Bericht

INTERNATIONALES NETZWERK FÜR MEDIZINISCHES STRAHLENMANAGEMENT: DAS RESPONSE ASSISTANCE NETWORK (RANET) DER IAEA

International Network for Radiation Accident Medical Management: The Response Assistance Network (RANET) of the IAEA



Aus dem Institut für Radiobiologie der Bundeswehr in Verbindung mit der Universität Ulm, München (Leiter: Oberstarzt Prof. Dr. med. V. Meineke)



Harald Dörr und Viktor Meineke



WMM, 58. Jahrgang (Ausgabe 5/2014, S. 159-161)

Zusammenfassung

Die weit verbreitete Nutzung von ionisierenden Strahlen birgt das Risiko von Strahlenunfällen. Darüber hinaus stellen kriminelle oder terroristisch motivierte Aktionen mit Strahlenquellen eine weitere Bedrohung dar. Da nationale Ressourcen im Falle eines Strahlenunfalles überfordert sein können, sind internationale Netzwerke im Medizinischen Strahlenunfallmanagement unabdingbar.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat hierzu auf der Basis von zwei internationalen Abkommen das Response Assistance Network (RANET) etabliert. Das Institut für Radiobilogie der Bundeswehr (InstRadBioBw) ist mit seinem Fähigkeitsspektrum seit 2013 über das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) als nationale Competent Authority in das RANET eingebunden.
BMUB und InstRadBioBw nahmen an der RANET-Übung ConvEx 2013 teil. Der Übung lag ein terroristisches Szenario mit Einsatz einer sogenannten „schmutzigen Bombe“ in Marokko zugrunde. Durch InstRadBioBw wurde hierbei ein fachlicher Beitrag zur medizinischen Versorgung von zwei strahlenexponierten Patienten erstellt. Insbesondere für die Ausbildung und Inübunghaltung von Einsatzkräften der Task Force Medizinischer ABC-Schutz ist die Teilnahme an internationalen Übungen unverzichtbar.
Schlagworte: IAEA, RANET, Strahlenunfall, Medizinischer A-Schutz, Medizinisches Strahlenunfallmanagement

Summary

The widely use of ionizing radiation bears the risk of radiation accidents. Criminal or terroristic actions with radiation sources involved are additional threats. In case of a radiation accident national resources often will be overburdened, so international networks for radiation accident medical management are inevitable.
Based on two international conventions the International Atomic Energy Agency (IAEA) established a Response Assistance Network (RANET). Via the Federal Ministry for the Environment, Nature Conservation, Building and Nuclear Saftety (BMUB) the Bundeswehr Institue for Radiobiology (InstRadBioBw) with its capabilities in radiation accident medical management is integrated into RANET as the National Competent Authority.
BMUB and InstRadBioBw attended the RANET-Exercise ConvEx 2013 with the scenario of a terroristic attack with a so called “dirty bomb” in Morocco. A request for assistance in medical treatment of two radiation exposed patients was professionally replied by InstRadBioBw. Attending international exercises is imperative, particularly for training and practice of personnel assigned to the task force for CBRN medical defense.
Keywords: IAEA, RANET, radiation accident, radiation accident medical management

Medizinisches Strahlenunfallmanagement

Die weit verbreitete Nutzung ionisierender Strahlen in der Medizin sowie in der Industrie birgt das Risiko von Strahlenunfällen und akzidenteller Strahlenexposition. Darüber hinaus besteht eine Bedrohung durch kriminell oder terroristisch motivierte Aktionen, die zu einer Strahlenexposition und ggf. auch zu einer Freisetzung von Radionukliden führen. Szenarien wie der Einsatz einer improvisierten Nuklearwaffe (Improvised Nuclear Device, IND) können dabei zu einer hohen Anzahl an strahlenexponierten Personen führen, ggf. verbunden mit zusätzlichen konventionellen Traumata wie Wunden, Frakturen oder Verbrennungen.
Nationale Ressourcen können im Falle eines Strahlenunfalles mit einer höheren Anzahl an Strahlenunfallopfern bereits überfordert sein, was dann ggf. internationale Unterstützung erfordert. Internationale Netzwerke sind daher im medizinischen Strahlenunfallmanagement unabdingbar. Die Einbindung in internationale Strahlenunfall-Management-Netzwerke stellt nicht nur die optimale Versorgung von Strahlenunfallopfern weltweit sicher, sondern dient darüber hinaus als Medium zum Austausch der entsprechenden Fachexpertise zwischen internationalen Experten [1].

