Interview: V. Hartmann, H. Lange

„… Ausbilden, Erziehen und Führen.“

Interview mit dem Leitenden Veterinär der Bundeswehr, Oberstveterinär Dr. Leander Buchner

Herr Oberstveterinär Dr. Buchner, als Leitender Veterinär der Bundeswehr tragen Sie die fachliche Verantwortung für das Veterinärwesen der Bundeswehr. Sie haben im Mai 2017 an der Sanitätsakademie im Rahmen eines Festaktes das 60jährige Jubiläum Ihres Dienstes gefeiert. Auf welche besonderen Momente blicken Sie in der Geschichte des deutschen Veterinärwesens zurück?

Photo Leitender Veterinär der Bundeswehr, Oberstveterinär Dr. Leander Buchner, im Gespräch mit dem Chefredakteur, Flottenarzt Dr. Volker Hartmann, und der Verlegerin, Heike Lange. (Abb.: Beta Verlag) Beginnen wir mit dem Wort Veterinär. Es leitet sich ab vom lateinischen Adjektiv „veterianrius“ und bedeutet „zum Zugvieh gehörig“. Veterinarius als Substantiv bedeutet Tierarzt oder Veterinär. Damit ist schon ein Hinweis gegeben, womit sich der Veterinarius ursprünglich beschäftigt hat, nämlich mit dem Zugvieh. Und dieses wurde eingesetzt in der Landwirtschaft, im Transport von Gütern und Personen und beim Militär. In deutschen Streitkräften wurde erstmals kurz nach dem 30-jährigen Krieg ein Rossarzt erwähnt. Dies war aber nur eine kurze Episode. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden tierärztliche Bildungsstätten eingerichtet. Grund waren Viehseuchenzüge, die die Versorgung der Bevölkerung mit tierischem Eiweiß und die Schlagkraft der Armeen gefährdeten. Die erste dieser Tierarzneischulen wurde 1761 in Lyon gegründet. Aber selbst noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lag die wesentliche Aufgabe der Roßärzte vor allem im Königreich Preußen nicht in der Therapie der Armeepferde, sondern im Hufbeschlag. Dies veranlasste 1862 einen Abgeordneten im Preußischen Abgeordnetenhaus zu der Äußerung: „Der Tierarzt soll Hufschmied sein, der Hufschmied kann nicht Offizier sein, folglich kann der Tierarzt nicht Offizier sein.“

Es dauerte dann aber nochmals fast 50 Jahre, nämlich bis 1910, bis Tierärzte dann im gesamten Deutschen Reich den Offizierstatus erhalten haben und ein eigenständiges Veterinäroffizierkorps geschaffen wurde. Die Leitung des Korps oblag aber immer noch einem Truppenoffizier. Im Verlauf des I. Weltkrieges wurde die Erfahrung gemacht, dass an der Spitze eines Fachdienstes auch ein Vertreter des Fachdienstes stehen müsse, und so wurde 1917 der Dienstposten des Leitenden Chefveterinär beim Generalquartiermeister etabliert.

In der Reichwehr wurde dann folgerichtig auch ein Veterinäroffizier als Inspekteur an die Spitze des Veterinärdienstes gestellt. Die Hauptaufgabe der Veterinäroffiziere war weiterhin die tierärztliche Versorgung der Reit- und Zugtiere. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts erfuhr der Veterinärdienst wie die gesamte Wehrmacht einen erheblichen Aufwuchs. An der Spitze stand ein Generaloberstabsveterinär, es gab eine eigene Heeresveterinärakademie in Hannover, an der die Offizieranwärter militärisch ausgebildet wurden, während sie an der Tierärztlichen Hochschule studierten. Die Truppenstärke des Veterinärdienstes als eigener Truppengattung umfasste während des II Weltkrieges über 120000 Mann und die Farbe der Truppengattung war karmesinrot. Die Angehörigen des Veterinärdienstes waren Kombattanten und gehörten nicht zum besonders geschützten Personal nach der Genfer Konvention.

Bereits 1952 gibt es dann schon wieder Überlegungen, welche Aufgaben Veterinäroffiziere in einem deutschen Verteidigungsbeitrag leisten können. Da Pferde keine wesentliche Rolle mehr spielten, traten die bislang mehr im Hintergrund stehenden Aufgaben wie Fleisch- und Lebensmittelhygiene in den Vordergrund. Aber auch dieser Prozess zog sich langsam dahin, so langsam, dass sich das Bundeslandwirtschaftsministerium 1956 in einem Schreiben an das BMVg genötigt sah zu monieren, dass es auf dem „veterinären Sektor“ immer noch keine Regelung gebe. Anlass des Schreibens waren Lebensmittelvergiftungen größeren Ausmaßes in der Truppe in Hamburg und München.

