Artikel: Wehrmedizinische Monatsschrift 12/2018

Sanitätswesen und Rotes Kreuz in der Schlacht von Langensalza

Ute Schnell und Manfred Linck

Aus dem Institut für Allgemeinmedizin (Direktor: Prof. Dr. T. Freese) der Medizinischen Fakultät (Dekan: Prof. Dr. M. Gerke) der Martin-Luther--Universität Halle-Wittenberg (Rektor: Prof. Dr. C. Tietje)

Zusammenfassung

Das Rote Kreuz und ihre Schwesterorganisation, der Rote Halbmond, sind die ältesten internationalen medizinischen Hilfsorganisationen. Sie sind auch die einzigen Organisationen, die im humanitären Völkerrecht erfasst und als dessen Kontrollorgan genannt sind. Ihre Gründung geht auf das Jahr 1864 und die Unterzeichnung der Genfer Konvention zurück. Damit wurde die Versorgung von Verwundeten im Krieg geregelt. Erstmalig zum Einsatz kam das Rote Kreuz im Deutschen Krieg von 1866 in der Schlacht von Langensalza.

Stichworte: Rotes Kreuz, Schlacht bei Langensalza 1866, Genfer Konvention, Versorgung auf dem Schlachtfeld, Hilfsorganisation

Key words: Red Cross, Battle of Langensalza 1866, Geneva Convention, medical care on the battlefield, aid organization

Einleitung und Hintergrund

Als Begründer des Roten Kreuzes gilt Jean Henry Dunant  (1828 - 1910). Auf einer Geschäftsreise im Juni 1859 geriet der Schweizer in die Kriegshandlungen des Sardinischen Krieges zwischen Frankreich und Sardinien-Piemont sowie Österreich. In der Schlacht von Solferino erlebte er die Schrecken eines Schlachtfeldes aus nächster Nähe. Spontan organisierte er mit den Einwohnern der umliegenden Dörfer die Versorgung der Verwundeten. Seine Erlebnisse veröffentlichte er 1862 in dem Buch „Eine Erinnerung an Solferino“ [3]. Darin regte er die Bildung von freiwilligen Hilfsorganisationen an, die sich in Friedenszeiten auf Hilfe für Verwundete im Krieg vorbereiten sollten. Er forderte Verträge zum Schutz der Verwundeten und der sie versorgenden Personen.

Dieser Gedanke stieß auf breite Zustimmung. Am 26. Oktober 1863 kam es zur ersten Internationalen Konferenz über die künftige Regelung der Grundsätze freiwilliger Krankenpflege im Kriege. Am 8. August 1864 wurde in der Schweiz die Genfer Konvention von zwölf Staaten unterzeichnet, u. a. auch von Preußen. Das Symbol zum Schutz der Verwundeten und des Hilfspersonals war die Umkehr der Schweizer Flagge: Das rote Kreuz auf weißem Grund [8].

Im deutsch-dänischen Krieg von 1864 durften Louis Paul Amédée Appia (1818 - 1898), ein aus Hanau stammender schweizerischer Chirurg, und der niederländische Marineoffizier Charles van de Velde (1818 - 1898) zum ersten Mal mit einer weißen Armbinde mit rotem Kreuz als neutrale Beobachter auf den Schlachtfeldern teilnehmen [2]. Erst zwei Jahre nach der Unterzeichnung der Genfer Konvention kam es zum ersten aktiven Rotkreuz-Einsatz auf einem Kriegsschauplatz, nämlich in der Schlacht bei Langensalza im innerdeutschen Krieg am 27. Juni 1866. Über diesen ersten spontanen Einsatz in der Auseinandersetzung Preußens mit dem Königreich Hannover ist bisher wenig bekannt.

