Artikel: Wehrmedizinische Monatsschrift 9/2018

Ganz vorn im Alltag

Zwischen Knall- und Polytrauma - Alltag auf dem Truppenübungsplatz

Sanitätsversorgungszentrum Hammelburg

Hintergrund

PhotoAbb. 1: Rettungskarte des TrpÜbPl Hammelburg: Der Kartenausschnitt oben zeigt das Lager Hammelburg. (RP = Rettungspunkt; H = Hubschrauberlandeplatz) Eine Aufgabe des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr (ZSanDstBw) ist es, bei Ausbildungs- und Übungstätigkeiten auf Truppenübungsplätzen (TrpÜbPl) die Notfallversorgung verletzter Soldatinnen und Soldaten als erstes Glied der Rettungskette bis zum Eintreffen der zivilen (boden- und/oder luftgebundenen) Rettungsmittel sicherzustellen. Dieses erfordert einen kontinuierlichen Einsatz von qualifiziertem medizinischen Personal nicht nur während der Tagesdienstzeit (oftmals aus der truppenärztlichen Sprechstunde heraus), sondern regelmäßig auch zusätzlich zur Sicherstellung von Nachtschießen. Ausdehnung der Übungsplätze, ihre Lage abseits von Ballungszentren mit entsprechender Klinikdichte und der Einsatz scharfer Munition im Rahmen des Übungsgeschehens sind dabei besondere Herausforderungen für das eingesetzte Sanitätspersonal.

Der Sanitätsdienst auf Übungsplätzen

Für die Sicherstellung der sanitätsdienstlichen Versorgung sind die Sanitätsstaffeln Einsatz (SanStffEins) zuständig, die entsprechende Rettungstrupps mit Krankenkraftwagen stellen und hierbei eng mit den Sanitätsversorgungszentren (SanVersZ) zusammenarbeiten. Letztere stellen – analog zum zivilen Notarztsystem im Rendezvous-Verfahren – den Schießarzt und einen Fahrer. 

Entscheidend ist immer das verzugslose Zusammenwirken aller Akteure (Sanitätskräfte, Truppenübungsplatzkommandantur, zivile Rettungsleitstelle, zivile Rettungskräfte). Auf Grund der Ausdehnung und Lage der Übungsplätze garantiert letztlich die Verfügbarkeit von Rettungshubschraubern im lebensbedrohlichen Notfall eine hohe Versorgungsqualität und damit das bestmögliche Outcome für die/den Verletzte(n)/Erkrankte(n).

Informationsmanagement

Ganz wesentlich für eine schnelle und effektive Notfallversorgung ist vor allem ein einheitliches und effizientes Notruf- und Informationsmanagement. Hierbei ist ein Informationschaos, das heißt vor allem Redundanzen und teilweise widersprüchliche Anforderungen von zivilen Rettungsmitteln von verschiedenen Seiten, unbedingt zu vermeiden. 

Aus diesem Grund gehen auf den TrpÜbPl Hammelburg und Wildflecken sämtliche Notrufe nur bei der Leit- und Kontrollstelle (LuK) der TrÜbPl-Kommandantur ein. Auch bei der zivilen Rettungsleitstelle Schweinfurt vom TrÜbPl eingehende Notrufe werden von dieser an die LuK weitergeleitet, denn nur die LuK der TrÜbPl-Kommandantur kann die Aufnahme der zivilen Rettungskräfte am Rettungspunkt organisieren (siehe Abbildung 1) und insbesondere die Luftraumsicherheit beim Einsatz von Rettungshubschraubern sicherstellen. 

Breites Spektrum an Notfällen

PhotoAbb. 2: Übersicht über die häufigsten Notfallursachen Notfälle sind keine Seltenheit: Es kommt im Durchschnitt einmal wöchentlich zu Ereignissen, die den Einsatz der Rettungskräfte erfordern. Der Rettungstrupp führt in Zusammenarbeit mit dem Schießarzt die Erstversorgung vor Ort durch, der notärztliche Transport in das nächste geeignete Akutkrankenhaus wird durch den zivilen Rettungsdienst sichergestellt. Aufgrund der Geländebeschaffenheit und der Transportwege ist bei potenziell lebensbedrohlichen Notfällen meist der Einsatz eines Rettungshubschraubers notwendig. 

Abbildung 2 gibt eine Übersicht über die häufigsten Behandlungsfälle im Notfall. Besondere körperliche Anforderungen – oftmals verbunden mit einem erhöhten Unfallrisiko – werden an die Teilnehmer der Einzelkämpfer- und militärischen Nahkampf-Lehrgänge gestellt. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Verletzungen der Gelenke, des Schädels und der Wirbelsäule sowie Erschöpfungsyndrome und akute Kreislaufdekompensationen insgesamt die Hauptdiagnosen sind. 

Aber auch kardiovaskuläre Notfälle sind gar nicht mal so selten bei den oftmals älteren Zivilangestellten der Bundeswehr, die in allen Altersgruppen am VN Ausbildungszentrum als Angehörige der Reserve eine Ausbildung in militärischen Grundfertigkeiten erhalten. Schießunfälle sind – auf Grund konsequenter Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen – seltene, wenngleich meistens tödliche Ereignisse.

