Artikel: St. Sammito

Wissenschaftliche Begleitung der ­Einführung des Betrieblichen ­Gesundheitsmanagements

Aus der Unterabteilung VI – Präventivmedizin, Vorbeugender Gesundheitsschutz, Gesundheitsförderung (Unterabteilungsleiter: Oberstarzt Dr. Th. Harbaum) des Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr (Inspekteur: Generaloberstabsarzt Dr. M. Tempel)

Einleitung
Bereits im Rahmen der konzeptionellen Überlegungen zur Implementierung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung (GB BMVg) 2014 wurde die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Begleitung dieser Implementierung erkannt. Im Zuge dieser Überlegungen wurde sowohl die Erprobungsphase (1. Halbjahr 2015) wie auch die spätere Implementierungsphase (seit Anfang 2016) mit wissenschaftlichen Forschungsvorhaben begleitet. Ziel dieser Forschungsvorhaben aus internen und externen Forschungsnehmern ist es, die Ein- und Durchführung des BGM mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu unterstützen, Projekte wissenschaftlich valide einzuführen und Kennzahlen zur Überprüfung des Effektes des BGM auf die Gesundheit der Mitarbeitenden und die Attraktivität des Arbeitgebers Bundeswehr zu entwickeln und zu erfassen.

Erprobungsphase des BGM (2015)

Photo Abb. 1: Forschungsnehmer im Rahmen der Erprobungsphase Für die wissenschaftliche Begleitforschung des BGM im GB BMVg stehen grundsätzlich die gleichen Forschungsnehmer zur Verfügung, wie für die wehrmedizinische Ressort- oder Auftragsforschung gemäß Bereichsvorschrift C1821/04000 „Wehrmedizinische Forschung und Entwicklung in der Bundeswehr“: interne Forschungsnehmer, die im Rahmen von Sonderforschungsvorhaben die entsprechende Forschungsfragestellung bearbeiten und externe Forschungsnehmer, die aufgrund einer Zuwendung oder auf Basis eines Vertrages ein entsprechendes Forschungsvorhaben durchführen.

Im Zuge der ausführlichen Erprobungsphase an elf Erprobungsdienststellen mit insgesamt knapp 10.000 Mitarbeitern aller Organisationsbereiche wurden die folgenden wissenschaftliche Projekte durch universitäre Einrichtungen / Abteilungen und durch ein Ressortforschungsinstitut im Zuge von Begleitforschungsvorhaben mit unterschiedlichen Fragestellungen zur möglichen Einführung eines BGM beauftragt. Diese umfassten im Schwerpunkt den Bereich der „Betrieblichen Gesundheitsförderung“ (BGF), da im Rahmen der Erprobungsphase zunächst hauptsächlich dieser Bereich betrachtet worden ist:

  • die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Arbeitsgruppe [AG] Prof. Dr. Rose) mit dem Forschungsvorhaben (FV) „BGM in den Streitkräften – Entwicklung eines web-basierten Screeninginstruments zur Erhebung von Arbeitsmerkmalen und individuellem Gesundheitsempfinden und zur Erfassung der Maßnahmen im Rahmen des Pilotprojektes „BGM im Ressortbereich BMVg““ (Kennziffer: E/U2AD/ED003/EF555),
  • die Medizinische Hochschule Hannover (AG Prof. Dr. Krauth) mit dem FV „Pilotstudie zum BGM der Bundeswehr: Gesundheitsökonomische Begleitforschung“ (Kennziffer: E/U2AD/FD001/EB783),
  • die Universität der Bundeswehr München, Department Sportwissenschaften (AG Prof. Dr. Schlattmann) mit dem FV „Wissenschaftliche Begleitung der Pilotstudie zum BGM“ (Kennziffer: M-SAKE-EA001) sowie mit dem FV „Koordination der wissenschaftlichen Begleitung sowie Erprobung bewegungs- und ernährungswissenschaftlicher Maßnahmen im Rahmen der Pilotstudie zum BGM“ (Kennziffer: M-SAKE-EA003),
  • die Universität der Bundeswehr München, Department für Psychologie (AG Prof. Dr. Renner) mit dem FV „Entwicklung und Erprobung von Trainingsprogrammen zur Stressprävention und Ressourcenförderung im Rahmen des BGM-Pilotprojekts der Bundeswehr“ (Kennziffer: M-SAKE-EA004),
  • die Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr Hamburg, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie (AG Prof. Dr. Felfe) mit dem FV „Analyse der Bedeutung von BGF-­Maßnahmen für das individuelle Gesundheitserleben sowie das Commitment, die Arbeitgeberattraktivität und die Zufriedenheit der Beschäftigten im Rahmen der Gesamtevaluation des BGM-Pilotprojekts der Bw“ (Kennziffer: M-SAKE-EA005) und
  • das Streitkräfteamt (AG PD Dr. Stein) mit dem FV „Evaluation des Gesundheitsverhaltens im Rahmen des BGM-Pilotprojekts der Bw“ (Kennziffer: 01KB-S-321515).

