Artikel: M. Bender

EU NAVFORMED Operation Sophia – Erfahrungen des Marinesanitätsdienstes

Aus dem Stab des Admiralarztes der Marine (Admiralarzt Dr. St. Apel)

Einleitung

Der folgende Bericht thematisiert die Erfahrungen des Marinesanitätsdienstes mit dem Einsatz European Naval Force Mediterranean (EU NAVFORMED) und ist gleichzeitig als persönlicher Diskussionsbeitrag der Autorin in einer durchaus nicht einfachen und moralisch überlagerten Ausgangssituation dieses Einsatzes zu verstehen. Der Artikel basiert auf einer Präsentation auf der 4. Arbeitstagung Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung in Damp am 10. März 2017.
Im Einzelnen werden die Rahmenbedingungen des Einsatzes und der Flüchtlingshilfe mit Schwerpunkt Abläufe an Bord, Herkunft der „in Not geratenen Personen“ (INGP) und Krankheitsbilder vorgestellt.

Sanitätsdienst im Humanitären Einsatz

PhotoAbb. 1: INGP werden gerettet (Foto: Bundeswehr/Archiv) Einsätze mit Fokus auf Humanitären Hilfsleistungen, wie z. B. die Ebola-Hilfe in Westafrika, haben eine bedeutende und auch nach außen sichtbare sanitätsdienstliche Komponente. Auch bei dem Marineeinsatz EU NAVFORMED SOPHIA spielt der Sanitätsdienst eine wichtige Rolle, denn die Anbordnahme von Flüchtlingen mit einem unklaren Gesundheitsstatus erfordert zwingend eine medizinische Fachexpertise vor Ort. Aber auch für die Besatzungen bedeuten Einsätze mit direktem Kontakt zu Hilfsbedürftigen im Vergleich zu den üblichen Marineoperationen einige Herausforderungen. Insbesondere mögliche Übertragungswege der sich seit 2014 ausbreitenden Ebola-Epidemie über die Flüchtlingsrouten beun­ruhigten, auch wenn die Inkubationszeit von 2 - 21 Tagen üblicherweise beim Weg von Flüchtlingen aus den Endemiegebieten zur Nord­küste Afrikas deutlich überschritten werden. Eine gesicherte wissenschaftliche Datenbasis existiert hierzu allerdings nicht. Italienische Hafenbehörden halten deshalb in der Vorsorge hämorrhagischer Fiebererkrankungen eine Isolationskammer auf dem Entry Point der Helicopter Naval Station in Catania vor.

Auftrag EU NAVAL FORCE MEDITERRA­NEAN

Seit Anfang Mai 2015 beteiligt sich die Deutsche Marine an der Mission EUNAVFOR MED Operation Sophia. Primär besteht der Auftrag des Einsatzes inzwischen darin, kriminelle Schleusernetzwerke aufzuklären, den Menschenschmuggel zu verhindern und zum Kapazitätsaufbau der libysche Küstenwache bzw. Marine beizutragen. Die Schiffe der Mission sind derzeit im Seeraum zwischen der italienischen und der libyschen Küste stationiert – außerhalb der libyschen Hoheitsgewässer. Für weitergehende Maßnahmen, wie z. B. Maßnahmen gegen von Schleppern genutzte Boote und Einrichtungen auch auf fremdem Territorium oder in nationalen Hoheitsgewässern, fehlen bisher UN-Beschlüsse und nationale Zustimmungen. Die Größe des Operationsraumes (AOO – Area Of Operation) entspricht der Größe Deutschlands. Flüchtlinge aus Seenot zu retten, ist somit nicht der Hauptauftrag der Mission, ist aber Verpflichtung für seegehende Einheiten gemäß der United Nations Convention on the Law of the Sea und der Convention for the Safety of Life at Sea (SOLAS-Abkommen). Derzeit befindet sich der Einsatzgruppenversorger „Frankfurt am Main“ im Einsatz, Boardingteams auch ausländischer Partnernationen befinden sich regelhaft an Bord. Diese können Boote anhalten, kontrollieren und ggf. verdächtige Personen festnehmen. Zudem ist die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache Frontex im Mittelmeer mit ihrer Mission “Triton” vertreten. Die Hauptquartiere der EU NAVFOR MED und von Frontex tauschen ihre Informationen miteinander aus und kooperieren direkt in Bezug auf die Seenotrettung, die vom Italienischen Maritime Emergency Center koordiniert wird.

Sanitätspersonal an Bord

Seit Beginn der Mission gab es unterschiedliche Personalansätze beim Sanitätspersonal an Bord deutscher Einheiten, die den jeweiligen Einsatzbedingungen angepasst wurden. Zur Zeit wird auch vor dem Hintergrund der Boarding-Optionen und des Fehlens eigener Helikopter eine Bordfacharztgruppe eingeschifft.

