weiterer Schwerpunkt der CMC stellte der Themenkomplex CBRN dar, dem eine eigene Sitzung gewidmet war. Der Hintergrund lag natürlich in den zahlreichen C-Kampftstoff­angriffen auf Zivilisten im syrischen Bürgerkrieg, aber auch in den kürzlich erfolgten Attentaten in Großbritannien. 

Vorgestellt wurden die Herausforderungen bei der Identifikation möglicher Kontaminationen, aber auch die Schwierigkeiten bei der eigentlichen Dekontamination von Verwundungen. Möglichkeiten der modernen Detektion und auch Erstmaßnahmen wurden präsentiert, Bereiche die sicherlich auch in Zukunft noch intensiver Beschäftigung bedürfen. 

PhotoVorsitzende bei der CMC Conference Eine weitere Session war mit dem Rahmenthema „who cares, wins“ umschrieben. Hier befassten sich Suzanne Lee mit dem Trainingskonzept und der Einführung eines OP-Teams der US Luftwaffe, das in entlegenen Gebieten zum Einsatz kommen soll, und Major ­Elizabeth Hoettels, ebenfalls von der US-Luftwaffe, mit der Frage, welche Ausbildung, Verfahren und Ausrüstung wirklich im Einsatz benötigt werden.

Zum Abschluss des ersten Konferenz­tages berichtete – sehr aktuell – Dr. A. Bohn, leitender Notarzt, über die medizinischen Erkenntnisse der Amokfahrt in Münster am 7. April 2018. Nicht nur terroristische Ereignisse, sondern auch solche Einsatzlagen, verursacht durch Einzelgänger oder psychisch Kranke, erfordern abgestimmte und erprobte Taktiken und Verfahren für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste. Die Erfahrungen aus den letzten Jahren haben viele Städte und Regionen dazu veranlasst, ihre diesbezüglichen Konzepte zu überarbeiten. So auch in Münster, wo durch Kenntnisse und Fähigkeiten auf dem Gebiet der taktischen Medizin die Lage professionell abgearbeitet werden konnte. Trotzdem wurden selbstkritisch verschiedene Handlungen diskutiert, wie z. B. das wiederholte Verschieben der provisorischen Behandlungsplätze aufgrund Neubewertung der Bedrohung. 

Der zweite Tag der CMC stand im Zeichen der wissenschaftlichen Weiterentwicklung spezieller Verletzungsbilder und Erkrankungen als Folgen terroristischer und sonstiger konfliktbehafteter Auseinandersetzungen. Forschungsergebnisse der trauma-induzierten Koagulopa­thie, aber auch Projekte und Entwicklungen der modernen plastischen und rekonstruktiven Chirurgie konnten unter großem Zuhörerinte­resse vorgestellt und diskutiert werden. Die letzte Sitzung beschäftigte sich mit dem sehr wichtigen Thema „Training and Education“. Vertreter aus Frankreich und Deutschland konnten hierzu ihre Konzepte vorstellen. Insbesondere Simulationsprogramme, wie 3D-SC1, SanTrain und Epicsave für den PC als sog. Serious games sind mittlerweile sehr weit entwickelt. Hier können Inhalte der taktischen Medizin einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Sogar mit 3D-Brillen kann der Anwender sehr realitätsnah in ein Szenario eintauchen. Aber auch der TDSC-Lehrgang (Terror and Desaster Surgical Care) mit einem interaktiven Planspiel ist eine sehr wichtige Vorbereitung für Kliniken auf das Abarbeiten eines MANV im Rahmen eines Terroranschlags.

Mit der Ankündigung der 4. CMC am 1. und 2. Juli 2020, die unter dem Motto „now, more than ever“ steht, stellen die Ausrichter hohe Ansprüche an sich selbst. 


Alle Abbildungen: S. Thierbach

Datum: 11.10.2018

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 3/2018