Ferner wurden durch

  • die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Lehrgebiet Ernährungswissenschaften, Schwerpunkt Gemeinschaftsverpflegung (AG Prof. Arens-Azevedo),
  • die Hochschule Albstadt-Sigmaringen, Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften (AG Prof. Dr. Winkler) und durch
  • die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, FG 3.1 „Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen“ (AG Prof. Dr. Latza)

das Projekt wissenschaftlich im Bereich der Ernährung sowie im Rahmen einer Supervision begleitet.

Die aufgeführten Forschungsnehmer haben unter Federführung eines Forschungsmanagements des Departments Sportwissenschaften der Universität der Bundeswehr München (Prof. Dr. Schlattmann) in mehreren Koordinierungsbesprechungen den jeweiligen Fortschritt der einzelnen Forschungsvorhaben vorgetragen und zugleich die einzelnen Forschungsaktivitäten koordiniert. Hierdurch konnten Synergieeffekte genutzt werden, u. a. bei der gemeinsamen Nutzung des Onlinefragebogentools zur Mitarbeiterbefragung.

Die Erkenntnisse dieser Forschungsvorhaben wurden u. a. in den entsprechenden Abschlussberichten und auf einem Wehrmedizinischen Symposium an der Sanitätsakademie der Bundeswehr am 24. und 25. November 2015 präsentiert. In einem ausführlichen Supplement der Wehrmedizinischen Monatsschrift 11/2015 sind die Ergebnisse zusammengefasst publiziert worden. Ferner wurden diese auch im Abschlussbericht zum Erprobungsvorhaben aufgenommen und durch das BMVg veröffentlicht.

Erkenntnisse aus den FV der Erprobungsphase (2015)

Photo Abb. 2: Zentrale Auswertung der Mitarbeiterbefragung AIGScreenBw. Je weiter außen der jeweilige Wert liegt, umso negativer wird der Themenkomplex von den Mitarbeitern bewertet. Im Zuge der wissenschaftlichen Begleitung der Erprobungsphase wurde die wissenschaftliche Begleitung das Projektmanagement und die Qualitätssicherung der BGM-Ausrollung verbessert und direkt in den täglichen Betrieb für die Einführungsphase implementiert. Gerade diese Arbeiten konnten den Wechsel der Aufgabe der hauptamtlichen BGM-Koordinatoren für eine Erprobungsdienststelle auf die Beratung und Betreuung eines größeren Versorgungsbereichs seit 2016 qualitativ unterstützen.

Ferner konnte die Mitarbeiterbefragung zur Ist-Zustandserhebung mit entsprechender Ergebnisdarstellung für die jeweiligen Dienststellenleitungen bzw. der Gremien Gesundheit entwickelt werden.

Diese Mitarbeiterbefragung wurde zwischenzeitlich im Rahmen eines Sonderforschungsvorhabens weiterentwickelt und steht im Zuge der Einführungsphase den Dienststellen zur Verfügung (s. u.).

Basierend auf den Erkenntnissen aus der Gesundheitsökonomischen Begleitforschung konnte eine Kosten-Nutzung-Analyse für die Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung berechnet werden. Hierzu wurde auf Berechnungen der direkten und indirekten Kosten im Rahmen der Erprobungsphase eine Kosten-Effektivitäts-Analyse auf Basis eines Markov-Modells aus der Perspektive der Gesellschaft durchgeführt. Hierbei konnte festgestellt werden, dass die BGF-Maßnahmen zur Bewegungsförderung für die Gesamtkohorte sowie für die Subgruppe der Frauen als kosteneffektiv anzusehen sind. Die Subgruppe der Männer liegt leicht über dem Schwellenwert der Kosteneffektivität. Insgesamt liegt damit eine positive Kosten-Effektivitäts-Analyse in Bezug auf die inkrementellen Kosten pro qualitätsadjustiertem Lebensjahr (=Kosten in Verhältnis zu gewonnenen Lebensjahren) für das vorliegende Programm vor.