Fallbeispiele

Unter den Ereignissen der letzten Zeit fanden sich unter anderem eine Nierenruptur bei einem 19-jährigen Soldaten nach Sturzverletzung und ein Myokardinfarkt bei einem 55-jährigen Angehörigen der Reserve. Diese beiden Fälle sollen hier kurz vorgestellt werden:

Nierenruptur nach Sturz

Während der Mittagspause stellte sich ein 19-jähriger Teilnehmer des Offizieranwärterlehrgangs vor und gab an, vor 20 Minuten während der Ausbildung mit der linken Flanke auf einen Stein gefallen zu sein. Seitdem habe er blutigen Urin. Klinisch zeigte sich eine schwache Prellmarke entlang des linken Nierenlagers mit deutlicher Klopfschmerzhaftigkeit. Der Soldat war kaltschweißig mit einem Blutdruck von 80/50 mmHg bei einer Pulsfrequenz von 120/min. Er wurde im Notfallraum immobilisiert, erhielt 2 großvolumige venöse Zugänge und 1500 ml Ringer-Laktat, wodurch eine Kreislaufstabilisierung mit einem Blutdruck von 100/80 mmHg bei einer Pulsfrequenz von 100/min erzielt werden konnte. In der sonographischen Untersuchung zeigte sich das typische Bild einer frischen Ruptur des linken oberen Nierenpols ohne Milzverletzung. Um einen Organerhalt zu ermöglichen, wurde der Patient unverzüglich per Rettungshubschrauber in die urologische Universitätsklinik Würzburg verlegt, wo die Blutung durch endovaskuläre Embolisation mittels Coiling gestoppt und das Organ erhalten werden konnte. Der Soldat absolvierte im nächsten Sommer erfolgreich den Offizieranwärterlehrgang Teil 1 und studiert derzeit an der Bundeswehruniversität in Hamburg.

Myokardinfarkt

PhotoAbb. 3: Der Rettungshubschrauber ist auf Grund der Größe und Lage des TrÜbPl das erforderliche Rettungsmittel zur adäquaten Versorgung bei lebensbedrohlichen Notfällen. (Bild: M. Hannig, DRF-Luftrettung) 15 Minuten vor Dienstschluss stellt sich ein 55-jähriger Reservedienst Leistender vor, der – nach Einbuchung für die Ausbildung über IAMS (Integriertes Ausbildungs-Management System) - an der Ersthelfer A-Ausbildung der Offizieranwärterlehrgangs teilnahm. Er klagte über starke Brustschmerzen und Atemnot, war deutlich kaltschweißig mit auffallend fahler Gesichtsfarbe. Bei einer peripheren 02- Sättigung von 97 % und unauffälligem Auskultationsbefund der Lunge war der Blutdruck im normalen Bereich stabil (125/85 mmHg bei einer Herzfrequenz von 90/min), der Blutzucker lag bei 80 mg/dl. Im Ruhe-EKG zeigte sich ein Sinusrhythmus mit unauffälligem Stromkurvenverlauf, insbesondere der QRS Komplex, die ST-Strecke und die T-Welle zeigten keinerlei Hinweise auf ein ischämisches Ereignis. Anamnestisch war keine koronare Herzkrankheit bekannt, die orale Gabe von Nitrospray verbesserte die Schmerzsymptomatik nicht. 

Nachdem ein ziviler RTW angefordert worden war, um den Soldaten zur weiteren Diagnostik und Beobachtung des Verlaufes in die nächstgelegene Klinik zu verbringen, nahm die Schmerzsymptomatik weiter zu, der Blutdruck fiel auf 90/65 mmHg, und es zeigten sich jetzt vereinzelte ventrikuläre Extrasystolen im Ruhe-EKG – aber nach wie vor keine eindeutigen Ischämiezeichen. Der Patient erhielt über einen intravenösen Zugang ASS, Heparin und Morphin sowie O2 über Maske. Daraufhin besserten sich Schmerzsymptomatik, Atemnot und Blutdruckwerte. Mittels nachgefordertem Rettungshubschrauber wurde er in die Universitätsklinik Würzburg verbracht und der bestehende Nicht-ST-Hebungs-Infarkt (NSTEMI) bei koronarer Herzkrankheit mittels Stent-Implantation versorgt. 

Der Fall zeigt, dass die körperliche Intensität des Trainings vom durchschnittlichen Alter der Trainingsgruppe beeinflusst wird und dass eine Inhomogenität von Ausbildungsgruppen bezüglich der körperlichen Leistungsfähigkeit (junge Offizieranwärter der Kampftruppe gegenüber älterem Reservedienst Leistenden) für ältere Teilnehmer durchaus zum Risiko werden kann. Diesem Aspekt kann aber bei der freien Buchbarkeit der Ersthelfer A-Ausbildungen in IAMS nicht Rechnung getragen werden.

Fazit

Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung bei Notfällen auf TrpÜbPl erfordert qualifiziertes Sanitätspersonal, gute Kommunikationsmittel und stringentes Einhalten der vorgegebenen Kommunikations- und Informationsverfahren. Das Spektrum der Notfälle ist breit und keineswegs auf Unfälle begrenzt. Gute Zusammenarbeit mit dem zivilen Rettungsdienst und die „Führung“ aller Kräfte durch die LuK der TrpÜbPl-Kommandantur sind eine Voraussetzung für die gute Qualität der Versorgung.


Oberstarzt Dr. Christian Fürlinger
E-Mail: christianfuerlinger@bundeswehr.org


Datum: 06.10.2018