Artikel: T. Moll

„Die Wachablösung steht bevor!  Der A310 wird durch den A330 ersetzt“ - Herausforderungen für den Patientenlufttransport in einem multinationalen Verband

Aus dem European Air Transport Command (Commander: Generalmajor L. Marboeuf)

„Fliegendes Krankenhaus“, „Lazarett-Flugzeug“, „Intensivstation über den Wolken“ – Schlagzeilen, die eines der ausgesprochen erfolgreichen Kapitel der jüngeren Bundeswehrgeschichte überschreiben. Mit einem damals revolutionären Konzept wurden ab Ende der 90er Jahre vier Airbus A310 aus der bestehenden Flotte der Bundeswehr mehrrollenfähig umgebaut. Mit Mehrrollen­fähigkeit wird dabei die konstruktiv-technische Weiterentwicklung beschrieben, die es ermöglicht, wie im Falle des A310, ein Luftfahrzeug in variablen Einsatzszenarien und in verschiedenen Ausstattungsvarianten in den Einsatz zu bringen. In dem Namenszusatz „MRT“, Abkürzung für die englischsprachige Bezeichnung „Multi Role Transport“, wird dabei bereits die Schwerpunktlegung auf die Befähigung zum Lufttransport hervorgehoben. Der in der Namensgebung verzeichnete Anteil „Transport“ bezieht sich auf die Optionen, das Flugzeug sowohl als klassischen Passagierflieger wie auch als reine Frachtmaschine betreiben zu können. Die Frachtversion nutzt dabei einen großen Bereich des originären Passagierraums, in dem nach dem Umbau über eine Ladeluke in der Bordwand Standardpaletten eingeladen werden können.

A310 als Transportflugzeug für Patienten

In einer weiteren Ausstattungsvariante ist der Passagierraum seit 1999 in eine Version zum qualifizierten Patientenlufttransport umrüstbar. Unter Ausnutzung der technischen Rahmenbedingungen des A310, wurde eine spezialisierte Ausstattung integriert, in der Patienten mit einer zeitgemäßen und modernen ärztlichen Behandlungskapazität verflogen werden können. Die Ausstattung galt lange Jahre, aufgrund der hochwertigen medizinischen Geräteausstattungen, als weltweit einzigartig und beispiel­gebend. Abgestuft nach unterschiedlichen medizinischen Behandlungsintensitäten, werden bis zu 6 intensivmedizinisch behandlungsbedürftige und weitere 38 betreuungspflichtige Patienten in einem Flug transportiert.

Seine außergewöhnliche Befähigung bewies das fliegende Lazarett erstmals im November 2000. Mit seinem ersten Einsatzflug wurden 23 schwerverletzte palästinensische Kinder und Jugendliche aus Gaza-Stadt zur medizinischen Behandlung nach ­München geflogen. Diese humanitäre Geste Deutschlands war während der vorausgehenden Nahostreise vom damaligen Bun­deskanzler Gerhard Schröder dem palästinensischen Präsidenten persönlich zugesichert worden.

A310 als Tankflugzeug

Seit 2003 sind nach neuerlichen technischen Umbauten diese vier A310 der Luftwaffe unter der Bezeichnung A310 MRTT im Einsatz. Dabei ist an der Namensänderung zum „Multi Role Tanker Transport“ die hinzugewonnene Befähigung zur Luft-zu-Luft-Betankung abzulesen. Mit Anpassungen am Treibstoffsystem (Zusatztanks, Rohrleitungen und Pumpen), an der computerbasierten Steuerung einschließlich dem Einbau einer Bedienerkonsole sowie dem Anbringen von Luftbetankungsbehältern wurde die strategische Erweiterung des A310 zu einem Tankflugzeug abgeschlossen.

Die kalkulierte Lebensdauer der A310 Flotte neigt sich dem Ende entgegen. Das veraltete Flugzeugmodell, schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr von Airbus produziert, ist zunehmend wartungsintensiv und müsste zum Weiterbetrieb mit großem technischen und finanziellen Aufwand an die heutigen Erfordernisse des Flugbetriebs angepasst werden. Dem ministeriellen Entscheid folgend, werden die A310 MRTT der Luftwaffe bis Ende 2022 außer Dienst gestellt.