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Einbindung des Instituts für Radiobiologie der Bundeswehr (InstRadBioBw) in internationale Strahlenunfallmanagement-Netzwerke

Das InstRadBioBw führt wehrmedizinische Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet des medizinischen Schutzes vor radioaktiven Stoffen und ionisierender sowie nicht-ionisierender Strahlung durch. Dazu gehören im Besonderen die Untersuchungen von Präventionsmaßnahmen, molekularer und zellulärer Mechanismen der Pathogenese der Strahlenkrankheit, Spezialdiagnostik und die Optimierung therapeutischer Optionen zur Behandlung der Strahlenkrankheit. Alle Leistungen des Institutes erfolgen qualitätsgesichert gemäß der international anerkannten DIN EN ISO 9001.
Kernauftrag des Institutes ist neben der jederzeitigen Bereitstellung von Expertensachverstand das Vorhalten mobiler Einsatzkräfte für die Task Force Medizinischer ABC-Schutz. Aufgaben im Rahmen Task Force Medizinischer ABC-Schutz sind Untersuchung, Diagnostik, Triage und Therapie-Einleitung bei strahlenexponierten Patienten. Hinzu kommen Koordination der medizinischen Versorgung von strahlenexponierten Patienten, medizinisches Strahlenunfallmanagement vor Ort und während des Transports sowie Übergabe von Patienten an weiterbehandelnde Ärzte und Beteiligung an der Planung weiterführender diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen.
Weitere Untersuchungen von Patientenproben finden am Institut u. a. mittels Methoden der biologischen Dosimetrie (Spezialdiagnostik) statt. Diese beruhen auf modernsten strahlen- und molekularbiologischen Verfahren und wurden zur Abschätzung von Strahlenschäden etabliert.
Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahre 1986 wurde auf der Basis von zwei internationalen Abkommen unter Federführung der IAEA das Radiation Accident Medical Preparedness and Assistance Network (REMPAN) der WHO gegründet. Mit seinem Fähigkeitsspektrum ist das InstRadBioBw seit 2005 das einzige militärische Institut, das als Liaison-Institut in das REMPAN der WHO eingebunden ist.
Diese Vernetzung hat es ermöglicht, durch internationalen Erfahrungsaustausch Informationen und klinische Daten sowie Behandlungsergebnisse von aktuellen Strahlenunfällen zu erhalten. Darüber hinaus war das InstRadBioBw an sogenannten “Table-top-Exercises“ der WHO aktiv beteiligt und konnte hierbei wertvolle eigene Erfahrungen, vor allem in Bezug auf geforderte Reach-Back Fähigkeiten im Medizinischen A-Schutz, sammeln. Weiterhin hat InstRadBioBw in Arbeitsgruppen der WHO (u. a. Behandlungsmethoden für Strahlenunfallopfer, Bevorratungsbedarf für Medikamente, europäischer Konsensus im medizinischen Strahlenunfallmanagement) mitgewirkt und dabei wiederum unmittelbar Erkenntnisse für die eigene Arbeit gewinnen können.

Das Response Assistance Network (RANET) der Internationalen Atomenergie ­Organisation (IAEA)


Die IAEA hat auf der Basis des „Abkommen über die frühzeitige Benachrichtigung bei nuklearen Unfällen“ (Convention on Early Notification of a Nuclear Accident) sowie dem „Abkommen über Hilfeleistung bei nuklearen Unfällen oder radiologischen Notfällen“ (Convention on Assistance in the Case of a Nuclear Accident or Radiological Emergency) das Response Assistance Network (RANET) etabliert. Damit wurden die  Grundlagen für eine möglichst rasche Benachrichtigung der IAEA durch die Vertragsstaaten bei einem nuklearen oder radiologischen Notfall geschaffen. Das WHO REMPAN Netzwerk wird über einen Strahlenunfall oder ein Beratungs- bzw. Hilfeersuchen entweder direkt vom betroffenen Staat, von der WHO oder via IAEA informiert [2]. Seit 2013 ist das InstRadBioBw über die nationale Competent Authority, das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), als singuläre nationale Ressource in das RANET der IAEA eingebunden.
Das Konzept von RANET ist die Minimierung von strahlenbedingten Folgen nach Strahlenunfällen für Gesundheit, Umwelt und auch für Sachwerte durch ein kompatibles und integriertes System zur Bereitstellung von internationaler Unterstützung [3].
RANET hat dabei die folgenden Ziele und Aufgaben:

  • Bereitstellung von angeforderter internationaler Unterstützung
  • harmonisierung von Unterstützungs-Kapazitäten
  • austausch von relevanten Informationen und Feedback zu Erfahrungen aus internationaler Unterstützung bei Strahlenunfällen.