Mit dem Beschluss des Verteidigungsausschusses vom 11. Juli 1957, die Tierärzte wie die Zahnärzte und die Apotheker der Laufbahn der Sanitätsoffiziere zuzuordnen, wurde der Grundstein für die jetzige Situation gelegt. Mit 9 Dienstposten fing dann die Geschichte des Veterinärwesens der Bundeswehr an. Da die Tierärztinnen und Tierärzte und natürlich auch das technische Personal dem Sanitätsdienst angehören, genießen sie nunmehr auch den besonderen Schutz der Genfer Konventionen. Dieses Modell ist in den meisten westlichen Streitkräften Standard. Es gibt aber immer noch Streitkräfte, in denen der Veterinärdienst neben dem Sanitätsdienst als eigenständiger Fachdienst geführt wird. Ein Beispiel ist Indien.

WM: Welche grundsätzlichen Aufgaben hat das heutige Veterinärwesen der Bundeswehr?

OTV Dr. Buchner: Die wesentlichen Aufgaben des Veterinärwesens im Geschäftsbereich des BMVg als Teil des öffentlichen Veterinärwesens der Bundesrepublik Deutschland finden sich auf dem Gebiet des gesundheitlichen Verbraucherschutzes, der Zoonose- und Tierseuchenprophylaxe und -bekämpfung sowie des Tierschutzes. Aber auch Aufgaben im Zusammenhang mit Diensttieren sind weiter von Bedeutung.

Photo Augenuntersuchung eines Mulis aus der Frühzeit der Bundeswehr (Abb.: Fotoarchiv V. Hartmann) Der Deutsche Bundestag hat in verschiedenen Gesetzen geregelt, dass im Geschäftsbereich des BMVg die Durchführung und der Vollzug des jeweiligen Gesetzes den zuständigen Stellen und Sachverständigen der Bundeswehr obliegt. Im Vordergrund stehen hier das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch, das Tiergesundheitsgesetz und das Tierschutzgesetz. Diese sogenannte Eigenvollzugskompetenz ist allerdings keine Erfindung der Bundesrepublik Deutschland und der Bundeswehr. Sie geht vielmehr zurück auf gesetzliche Regelungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, im Viehseuchengesetz sogar auf die Kaiserzeit.

Gerade im Lebensmittelrecht haben sich in den letzten zwanzig Jahren große Fortschritte und neue Denkansätze durchgesetzt. Sei es die Einführung des HACCP-Konzeptes in der Lebensmittelproduktion oder der gesamtheitliche Ansatz, der mit dem Terminus „from stable to table“ zum Ausdruck kommt.

Ein weiterer Denkansatz, der aber noch in den Kinderschuhen steckt, den weiter zu verfolgen und zum Gedeihen zu bringen, mein Ziel ist, ist der „One-Health-Gedanke“. Auch hier können wir als SanOffz Vet einen wesentlichen Beitrag erbringen. Eine Stärke unserer Ausbildung ist es, dass wir im Studium lernen, nicht nur individualmedizinisch zu denken und zu handeln, sondern auch in Populationen oder Herden. Dies ist gerade bei Ausbrüchen von Infektionskrankheiten von Vorteil. Lebensmittelvergiftungen, Tierseuchenübungen und Tierseuchenausbrüche der letzten Jahre habe uns darin geschult, Infektionswege aufzuklären und dafür Sorge zu tragen, dass die Ursachen gefunden und Abhilfe geschaffen wird.

