Same same but different
Artikel: M.-Th. Pfalzgraf, R. Wölfel

Same same but different

Teilnahme am „CBRN Clinical Course“ in Großbritannien

Im Dezember 2018 nahmen zwei Angehörige der Abteilung F Medizinischer ABC-Schutz der Sanitätsakademie der Bundeswehr am britischen Lehrgang „CBRN Clinical Course“ teil. Dieser wird durch die britischen Streitkräfte auch für eine kleine Anzahl internationaler Gäste am Defence CBRN Centre in Winterbourne Gunner, England, angeboten. Ziel für die deutschen Teilnehmenden war es, auf internationaler fachlicher Ebene Wissen zu vertiefen, einen Erfahrungsaustausch zwischen den lehrenden Sanitätseinrichtungen zu ermöglichen und Ideen für eine Ergänzung der Ausbildung im medizinischen ABC-Schutz des Sanitätsdienstes der Bundeswehr zu erhalten.

PhotoDie Lehrgangsteilnehmenden üben die notfallmäßige Versorgung und Rettung aus einer ABC-Gefahrenzone (Captain A. Game, Defence CBRN School, Winterbourne Gunner) Bei dem „CBRN Clinical Course“ handelt es sich um einen 4,5-tägigen medizinischen ABC-Kurs, der für Sanitätsoffiziere aller Erfahrungsstufen, medizinisches Rettungspersonal und Pflegekräfte gemeinsam angeboten wird. Der Kurs befasst sich mit den wichtigsten ABC-Gefahren mit Fokus auf die medizinische Versorgung vom Ort der Exposition bis hin zur Behandlungsebene ROLE 3. Nach Durchlaufen des Kurses sollen die Teilnehmer in der Lage sein, Verwundete in einer ABC-Umgebung zu versorgen, die medizinischen Aspekte bei einem ABC-Ereignis zu organisieren sowie einen A-, B-, und C- Kampfstoffverwundeten vom Ort der Exposition bis zur ROLE 3 zu versorgen.

Als Lehrmethoden werden Vorlesungen, Fallbesprechungen, Verwundetensimulationen, praktische Vorführungen und Tabletop-Exercises eingesetzt. Ein Handbuch und ein zusätzliches Arbeitsheft mit unterschiedlichen Aufgaben bietet die Möglichkeit zur Wiederholung von theoretisch vermittelnden Lerninhalten sowie zu deren Anwendung bei der Lösung von Gruppenaufgaben und Fallbeispielen. Als Erfolgskontrolle dient ein Multiple-Choice-­Test mit 30 Fragen. Gemäß britischen Vorgaben ist die Ausbildung alle 5 Jahre aufzufrischen.

Im britischen Kurs wurde medizinisches Personal mit unterschiedlichen Erfahrungs- und Ausbildungsstufen gemeinsam ausgebildet, was keine Nachteile bot. Die Teilnehmenden waren stets in der Lage, die Unterrichtsinhalte aufzunehmen und auch in den Fallübungen in Gruppen folgerichtig zu handeln.

Bei den theoretischen Unterrichtsanteilen kamen unterschied­liche Lehrmethoden zum Einsatz. Es wurden beispielsweise Taschenkarten zu medizinischen Maßnahmen im CBRN-Fall an jeden Teilnehmer ausgegeben. Insgesamt wurde die Ausbildung auf diese Weise sehr praxisorientiert gestaltet, vermittelte aber auch gleichzeitig das auf dem Gebiet nötige medizinisch-wissenschaftliche Hintergrundwissen.

Die in Großbritannien ausgebildeten Behandlungsprinzipien für ABC-Verwundete weichen nur in wenigen Punkten (z. B. bei der Wirkstoffauswahl einzelner Antidote) vom deutschen Behandlungsregime ab. Einen besonderen Schwerpunkt der Ausbildung bildete die unmittelbare medizinische Notfallbehandlung eines kontaminierten Patienten. Hierzu wurden mehrere praktische Demonstrationen und Fallsimulationen durchgeführt, sodass alle Teilnehmenden eigene praktische Erfahrungen sammeln konnten.

PhotoCol Dr. Steven Bland vermittelt in theoretischen Unterrichten das nötige Hintergrundwissen (Captain A. Game, Defence CBRN School, Winterbourne Gunner) Wiederholt wurden das Erkennen von ABC-Gefahrensituationen, das Herausschneiden eines Patienten aus dem Schutzanzug nach Dekontamination, das Stillen massiver Blutungen sowie die Gabe von Antidoten und Atemwegssicherung geübt. Die gewählten Szenare basierten auf Nervenkampfstoffen, Cyaniden, Chlorgas, aber auch nicht-kampfstoffassoziierten Fällen wie Trauma und Hitzeschäden. Ein „Bio-Man“, eine Puppe zur Darstellung unterschiedlicher Bio-Syndrome, kam ebenfalls zum Einsatz. Auch wurde ein Übungsszenar in einer CS-Gas-Kammer durchgeführt, wobei gleichzeitig ein flüssiger UV-Tracer eingesetzt wurde, um den Teilnehmenden die Gefahr von Kreuzkontaminationen eindrücklich darzustellen.

An der Sanitätsakademie der Bundeswehr wird 10 Mal pro Jahr das deutsche Äquivalent zum britischen CBRN Clinical Course angeboten, genannt „Medizinischer ABC-Schutz für Sanitätsoffiziere“. Hierbei wird in enger Kooperation mit den Instituten für Radiobiologie, Mikrobiologie und Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr Wissen über medizinische Aspekte im ABC-Schutz vermittelt. Es werden im Zeitraum von einer Woche sowohl theoretische als auch praktische Unterrichtseinheiten, POL (problemorientiertes Lernen) in Gruppen und ein Besuch der Landgestützten Patienten-Dekontaminationseinrichtung durchgeführt. Ein Skript gibt den Teilnehmenden die Möglichkeit, fachliche Hintergründe auch im Nachgang noch einmal nachzulesen.

Der britische Kurs hat ergänzende Ideen zur Gestaltung des bundeswehreigenen Lehrgangs gebracht. Zukünftig sollen die Lehrgangsteilnehmenden durch erweiterte Simulationen noch mehr praktische Erfahrung mit der notfallmedizinischen Versorgung von ABC-Verwundeten sammeln können. Ein analog zu den britischen Taschenkarten gestaltetes „Ausbildungshilfsmittel MedABC“ wurde bereits erstellt und wird in die Ausbildung ab Sommer 2019 integriert werden. Auch das Angebot des deutschen Lehrgangs in englischer Sprache für internationale Teilnehmer wird derzeit geplant. z

Für die Verf.:
Oberstabsarzt
Dr. Marie-Theres Pfalzgraf
Sanitätsakademie der Bundeswehr
Abteilung F Medizinischer ABC-Schutz
Ingolstädter Str. 240
80939 München
E-Mail: marietherespfalzgraf@instmikrobiobw.de 

Datum: 19.08.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2019