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Der Übergang: Plötzlich Facharzt – wie konnte das passieren?

Wie gelingt der Übergang vom zweiten klinischen Abschnitt zum Facharzt-Dasein? Zur Beantwortung dieser Frage habe ich mir überlegt, die letzten 18 Monate zu betrachten.

Mein letztes Weiterbildungsjahr absolvierte ich als zivile Weiterbildungsmaßnahme im Asklepios Klinikum Barmbek in der Abteilung für Viszeralchirurgie. Durch meinen Rotationsplan im Vorfeld, der zwölf Monate Orthopädie und Unfallchirurgie sowie sechs Monate Intensivmedizin beinhaltete, hatte ich nunmehr seit 18 Monaten kaum noch allgemein- oder viszeralchirurgisch gearbeitet, so dass ich dieser Zeit mit Respekt entgegensah. Zum einen war ich allgemein gespannt auf das Arbeiten im zivilen Gesundheitssystem, zum anderen bildet die Abteilung dort als interdisziplinärer Bestandteil der Viszeralmedizin (Viszeralchirurgie, Gastroenterologie, Onkologie) in enger Zusammenarbeit mit der Abteilung für Radiologie neben der Kolorektalen Chirurgie auch die Gebiete der Magen- und Ösophagus­chirurgie sowie der Hepatobiliären Chirurgie ab. Da ich überwiegend aus dem Bereich Akutchirurgie ausreichend Erfahrung vorweisen konnte, war ich entsprechend gespannt auf die Praxis.

Nach der langen Zeit, die ich ausschließlich in Bundeswehrstrukturen und – vom PJ mal abgesehen – in einem einzigen Krankenhaus verbracht hatte, in dem ich jedes Gesicht und jede Telefonnummer kannte, war ich plötzlich wieder die „Neue“, die sich überall vorstellen und erklären musste. Nach einer etwas schwierigen Phase der Akklimatisierung folgte dann eine äußerst arbeitsreiche, aber auch sehr lehrreiche Zeit. Ich hatte die Möglichkeit, Operationen beizuwohnen, die  insbesondere in der Metropolregion nur in spezialisierten Zentren stattfinden; darüber hinaus bekam ich Einblicke in die Diskussion komplexer onkologischer Fragestellungen mit all ihren operativen, interventionellen und konservativen Therapiemöglichkeiten.

Formal hatte ich die Bedingungen zur Zulassung zur Facharztprüfung nun erfüllt, ich konnte mich anmelden. Die Fülle der hierzu notwendigen Bürokratie lasse ich unkommentiert.

Bis zum Prüfungstermin folgte eine großartige Zeit. Wieder „zu Hause“ stand ich viel im OP und wurde immer weiter „von der Leine gelassen“. Darüber hinaus wurde mir ein längerer Urlaubstörn ermöglicht, um mich optimal auf die Prüfung vorbereiten zu können.

Nach der bestandenen Prüfung wurde ich von einer Phase der Unsicherheit überrascht. Entscheidungen während der Visite, im Stationsalltag, im Notaufnahmedienst oder im OP, die ich vorher wie selbstverständlich getroffenen hatte, überdachte ich noch mehrfach und wägte die möglichen Handlungsalternativen länger gegeneinander ab, als ich es von mir gewohnt war. Angefüllt mit dem gesamten theoretischen Wissen zu aktuellen Leitlinien und Literatur schien mir die Entscheidungsfindung teilweise schwieriger als vorher. Nach und nach jedoch konnte ich die Verantwortung annehmen und fühlte mich wieder sicher. Dennoch war plötzlich alles anders, nur weil ich eine Prüfung abgelegt und eine Urkunde zu Hause hatte.

Die ersten Operationen als Facharzt zu assistieren, waren Erlebnisse. Wahrscheinlich habe ich häufig genug mehr geschwitzt als der/die eigentlich operierende Assistent/in. Mit der permanenten Vorstellung der gesamten Bandbreite an möglichen Komplikationen im Kopf wollte ich selbstverständlich mit ruhigem, gelassenem und kompetentem Auftreten die „Kleinen“ nicht verunsichern. Ein gelegentlich trotzdem entwichener Seufzer oder ein hörbares Luftanhalten meinerseits führte allerdings einige Male zu der gefühlt grinsenden Aussage: “Alles gut, ich schneid das schon nicht durch…“.