Schlachtverlauf und Ausfallraten

PhotoAbb. 1: Attacke des 4. Eskadron Cambridge-Dragoner auf zwei preußische Geschütze (Georg von Boddien, Öl auf Leinwand, o. J., Gemälde mit Rahmen: 180 x 106 cm, Sammlung Stadtmuseum Bad Langensalza, Foto: Harald Jadke) Bei den Kampfhandlungen bei Langensalza waren die Verluste – in Relation zur Truppenstärke gesehen – noch größer als in der Schlacht von Solferino. Die Hannoversche Armee, die in doppelter Überzahl kämpfte, verlor jeden zwölften Mann, insgesamt 71 verwundete Offiziere sowie 988 verwundete Unteroffiziere und Mannschaften [6, 9, 11, 12]. Den Preußen erging es nicht besser; sie beklagten den Verlust von 820 Mann, davon 33 verwundete Offiziere sowie 601 verwundete Unteroffiziere und Mannschaften, was auch einem Zwölftel der Truppe entsprach [6, 9, 11, 12]. Sie hatten insofern Glück, als dass ein Teil der hannoverschen Truppen nicht zur Wirkung kam, weil sich einerseits zwei Brigaden beim Übergang über die Unstrut vor der Brücke von Merxleben stauten, andererseits eine Brigade beim Durchwaten des Flüsschens sämtliche Munition verlor und nicht weiter eingesetzt werden konnte.

Sanitätsdienstliche Versorgung

Wie waren die Armeen der damaligen Zeit überhaupt auf die zu erwartende hohe Zahl an Verwundeten eingestellt?

Hannoversche Armee

PhotoAbb. 2: Lazarett im Blauen Haus, Langensalza 1866 (Foto: Karl Eisenhardt, 1866; Sammlung Stadtmuseum Bad Langensalza) In der Regel verfügte jedes Hannoversche Bataillon über einen Arzt und einen Assistenzarzt [4]. Sie wurden zumeist zu Kriegsbeginn rekrutiert. Die Assistenzärzte waren oft Studenten, insbesondere von der Universität Göttingen, wo sich die Armee gesammelt hatte. Die etwa 16 000 - 18 000 Mann starke Armee verfügte über eine Sanitätskompanie mit Wagenpark für den Transport von Verwundeten und Sanitätsmaterial sowie von Zelten. Generalarzt Dr. Louis Strohmeyer (1804), seit 1854 Chef des Hannoverschen Heeressanitätswesens, experimentierte bereits mit transportablen Sanitätsbaracken. Schon vor der Schlacht hatte er in Merxleben und Kirchenheiligen Behelfslazarette eingerichtet und für eine weitreichende Verteilung von Verwundeten gesorgt [1], da er das das tödliche „Lazarett- oder Hospitalfieber“ fürchtete. Tatsächlich blieb die Ansteckungsrate durch seine Maßnahmen dann auch niedriger als in früheren Kriegen.

Preußen

Bei den Preußen sah es mit der medizinischen Versorgung schlechter aus. Ein Landwehrbataillon verpflichtete zum Beispiel auf der Stelle einen Arzt, der gerade beim Patientenbesuch unterwegs war und den Landwehrleuten in die Arme lief. Eine übergeordnete Sanitätsstruktur gab es nicht. Üblich waren zwei Ärzte pro Bataillon mit seinen 1 024 Mann. Die Mediziner waren in einem heftigen Gefecht, das sich noch dazu in einem mehrere Quadratkilometer großen Areal ereignete, völlig überfordert. Die Verwundeten mussten üblicherweise bis zum Ende der Schlacht – oft genug bis zum nächsten Morgen – aushalten, bis Hilfe kam. Danach drohte das tödliche Lazarettfieber, die historische Sammelbezeichnung für eine bakterielle Erkrankung, bei der ein Verletzter den anderen wegen der dichten Belegung und der mangelnden Hygiene in den Lazaretten ansteckte. Auch gegen den Wundbrand kannte man damals noch kein Mittel.