Von den 60 Jahren Veterinärwesen der Bundeswehr blicke ich genau auf die Hälfte zurück. 1987 habe ich meinen Dienst als Stabsveterinär im Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr München angetreten. Und wenn ich auf diese niemals langweiligen drei Jahrzehnte zurückblicke, verweilen meine Gedanken bei etlichen wichtigen und richtungsweisenden Ereignissen: Da sind die großen Salmonelloseausbrüche Ende der 80-ger Anfang der 90-ger Jahre, die mit dem Hühnereierlass des Veterinärreferats im BMVg ein jähes Ende fanden. Da ist die Wiedervereinigung und der komplette Aufbau von Veterinärstrukturen in den neuen Bundesländern. Denn in der NVA gab es keinen Tierarzt, nur im Ministerium für Nationale Verteidigung gab es einen einzigen Tierarzt im Status eines Beamten. In der Folge der Wiedervereinigung fand dann 1992 bis 1993 der erste Auslandseinsatz unter UN-Mandat in Kambodscha statt. Das hellblaue Barett und Bilder aus dieser Zeit zieren immer noch mein Dienstzimmer. Und ich bin immer noch stolz darauf, an dieser ersten VN-Mission des Sanitätsdienstes und der Bundeswehr teilgenommen zu haben. Es war eine schöne Zeit.

Wiederholte Umgliederungen, Auflösungen und Neuaufstellungen von Dienststellen haben dazu beigetragen aus kleinen Veterinär-Untersuchungsstellen schlagkräftige, durchhaltefähige und modern ausgestattete Dienststellen wie die Zentralen Institute bzw. die Überwachungsstellen zu formen.

Die Einführung molekularer Untersuchungsmethoden in der Mikrobiologie und in der veterinärmedizinischen Lebensmitteluntersuchung und das auch in den Einsatzlaboratorien hat dazu beigetragen, schneller zu einem fundierten Ergebnis zu kommen und schneller vorbeugende Maßnahmen ergreifen zu können. Aber auch in der Küchentechnologie kam es zu einem Paradigmenwechsel. Wurden früher halbe Schweine und Rinderviertel für die Truppenküchen beschafft, werden jetzt mehr sogenannte Convenienceprodukte verwendet, deren Verwendung die Arbeitsschritte in den Küchen und damit Kontaminationsmöglichkeiten deutlich reduziert.

Dass aber Lebensmittelinfektionen nicht der Vergangenheit angehören, habe große Ausbrüche der letzten Jahre, sei es der EHEC-Ausbruch, der durch Sprossen verursacht wurde, oder der Norovirusausbruch, der durch Erdbeeren aus China verursacht worden war, gezeigt. Damit zeigt sich auch ein anderer Trend, nämlich der hin zu pflanzlichen Lebensmitteln als Träger von Infektionserregern.

Die Unterstützung der zivilen Behörden bei der Bekämpfung bestimmter Tierseuchen wie der Aviären Influenza auf der Insel Rügen ist in Mecklenburg-Vorpommern tief im Gedächtnis hängen geblieben. Die Bekämpfung von Tierseuchen ist aber durch den Sanitätsdienst alleine nicht zu stemmen. Hier bedarf es der Unterstützung z. B. durch die ABC-Truppe oder die Feldjäger.

Aber auch bei den Diensttieren gab es Meilensteine. Ein besonderer Meilenstein ist die Ausbildung von Spezialhunden, die nach Minen, Sprengstoff, Kampfmitteln, Rauschgift und Personen suchen, und der Möglichkeit, mit Diensthunden in der Behandlung an PTBS erkrankter Soldatinnen und Soldaten zu unterstützen.

WM: Gerade in den Auslandseinsätzen wird die bedeutende Rolle des Veterinärwesens für die Sicherstellung unbedenklicher Lebensmittel einschließlich Trinkwasser und die Einhaltung lebensmittelhygienischer Standards durch Laboruntersuchungen und Auditierungen der Verpflegungs- und Betreuungseinrichtungen deutlich. In welche Richtung gehen zukünftig solche Elemente gemeinsamer Verantwortung von „Force Health Protection“?

OTV Dr. Buchner: Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie die Frage nach Force Health Protection stellen. Gerne wurde auch der Begriff „Präventivmedizin“ verwendet.