Photo Abb. 3: Beispiel einer einfachen nudging-Maßnahme: Geschnittenes Obst als Dessert wird in attraktiven Gläsern und Stückobst in verschiedenen Sorten auf grünen Tabletts angeboten. (Foto: KErn) Im Rahmen der ernährungswissenschaftlichen Begleitung durch die AG der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und der Hochschule Albstadt-Sigmaringen wurden Maßnahmen zur Einführung von „nudging“
 (= von to nudge = sanft anstupsen) in die Truppenküchen der Bundeswehr und zur Verbesserung der Truppenverpflegung implementiert. So wird ab Frühjahr 2018 mit der „Fitnesskost 2.0“ eine auf die Arbeitsbedingungen von Schreibtischarbeitsplätzen angepasste Mittagsverpflegung mit nur 2200 kcal angeboten, die es unabhängig von der für die sonstige Truppe zur Verfügung gestellten Energiestufe an allen Standorten geben wird. Zukünftig wird damit eine für insbesondere in den Stäben von Einsatzverbänden tätigen Soldaten an den körperlichen Anforderungen ihrer Arbeitsplätze angepasste Truppenverpflegung angeboten. Mittelfristig wird eine Zertifizierung dieser Mittagsverpflegung durch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung als „Gesunde Kantinenverpflegung“ angestrebt.

Ferner wird es ab dem III. Quartal 2018 und fortlaufend zur Einführung von sog. nudging-Maßnahmen kommen, in denen durch Kennzeichnung und durch entsprechende angebotene Speisen die Verpflegungsteilnehmer zu einer gesünderen Auswahl ihrer Essenskomponenten „angestupst“ werden sollen. Beispielhaft kann hier das Angebot von geschnittenem Obst als „Obstgläser“ anstelle von energiedichten Pudding- und Süßspeisen als Nachtisch genannt werden.

Diese Maßnahmen führten beispielhaft im Rahmen der Erprobungsphase dazu, dass kurz- und mittelfristig signifikant mehr Essensgäste Salat als Beilage sowie frisches Obst als Dessert wählten und dass der Anteil von Wasser an den Getränken signifikant stieg.

Erkenntnisse aus den Stresspräventionsvorhaben und der Ressourcenförderung führten zu Trainingspaketen und -manualen, die im Zuge der weiteren BGM-Implementierung zur Verfügung stehen.

FV in der Implementierungsphase (2016 - 2019)

Seit Anfang 2016 wird das BGM im gesamten GB BMVg mit dem Ziel bis Ende 2019 vollständig ausgerollt und ab 2020 im Grundbetrieb an allen Dienststellen in Deutschland eingeführt zu sein. Für die Ausrollung des BGM in den Auslandsdienststellen wird derzeit durch die Streitkräftebasis ein entsprechendes Konzept erstellt, die Einführung des BGM an diesen Dienststellen soll ebenfalls bis Ende 2019 abgeschlossen werden. 

Photo Abb. 4: Anteil der Essensgäste, die vor, kurz- (3 Monate) und mittelfristig (6 Monate) nach Einführung von nudging-Maßnahmen die Fitnesskost, Salat und Obst als Beilagen wählten sowie der Anteil von Wasser an allen Getränken, * p < 0,001 Auch diese Implementierungsphase bedarf einer wissenschaftlichen Begleitforschung. Diese wurden/werden gestaffelt über die Implementierungsphase gestartet und bearbeiten unterschiedliche Felder des BGM. Hierbei konnte z. T. auf die bewährte Zusammenarbeit mit Forschungspartnern aus der Erprobungsphase zurückgegriffen werden.

Nach Ausschreibung konnte im Oktober 2016 das Verbundforschungsvorhaben aus einem externen Vertragsnehmer (Universitätsmedizin Mainz) und einem internen Sonderforschungsanteil (Kdo SanDstBw TF BGM, FTLA PD Dr. Sammito) gestartet werden. Dieses hat das Ziel, die Mitarbeiterbefragung zu Arbeitsmerkmalen und individuellem Gesundheitsempfinden (kurz AIGScreenBw) wissenschaftlich weiterzuentwickeln und ab 2020 die Mitarbeiterbefragung durch eigene Kräfte und Mittel unabhängig von externen Dienstleistern durchzuführen. Zugleich sollen moderne Erhebungsinstrumente (Tablettechnologie anstelle Paper-Pencil-Befragungen) einschließlich der dazugehörigen Software entwickelt werden.

Im Rahmen der Fortschreibung des Projektmanagements durch die Universität der Bundeswehr München wird die weitere Begleitung der Einführung des BGM sichergestellt und zugleich wissenschaftlich die Teilnahmen an den unterschiedlichen BGM-Maßnahmen erhoben und ausgewertet.