Erfahrungen EU NAVFOR MED

Hunderttausende Flüchtlinge sind seit 2015 unter schwierigen Bedingungen über das Mittelmeer nach Europa gekommen. Tausende haben während der Passage den Tod gefunden, unzählige wurden aus akuter Seenot gerettet. Während die militärischen Einheiten von EU NAVFOR MED nur außerhalb nationaler Hoheits­gewässer operieren, können sich Rettungsschiffe der NGO hier “flexibler”, d. h. küstennäher bewegen. Die NGO sehen ihren Hauptauftrag in der Rettung von Menschen aus oft überladenen und kaum seetüchtigen Booten. Durch das hohe Engagement dieser Organisationen der Zivilgesellschaft müssen die Marineschiffe derzeit nur wenige INGP an Bord nehmen und können ihrem Hauptauftrag der Überwachung der See­wege nachkommen. Die Stationierung der Einheiten geschieht über das OHQ in Rom, für das die Deutsche Marine bisher zweimal einen Medical Advisor gestellt hat. 

Abläufe an Bord und Schutzmaßnahmen

PhotoAbb. 2 INGP an Bord eines deutschen Kriegsschiffs (Bundeswehr/PAO EUNAVFOR MED) Auf den Einheiten der Task Force werden rasch nach Anbordnahme der INGP medizinische Screenings und Untersuchungen durchgeführt. Grundsätzlich werden Erkrankte, Schwangere und Kinder vor dem Hintergrund möglicher zeitaufwändiger Screenings als erste übernommen und an Bord gebracht. Um die Anbordnahme von Infektionskrankheiten durch Kontamination des Belüftungssystems zu vermeiden, müssen sich die INGP in der Regel außerhalb der Zitadelle mit ihrem Überdruckbelüftungssystems aufhalten. Hierzu ist ein großer Aufenthaltsbereich an Oberdeck bzw. auf dem Flugdeck eingerichtet, in dem auch das medizinische Sreening durchgeführt wird. Im Hangar, der sich außerhalb der Zitadelle befindet, können in einem Notlazarett im Bedarfsfall medizinische Interventionen durchgeführt werden. Für die Flüchtlingshilfe/ bzw. die Seenotrettung stehen zudem Ausstattungspakete bereit, in denen u. a. Rettungswesten, Babynahrung und Infusionen bereitgehalten werden. Zusätzlich hält man in der kalten Jahreszeit Isolationsmatten, wärmende Bekleidung und Deckendecken sowie auch sog. Blizzard Survival Bags (isolierende Leichtgewichtschlafsäcke) vor, da im Februar 2015 22 INGP an Bord italienischer Patrouillenbooten durch Unterkühlung verstorben sind. Eine große Herausforderung in Bezug auf die Hygiene stellen natürlich die Sanitäranlagen dar, für die nun an Oberdeck aufgestellte Dixie-­Toiletten genutzt werden.

Für die Besatzung sind beim Umgang mit den INGP gewisse Schutzmaßnahmen vorgeschrieben: Es ist eine entsprechende Schutzbekleidung zu tragen, der Kontakt mit den INGP auf ein Minimum zu reduzieren und Hände und Haut nach Kontakt zu reinigen und zu desinfizieren. Zudem gilt es, die o.a. Maßnahmen an Oberdeck sicherzustellen und nach Beendigung des Einsatzes eine Scheuer-Wisch-Desinfektion der Bereiche vorzunehmen. Das Tragen der Schutzbekleidung ist in den Besatzungen intensiv diskutiert worden, da die gewählten und genutzten Anzüge aus infektiologischer Sicht eigentlich nicht notwendig wären. Es muss aber berücksichtigt werden, dass trotzdem bei den Soldatinnen und Soldaten auch auf Grund der Bilder der Ebola-Epidemie gewisse Bedenken vor möglichen Infektionen durch die INGP vorhanden sind. Aus psychologisch-präventiven Gründen werden nun neben Schutzbrillen oft wasserabweisende Bekleidungen getragen, die man mit Tape-Bändern um die Handschuhe zusätzlich sichert. Aus medizinischer Bewertung wäre eine gesonderte Bekleidung, die aber keiner definierten Schutzkategorie angehört, durchaus ausreichend. Diese kann außerhalb der Zitadelle gelagert und gewaschen werden. Hinzu kämen Einmalhandschuhe und ein einfacher hygienischer Mundschutz. Das Tragen von FFP-2 Masken und höher ist nur im konkreten Verdachtsfall geboten. Die Reinigung und Desinfektion der Haut nach Kontakt und generell strikte Händehygiene sind selbstverständlich ebenfalls zu beachten.