Photo Erstversorgung eines Diensthundes (Abb.: Kdo SanDstBw) Force Health Protection ist für mich ein Teamwork, indem mehrere Berufe und Disziplinen ihren Beitrag liefern können und müssen. Die Lebensmittelsicherheit ist dabei ein wesentliches Aufgabengebiet, das wir als Tierärzte zusammen mit den Lebensmittelchemikern beackern. Wenn wir Lebensmittel in Deutschland untersuchen, sind wir an die Gesetze, Verordnungen und Normen gebunden, die für das Inland gelten. Im Einsatz ist es zwar unser Ziel, Lebensmittel der gleichen Qualität, wie wir sie in unserer Truppenküchen und Betreuungseinrichtungen verwenden, zur Verfügung zu stellen. Das heißt bei Lebensmitteln tierischer Herkunft, dass sie in einem EU zugelassenen Betrieb hergestellt wurden. Dies ist im Einsatz nicht in jedem Fall möglich. So müssen die San­OffzVet vor Ort entscheiden, ob auch andere Lebensmittel beschafft werden können und wenn, ja, wie die Lebensmittelhygienestandards im Ergebnis garantiert werden können. Neben Lebensmittelsicherheit, Food Safety, ist Food Defence ein neues Aufgabengebiet, nein, es ist eher mit re-emerging zu bezeichnen. Während sich Food Safety mit natürlichen Kontaminationen von Lebensmitteln befasst, befasst sich Food Defence mit der Abwehr und vor allem dem Vorbeugen der absichtlichen Kontamination von Lebensmitteln und Trinkwasser.

Im Bereich der Infektionskrankheiten gilt es eine enge Zusammenarbeit mit den Leitenden Hygienikern im Einsatz zu praktizieren. Es ist ja bekannt, dass die überwiegende Anzahl der Infektionskrankheiten des Menschen auf Erreger zurück zu führen ist, die auch bei Tieren vorkommt. Hier sei als Beispiel der Q-Fieberausbruch in Pristina im Jahre 2016 genannt.

Was ich persönlich unter dem Gesichtspunkt der Force Health Protection sehr bedauere, ist die Tatsache, dass die Abteilungen I der ZInstSanBw mit der neuen Struktur an die Bundeswehrkrankenhäuser abgewandert sind. In den Einätzen arbeiten aber das mikrobiologische und das veterinärmedizinische Labor weiter eng zusammen und derzeit im Prizren und in Mazar-e-Sharif sogar im selben Raum.

WM: Das Veterinärwesen in der Bundeswehr hat sich schon früh der Internationalisierung gestellt. Welche künftigen Trends in Ausbildung und Zusammenarbeit sind hier erkennbar, z. B. auch in Hinsicht eines multinationalen Diensttiereinsatzes?

OTV Dr. Buchner: Wird aus den 80-er Jahren aus dem Sanitätsamt in Bonn noch die Äußerung berichtet, „Der Inspizient Veterinärmedizin macht doch keine Auslandsdienstreisen!“ hat sich diese Situation sehr geändert. Wir haben in den Einsätzen gelernt, dass es Vorteile hat, mit den Kolleginnen und Kollegen anderer Nationen zusammenzuarbeiten. Da unser Schwerpunkt eindeutig der gesundheitliche Verbraucherschutz ist und nicht die praktische Tiermedizin, aber immer wieder Diensthunde versorgt werden müssen, ist es von Vorteil, mit Nationen zusammenzuarbeiten, bei denen mehr Gewicht auf die Behandlung von Diensttieren liegt.

Hinsichtlich unseres fachlichen Könnens insbesondere auf dem Gebiet der Lebensmittelhygiene brauchen wir uns nicht verstecken. Und ganz gewiss brauchen wir uns nicht verstecken mit unseren labordiagnostischen Möglichkeiten im Einsatz. Dies wird schon dadurch deutlich, dass unser Labor bei KFOR die letzten Jahre als veterinärmedizinisches Theatre Asset fungierte.

Bereits seit Mitte der 90-er Jahre waren ­SanStOffz Vet als Theater Veterinarian in den internationalen Hauptquartieren von SFOR und KFOR eingesetzt gewesen. Bis vor wenigen Jahren besetzte Deutschland den Dienstposten Pan Balkan Veterinarian im Joint Force Command Naples, jetzt wird diese Funktion temporär aus der ÜbwStÖRASanDstBw Ost, unser Schwerpunkt Überwachungsstelle wahrgenommen. In den letzten Jahren war und ist weiterhin ein SanStOffz Vet beim JFC Naples auf den Dienstposten MedPlans bzw. zur Zeit MedOps eingesetzt.

Seit etlichen Jahren entsenden wir jährlich einen SanOffz Vet nach San Antonio, Texas, um an der „Sanitätsakademie“ der US-Army zusammen mit amerikanischen Veterinäroffizieren deren fachlichen Einweisungslehrgang zu besuchen. Mit dem Engagement in mehreren NATO-Gremien und der Übernahme der Präsidentschaft im Food and Water Safety and Veterinary Support Expert Panel haben wir gezeigt, dass wir uns auch international auswirken.