Das Rote Kreuz in Langensalza

In Gotha hatten die Bürger schon früh den Aufmarsch der Preußen beobachtet, an deren Spitze die beiden Coburg-Gothaschen Bataillone marschierten. Der Gothaer Turnerverein 1860 war zufällig durch einen Diplomaten von der Genfer Konvention von 1864 unterrichtet worden und 30 Mitglieder des Vereins hatten sich spontan als Helfer ausbilden lassen [5]. Mit selbst gefertigten Rotkreuzbinden fuhren sie auf Fuhrwerken mit Tragbahren, Verbandsmaterial und Getränken in die Schlacht. Die Hanno-veraner kannten die Genfer Konvention noch nicht und nahmen einen der Helfertrupps gefangen, ließen ihn aber sofort wieder frei, als sie dessen Anliegen verstanden. Schon während der Schlacht konnten Verwundete geborgen und in Behelfslazarette (Abbildung 2) oder Bürgerstuben in der Stadt zur weiteren Versorgung gebracht werden.

Gemeinsame Versorgung Verwundeter

PhotoAbb. 3: Porträt Friedrich Wilhelm Looff (Stadtarchiv Bad Langensalza, Bestand Persönlichkeiten L 7) Meist verlief eine Schlacht schnell und war am Abend beendet. Das Leid der Verwundeten aber zog sich dann noch lange hin [10]. In Langensalza wirkte sich die schnelle Zusammenarbeit der Sanitätskräfte beider Kontrahenten positiv aus. Man unterschied nicht zwischen den Soldaten beider Heere. Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha setzte nach der Schlacht seinen Leibmedikus als Dirigenten der Lazarette ein. Auf Zuruf eilten aus Hannover, Preußen und Thüringen zivile Hilfskräfte herbei, um die Verwundeten zu versorgen. Adelige Damen, Nonnen aus Klöstern, ausgebildete Schwestern, Ärzte und Helfer erreichten, dass 1 344 Verwundete geborgen wurden. 170 Soldaten und Offiziere erlagen allerdings ihren Wunden. Zu erwähnen ist hierbei auch die besondere Bedeutung der nahen Eisenbahn und des organisierten Postwesens, wodurch über Gotha problemlos Hilfsgüter in die Lazarette geliefert werden konnten.

Besondere Verdienste erwarb sich Friedrich Wilhelm Looff (1808 - 1889, Abbildung 3), Direktor einer Privatschule in Langensalza, der mit großer Umsicht die Versorgung der Sammelplätze auf dem Gefechtsfeld und den Abtransport der dortigen Verwundeten organisierte [6]. Er drang auch zum kommandierenden General der Hannoveraner, Generalleutnant von Arentschildt, vor und erwirkte das Absuchen des Schlachtfeldes nach Verwundeten durch die Hannoverschen Truppen. Er war es auch, der veranlasste, dass die Namen der Toten und Verwundeten aufgezeichnet wurden, damit nachfragenden Familien Auskünfte über das Schicksal ihrer Angehörigen gegeben werden konnte. Dies war zugleich der Beginn des Suchdienstes des Roten Kreuzes [6, 7].

Die Schlacht bei Langensalza am 27. Juni 1866 endete zwar zunächst mit einem hannoverschen Sieg. Die Hannoveraner mussten aber zwei Tage später angesichts des Eintreffens weiterer preußischer Kräfte und fehlenden Nachschubs kapitulieren. Das Königreich Hannover wurde im weiteren Verlauf von Preußen annektiert.

Fazit

Bei diesem ersten Einsatz des Roten Kreuzes in der Schlacht bei Langensalza kann man noch nicht von einer breit angelegten Organisation sprechen, aber ein Anfang war gemacht. Bemerkenswert war die Hilfsbereitschaft der örtlichen Bevölkerung. Positiv wirkte sich zudem aus, dass sich Preußen von Anfang an zur Genfer Rotkreuzkonvention bekannt hatte und dass in Gotha bereits ein solcher Verein existierte. Nachdem im Deutsch--Dänischen Krieg von 1864 ein Arzt zunächst nur in Beobachtermission unterwegs war, kam in der Schlacht bei Langensalza zum ersten Mal das Rote Kreuz praktisch zum Einsatz. Ohne es zu ahnen, zeichnete Schuldirektor Loof in Langensalza eine später wichtige Funktion des Roten Kreuzes vor, als er Soldaten und Helfer einsetzte, in Lazaretten und auf Friedhöfen die Toten und Verwundeten zu erfassen, um den Angehörigen und Hinterbliebenen so Gewissheit über das Schicksal ihrer Soldaten zu geben [6, 7].