Statistiken und Krankheitsbilder

An der italienischen Südküste ist seit Jahren ein deutlicher Anstieg der Flüchtlingszahlen zu verzeichnen. In 2014 und 2015 kamen etwa 300.000 Menschen in Italien an. Die häufigsten Herkunftsländer der Migranten auf dem Seeweg nach Europa sind Eritrea, Nigeria, Somalia, Sudan und auch Syrien. Zudem kommen immer mehr Menschen aus westafrikanischen Ländern. Die häufigsten Krankheitsbilder, mit denen es unser Sanitätspersonal zu tun hat, sind superinfizierte Wunden, tropische Dermatosen, ältere Frakturen sowie Läuse und Skabies. Die Krätze ist bei den INGP übrigens sehr häufig und weist auf die schlechten Bedingungen der Flüchtlinge vor der Seefahrt hin. Skabies stellt zwar ein hygienisches Problem dar, bedarf aber im Allgemeinen keiner medizinischen Sofortintervention. Zu einem gewissen Anteil befinden sich auch insulinpflichtige Diabetiker unter den zu behandelnden Patienten. Besonderes Augenmerk ist auf die Tuberkulose oder auch HIV zu legen. Der Medical Advisor des OHQ in Rom spricht regelmäßig fünf sich in ihrer Rangfolge in der Häufigkeit abwechselnde Krank­heits­gebiete bei INGP an, die eine medizinische Versorgung nötig machen: Erkrankungen des HNO-Bereichs, des Muskuloskelettalsystems, der Haut, der Atemwege, sowie Mundhöhlen- und Zahnkrankheiten.

Im Übrigen ist an Bord eine weiterführende Diagnostik kaum möglich, da die INGP meist nur 12 Stunden bis zur Abgabe an die italienischen Behörden auf den Marineeinheiten sind. Das bedeutet auch, dass wir nur Screenings durch­führen können und Symptome eruieren. Das Sanitätspersonal misst Fieber, nimmt eine Inaugenscheinnahme von Gesicht, Händen und Füßen vor und hört ggf. die Lunge ab. Weitere Untersuchungen werden nur bedarfsabhängig durchgeführt. 

Traumatisierungen, Tod und neues Leben

PhotoAbb. 3: Neugeborenes Kind, Mutter und Schiffsärztin der Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“ (Bundeswehr/PAO EUNAVFOR MED) Tatsächlich gibt es aber auch Erkrankungen und Verletzungen bei den an Bord genommenen Menschen, die die Besatzungsangehörigen sehr mitnehmen, wie Verbrennungen, infizierte Wunden, Brüche oder sogar Verletzungen durch Peitschenhiebe. Manchmal kommt leider jede Hilfe zu spät! Für die Seefahrer steht eines fest: Niemand wird zurückgelassen, auch keine Toten. Sterben bei der Seenotrettung Menschen, wird die Leichenschau an Bord vorgenommen und der Tote anschließend italienischen Behörden übergeben. Der Anblick von Leichen (vor allem Kinderleichen), stellt eine große Herausforderung für die Flüchtlinge und die Helfer dar: vor allem für diejenigen, die keinen medizinischen Hintergrund haben. Im Umgang mit den Einsatzrückkehrern ist deshalb für die Angehörigen des Sanitätsdienstes besondere Sensibilität in Hinsicht möglicher Traumatisierungen erforderlich. Auch die Kommandeure und Schiffsführungen sind in Bezug auf die aktive Teilnahme bei Rückkehruntersuchungen und Rückkehrseminaren in besonderer Pflicht. Aber es gibt auch neues Leben! Auf Einheiten der deutschen Marine sind in diesem Einsatz bisher zwei Kinder geboren worden, auf der „Werra“ und der „Schleswig-Holstein“. Das Mädchen Sophia, das der Mission seinen Namen gegeben hat, wurde auf dieser Fregatte geboren und bekam seinen Namen nach dem Funkrufnamen eines der Vorgängerschiffe der „Schleswig-Holstein“: Sophie-X. Inzwischen wurde auch ein weiteres Kind auf der Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“ geboren.

