Artikel: Prof. Dr. med. P. A. Mayser, Biebertal

Tinea gladiatorum

Dermatophytosen treten in zunehmendem Maße bei Aktiven derjenigen Sportarten auf, bei denen es im Training bzw. im Wettkampf zu einem engen Haut-zu-Haut-Kontakt kommt („man to man“). Überwiegend handelt es sich dabei um Ringer, aber auch Judokas können betroffen sein. Die Erkrankung wird auch als Tinea gladiatorum bezeichnet. Für den engen körperlichen Kontakt beim Wettkampf als dem entscheidenden Übertragungs­mechanismus spricht auch die Vorzugslokalisation der Tinea gladiatorum mit Befall von Kopf, Nacken und Armen. Wichtigster Erreger ist derzeit Trichophyton (T.) tonsurans, der auch Erreger in folgendem Fallbericht ist. Bei T. tonsurans handelt es sich um einen gut an den Menschen adaptierten, anthropophilen Dermatophyten. Daher kommen als Überträger nicht nur Sportler mit sichtbaren Hauteffloreszenzen in Betracht, sondern auch asymptomatische Überträger (die Erreger lassen sich vor allem am behaarten Kopf nachweisen).

Kommt es zu einer Fallhäufung in einer Sportlergruppe, sollten daher immer auch die nichterkrankten Sportler sowie enge Kontaktpersonen untersucht und ggf. behandelt werden, um auch asymptomatische Keimträger zu erfassen. Epidemisches Auftreten (Meldepflicht nach IfSG § 34) umfassen weitere Maßnahmen wie die Isolierung Erkrankter und Entfernung/Dekontamination gemeinsam genutzter Gegenstän­de. Da die Pilze auch von Wettkampfmatten isoliert werden konnten, ist auch dieser Infektionsweg („mat to man“) denkbar. Die Meinungen darüber, ab wann sich ein an einer Tinea gladiatorum erkrankter Sportler wieder am Training bzw. an Wettkämpfen beteiligen darf, sind nicht einheitlich. Sportler mit verdäch­tigen Hauteffloreszenzen sollten aber solange von der Teilnahme an weiteren Wettkämpfen ausgeschlossen werden, bis das Vorliegen einer Hautinfektion ausgeschlossen bzw. deren vollständige Abheilung und erloschene Infektiosität bestätigt wurde. 

Fallbericht: Tinea corporis durch T. tonsurans

Anamnese:

22-jähriger Patient, seit mehreren Wochen angedeutet münzförmige Hautveränderungen im Bereich beider Arme mit zunehmender Ausdehnung und Vergrößerung, starker Juckreiz. Eine weitere Läsion auch im Bereich der rechten Flanke. Lokaltherapie mit einer Gentamycin-haltigen Creme sowie mit Glukokortikoidcremes ohne Erfolg. Kein Tierkontakt. Vorerkrankungen nicht bekannt. Bei vertiefter Anamnese gab der Patient an, aktiver Judosportler zu sein.

Lokalbefund:

Im Bereich beider Unterarme mehrere nummuläre erythematöse Plaques unterschiedlicher Größe mit randbetonter Schuppung und relativ scharfer Abgrenzung zur Umgebung. Der rechte Unterarm ist stärker betroffen. Ein weiterer unregelmäßig begrenzter Herd findet sich im Bereich der rechten Flanke. Subjektiv Brennen und Juckreiz im Bereich der Läsionen (Abb. 1 und 2).

PhotoAbb. 2: Nahaufnahme rechter Unterarm PhotoAbb. 1: Ausgangsbefund im Bereich beider Unterarme Labor:

Routinelabor unauffällig.

Mikrobiologie:

Schuppenmaterial aus dem Rand der Läsionen am rechten Unterarm: Nativpräparat positiv (Hyphen und Sproßzellen). Nach fünf bis sieben Tagen Wachstum eines bräunlichen Pilzthallus mit feinem Luftmyzel. Mikromorphologisch (Lacto­phenol­blau­präpa­rat): Ein- bis zweizellige Mikrokonidien lateral an den Hyphen („gestielt“), Makrokonidien (2 - 6zellig), stark deformiert;

Identifikation T. tonsurans, durch ITS-Sequenzierung bestätigt.

Therapie:

Terbinafin 250 mg/d über 14 Tage, lokal eine Flupredniden + Miconazol-haltige Creme zweimal täglich dünn. Darunter rasche Linderung des Juckreizes und der Entzündung. Desinfektion der Kleidung (auch der Sportkleidung) unter Verwendung Benzalkoniumchlorid-haltiger Hygie­­nespüler (30 Minuten vor maschineller Reinigung einweichen). Bei der Nachkontrolle nach 14 Tagen bereits deutliche Besserung des Befundes und Rückgang des Juckreizes, Mykologie negativ (Abb. 3 und 4).

PhotoAbb. 4 PhotoAbb. 3 und 4: Deutliche Abblassung nach dreiwöchiger Therapie, Mykologie negativ

Differenzialdiagnose:

Impetigo contagiosa, nummuläres Ekzem

Kommentar:

In dem vorgestellten Fall wurde neben der systemischen Therapie mit dem gegenüber Dermatophyten hochwirksamen Antimykotikum Terbinafin gleichzeitig eine topische Therapie eingeleitet. Durch die Kombination des Antimykotikums mit dem Glukokortikoid konnte neben den Entzündungssymptomen insbesondere der quälende Juckreiz schnell gelindert werden. Zusätzlich war durch den topischen Einsatz des Antimykotikums mit einer reduzierten Umgebungskontamination zu rechnen.

T. tonsurans ist ein anthropophiler Dermatophyt, der insbesondere in den USA als ausschließlicher Erreger der Tinea capitis gefunden wird. Er wird zunehmend auch in Mitteleuropa nachgewiesen. Hochkontagiöse T. tonsurans-Infektionen bei Kontaktsportarten wie Judo oder Ringen sind bekannt („Tinea gladiatorum“). Hierbei ist die direkte Mensch-zu-Mensch Übertragung bedeutsam, wobei auch asymptomatischen Überträgern eine wichtige Rolle zukommt, da sie als Reservoir dienen können.

Beobachtet werden gelegentlich kleine Epidemien. Der hier beschriebene Patient hat sich die Erkrankung vermutlich drei Wochen zuvor bei einem internationalen Judo-Meeting zugezogen. Aufgrund der Ausdehnung wurde eine systemische Therapie mit Terbinafin durchgeführt.

Die lokale Kombinationstherapie mit der antientzündlich und antimykotisch wirksamen Creme führte zu einer raschen Linderung des quälenden Juckreizes, der durch Kratzen zu weiterer Autoinokulation führte und die Ausdehnung der Erkrankung erklärte.

Eine Umgebungsdekontamination ist zudem wichtig, um eine erneute Ansteckung über die Kleidung zu vermeiden. Ferner wurden die Trainingspartner informiert und hautärztlich untersucht.

Verschlüsselt nach ICD 10 wurde bei diesem Patienten die ICD B35.8 (ausgedehnte Dermatophytose) sowie aufgrund der entzündlichen Komponente, die auf die lokale Kombinationstherapie mit ­der Creme sehr gut ansprach, zusätzlich die L30.3 (infektiöse Derma­titis, superinfiziertes Ekzem). 

Artikel auf Anfrage des Verlages von Almirall Hermal zur Verfügung gestellt

Literatur beim Verfasser

Datum: 22.04.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2019