Auch die Zusammenarbeit mit den Veterinäroffizieren der US Army in Deutschland hat sich in den letzten Jahren erfreulich entwickelt. Hier möchte ich auf den Artikel von Oberstveterinär Dr. Nippgen in dieser Ausgabe der Wehrmedizin und Wehrpharmazie verweisen.

Die traditionell gute und enge Zusammenarbeit zwischen Österreich, der Schweiz und Deutschland auf dem Gebiet des Tragtierwesens möchte ich nicht unterschlagen. Eine besonders enge Zusammenarbeit ist mit Österreich geplant, die auch die tierärztliche Versorgung der Tragtiere des Bundesheeres in Hochfilzen umfasst.

An der Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr in Ulmen werden nicht nur Diensthundführer und Diensthunde für die Bundeswehr ausgebildet, sondern vor vielen Jahren auch schon für die tunesischen Streitkräfte und aktuell für unsere Nachbarn Belgien und die Niederlande.

Meine Funktion als Vorsitzender der Technical Commission for Veterinary Science des International Committee of Military Medicine will ich dazu nutzen, deutsche Positionen bekannt zu machen und, wenn möglich, umzusetzen.

WM: Wie ist das Veterinärwesen der Bundeswehr in Hinsicht spezieller Tierseuchendiagnostik aufgestellt?

OTV Dr. Buchner: Es waren die Tierseuchen, insbesondere die Maul- und Klauenseuche und die Rinderpest, die inzwischen, wie die Pocken des Menschen, getilgt sind. Tierseuchenzüge, die die Landesfürsten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts veranlasst hatten, tierärztliche Bildungsstätten zu gründen.

Die Tierseuchenbekämpfung ist immer noch die Königsdisziplin des Öffentlichen Veterinärwesens. Die Ausbreitung von Tierseuchen zu verhindern, um wirtschaftliche Schäden zu vermeiden und die Übertragung auf Menschen, soweit sie zoonotischen Charakter haben, ist in Zeiten der Globalisierung wichtiger denn je. Die Tierseuchenbekämpfung ist eine klassische Eingriffsverwaltung und kann bzw. bei bestimmten Tierseuchen wie der Maul- und Klauenseuche muss die zuständige Behörde, im Bereich der Bundeswehr sind das die Überwachungsstellen, in der Anordnung der Tötung von ganzen Herden, und damit in einer Enteignung des Tierhalters, enden. Dies gilt auch für zivile Schafherden, die auf Truppenübungsplätzen gehalten werden.

Wesentliche Grundlage einer effektiven Tierseuchenbekämpfung ist eine fundierte, zuverlässige und dennoch schnelle Diagnostik.

Dazu wurde vor Jahren eine Laborgruppe am ZInstSanBw Kiel, dem veterinärmedizinischen Schwerpunktinstitut aufgestellt. Es ist zwar nur eine kleine Laborgruppe, die sich mit diesem Spezialgebiet befasst, die aber in der Vergangenheit hervorragende Ergebnisse hervorgebracht hat. Neben Infektionserkrankungen, die für unsere Diensthunde im Auslandseinsatz von Relevanz sind z. B. der Leishmaniose oder Ehrlichiose, befasst sich diese Laborgruppe auch mit Tierseuchenerregern, die die Wildtierpopulation auf den Truppenübungsplätzen befallen können. Dies war in der Vergangenheit die Europäische oder Klassische Schweinepest, aber auch Hepatitis E. Vom Osten und Südosten her breitet sich inzwischen die Afrikanische Schweinepest nach Europa aus und hat neben den baltischen Staaten auch den Osten Polens erreicht. Weder die Klassische noch die Afrikanische Schweinepest sind auf den Menschen übertragbar. Die Übertragung beim Schwein findet nicht nur durch Tierkontakt oder Zecken statt, sondern auch auf oralem Wege, z. B. durch Aufnahme von Fleischerzeugnissen, die mit Fleisch infizierter Tiere hergestellt worden waren. Beide Formen der Schweinepest stellen ein erhebliches Risiko für die Schweinebestände in Deutschland und der EU dar. Der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest bei Hausschweinen hätte erhebliche negative wirtschaftliche Konsequenzen und würde die Keulung und unschädlichen Beseitigung zehntausender Schweine in den Sperrgebieten zur Folge haben. Das ZInstSanBw Kiel trägt mit seinen Untersuchungen dazu bei, solchen Gefahren frühzeitig begegnen zu können.