Darüber hinaus zielen weitere IAEA Initiativen darauf ab, die Notfallvorsorge in den Mitgliedsstaaten zu stärken.
Die IAEA übernimmt mit dem RANET die folgenden Verpflichtungen:

  • Bewertung der Situation, Ermittlung zur Durchführbarkeit von Unterstützung und -wenn notwendig- Entsendung einer Untersuchungsmission.
  • Vorschläge zu spezifischen RANET Fähigkeiten.
  • Alarmierung von geeigneten National Warning Points (NWP) und Koordination.
  • Bewerten der Unterstützungsangebote und Weiterleitung an die anfordernden Staaten.
  • Sicherstellen der zeitnahen Entwicklung eines Assistance Action Plan (AAP) einschließlich Festlegung der Missions-Leitung.
  • Kontaktherstellung zwischen anfordernden Staaten und den Staaten, die Unterstützungsleistungen bereitstellen, zur Einigung über den AAP.
  • Herstellen und Pflegen der Kommunikationswege zwischen Unterstützungsmission und unterstützenden Staaten.
  • Bereitstellen von finanzieller, organisatorischer und logistischer Unterstützung.
  • Erklärung der offiziellen Beendigung einer Unterstützungsmission.
  • Follow Up der Unterstützungsmission.

RANET Übung ConvEx 2013

Am 20. und 21. November 2013 fand die internationale RANET Übung ­ConvEx statt. ConvEx ist dabei wie folgt definiert: “A regime of emergency exercises organized by the IAEA in cooperation with Member States to verify the arrangements for responding under the Early Notification and/or Assistance Conventions.”
Zur effizienten Planung, Durchführung und Auswertung von internationalen Strahlenunfall-Übungen wurde die Inter-Agency Committee on Radiological and Nuclear Emergencies (IACRNE) etabliert, deren Sekretariat sich bei der IAEA befindet. Durch die IACRNE wurde die Working Group on Coordinated International Exercises (WG-CIE) gegründet, deren Aktivität durch das Incident and Emergency Centre (IEC) der IAEA koordiniert und unterstützt wird.
Die ConvEx Übung in 2013 ist die insgesamt vierte ConvEx Übung der IAEA. Im May 2001 fand die erste Übung statt mit dem Übungsszenario eines Unfalls in einem französischen Kernkraftwerk (KKW). Im May 2005 fand die zweite ConvEx Übung statt mit dem Übungsszenario eines Unfalls in einem rumänischen KKW und die dritte Übung im Juli 2008 hatte einen Unfall in einem mexikanischen KKW zum Inhalt.
Das Szenario der ConvEx Übung in 2013 basierte im Gegensatz zu den vorhergegangenen Übungen zum ersten Mal nicht auf einem KKW Szenario. Ihr lag das Szenario einer terroristisch motivierten Ausbringung von radioaktivem Material mittels einer sogenannten „Schmutzigen Bombe“ („Dirty Bomb“ oder Radiological Dispersal Device (RDD)) in Marokko zugrunde. Das Übungsszenario begann mit einer starken Explosion im Hafen von Tangier. Bei dieser Explosion wurden zahlreiche Personen verletzt. Einsatzkräfte, die Radioaktivitätsmessgeräte mitführten, bemerkten eine erhöhte Ortsdosisleistung. Ermittlungen stellten bald den Zusammenhang mit einer vor einigen Monaten gestohlenen Strahlenquelle und einer terroristischen Vereinigung her. Einige Stunden nach der Explosion bekannte sich die terroristische Vereinigung zu dem Anschlag und drohte mit weiteren Angriffen. Eine sofort eingeleitete Aufklärung mittels Luftmessungen an potenziellen Zielen ergab in Marrakesch Hinweise auf Strahlenquellen. Eine weitere Explosion erfolgte dann in Marrakesch mit wiederum vielen Verletzten und nur wenigen Toten.
Da die marokkanischen Kapazitäten zur Reaktion auf die Ereignisse nun erschöpft waren, bat Marokko über die IAEA um internationale Unterstützung.
Das BMUB nahm als nationale Competent Authority an der Übung ConvEx 2013 teil und koordinierte die Information und den Einsatz von weiteren in das RANET eingebundenen Institutionen. InstRadBioBw deckt hierbei mit seinem Fähigkeitsprofil das medizinische Strahlenunfallmanagement ab und kann neben Empfehlungen zu Diagnostik und Therapie im Rahmen der Task Force Medizinischer ABC-Schutz auch mobile Einsatzkräfte bereitstellen.
Die Übung begann am 20. November 2013 mit der Information über die Lage in Tangier / Marokko. Durch das BMUB erfolgte dann die Weitergabe der Informationen an den Krisenstab der Strahlenschutzkommission, an das Bundesamt für Strahlenschutz und an das InstRadBioBw über das Lagezentrum der Sanitätsakademie der Bundeswehr (SanAkBw).
Im Übungsverlauf wurde eine Anfrage nach Unterstützung durch Marokko zur medizinischen Versorgung von zwei strahlenexponierten Patienten über das RANET an die teilnehmenden Nationen übermittelt. Diese Anfrage wurde dann über das Lagezentrum der SanAkBw an das InstRadBioBw weitergegeben. Durch InstRadBioBw erfolgte eine detaillierte und umfassende Antwort mit fachlichen Empfehlungen für die medizinische Versorgung. Eine Übernahme der medizinischen Versorgung der Patienten wurde bei Bedarf angeboten. Hierzu wurde die Übermittlung von detaillierten Informationen zu den Patienten erbeten. Diese Informationen wurden dann über das BMUB an die Übungsleitung der IAEA übermittelt. Letztlich wurde über RANET an die Übungsteilnehmer die Information übermittelt, dass die medizinische Versorgung der beiden Patienten nun doch in Marokko durchgeführt werden kann und somit keine Unterstützung notwendig ist.

