Artikel: P. May

Ethik-Ausbildung an der SanAkBw

Das Ethik-Modul im Rahmen der post-universitären Ausbildung

Ethik begegnet uns jeden Tag, meist unbewusst. Doch gibt es viele Bereiche, in denen besondere Entscheidungen zu treffen sind, bei denen unser moralischer Kompass und unsere ethische Prägung zum Tragen kommen. Einer dieser Bereiche ist zweifellos die Medizin, wo es jeden Tag um Entscheidungen geht, die das Leben der anvertrauten Patientinnen und Patienten betreffen und beeinflussen. Um insbesondere medizinisches Personal der Bundeswehr auf solche Herausforderungen, vor allem in den Kliniken und im Auslandseinsatz, vorbereiten und das ethische Verständnis schärfen zu können, wurde durch den Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr die Durchführung einer Ethik-Ausbildung an der Sanitätsakademie der Bundeswehr für alle Laufbahngruppen angeordnet.

Für junge Human- und Zahnmediziner, Apotheker und Veterinäre, die gerade ihr Studium beendet und ihre Approbation erhalten haben, wird seit knapp zwei Jahren ein eigenes Ethik-Modul durchgeführt, dessen Teilnahme verpflichtend ist. Dabei soll in vier Ausbildungstagen die Dimension möglicher Konfliktsituationen aufgezeigt, bearbeitet und besprochen werden. Durchgeführt und begleitet wird die Ausbildung durch den Truppenfachlehrer Militärethik und Innere Führung.

PhotoSanStOffz beim Ethik-Seminar Bildnachweis: Julia Langer/SanAkBw Da an den deutschen Universitäten unterschiedliche Vorgaben zur Ethik-Ausbildung bestehen, werden zum Einstieg alle Lehrgangsteilnehmende auf einen einheitlichen Stand im Bereich der Fundamentalethik gebracht, andere Bereichsethiken werden dabei beleuchtet. Bei diesem Einstieg soll vor allem auf praktische Bezüge aus dem Alltag und weniger auf ethische Theorien eingegangen werden, um somit die Ethik als „praktische Philosophie“ greifbarer zu machen. Neben vielen Beispielen aus verschiedenen Lebensbereichen werden auch typische Dilemma-­Situationen vorgestellt, durchgespielt und besprochen, wobei auch Filmclips zum Einsatz kommen. Dem Bezug zum Beruflichen Selbstverständnis im Sanitätsdienst kommt dabei eine besondere Rolle zu. Insbesondere wird dabei auf die meist schwierige Rolle der Teilnehmenden als Soldat/Soldatin auf der einen Seite und als Teil der Gesundheitsversorgung auf der anderen Seite eingegangen, die aufgrund dieser doppelten Loyalität an sich schon zu Konflikten führen kann. Danach wird in Vorträgen speziell auf die Medizinethik und dabei vor allem auf die Wehrmedizinethik eingegangen, wobei an zahlreichen historischen und aktuellen Beispielen die besonderen ethischen Herausforderungen in der Medizin aufgezeigt und besprochen werden. Themen wie das Für und Wider der Patientenautonomie werden dabei ebenso diskutiert wie die Grenzen der medizinischen Versorgung. Verschiedene ethische Theorien und Ansätze im internationalen Vergleich, wie Utilitarismus, Konsequentialismus oder Tugendethik, werden dabei vorgestellt. Hier wird explizit auch die besondere Verantwortung der Mediziner im Auslandseinsatz aufgezeigt, wenn es um substanzielle Fragen wie die Versorgung der Zivilbevölkerung oder die Behandlung von Gegnern geht. In Gruppen werden weiterführende Themen, wie die medikamentöse Leistungssteigerung von Soldaten oder die medizinische Versorgung von Terroristen, erarbeitet und die Arbeitsergebnisse im Plenum vorgestellt und diskutiert. Dabei liegt der Fokus natürlich vor allem auf der Medizinethik, aber auch auf der Militärethik und deren besonderen Erfordernisse, die insbesondere im Einsatz nicht getrennt betrachtet werden können und dürfen.

Großes Gewicht in diesem Ausbildungs-Modul hat der Themenblock „Recht und Ethik“, wo zusammen mit einem Rechtslehrer Situationen vorgestellt werden, die durch die Lehrgangsteilnehmenden analysiert und diskutiert werden. Diese Situationen stammen aus dem Alltag eines Sanitätsoffiziers, dem Auslandseinsatz oder dem Truppenarztalltag und stellen jeweils reale Fälle dar. Hierbei wird nach der ethisch sowie der juristisch „richtigen“ Lösung gefragt, wobei beide nicht immer deckungsgleich sein müssen, manchmal sogar weit auseinandergehen. Ebenso wird schnell klar, dass der erste Lösungsansatz nicht immer der richtige ist.