Erhalt des Fähigkeitsspektrums

Zur Sicherstellung der strategischen Verlegefähigkeit von Streitkräften ist die Luftwaffe für den bedarfsgerechten Fracht-, Passagier- und Patiententransport in der Dimension Luft verantwortlich. Ebenfalls unverrückbarer Auftrag an die Luftwaffe ist die Bereitstellung der Fähigkeit zur Luftbetankung. Durch die Steigerung von Einsatzreichweite und Verweildauer der betankten fliegenden Systeme bewirkt Luftbetankung eine maßgebliche Verbesserung der Mobilität und Wirksamkeit der Waffensysteme im Einsatzraum.

Dieses Fähigkeitsspektrum gilt es, durch eine zukunftsweisende Nachfolgelösung zum A310 MRTT, idealerweise durch ein modernes mehrrollenfähiges Tank- und Transportflugzeug, zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Die Erweiterung der europäischen Flotte von Tankflugzeugen ist Teil eines priorisierten Kooperationsprojekts der Europäischen Verteidigungsagentur (European Defence Agency (EDA)). Dieses Ziel wird, initiiert durch die Niederlande und Luxemburg, seit 2016 mit Planungen zu einer Multinationalen Multi Role Tanker Transport Flotte (MMF) auf Basis des A330 MRTT verfolgt. Deutschland entschied sich 2017 dafür, im Rahmen des Beitritts zur MMF die bestehende A310 Flotte durch die Beteiligung am zukünftigen Betrieb von A330 MRTT abzulösen.

MMF – eine multinationale Einheit

Aktuell haben sich fünf europäische Nationen vertraglich auf eine gemeinsame Beteiligung an der MMF verständigt: Belgien, Deutschland, Luxemburg, Niederlande und Norwegen. Diese Partnernationen haben zur Beschaffung der Flugzeuge die NATO Support and Procurement Agency (NSPA) als multinationale logistische Dienstleistungsorganisation beauftragt. Die MMF-Mitglieder bezahlen die Beschaffung und den Betrieb von 8 A330 MRTT. Dafür erhalten sie innerhalb der MMF exklusive Nutzungsrechte in Form von Flugstundenkontingenten und werden in die Lage versetzt, im Rahmen ihres Anteils an der gemeinsamen Flotte, Tankflugzeuge für beispielsweise NATO- oder EU-Operationen zur Verfügung zu stellen.

Der Hauptsitz der MMF wird seit Januar 2018 in Eindhoven in den Niederlanden aufgebaut. Die Flugzeuge werden mit einer niederländischen Registrierung ihren Dienst aufnehmen und die Koninklijke Luchtmacht der Niederlande übernimmt die leitende Funktion, mit der die Zusammenarbeit der MMF-Nationen koordiniert wird.

Zusätzlich wird auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn ein permanenter zweiter Standort der MMF entstehen. Drei der MMF-Luftfahrzeuge werden hier, unter Nutzung der bereits bestehenden Infrastruktur der Flugbereitschaft BMVg, auf einer sogenannten „Forward Operating Base“ stationiert.

Der Personalkörper der MMF wird multinational ausgebracht. In Abhängigkeit der finanziellen Beteiligung am Gesamtprogramm bzw. den Anteilen an den laufenden Betriebskosten, besetzen die Nationen die Stellen innerhalb der Einheit. Deutschland wird durch die Finanzierung von 5000 Flugstunden pro Jahr, das entspricht dem voraussichtlichen Flugstundenverbrauch von 5 A330 MRTT, einen entsprechenden Anteil der Dienstposten der MMF innehaben.

