Artikel: Wehrmedizinische Monatsschrift 9/2018

Altbewährtes und neue Konzepte

Akutintervention bei psychischer Belastung

Bundeswehrkrankenhaus Hamburg


Einleitung

Nicht nur im Auslandseinsatz, sondern auch während des Dienstes im Heimatbetrieb können extreme Ereignisse wie Überfälle, Amokläufe, Terrorakte und Bedrohung durch Terror, Naturkatastrophen, aber auch schwere Dienstunfälle zu schweren psychischen und sonstigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. 

Notfallpsychologisches Know-how wird gebraucht, um die psychischen Belastungen bei Personen infolge von traumatisierenden Ereignissen so gering wie möglich zu halten, dauerhaften Beeinträchtigungen entgegenzuwirken und die Leistungsfähigkeit und Lebenszufriedenheit der Betroffenen wiederherzustellen.

Praxisrelevante Krisenformen

PhotoAbb. 1: Bei bereits vorhandenen Belastungen, Stress und anderen psychischen Vulnerabilitäten, ist die Schwelle zur Ausbildung klinisch-relevanter Symptome, auch im Sinne einer krisenhaften Zuspitzung, deutlich schneller überschreitbar. (Quelle: Margraf und Schneider: Panik.Berlin, Springer, 1990) In der Praxis werden unterschiedliche Formen der psychischen Krisen und deren Ursachen beobachtet. 

Die am häufigsten vorkommende psychische Krise in der truppenärztlichen Versorgung ist die normative Krise. Hierbei handelt es sich um Krisen, die alle Menschen ähnlich durchlaufen, wie z. B. Geburt eines Kindes, Trennung vom Partner, Tod eines der Elternteile usw. 

In der notfallpsychologischen Praxis ist jedoch der akute Ausbruch einer psychischen Krise als Reaktion auf traumatogene Belastungen die am häufigsten vorkommende Krise. Diese liegt aufgrund der Schwere und Ungewöhnlichkeit der Ereignisse außerhalb des üblichen Erfahrungsbereiches des Betroffenen. Begleitet werden solche Ereignisse oder Grenzsituationen von unmittelbarer Erfahrung der persönlichen Ohnmacht. Überwältigende Gefühle der Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit tragen zur Verwundung der Psyche bei. 

Und schließlich werden Krisen bei Soldatinnen und Soldaten beobachtet, die als krisenhafte Zuspitzung bereits vorhandener psychischer Störungen bezeichnet werden. Nicht selten berichten Betroffene von seit mehreren Monaten, ja sogar Jahren, bestehenden psychischen Symptomen, die eindeutig einer nach ICD-10 klassifizierbaren Störung zugeordnet werden können. Die dadurch vorhandene Vulnerabilität wird häufig maladaptiv, z. B. durch exzessives Sporttreiben oder suchtartigen Internet- und Computergebrauch kompensiert. Geringe Belastungen können hier zur psychischen Dekompensation führen, nicht selten begleitet von einer akuten Suizidalität.

Drei Säulen der notfallpsychologischen Praxis

PhotoAbb. 2: Die drei Säulen der psychologischen Krisenintervention Die notfallpsychologische Praxis wird oft in drei Säulen dargestellt. Die erste beinhaltet die Bereitstellung notfallpsychologischer Hilfe (Prävention/Prophylaxe). Hierbei handelt es sich um die Vorbereitung auf psychische Belastungen durch Psychoedukation, Beratung der Vorgesetzten und Kameraden und Förderung des Gruppenzusammenhalts unter Einbeziehung von Angehörigen. 

Die zweite Säule beschreibt die Verringerung der Stresssymptomatik direkt nach der Konfrontation mit dem traumatogenen Ereignis. In Vordergrund steht hier die Herstellung von Schutz und Sicherheit (am häufigsten durch sich Entfernen vom Ort des Geschehens) der/des Betroffenen. Ansprechen, Schuld-, Angst- und Ärgergefühle reduzieren und die Ausarbeitung individueller Bewältigungsstrategien stehen hier im Vordergrund. 

Die dritte Säule ist die Diagnostik und Weiterleitung persistierender Belastungssymptomatik. Abzuklären ist hier die Schwere der Problematik, wobei die Gefahr der Suizidalität im Vordergrund stehen sollte. Bei Bedarf werden die Betroffenen in psychotherapeutisch und/oder fachärztliche Behandlung weitergeleitet. 

Tele-Mental-Health – ein neuer Weg?

Im Bereich der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung sind zunehmend auch Methoden wie Tele-Mental-Health in der Diskussion. Tele-Mental-Health umfasst die Bereiche Prävention, Diagnostik, Intervention, Beratung und Nachsorge über weite Distanzen hinweg. Im Kontext der truppenärztlichen Versorgung – insbesondere auch an Bord von Schiffen – wird der Verwendung von audiovisuellen Telekommunikationsmitteln, wie der Videokonferenz zu Beratungszwecken sowie zum Angebot niedrigschwelliger Kriseninterventionen, eine besondere Rolle zugesprochen. 

Insgesamt umfassen die psychologischen Beratungsleistungen für Soldaten beispielsweise die Beratung bei Alltagssorgen und Belastungen im Einsatz. Neben Beratungsleistungen kann Unterstützung in der Diagnostik potentiell vorliegender psychischer Erkrankungen via Videokonferenz angeboten werden. Eine weitere Möglichkeit bietet die Konsultation bei Kriseninterventionen. Ziel ist es, weitere Belastungen nach Schadensereignissen zu verhindern. Mittels audiovisueller Telekommunikationsmittel kann eine Krisenintervention unmittelbar und unter geringerem Kosteneinsatz durchgeführt werden.

Vorteile telemedizinischer Anlagen sind neben der Reduktion von Kosten die Zeitersparnis für Behandelnde sowie für Behandelte. Weiterhin lässt sich eine qualitativ hochwertige Versorgung ortsunabhängig durch telemedizinische Anlagen sicherstellen, ebenso wie ein besserer fachlicher Austausch bei spezifischen Krankheitsbildern. 

Für die klassische Form der Mental-Health-Interventionen sprechen niedrigere Neu-, Weiterentwicklungs- und Supportkosten sowie einfache Umsetzung ohne Hindernisse durch notwendige Rahmenbedingungen, wie Zugang zu Tele-Arbeitsplätzen, Internetverbindung, Unterstützung durch IT-Personal, digitalisierte Krankenakten und Datenschutzkonzepte usw. 

Ferner können die Psychotherapeuten das gesamte Spektrum der Kommunikation für die Therapie nutzen (Gestik, Mimik, Ton, etc.). Es ist den Behandelnden möglich, ein detaillierteres Bild über die Patientin/den Patienten zu gewinnen und so schneller und umfassender auf mögliche Missverständnisse reagieren zu können. Das gesamte Angebot der psychiatrischen und psychotherapeutischen kann im klassischen Setting ausgeschöpft werden.

Fazit

Die Akutintervention bei psychischer Belastung und bei Krisen im militärischen Kontext ist im Hinblick auf das sich verändernde militärische Umfeld eine besondere Herausforderung. Die stetig steigenden Zahlen an zu versorgenden Soldatinnen und Soldaten drängen zur Suche nach innovativen Versorgungsformen. Umso wichtiger erscheint es, auch die Möglichkeiten und Grenzen der Tele-Mental-Health auszuloten, diese zu optimieren und gewinnbringend in die truppenärztliche Versorgung der Bundeswehr zu implementieren.


Dr. Robert J. Gorzka, Psychologischer Psychotherapeut
E-Mail: robertgorzka@bundeswehr.org


Datum: 18.12.2018

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