Artikel: M. Braun, D. Beinkofer

Telemedizin für die Deutsche Marine als Impulsgeber für die Zusammenarbeit des BwKrhs HH und des BwKrhs Westerstede

Aus dem Bundeswehrkrankenhaus Hamburg (Kommandeur Generalarzt Dr. J. Hoitz) und dem Bundeswehrkrankenhaus Westerstede (Kommandeurin: Oberstarzt Dr. L. Bartoschek)

Im Zeitalter des Fachkräftemangels und der ­Ressourcenoptimierung ermöglicht die Digitalisierung das Beschreiten neuer Wege auch in der Medizin. Während der Deutsche Ärztetag und die Politik der Telemedizin erst seit einigen ­Jahren verstärkt Aufmerksamkeit schenken, ­beschäftigt sich die Bundeswehr bereits seit ­einigen Jahrzehnten mit der Optimierung der gesundheit­lichen Versorgung ihrer Soldaten.

Die Deutsche Marine erfüllt seit ihrer Gründung Aufträge weltweit. Dabei sind im Rahmen der Auslandseinsätze der Bundeswehr vorrangig ­Länder im Fokus, deren medizinische Standards und Infrastruktur in der Regel nicht dem Standard in Deutschland entsprechen. Diese Umstände haben für die Rettungskette und Nutzung des host nation supports (HNS) erhebliche Bedeutung. Hinzukommen als weitere Herausforderung Einsatzgebiete, deren Fläche dem Vielfachen der Fläche der Bundesrepublik entsprechen und eine schnelle und fachärztlich umfassende medizinische Behandlung oft erschweren oder gar unmöglich machen. Zwar werden bei der Einsatzplanung die Prinzipien der notfallmedizinischen und notfallchirurgischen Erstversorgung und die damit zusammenhängenden Zeitlinien („Platinum 10 Minutes“ und „Golden Hour“) stets beachtet, jedoch ist zur Gewährleistung eines medizinischen Standards, der dem Niveau einer Behandlung im Heimatland entspricht, ins­besondere in der täglichen truppenärztlichen Sprechstunde mehr fachliche Unterstützung notwendig.

PhotoKlinisches Personal (AG Marine) am BwKrhs HH, das in telemedizinische Beratungen eingebunden ist (Abb. Verf.) Aus sanitätsdienstlicher Sicht stellen sich bei solchen Missionen diverse Herausforderungen zum Schutz, aber auch zur medizinischen Versorgung der Besatzungen. Im Rahmen der Ausbildung des Sanitätspersonals erfolgen umfangreiche Weiterbildungen in zahlreichen klinischen Fächern.

Sollte während einer Seefahrt und trotz der guten Ausbildung des Personals weiterer Beratungsbedarf bestehen, wurde zur Unterstützung des Sanitätspersonals an Bord von Schiffen und Booten bereits vor vielen Jahren die Möglichkeit geschaffen, Fachärzte an Land zu konsultieren. Am Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine in Kronshagen wurde ein telemedizinischer Arbeitsplatz (TA) eingerichtet, der mit den Gegensprechstellen an Bord von Einheiten, das Einholen eines medizinischen Rates ermöglichte.

Seit Mitte 2016 befindet sich ebenfalls ein TA in der Notaufnahme des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg. Damit wird erstmals im Rahmen einer teilstreitkraftübergreifenden Kooperation eine „virtuelle Notaufnahme“ auf die Einheiten der Deutschen Marine projiziert und somit jederzeit und weltweit medizinische Fachexpertise bei Bedarf zur Verfügung gestellt.

Für Fragestellungen und Beratungsbedarf, die die maritime Medizin und die Tauchmedizin betreffen, steht darüber hinaus der TA des Schiff­fahrtmedizinischen Instituts für die Einheiten der Deutschen Marine zur Verfügung. Diese erfolgen unabhängig vom TA des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg über eigene Kontaktdaten.

Neben der klassischen telemedizinischen Konsultation, die unter anderem die verschlüsselte Übertragung von (Live-)Bildern sowie Befunden ermöglicht, steht insbesondere für kleinere Einheiten, die nicht über einen eigenen TA verfügen, die Möglichkeit die diensthabenden Fachärzte der Notaufnahme die Problematik respektive die Symptome fernmündlich zu schildern und sich telefonisch von diesen beraten zu lassen.

In der Anmeldung der Zentralen interdisziplinären Notaufnahme (ZINA) des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg befindet sich das sogenannte „Blaue Telefon“, welches als zentrale Ansprechstelle für medizinische Beratungen dient. Dort können rund um die Uhr eingehende telemedizinische Anfragen angenommen sowie an die entsprechenden Fachärzte weitergeleitet werden. Die Patienten werden in das Krankenhausinformationssystem aufgenommen, was eine standardisierte Dokumentation und Archivierung sicherstellt und eine eventuelle Folgebehandlung umgehend und ohne die Notwendigkeit seitens des behandelnden Schiffsarztes den Sachverhalt erneut dem dann diensthabenden Facharzt schildern zu müssen ermöglicht, gerade wenn der ursprünglich diensthabende Facharzt bei einer erneuten telemedizinischen Anfrage nicht im Dienst ist.

Seit der Inbetriebnahme des Systems 2016 konnten bereits über 40 telemedizinische Anfragen bearbeitet werden. Insbesondere Fragestellungen aus der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Augenheilkunde und Dermatologie werden an das Bundeswehrkrankenhaus gerichtet. Aber insbesondere auch die ärztliche Beratung von Einheiten, die ohne Sanitätsoffizier zur See fahren, zum Beispiel bei der erweiterten Erstversorgung von verunfallten Personen oder die Beratung bei der Gabe opiathaltiger Schmerzmittel, erfolgt über die ZINA.