Europäische Kooperation bei Lufttransport und Luftbetankung

Die MMF wird im Grundsatz durch das europäische Lufttransportkommando (European Air Transport Command (EATC)) für den Einsatz geführt. Dabei erhält das EATC Betankungsanfragen über die nationalen AAR-Koordinierungszellen (in Deutschland wahrgenommen durch das Zentrum Luftoperationen), Anfragen nach medizinischer Evakuierung über die nationalen Patient Evacuation Coordination Centre (NPECC) der Sanitätsdienste sowie Transportanfragen über die Logistikzentren der an der MMF beteiligten Nationen. Zusätzliche logistische Bedarfe anderer Nationen, mit Ausnahme des Transports von Patienten, deren Steuerung in den Händen der Sanitätsdienste verbleibt, können über das Movement Coordination Center Europe (MCCE) eingesteuert werden.

Herausforderung Patientenlufttransport in einer multinationalen Kooperation

Deutschlands Erfahrungen im qualifizierten Patientenlufttransport auf der Langstrecke der Strategic Aeromedical Evacuation (Strat AE) sind eng mit der Erfolgsgeschichte des A310 MRTT verknüpft. StratAE hat sich als bewährter und unverzichtbarer Bestandteil der Rettungskette für unsere Soldaten im weltweiten Einsatz etabliert.

Das Aufgabenportfolio der MMF ist nicht ausschließlich auf Tankeinsätze oder Truppen- und Materialtransporte beschränkt. Die MMF Anteile in Köln übernehmen als besonderen Schwerpunkt die Befähigung zur Strat AE, die Einsatzbereitschaft der MMF für den Auftrag wird rund ums Jahr (24/7) sichergestellt werden.

Die medizinische Ausstattung wird in Köln vorgehalten und logistisch und medizintechnisch bewirtschaftet. In unterschiedlichen zugelassenen Konfigurationen des Luftfahrzeuges, kommen als Herzstück der medizinischen Behandlungskapazität je nach Bedarf -2- bzw. -6- Patiententransporteinheiten zur Behandlung intensivmedizinisch zu versorgender Patienten zum Einsatz. ­Darüber hinaus werden 16 Behandlungsplätze als sogenannte „Intermediate Care Stretcher“ eingerüstet. Damit wird die Fähigkeit eine größere Anzahl von Verwundeten und Verletzten mit unterschiedlichem Behandlungsbedarf gleichzeitig mittels einem qualifizierten Lufttransport durchführen zu können, auch nach Ablösung der dafür bewährten A310 Flotte erhalten bleiben.

Neben der materiellen Beistellung der Medizintechnik hat sich Deutschland der MMF gegenüber verpflichtet, die Ausbildung und Inübunghaltung des medizinischen Bereitschaftspersonals zum Einsatz an Bord des A330 zu gewährleisten. In einem noch zu konzipierenden speziellen Ausbildungs- und Trainingsmodul werden hierzu in Köln zukünftig medizinische Experten der MMF Partnernationen ausgebildet. Als besondere Herausforderung wird dabei, unter Berücksichtigung sprachlicher und kultureller Unterschiede, die Harmonisierung und Standardisierung der Zusammenarbeit eines multinationalen Teams zu bewältigen sein.

Das ehedem revolutionäre Konzept einer Intensivstation an Bord eines Flugzeuges findet eine hochwertige Fortsetzung in neuem Gewand. Hier löst erstmals eine multinationale Einheit nationale Fähigkeiten zum strategischen Langstreckentransport von Patienten mittels eines speziell dafür ausgestatteten Luftfahrzeugs für alle deutschen Einsatzgebiete ab. Die strukturelle und technische Ausführung des A330 STRAT AE bildet dabei, in Verbindung mit moderner Medizintechnik, eine zukunftsfeste Plattform für eine leitlinienkonforme zeitgemäße intensivmedizinische Behandlung “über den Wolken”.

Verfasser:
Oberstarzt
Dr. Tilmann Moll
European Air Transport Command
Leiter Aeromedical Evacuation Control Centre
P.O. Box 90102
5600 RA Eindhoven, the Netherlands
E-Mail: TilmannMoll@bundeswehr.org 

Datum: 11.07.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2019