Einen ganzen Tag widmet sich der Lehrgang dem weiten Thema „Arzt im Dritten Reich“. In einem einleitenden Vortrag durch Militärhistoriker werden die Teilnehmenden des Ethik-Moduls mit dem besonderen historischen Bedingungsfeld medizinischen Personals in Deutschland in den Jahren 1933 bis 1945 konfrontiert, als die meisten Mediziner untrennbar mit Partei- und Staatsführung des Deutschen Reiches verwoben waren und jüdischen Ärzten die Ausübung ihres Berufs verwehrt wurde. Mit den Nürnberger Ärzteprozessen wird die Einführung in die Thematik abgeschlossen. Während eines Besuchs der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau wird das Thema weitergeführt und vor Ort vertieft. In Zusammenarbeit mit dem Förderverein der Gedenkstätte wird in einer eigens für das Ethik-Modul konzipierten dreistündigen Führung über das weitläufige Gelände neben grundlegenden Informationen zum ersten deutschen Konzentrationslager explizit auf die Arbeit der dort eingesetzten Ärzte eingegangen. Besondere Schwerpunkte liegen dabei auf die im damaligen Konzentrationslager durchgeführten Experimente, darunter Versuche an Gefangenen mit Kälte, Unterdruck oder Malariamücken, die Arbeit der Ärzte im Lager wie auch der angelegte Kräutergarten und die Verwendung der dort angebauten Kräuter in der Medizin.

Einen Exkurs zu weiteren Bereichsethiken, vor allem zum relativ neuen Feld der Maschinenethik, schließt das viertägige Training ab. Dabei wird vor allem die besondere Bedeutung des „Internets der Dinge“ wie auch autonom arbeitende ­Waffensysteme, selbstfahrende Autos und die ­Nutzung von medizinischen Daten, die durch sogenannte „Wearables“ gesammelt werden, diskutiert. Eine Empfehlungsliste mit Spielfilmen mit ethischem Bezug zur selbständigen und leicht zugänglichen Vertiefung der Thematik erhalten die Teilnehmenden zum Abschluss des Lehrgangs.

In den vergangenen zwei Jahren haben knapp 500 Mediziner, Apotheker und Veterinäre das Ethik-Modul zu Beginn ihrer Ausbildung an der SanAkBw durchlaufen. In Evaluationen wurde diese Ausbildung durchweg positiv, als äußerst nützlich und vor allem erfreulich praxisnah bewertet, da hierbei die Möglichkeit gegeben wird, sich mit Themen zu beschäftigen, mit denen die Lehrgangsteilnehmenden spätestens im dienstlichen Alltag konfrontiert werden können. Während des Moduls bestehe aber die Gelegenheit, sich ohne Stress und Zeitdruck mit den aufgeworfenen Fragestellungen zu beschäftigen, sich in der Gruppe auszutauschen und weitergehende Fragen an die Experten und erfahrenen Truppenfachlehrer zu stellen. Die Befürchtung, dass die Ausbildung zu theoretisch ausgerichtet sei, bestätigt sich dabei nicht.

Was das Modul nicht leisten kann ist, auf jede ethisch relevante Frage eine allgemeingültige Antwort zu geben, auf die in der jeweiligen Situation Bezug genommen werden könnte. Doch bestätigen die Teilnehmenden, dass sie sich nach der Teilnahme am Ethik-Modul sicherer fühlten, um in ähnlichen Situationen zu entscheiden, die bereits diskutiert wurden, nachdem sie Zeit hatten, sich intensiv mit den verschiedenen Thematiken zu beschäftigen.

Künftig wird das Ethik-Modul nicht mehr als eigenständiges Training sondern im Rahmen der Neuausrichtung der post-universitären Ausbildung als Teil des Lehrgangs SanOffz Teil 2 durchgeführt, doch weiterhin als Ausbildungsblock. 

Anschrift des Verfassers:
Oberstleutnant Pascal May
Sanitätsakademie der Bundeswehr
Fachbereich A3
Ernst-von-Bergmann-Kaserne
Neuherbergstraße 11
80937 München
E-Mail: PascalMay@bundeswehr.org 

Datum: 01.04.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2018