Dabei liegt die Stärke vor allem in der umittelbaren Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal sowie einer verlässlichen und justiziablen Aussage in Form eines schriftlichen Konsils, welches auf die Einheiten geschickt wird. Vor dem ­Hintergrund der Auftragserfüllung sind so Entscheidungen über das weitere Verfahren schneller und äußerst qualifiziert zu treffen. In Einzelfällen ist eine Repatriierung des Patienten nicht erforderlich, da die Therapie an Bord möglich ist. Oder es wird aufgrund der Erkrankung eine Repatriierung empfohlen, so dass diese schnell organisiert werden kann.

Zur Erweiterung des klinischen Spektrums erfolgte 2016 auch die Anbindung des Fachbereichs Tropenmedizin am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin mit einem weiteren TA, um auch die Fragestellungen dieses Gebiets qualifiziert beantworten zu können. Auch die Kollegen des Zentrums für seelische Gesundheit verfügen über einen eigenen TA, welcher bei Bedarf eine psychiatrische Intervention ermöglicht.

PhotoTelemedizinischer Arbeitsplatz am BwKrhs HH (Abb.: Verf.) Die Befundung der an Bord angefertigten Röntgenbilder erfolgt zentral am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg über die Telemedizin mit einer nachfolgenden Weiterleitung der Bilder an die Kollegen des Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz zur abschließenden Archivierung im Einsatz-Pacs. Dies erspart den Sanitätsoffizieren an Bord den Aufbau einer weiteren Datenverbindung, die oft durch fehlende Bandbreite an Bord von seegehenden Einheiten oder aber auch aus einsatztaktischen Gründen in vielen Fällen instabil ist oder abgebrochen werden muss.

Neben den bereits angesprochenen TA wurde ein weiterer TA in der Klinik XX Gynäkologie des Bundeswehrkrankenhauses Westerstede etabliert, die seit Januar 2018 durch einen Bundeswehrfacharzt besetzt ist und ihren Vollbetrieb aufgenommen hat. Neben der Versorgung von Akutpatientinnen, der Durchführung von gynäkologischen Früherkennungsuntersuchungen und Schwangerenvorsorge bei Soldatinnen, beantwortet die Einrichtung bundesweit alle Fragestellungen aus dem Bereich der wehrmedizinischen Begutachtung wie GZ-Vergabe und Fragen zu Dienst- und Verwendungsfähigkeit, insbesondere auch der BDV. Sollte sich an Bord die akute Notwendigkeit einer Kontaktaufnahme per Telemedizin ergeben, so ist eine entsprechende Anfrage im Rahmen des Tagesdienstes jederzeit möglich. Fragestellungen aus dem für die Bundeswehr noch „jungen“ Fachgebietes können somit auch interdisziplinär mit der ggf. an Bord eingeschifften Bordfacharztgruppe diskutiert werden.

Zentraler Ansprechpartner im Sinne eines ­„single point of contact“ bleibt trotz dieser Kooperation die ZINA des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg, um das Verfahren für die Einheiten der Deutschen Marine so einfach wie möglich zu halten. Die ZINA vermittelt dabei wie eine Spinne im Netz die in diesem Netzwerk beteiligten Expertenstellen und übernimmt stets die Koordinierung der Anfragen.

Die Etablierung der Telemedizin und insbesondere der notwendigen administrativen Abläufe am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg hat das Personal der ZINA stark gefordert. Insbesondere die Tatsache, dass der Patient physisch nicht anwesend ist, verlangt mitunter viel Abstraktionsfähigkeit. Aufgrund der erfreulicherweise geringen Frequentierung des „Blauen Telefons“ von 1 - 3 telemedizinischen Anfragen pro Monat ist die permanente Weiterbildung und praktischen Inübunghaltung des Personals, welches die Abläufe kennen muss, erforderlich. Auch die Sanitätsoffiziere, die die Anfragen letztendlich bearbeiten, bedürfen kontinuierlicher Schulungen.

Aktuell erfolgt die Organisation der Weiterbildung und Weiterentwicklung über die AG Marine im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, in welcher sich nicht nur ehemalige Schiffs- und Geschwaderärzte sowie Sanitätsmeister engagieren, sondern insbesondere auch Personal, welches im Rahmen der Teilnahme an Einsätzen der Deutschen Marine an Bord von Einheiten zur See gefahren ist. Ihre Erfahrungen aus der Zeit an Bord von Schiffen und Booten bilden das Fundament für motiviertes und vor allem nutzer­orientiertes Handeln. Durch sie erfolgt die ständige Überwachung des Verfahrens sowie Pflege dieses neuen Netzwerks zwischen dem Zentralen Sanitätsdienst und der Deutschen Marine. Dabei sind der gegenseitige Erfahrungsaustausch und die kontinuierliche Weiterentwicklung des Verfahrens für den Erfolg der Telemedizin unabdingbar.

Die Telemedizin für die Deutsche Marine ist in ihrer Ausdehnung ein Pilotprojekt innerhalb der Bundeswehr und könnte in Zukunft auch für weitere (landgestützte) Einsatzkontingente, insbesondere Kleinstkontingente, zu einem anerkannten Verfahren für eine optimierte und qualifizierte Gesundheitsversorgung der Soldaten im Einsatz darstellen. 

Für die Verfasser:
Oberstabsarzt
Dr. Milena Braun
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Lesserstraße 180
22049 Hamburg
E-Mail: MilenaBraun@bundeswehr.org 

Abbildungen: Verfasserin


Datum: 05.02.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2018

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