Das Rote Kreuz bzw. die Schwesterorganisation Roter Halbmond etablierten sich nach dieser ersten Bewährungsprobe in allen Ländern. 1867 fand die erste Internationale Rotkreuz-Konferenz in Paris statt. In den folgenden Jahren kam es in nahezu allen Ländern Europas zur Gründung von nationalen Rotkreuz-Gesellschaften [8].

Literatur

  1. Bichler KH: Dr. Louis Stromeyer, Louis: Die Tätigkeit des hannoverschen Generalstabsarztes in und nach der Schlacht bei Langensalza im Juni 1866; Hannover: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek 2013 (interne Schrift).
  2. Boppe Rr: L’homme et la guerre : Le docteur Louis Appia et les débuts de la Croix-Rouge. Genève/Paris : Muhlethaler 1959.
  3. Dunant H: Eine Erinnerung an Solferino. Wien: Eigenverlag des Österreichischen Roten Kreuzes 1997.
  4. Fontane T, von Diebitzsch V: Der deutsche Krieg von 1866 (AUSZUG – SCHLACHT BEI LANGENALZA) und die Rang-Liste der Offiziere und Aerzte der Königl. Hannoverschen Armee im Juni 1866. Langensalza: Rockstuhl 1871 (Reprint 2005).
  5. Kehnert H.: Die Kriegsereignisse des Jahres 1866 im Herzogtum Gotha und die Gothaischen Turner zur Zeit des Treffens von Langensalza. Langensalza: Rockstuhl 1899 (Reprint 2005).
  6. Looff FW: Meine Erinnerungen an den Juni 1866 und die Schlacht zwischen der Hannoverschen und der Preußischen Armee. In: Der Deutsche Krieg von 1866; Band 18. Langensalza: Rockstuhl 2014.
  7. Pfeiffer K, Neuß E: Die Schlacht bei Langensalza am 27. Juni 1866 und der weltweit erste Einsatz des Roten Kreuzes auf dem Schlachtfeld. Langensalza: Rockstuhl 2007.
  8. Riesenberger D: Das Deutsche Rote Kreuz. Eine Geschichte 1864 - 1990. Paderborn: Ferdinand Schöningh 2002.
  9. Rockstuhl H: „Die Hannoveraner in Thüringen und die Schlacht bei Langensalza 1866: Von einem unparteiischen Augenzeugen mit Benutzung der zuverlässigen Nachrichten“. Langensalza: Rockstuhl 2015
  10. Schwerdt H: Noch einmal vom Langensalzaer Schlachtfelde. In: Die Gartenlaube. Ernst Keil Leipzig 1866; Heft 31/32: 499 - 503.
  11. Verlustliste 1866 Hannoveraner in der Schlacht von Langensalza. <www.denkmalprojekt.org/verlustlisten/vl1866_hannov_langensalza.htm>, 2005.
  12. Verlustlisten aus der Schlacht bei Langensalza, 1866. <www.denkmalprojekt.org/verlustlisten/vl_langensalza_1866.htm>, 2005.
  13. Die Autoren danken der Stadt Bad Langensalza für die Bereitstellung der Abbildungen aus dem Bestand des Stadtarchivs und des Stadtmuseums (nähere Informationen unter www.badlangensalza.de).


Für die Verfasser
Dr. med. Ute Schnell
Stellv. Direktorin Institut für Allgemeinmedizin
Medizinische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Magdeburger Straße 8, 06112 Halle/S.
E-Mail: ute.schnell@medizin.uni-halle.de

Datum: 18.01.2019