Artikel: K. Schlolaut

Individual Exposure Monitoring for U.S. Operational Forces

Der taktische Einsatz von Agent Orange durch die U.S. Streitkräfte in der ‚Operation Ranch Hand‘ in den 60er bis Anfang der 70er Jahre im Vietnam Krieg sollte Viet Cong Kämpfer im Süden Vietnams durch Entlaubung des Dschungels entlarven.

Die medizinischen und versorgungsrechtlichen Auswirkungen der Gesundheitsschäden durch die Dioxin-Kontamination (TCDD) wirken bis heute nach(1). Selbst heute noch beschäftigen sich Arbeitsgruppen des U.S. Department of Veterans Affairs und des U.S. Department of Defense intensiv mit Fragen der Kompensation, welche Erkrankungen als Folge des Einsatzes von ‚Agent Orange‘ betrachtet werden können, bzw. welcher Personenkreis tatsächlich unmittelbar exponiert und damit geschädigt wurde. Der Krieg im Irak in den Jahren 1990 - 91 zeigt langfristige Effekte und Gesund­heitsrisken der eingesetzten U.S. Soldaten und sogar ihrer Nachkommen (2). Die unter dem Begriff ‚Gulf War Illnesses‘ zusammengefassten chronischen Krankheitsbilder sind vielfältig, aber auch uneinheitlich in ihrer Erscheinung und Ausprägung. Bis heute kann kein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen einer spezifischen Exposition und einer Erkrankung der ‚Gulf War Illnesses‘ dargestellt werden. Lediglich ausreichende statistische Hinweise für einen Zusammenhang sind belegbar (2). Und in den militärischen Einsätzen in Afghanistan (seit 2001) und im Irak (2003) wurde der Abfall der U.S. Streitkräfte teilweise in offenen Stellen im Lager oder ausserhalb des Lagers verbrannt. Die eingerichteten ‚Burn Pits‘ setzten über die Rauchbelastung das vor Ort eingesetzte Personal potentiellen Gesundheitsrisken aus (3). Auch dieses Thema beschäftigt auf Jahre hinaus das U.S. Department of Veterans Affairs und das U.S. Department of Defense.

PhotoAbbildung 1: Gulf War Illness & Exposures In den genannten Beispielen wurden U.S. Soldaten beabsichtigt oder unbeabsichtigt Toxinen ausgesetzt, die entweder in der Umwelt bereits vorhanden waren oder im Umfeld des Einsatzes ausgebracht wurden. Effekte auf den Körper, Einschränkungen der Gesundheit und Erkrankungen treten aber meist erst Jahre oder Jahrzehnte nach dem Einsatz auf. Darüber hinaus ist es nach Jahren schwierig festzustellen, welcher Soldat, zu welchem Zeitpunkt und in welchem Einsatzgebiet tatsächlich einer potenziell gefährlichen Substanz ausgesetzt war. Ebenso ist es schwierig zu bewerten, welche Auswirkungen eine Exposition konkret auf ein Individuum hatte und ob ein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen einer Exposition und einer späteren Erkrankung nachweisbar ist.

Deployment Health Working Group

Die gemeinsame Arbeitsgruppe ‘Deployment Health Working Group’ des U.S. Department of Veterans Affairs und des U.S. Department of Defense beschäftigt sich daher intensiv mit diesen Fragen und versucht insbesondere für Veteranen des Vietnam Krieges, der Golf Kriege und des Einsatzes in Afghanistan über Aufrufe nachzuvollziehen, welche Soldaten zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem spezifischen Einsatzgebiet eingesetzt waren und damit potenziell einem gesundheitsgefährdenden Toxin ausgesetzt waren. Gleichzeitig sollen Studien belegen, ob es einen kausalen oder zumindest einen ausreichenden statistischen Zusammenhang zwischen einer Exposition und einer Gesundheitseinschränkung gibt. Diese Aufrufe und Studien dienen dann der medizinischen Versorgung und der Steuerung von Folgeuntersuchungen ebenso wie der Prüfung eventueller Versorgungsansprüche für die Betroffenen.

Fehlende detaillierte Dokumentationen der exponierten Soldaten, der Erfassung potenzieller Toxine vor Ort sowie des Nachweises, welche Individuen tatsächlich in welchem Umfang einem Agenz ausgesetzt waren, erschweren das Vorgehen.