Schlussfolgerungen

Internationale Netzwerke sind im medizinischen Strahlenunfallmanagement unerlässlich, wenn die Ressourcen der betroffenen Nationen zur Versorgung von Strahlenunfallopfern erschöpft sind. Fachliche Expertise kann gebündelt und für die Versorgung von Strahlenunfallopfern verfügbar gemacht werden. Der fachliche Austausch und die Durchführung von gemeinsamen Übungen mit ausführlicher Auswertung sind weitere Vorteile.
Die Einbindung des InstRadBioBw in die internationalen Netzwerke REMPAN der WHO und RANET der IAEA war folgerichtig und notwendig, die Bündelung der nationalen Fachexpertise in einer Hand hat sich bewährt.
Das Übungsszenario der Übung ConvEx 2013 ist in höchstem Maße einsatzrelevant für den Sanitätsdienst der Bundeswehr, spiegelt es doch sogenannte „asymmetrische Bedrohungslagen“, wie sie derzeit z. B. in Afghanistan bestehen, wieder.
Durch die Beteiligung des InstRadBioBw an der Übung ­ConvEx 2013 konnten Abläufe der Alarmierung sowie der Informationsübermittlung zwischen BMUB und SanAkBw / InstRadBioBw etabliert und getestet werden. Ebenso wurde die Übung zum Anlass genommen, interne Abläufe im InstRadBioBw zu überprüfen. In den Übungsunterlagen der IAEA ist zu Beginn vermerkt, dass eine Übung nur dann erfolgreich war, wenn neben den Stärken auch die Schwächen zum Vorschein kommen. So wurden auch im Rahmen dieser Übung Wege zur Optimierung vorhandener Abläufe identifiziert und eingeschlagen.
Hinsichtlich der durch InstRadBioBw vorzuhaltenden mobilen Einsatzkräfte für die Task Force Medizinischer ABC-Schutz stellt die Ausbildung und Inübunghaltung des Personals ein besonderes Problem dar. Die Teilnahme an internationalen Übungen im Strahlenunfallmanagement ist daher für das InstRadBioBw unverzichtbar. Aber auch wenn eine Ausbildung von Einsatzpersonal grundsätzlich in Übungsszenarien möglich ist, ist ein optimaler Ausbildungsstand dennoch nur durch einen tatsächlichen Einsatz bei Strahlenunfällen zu erreichen. Da diese Situation naturgemäß selten auftritt, ist es von besonderer Bedeutung, hier alle sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen.

Datum: 09.07.2014

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2014/5

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