Im Zuge eines Forschungsvorhabens wird beginnend ab 2018 ein besonderes Augenmerk auf die Mitarbeitenden gelegt, die derzeit nicht mit BGM-Maßnahmen erreicht werden (sog. Non-Responder) und Gründe für die Nichtteilnahme dieser Personengruppe analysiert.

Im Rahmen eines in 2018 auszuschreibenden Forschungsvorhaben wird die gesundheitsökonomische Bewertung der Ein- und Durchführung von BGM im GB BMVg bewertet und Kennzahlen für ein langfristiges Monitoring des BGM entwickelt. Hierbei gilt es, die besonderen militärischen Rahmenbedingungen zu betrachten, nämlich die Möglichkeit, das Personal nur von bestimmten Dienstverrichtungen zu befreien, gegenüber der im zivilen üblichen vollständigen Arbeitsunfähigkeit.

Weitere Forschungsschwerpunkte sind die Weiterentwicklung und wissenschaftliche Evaluierung der Einführung von nudging-Maßnahmen in die Truppenküchen, die Evaluierung von Stressreduktionsprogrammen und die Erhebung von Rahmenbedingungen zum Bewegungsverhalten von Büroarbeitsplätzen.

Forschungsdatenbank

Photo Abb. 5: Zukünftige mögliche Teilnahmemöglichkeit der Mitarbeiterbefragung mittels moderner Tablettechnologien (Abb.: KdoSanDienstBw) Die umfangreiche Begleitforschung bedarf eines strukturierten Planungs- und Begleitungsprozesses, welche durch das Forschungsmanagement des Sanitätsdiensts der Bundeswehr, insbesondere durch die Sanitätsakademie der Bundeswehr, Abteilung E und dem Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr, Unterabteilung I, sowie durch die zuständige Fachabteilung VI – Präventivmedizin begleitet wird. Das Referat Führung Streitkräfte (FüSK) III 5 stellt als ministerielles Fachreferat für das BGM die Schnittstelle zum BMVg dar. Eine entsprechende Publikationsübersicht über alle Publikationen im Zuge der Begleitforschung wird jährlich aktualisiert und ist auf dem Informationsportal zum BGM (WikiBw) sowie bei der Task Force BGM im Kdo SanDstBw zu erhalten.

Aussicht in die Zukunft (2018+)

Neben der kontinuierlichen Begleitforschung im Themenfeld des BGM, der damit verbundenen Schwerpunkte der Gesundheitsförderung, des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und zu Fragestellungen im Bereich der gesundheitsförderlichen Führung und Organisation gilt es neue Erkenntnisse aus der zivilen Forschung auf die Besonderheiten im GB BMVg zu übertragen. Hierzu wird in Zukunft das Institut für Präventivmedizin mit einer eigenen Fachgruppe „Angewandte Gesundheitsförderung“ als Ressortforschungsinstitut einen wesentlichen Beitrag liefern können. Ein wesentlicher Aspekt wird hierbei auch die wissenschaftliche Evidenz von bestehenden und neuen BGM-Maßnahmen auf die Verbesserung der Gesundheit der Mitarbeitenden sein.

Zur konzeptionellen Ausgestaltung der wissenschaftlichen Begleitforschung im BGM ist unter Federführung der Sanitätsakademie der Bundeswehr, Direktorat Wehrmedizinische Wissenschaft und Fähigkeitsentwicklung Sanitätsdienst, eine entsprechende Bereichsvorschrift in Erarbeitung. Damit wird den Besonderheiten der Begleitforschung BGM in Ergänzung zur bestehenden Bereichsvorschrift C1821/04000 „Wehrmedizinische Forschung und Entwicklung in der Bundeswehr“ in eigenen Vorschrift Rechnung getragen.

Schluss

Durch eine gesteuerte und zielgerichtete Begleitforschung im Rahmen der aktuellen Implementierung und ab 2020 des im Grundbetrieb an allen Dienststellen eingeführten BGM wird eine evidenzbasierte und auf wissenschaftlichen Kennzahlen basierte Durchführung des BGM mit dem Ziel einer höheren Gesundheit aller Mitarbeitenden sichergestellt. 


Flottillenarzt PD Dr. med. habil. Stefan Sammito
Sachgebietsleiter Gesundheitsförderung, Sport- und Ernährungsmedizin, Referat VI 3
Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr
E-Mail: StefanSammito@bundeswehr.org

Datum: 16.04.2018

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2018