Dieses Dilemma will das Department of Defense in zukünftigen Einsätzen reduzieren oder vermeiden und verfolgt aktuell drei miteinander verbundene Initiativen, die einerseits eine Exposition dokumentieren, diese mit den personenbezogenen Daten des eingesetzten Personal verbinden und letztendlich darüber eine langfristige Datenbasis für exponiertes Personal aufbauen soll:

  • Individual Exposure Monitoring for the Operational Force
  • Joint Health Risk Managment (JHRM)
  • Individual Longitudinal Exposure Record (ILER)

Individual Exposure Monitoring for the Operational Force

PhotoAbbildung 2: Potenzielles Joint Health Risk Managment Dashboard (zur Verfügung gestellt durch DoD HRP&O) Das U.S. Army Center for Environmental Health Research in Fort Detrick, MD forscht zu Themen, die sich auf den Schutz der Gesundheit von Soldaten vor Umwelteinflüssen und einsatzbezogenen Gesundheitsbedrohungen (wie z. B. die Inhalation von Staub und Rauch, Schwer­­metall­belastung in Boden und Wasser, Belastung durch toxische Industrieabfälle, Pestizide, etc.) konzentrieren. Im Rahmen des Programms ‚ Individual Exposure Monitoring for the Operational Force‘ steht die Erforschung von Systemen und Sensoren im Vordergrund, die von Soldaten im Einsatz getragen werden sollen, um eine individuelle Exposition gesundheitsschädlicher Agenzien unmittelbar zu erfassen und zu dokumentieren. Diese Erfassung von Agenzien soll dann Grundlage sein für eine Bewertung des individuellen Gesundheitsrisikos, dem ein Soldat ausgesetzt war und der Bewertung, bis zu welchem Schwellenwert einer Exposition ein Soldat grundsätzlich weiterhin eingesetzt werden kann. Neben der Messung von Substanzen in einer Gegend oder an einem spezifischen Punkt, welche je nach Messort und Umwelteinflüssen, wie z. B. Wind, sehr unterschiedlich ausfallen kann, soll insbesondere die Entwicklung von tragbaren Dosimetern die individuelle Exposition von Soldaten für eine Vielzahl an Agenzien dokumentieren.

Joint Health Risk Managment (JHRM)

Das ‘Joint Health Risk Managment (JHRM)’ System soll anschliessend die individuellen Daten der tragbaren Sensoren u. a. mit den Positionsdaten der Soldaten sowie den Messwerten zu ABC-Bedrohungen und toxischen industriellen Materialien (TIM) in einer Gegend oder an einem spezifischen Punkt und weiteren Aufklärungsdaten der Region verbinden und dem taktischen Führer vor Ort ein Gesamtlagebild darstellen, welchen operativen Risiken seine Soldaten ausgesetzt sind. Dieses Gesamtlagebild soll die Führung des Einsatzes unterstützen, auf Risiken hinweisen und Handlungsbedarf zur Vermeidung von Risiken, Prävention und Auswikungen auf den Einsatz aufzeigen.  

Individual Longitudinal Exposure Record (ILER)

Das Individual Longitudinal Exposure Record (ILER) soll zukünftig dann ermöglichen, für jeden Soldaten eine Datenbasis vorzuhalten, die longitudinal alle gesundheitsgefährdenden Expositionen erfasst, um gezielt und individuell die medizinische Behandlung und Versorgungsansprüche der Soldaten steuern zu können. Diese elektronische Akte, die Bestandteil der elektronischen Gesundheitsakte sein soll, begleitet den Soldaten über seine gesamte Karriere und verbindet alle Vorkommnisse gesundheitsgefährdender Expositionen mit den dazu gehörenden medizinischen Daten hinsichtlich Diagnosen, Therapien des Soldaten. Dabei entsteht ein retrospektives Gesamtlagebild, das für jedes Individuum die gesundheitsgefährdenden Expositionen mit Ort, Zeit und Umfang sowie die behandelten Auswirkungen darstellt. Gleichzeitig ermöglicht die Gesamtdatenbasis aller Messungen die systematische retrospektive Aufarbeitung nach einer potenziellen Exposition sowie weitere epidemiologische Forschung zur Vermeidung, Prophylaxe und Behandlung von gesundheitsgefährdenden Expositionen aus Umwelt und Einsatz. 

Quellen:

Young, A. L.: Agent Orange Use in Vietnam and Alleged Health Impacts: A Review; Medical Research Archive, Vol 5, October 2017

The National Academies of Sciences, Engineering, Medicine: Gulf War and Health, Volume 11: Generational Health Effects of Serving in the Gulf War; November 2018

GAO-United States Government Accountability Office: Report to Congressional Committees-Waste Management; GAO-16 - 781, September 2016

Diverse pers. Gespräche und Briefingmaterial von DoD HRP&O Dir PH


Korrespondenzadresse des Autors:
Oberstarzt Dr. Kai Schlolaut
Kai.s.schlolaut2.fm@mail.mil 


Datum: 08.05.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2019