„Getroffen – Gerettet – ­Gezeichnet. ­Sanitätswesen im ­Ersten ­Weltkrieg“
Artikel: V. Hartmann

„Getroffen – Gerettet – ­Gezeichnet. ­Sanitätswesen im ­Ersten ­Weltkrieg“

Ausstellung vom 17.10. - 30.11.18 im ­Bayerischen Hauptstaatsarchiv München

Bahnbrechende Erkenntnisse in Prävention, ­Diagnostik und Therapie von Krankheiten, eine Friedensmedizin auf Weltniveau, ein Netz hochleistungsfähiger Universitätskliniken und ein bis ins einzelne durchstrukturierter und personell wie materiell bestens aufgestellter Sanitätsdienst einer der stärksten Armeen der Welt: Das war die Ausgangslage. - Wir sprechen übrigens nicht vom Deutschland von heute, sondern von dem des Augusts 1914.

PhotoDr. Ksoll-Marcon, Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayerns, eröffnet die Ausstellung (Abb.: Dr. Hartmann) Weshalb es trotz nahezu bester medizinischer Voraussetzungen nach nur 6 Wochen Krieg zur Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes kam, zur Überforderung jedes medizinischen Systems und genauso jeder einzelnen Person, die in diesem Räderwerk der Gesundheitsversorgung eingebunden war, darüber sollten sich alle, die sich mit der Führbarkeit künftiger Kriege beschäftigen, einmal genauer Gedanken machen. Und davon handelte die Ausstellung „Getroffen – Gerettet – Gezeichnet. Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg“, eine Gemeinschaftsarbeit des Bayerischen Hauptstaatsarchivs und der Sanitätsakademie der Bundeswehr. Die im ehrwürdigen Klenze-Bau des Hauptstaatsarchivs in der Ludwigstraße in München gezeigte und mit über 150 Exponaten größte einschlägige Schau auf dem Gebiet des Sanitätsdienstes im Ersten Weltkrieg in Europa wurde am 17. Oktober 2018 von der Bayerischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Frau Prof. Dr. Marion Kiechle, und der Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayerns, Frau Dr. Margit Ksoll-Marcon, in einer Feierstunde eröffnet. Die Kommandeurin der Sanitätsakademie der Bundeswehr, Generalstabsarzt Dr. Gesine Krüger, wies in ihrem Grußwort auf den pazifistischen Romancier Erich Maria Remarque hin, der in seinem berühmten Weltkriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ eine endlose Zahl schrecklicher Verwundungen von Soldaten schilderte, die als Patienten in den Betten von Lazaretten ihr Leid ertragen mussten. Und auf Behandler, auf Ärzte, Schwestern und Pfleger stießen, die dort mit einer verstörenden Bandbreite schwierigster Entscheidungen und moralischer Dilemmata größten Ausmaßes konfrontiert waren. Remarque schließt mit den Worten „Erst das Lazarett zeigt, was Krieg ist.“ Tatsächlich lag die Perspektive, mit der die Kuratoren der Ausstellung ans Werk gingen, darin, die Umstände des Krieges auf den einzelnen Menschen, seine Wirkung auf Körper und Psyche aufzuzeigen. Geschärft werden sollte die heutige Wahrnehmungsebene für den Menschen im Krieg, das Individuum im Massenheer, den Patienten in der modernen Kriegsmaschinerie. Aufgezeigt wird, welche Schrecken auf den einzelnen vorne an der Front gewartet haben und wie viele Menschen – Frauen und Männer und auch Tiere– an unterschiedlichster Stelle eingebunden gewesen sind in eine nach heutigen Maßstäben gewaltige Behandlungskette. Die reichte von den Fronten ganz Europas bis in Hunderte von Reservelazarette nahezu in jeder deutschen Stadt. Und dass diese Menschen ihre Tätigkeit bei aller Schwernis, Erschöpfung oder Verzweiflung zu weit überwiegenden Teil als ihre patriotische Pflicht, als humanistischen Auftrag und als ethische Notwendigkeit gesehen haben. Die Ausstellung formulierte fünf Sequenzen: Sie spannten thematisch einen Bogen von der unmittelbaren Vorkriegszeit, die geprägt war durch die Gewissheit, militärisch wie sanitätsdienstlich auf einen drohenden Krieg bestens vorbereitet zu sein über das individuelle Erleben von Krieg mit all seinem Leid der Opfer und Helfer bis hin zu den ernüchternden, bitteren Nachwirkungen angesichts des Heeres an Kriegsversehrten mit ihrer gesamtgesellschaftlichen Relevanz in den 1920er/30er Jahren. Die erste, gleichsam einleitende Sequenz warf einen Blick auf militärstrategische Konzeptionen sowie auf die umfangreichen Vorbereitungen im Sanitätswesen im Vorfeld des Krieges. Zwar glaubte man sich selbstbewusst für eine drohende militärische Auseinandersetzung technisch und organisatorisch bestens gerüstet, doch zeichnete die Realität rasch ein anderes Bild: Bereits nach wenigen Wochen sprengten die Kriegsverluste jegliche Vorstellung. Entsprechend widmete sich dieser Ausstellungsabschnitt, der treffend unter dem Titel „Mit Hurra in die Katastrophe – das Kriegsbild vor 1914 und seine blutige Realität“ überschrieben ist, der Frage, ob das Sanitätswesen auf den Ersten Weltkrieg mit seinen bislang unbekannten Herausforderungen tatsächlich ausreichend vorbereitet war, ob man auf die ersten verlustreichen Kämpfe im Herbst 1914 angemessen reagierte und welche Veränderungen in Organisation und Ablauf erfolgten.