WM: Eine Frage zur Personalsituation im Veterinärwesen: Die weit diversifizierten Aufgaben in Ihrem Verantwortungsbereich erfordern häufig veterinärmedizinisches Spezialwissen. Wie stellen Sie die erforderliche Sach- und Fachkompetenz auf den jeweiligen Dienstposten durch Rekrutierung geeigneter Veterinärinnen und Veterinäre sicher?

OTV Dr. Buchner: In unseren Schwerpunktaufgaben, der Lebensmittelhygiene und der veterinärmedizinischen Mikrobiologie, Lebensmittel- und Trinkwasseruntersuchung sehe ich recht gelassen auf die Aus-, Fort- und Weiterbildung der jungen SanOffz Vet. Die Weiterbildungsmöglichkeiten zum Fachtierarzt für Mikrobiologie und Lebensmittelhygiene, die in den Instituten gegeben sind, tragen wesentlich zur Attraktivität des Arbeitgebers Bundeswehr für Tierärztinnen und Tierärzte bei. Mein Ziel ist es, auch an den Überwachungsstellen flächendeckend die Weiterbildungsmöglichkeit zum Fachtierarzt für Lebensmittel sicherzustellen. Dieses Ziel kann im nächsten Jahr durchaus realisiert sein.

Photo Mikrobiologische Untersuchungen (Abb.: Kdo SanDstBw) Schwierig ist es, geeignete SanOffz Vet für die tierärztlich Behandlung von Diensthunden und Pferden bzw. Mulis zu gewinnen. Hier stehen sich Stehzeit auf dem Dienstposten und Fachexpertise auf der einen Seite sowie Verwendungsbreite und Fördermöglichkeiten auf der anderen Seite konträr gegenüber. Auch die klinische Tiermedizin hat einen enormen Fortschritt gemacht und in Folge dessen ist auch eine immer größere Spezialisierung eingetreten. Der sog. Feld-, Wald- und Wiesentierarzt gehört der Vergangenheit an.

Und es reicht nicht aus, ein glänzender Praktiker oder Kliniker oder auch ein hervorragender Labortierarzt zu sein. Zu den Aufgaben eines San­Offz Vet, und das sind nicht die geringsten Aufgaben, gehören die eines Offiziers, nämlich Ausbilden, Erziehen und Führen. Dies sage ich auch jeder Bewerberin und den wenigen Bewerbern im Vorstellungsgespräch.

WM: Auch das Veterinärwesen bekommt zunehmend ein weibliches Gesicht. Welchen Herausforderungen sehen Sie sich dabei konfrontiert?

OTV Dr. Buchner: Das Veterinärwesen der Bundeswehr bekommt kein weibliches Gesicht, es hat schon ein weibliches Gesicht. Mehr als die Hälfte der etwa 90 SanOffz Vet sind Tierärztinnen. Die Altersverteilung ist allerdings nicht gleichmäßig. Bis zum Geburtsjahrgang 1968 gibt es ganze vier Frauen, von denen zwei weniger als vier Dienstjahre haben, also Seiteneinsteiger sind, wie übrigens die meisten SanOffz Vet. Von derzeit fünf Oberstveterinären zu Fuß, also A16, sind bereits drei Frauen. Zwei weitere haben ihren Dienst auf einem A16-DP angetreten, warten aber noch auf die Beförderung, die hoffentlich bald kommt. Um dem Gedanken vorzubeugen, „so viele Oberstveterinäre gibt es“, sei hier erwähnt, dass zwei auf kombinierten Dienstposten SanStOffz Arzt bzw. Veterinär und eine auf einem Dienstposten SanStOffz Arzt ihren Dienst verrichten. Die B3-Dienstposten sind allerdings noch fest in Männerhand, was der o.a. Altersverteilung geschuldet ist. Aber nicht das Lebens- oder Dienstalter ist letztendlich entscheidender Faktor für eine Beförderung, sondern dies sind Einsatz, Engagement, fachliche Qualifikation und Verwendungsbreite. Die Kollozierung von Überwachungsstelle und Institut lassen eine Förderung bis A15 ohne die Notwendigkeit eines Umzuges zu. Wer mehr werden will und soll, der bzw. die muss sich bewegen.