Zur Motivation der Flüchtlinge: das ­Streben nach Glück

Als Beitrag zur Diskussion in dieser emotional aufgeladenen Debatte zur Flüchtlingspolitik möchte ich einige persönlichen Gedanken aufführen: Wir kennen sehr viele Begrifflichkeiten für diese Menschen, die bei uns ein besseres Leben suchen: Migranten, Flüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge, Asylsuchende, Asylanten. Oft höre ich auch Sätze wie „Ja, die ECHTEN Flüchtlinge, die können ja gerne kommen. Also die, in deren Heimat Krieg ist. Aber diese Wirtschaftsflüchtlinge, die sollten wir nicht aufnehmen! Die wollen doch nur unser Sozial­system ausnutzen! Wir können doch nicht den ganzen schwarzen Kontinent in Europa aufnehmen.“ Ich denke, das müssen wir auch gar nicht. Wir sollten uns aber dessen bewusst sein, dass Migration kein neues Phänomen ist. Migrations­wellen in der Geschichte der Menschheit sind bekannt, auch in unserer eigenen. Jedem Flüchtling „Boshaftigkeit“ zu unterstellen, halte ich für ungerecht. Denn nicht jeder Flüchtling hat vor in Deutschland unser Sozialsystem auszuhöhlen. Die meisten Zuwanderer möchten etwas erlangen, was in der amerikanischen Verfassung als „pursuit of happiness“ – das Streben nach Glück – bezeichnet wird.

PhotoAbb. 4: Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien 2013 (Foto: US State Department photo/Public Domain) Schaut man sich die Heimatländer der Flüchtlinge an, die auf dem Seeweg zu uns kommen, kann man verstehen, warum diese Menschen ihr Glück in Europa versuchen. Nicht in allen dieser Länder herrscht (offiziell) Krieg und doch sind die Zustände dort oft sehr miserabel. Die Flüchtlinge kommen zu hohen Anteilen aus Eritrea, Somalia, Nigeria, Syrien, Gambia, Senegal, Sudan, Mali, der Elfenbeinküste und Äthiopien. Eritrea ist eine Diktatur in einem Ausnahmezustand, in dem die Bevölkerung zwischen 18 und 50 Jahren zeitlich unbefristet zum Militärdienst eingezogen werden kann, Kennzeichnend sind zudem ein Spitzelsystem und ein Schießbefehl an der Grenze gegen Auswanderungswillige. Auch in Somalia oder dem (Süd)-Sudan herrschen diktatorische, kriminelle oder anarchische Strukturen, Dürre und Hungersnot plage die Bevölkerung, mit Seuchenzügen infolge der schlechten Hygiene. In Nigeria sind in Folge des Konflikts mit der islamistischen Terrororganisation Boko Haram rund 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als sieben Millionen Menschen sind bei zusammengebrochener Gesundheitsversorgung auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Diese Liste ließe sich leider problemlos fortführen.

Auch in unserer eigenen Geschichte existieren bedeutende Migrationswellen. In 1945 waren fast 14 Millionen Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten auf der Flucht. Und eine Willkommensgesellschaft erwartete sie in Anbetracht der desaströsen Verhältnisse nach Kriegsende nicht, obwohl es sich hier um Deutsche handelte. Schon im 19. Jahrhundert waren viele deutsche „Wirtschaftsflüchtlinge“ auf der Suche nach Arbeit und Glück, aber ohne Aussicht auf einen Sozialstaat, in die USA ausgewandert. Ich sehe daher die heutige Flüchtlingsfrage aus einem pragmatischen Blickwinkel: Solange Menschen in ihrer Heimat mit Bürgerkriegen, Arbeitslosigkeit, Hungersnöten, Unfreiheit und Perspektivlosigkeit für sich selbst oder ihre Kinder konfrontiert sind, werden sie nicht aufhören zu versuchen, in die reichen Staaten im Norden, zu uns nach Europa zu kommen. Kein Stacheldrahtzaun, keine Mauer und auch kein Meer wird sie aufhalten. Für uns Soldatinnen und Soldaten, für uns Angehörige des Sanitätsdienstes, die in dieser Mission eingesetzt sind, gilt es daher vor Ort bei der Rettung dieser Menschen Empathie zu zeigen und gemäß unserem Leitspruch „Der Menschlichkeit verpflichtet“ zu handeln, gleich welcher Status für die Geretteten letztlich resultiert. Abschließend hoffe ich sehr, dass die Europäische Union sich doch noch zu einer gemeinsamen und humanen Flüchtlingspolitik durchringen kann, die Möglichkeiten aller Beteiligten und Betroffenen sorgsam bedenkt und endlich den Schwerpunkt in der Beendigung der Fluchtursachen setzt. 


Verfasserin:
Flottillenarzt Marei Bender
Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung
G 3.1
Sachsen-Anhalt-Kaserne
Zeitzer Straße 112
06667 Weißenfels
E-Mail: MareiBender@bundeswehr.org



Datum: 25.06.2018

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2018