PhotoKatalog zur Ausstellung (Abb.: Dr. Hartmann) Die sich anschließende zweite Sequenz thematisierte konkret das Leiden an Körper und Seele, dem die einzelnen Soldaten ausgesetzt waren. Im Ersten Weltkrieg wurden über 4,5 Millionen deutsche Soldaten verwundet. Neuartige Waffensysteme, massiver Artillerieeinsatz und die ­Bedingungen eines jahrelangen Stellungskrieges brachten eine Vielzahl bis dahin in ihrer ­Ausprägung nicht gekannter schwerster Verwundungen. Hinzu kamen neue, bedrohliche Kampfmittel: die Giftgase. Die wesentlichen Verletzungsmuster und ihre Behandlungsmöglichkeiten wurden in dieser Ausstellungssequenz anschaulich erläutert. So zeigten wir etwa eines der neu entwickelten mobilen Sauerstoffgeräte zur Behandlung Gasverwundeter oder einen originalen reichhaltig bestückten Holzkoffer mit OP-­Besteck. Auch Seuchen und Infektionskrank­heiten spielten im Zeitalter der modernen Massenheere eine zentrale Rolle. Ihnen begegnete man u. a. mit Massenimpfungen, die wir durch eindrucksvolle Fotos etwa von einer entsprechenden Aktion beim Alpenkorps in den Dolomiten zeigen konnten.

Die dritte Sequenz der Ausstellung beschäftigte sich mit den einzelnen Stationen des Rettungsweges vom Feld zurück in die Heimat, um die Verletzten, je nach Schwere ihrer Verwundung der für sie besten Versorgung zuzuführen. In diese Rettungskette eingebunden waren verschiedenste Helfergruppen, aber auch – und das ist kaum bekannt, Tiere wie Sanitätshunde, die Verwundete aufspüren konnten. Zudem warfen wir den Blick auf unterschiedlich gut ausgestattete Lazarettarten und variable Transportsysteme wie Tragen, Sanitätswagen oder Lazarettzüge, letztere meist privat gesponsert und voll ausgestattet mit diversen Behandlungsräumen.

Standen in den ersten Sequenzen eher die Verwundeten im Mittelpunkt des Interesses, so richtete sich der Fokus der vierten Sequenz explizit auf die Helfer, d. h. auf die verschiedenen im Sanitätswesen tätigen Personengruppen. An sechs ausgewählten Lebensbildern von Personen und Personengruppen wurde aufgezeigt, wie das Sanitätspersonal das Leiden an Körper und Seele empfand. Prinzessin Therese von Bayern, Rudolf von Heuß, Philipp Seeßle, die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul, Maria Schniewind und der Jesuit Pater Rupert Mayer stehen dabei repräsentativ für Adelige, Ärzte, militärisches Pflegepersonal, Ordensangehörige, höhere Töchter und Geistliche, die medizinischen und pflegerischen Dienst am Nächsten leisteten. Manche Helfer wie der selige Pater Rupert Mayer, schon an der Front im Krieg eine lebende Legende, lernten gleich beide Seiten kennen: hatte er zu Kriegsbeginn noch Verwundete versorgt, wurde er an Silvester 1916 schwer verletzt, wobei er ein Bein verlor und selbst der Hilfe bedurfte. Die Ausstellung zeigte zum ersten Mal eine seiner hölzernen Beinprothesen und seine Rot-Kreuz-Armbinde.