Eine Herausforderung ist sicherlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Trotz der Schaffung von Kompensationsdienstposten lassen sich familienbedingte Abwesenheiten nicht vollständig kompensieren, so dass die Arbeit auf die Schultern verteilt werden muss, die zur Verfügung stehen. Gerade in naturwissenschaftlichen Berufen, zu denen ich auch den tierärztlichen Beruf zähle, bergen Abwesenheiten über mehrere Jahre die Gefahr, sich erst wieder, fast wie ein Berufsneuling, einarbeiten zu müssen.

Und noch eine Facette des weiblichen Gesichts im Veterinärwesen der Bundeswehr. Es gab und gibt nur ganz wenige Kasernen, die nach einer Frau benannt sind. Die Kaserne, in der die Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr stationiert ist, ist eine davon. Sie ist nach der Biologin und Tierärztin Dr. Maria Gräfin von ­Maltzan benannt. Gräfin von Maltzan ist ausgezeichnet als Gerechte unter den Völkern, weil sie während des II. Weltkrieges Juden versteckt und ihnen bei Flucht durch den Bodensee in die Schweiz und nach Schweden geholfen hat. Ihr Lebensweg war aber nicht geradlinig. Sie war nach dem Krieg abhängig von Betäubungsmitteln, hat das schlimmste erfahren, was einer Tierärztin oder einem Tierarzt widerfahren kann. Sie musste wegen ihrer Sucht ihre Approbation abgeben. Aber sie hat ihre Sucht überwunden, hat ihre Approbation wieder erhalten und noch bis ins hohe Alter in Berlin als Tierärztin praktiziert. Lassen Sie mich das noch sagen, auch wenn es nicht unmittelbar mit dem weiblichen Gesicht des Veterinärwesens in der Bundeswehr zu tun hat. Ich glaube, niemand von uns ist dagegen gefeit zu stürzten. Das Wesentliche ist, nicht liegen zu bleiben, sondern wieder aufzustehen. Und auch hierin, nicht nur wegen ihres Engagements im Widerstand, ist Dr. Maria von Maltzan Beispiel gebend.

WM: Wo sehen Sie bei der aktiven Gestaltung der Zukunft im Sanitätsdienst der Bundeswehr das Veterinärwesen positioniert?

OTV Dr. Buchner: Stolz bin ich auf die Tatsache, dass sich in den Reihen der SanStOffz Vet nicht nur hervorragende Tierärztinnen und Tierärzte oder hervorragende Offiziere befinden, sondern Kameradinnen und Kameraden, die auf beiden Gebieten hervorragend sind, die hinsichtlich Einsatz, Engagement, fachlichem und militärischem Können zur Spitze ihres Dienstgrades im Sanitätsdienst gehören. Mein Bestreben ist es, gute SanStOffz Vet zu fordern und ihnen die Möglichkeit der Förderung zu eröffnen. Dazu wird wesentlich beitragen, dass Fü/Org-Verwendungen nun nicht mehr an die Facharztanerkennung Allgemeinmedizin gebunden sind, sondern jetzt auch formal allen Approbationen offen stehen.

Eine Sysiphusarbeit wird wohl werden, einen Dienstposten für SanStOffz Vet in einem internationalen Stab wie dem Joint Force Command Naples zu verstetigen und damit nicht zur zeitweise im internationalen Bereich Flagge zu zeigen.

Das noch zarte Pflänzchen ONE HEALTH möchte ich hegen und pflegen und dafür sorgen, dass das Veterinärwesen der Bundeswehr einen nennenswerten, nein, einen wesentlichen Beitrag dazu leistet und so zur Gesundheit von Bundeswehrangehörigen und damit zum Erhalt ihrer Kampfkraft beiträgt.

Food Defence ist ein Aufgabengebiet, in das wir unser Wissen und unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten hervorragend einbringen können, um dazu beizutragen, dass insbesondere im Einsatz nur sichere Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden.

Das Veterinärwesen der Bundeswehr ist gemessen an der Kopfzahl der Offiziere nach dem der USA und Spaniens das drittgrößte in der NATO. Hinsichtlich Lebensmittelhygiene und Laborkapazitäten und der qualitativ anspruchsvollen Ausbildung von Spezialdiensthunden sind wir sicher in der Lage, im Rahmen des Frame Work Nation Konzeptes die Funktion der Anlehnnation in Europa wahrzunehmen.

WM: Herr Oberstveterinär, wir bedanken uns für Ihre Ausführungen und wünschen Ihnen und dem Veterinärwesen der Bundeswehr alles Gute für die Zukunft. 


Datum: 10.01.2018

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2017