Mittlerweile hat sich auch diese Anspannung gelegt, ich lernte immer besser abzuschätzen, wann welche Operationsschritte im Sinne eines modularen Operierens durch mich übernommen werden sollten und welche im Rahmen des individuellen Ausbildungsstandes vom jeweiligen Assistenten durchgeführt werden können.

Für mein eigenes operatives Fortkommen und die Vorbereitung auf eigenverantwortliche Einsätze stand und steht mir jederzeit Hilfe durch die Oberärzte und den Chef in Form eines modularen Vorgehens bei bereits initial komplexeren oder sich komplex entwickelnden Eingriffen bei primär größeren Operationen oder im Rahmen eines intraoperativen Consultings zur Verfügung. Meiner Meinung nach ist dies ein ausgezeichnetes Mentoringkonzept, um selbständiger zu werden ohne das Gefühl zu haben, ins kalte Wasser geworfen zu werden.

Kurz nach der Facharztprüfung folgte mein erster Auslandseinsatz als Facharzt im Team mit einem erfahrenen Oberarzt, ganz im Sinne des Hamburger Konzeptes zur schrittweisen Heranführung an die Einsatzchirurgie. Da wir auch hier in Hamburg eng und kollegial zusammenarbeiten, ergaben sich selbst unter Einsatzbedingungen keine Frik­tionen oder Gerangel um Kompetenzen, so dass ich auch diese Zeit als durchweg positiv bewerte.

Zusammenfassend kann ich für mich feststellen, dass insbesondere die zwölf Monate in der zivilen Weiterbildung extrem prägend für mich waren. Hatte ich während der Zeit, die ich dort gearbeitet habe, häufig das Gefühl, zu wenig selbst zu operieren, realisiere ich insbesondere jetzt mit einigem Abstand, wie viel ich dort allein durch das Assistieren bei komplexeren Eingriffen gelernt habe. Mit teilweise anderen Techniken, Instrumenten und Nahtmaterial zu arbeiten und zu sehen, dass dies auch funktioniert, ist die eine Einsicht. Einiges davon habe ich übernommen. Darüber hinaus haben sich viele Fakten, Leitlinien und aktuelle Studienlagen aus den damals gelegentlich als zeitraubend empfundenen Onko-Konferenzen und Fortbildungen überraschend tief in meinen Erinnerungen festgesetzt, so dass ich auch heute noch davon profitiere und in die eigene, multidisziplinäre Tumortherapie im eigene Hause einbringen kann.

Letztendlich habe ich nicht nur auf fachlicher und praktischer Ebene viel gelernt. Ich konnte die Erfahrung machen, dass man sich gelegentlich aus seiner persönlichen Komfortzone herausbequemen muss, um voran zu kommen; eine wichtige Einsicht. Rückblickend wiegen die vielen arbeitsreichen und anstrengenden Stunden und Tage nicht mehr so schwer, da die positiven Aspekte deutlich überwiegen.

Mit dieser Einsicht merke ich allerdings auch, dass mir Diskussionen mit der nachfolgenden Generation der Assistenzärzte zum Beispiel zum Thema Ausbildung manchmal schwerer fallen im Sinne einer Diskrepanz zwischen dem aktiven und dem passiven Anteil des Lernens. Im Rahmen dieser Diskussionen habe ich häufig das Wort „früher…“ auf der Zunge und muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit bei diesen „früher“-Geschichten gelegentlich innerlich mit den Augen gerollt habe. Es gilt die aktuelle Zeit mit ihren aktuellen Problemen für jeden in einer sehr individuellen Art und Weise, auch das ist eine Einsicht.

Ich fühle mich in der aktuellen Rolle als „Bindeglied“ zwischen Assistenten und Oberärzten durchaus wohl und bin froh, meine weitere ­Ausbildung an diesem Haus mit den vielfältigen Kooperationsmöglichkeiten fortführen zu können.

Aufmacherbild: Ligamenta Wirbelsäulenzentrum/pixelio.de

Datum: 04.04.2016

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2016/1

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