PhotoVitrine in der Ausstellung (Abb.: Dr. Hartmann) Die fünfte und letzte Sequenz der Ausstellung schließlich stellt die dauerhaft physisch und psychisch Gezeichneten dieses Krieges in den Mittelpunkt. Für jene Männer, die ihre körperliche und geistige Unversehrtheit auf den Schlachtfeldern eingebüßt hatten, begann während, v. a. aber nach 1918 der Kampf um die Verbesserung bzw. die Wiederherstellung ihrer Gesundheit, um eine Stabilisierung ihrer wirtschaftlichen Lage und um die Wiedereingliederung in die zivile Gesellschaft. Damit wies dieser Abschnitt weit in die Nachkriegszeit hinein. Aufgezeigt wurde wie militärische, staatliche und wirtschaftliche Stellen bei der körperlichen Mobilisierung der Invaliden, ihrer Ausstattung mit Hilfsmitteln wie Prothesen, aber auch bei deren beruflicher Vorbereitung auf ein Leben mit Einschränkungen zusammenwirkten. Dazu gehörten etwa Gehschulen für Blinde und Beinamputierte oder Kurse in Braille-Schrift. Vorgestellt werden daneben diverse Bemühungen, die häufig prekäre finanzielle Situation der Invaliden durch private Sammlungen wie die sog. Ludendorff-Spende oder Lotterien zu unterstützen. Doch trotz Hilfe auf breiter Ebene fühlten sich die Kriegsversehrten v. a. von der Politik im Stich gelassen. In fotografisch dokumentierten Demonstrationen verliehen sie ihrem Unmut immer wieder Ausdruck. Ab 1933 schließlich bemächtigten sich die Nationalsozialisten der Invaliden und instrumentalisierten sie, wie eine präsentierte Werbebroschüre der Partei für Arbeit und Wohlstand zeigt, für ihre Ziele.

Die Sequenz und unsere Ausstellung endete bewusst mit einem Foto der Hoffnung: 1931 fand vor symbolträchtiger Kulisse, nämlich vor der von deutschem Artilleriebeschuss noch schwer beschädigten Kathedrale von Reims, ein internationales Friedenstreffen Kriegsversehrter statt. Diejenigen, die das Grauen des Krieges am eigenen Leib erfahren mussten, waren auch als erste offen für eine Versöhnung über Grenzen hinweg.

Die Kuratoren der Ausstellung hatten sich zudem nach sorgfältiger Abwägung unter Berücksichtigung ethischer Kriterien und Richtlinien entschlossen, auch Präparate aus menschlichem Gewebe zu zeigen. Diese Objekte sind vor über 100 Jahren von bayerischen Pathologen an der Front im Rahmen von Sektionen gefallener Soldaten gewonnen und konserviert worden. Sie entstammen der Wehrpathologischen Lehrsammlung der Sanitätsakademie der Bundeswehr, in der ähnlich des Medizinhistorischen Museums der Berliner Charité, der alten Virchow-Sammlung, für ein interessiertes Fachpublikum über 3 000 menschliche Organe und Gebeine vorgehalten werden. Aus diesem Fundus entstammten die Knochenpräparate, die in der Ausstellung gezeigt wurden und die die fürchterlichen Kriegswunden verdeutlichten. Sie halten uns am Deutlichsten vor Augen, was Krieg tatsächlich für Leib und Seele bedeutet und welche ungeheure Destruktivität, welches Leid mit ihm bis heute für den Einzelnen, das Individuum verbunden ist. Und dieses Individuum stand im ­Mittelpunkt der Ausstellung. Somit konnte die Ausstellung zum „Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg“ viele Ansatzpunkte thematisieren, diese nach heutigen Maßstäben kaum fassbaren und verheerenden Traumatisierungen oder auch Verlusterfahrungen am Objekt, am schriftlichen Zeugnis oder in den Erinnerungen ausgewählter Zeitgenossen zu studieren. Genauso wie es Ziel war, auch die Bewältigungsstrategien zur Organisation des Chaos vom ersten Moment der Verwundung (des GETROFFENseins, über die Erste Hilfe, das GERETTETsein bis hin zur langen und oft durchaus erfolgreichen Nachbehandlung, derjenigen, die GEZEICHNET waren, aufzuführen. 

Flottenarzt Dr. Volker Hartmann
SanAkBw München
Archivdirektorin Dr. Martina Haggenmüller, BHStA, Abt IV Kriegsarchiv

Datum: 28.03.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2018