Artikel: Jana Nele Arnold¹,², Nils Gundlach³, Irina Böckelmann², Stefan -Sammito²,⁴

Randomisierte kontrollierte Kohortenstudie zur Quantitätssteigerung von Impfraten beim Basisimpfschutz von Soldaten der Bundeswehr 

¹Sanitätsunterstützungszentrum Kiel
²Otto-von-Guericke Universität Magdeburg, Bereich Arbeitsmedizin
³Sanitätsversorgungszentrum Rotenburg (Wümme)
⁴Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr

Einleitung 

Impfungen gehören zu den wirksamsten primärpräventiven Maßnahmen der Medizin. Die bei Bundeswehrsoldaten durchzuführenden Impfungen lehnen sich eng an die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) [1] an und wurden durch berufsspezifische Risiken ergänzt. Daher hat gemäß der Zentralvorschrift A1 - 840/8 - 4000 jede Soldatin/jeder Soldat [1]* einen Basisimpfschutz vorzuweisen. Dieser umfasst die Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Polio, Pertussis, Mumps, Masern, Röteln (MMR), Hepatitis A, Hepatitis B und Influenza. Zusätzlich werden die als „Hilfs- und Katastrophenkräfte Inland“ bezeichneten Kräfte der Bundeswehr gegen eine Infek-tion mit dem Frühsommermeningoenzephalitis-Virus (FSME--Virus) geimpft [2]. Die Impfüberwachung erfolgt durch die Disziplinarvorgesetzten, die Dienststellenleitung oder eine durch sie beauftragte Person [3]. Erfahrungen aus dem zivilen Bereich zeigen, dass ein nennenswerter Anteil der 20 - 29-Jährigen keinen vollständigen Impfschutz vorweisen kann (Polio (7 % der Stichprobe ohne ausreichenden Impfschutz), Tetanus (17 %), Diphtherie (20 %) und Hepatitis B (36 %)) [4]. Die internationale wissenschaftliche Literatur zu Impfraten bei Militärangehörigen ist insgesamt als dünn anzusehen, zum Impfstatus von Bundeswehrangehörigen konnten keine öffentlich publizierten Daten gefunden werden. Erfahrungen des truppenärztlichen Alltags zeigen jedoch, dass der „Impfschutz für Hilfs- und Katastrophenkräfte“ bei vielen Soldaten nicht vollständig ist, was zu einer Gefährdung der Einsatz- und Verlegefähigkeit führen kann. Daher sollten in dieser Studie die Raten des „Impfschutz für Hilfs- und Katastrophenkräfte“ sowie der Einfluss von individualisierten Remindern auf das Impfverhalten der Soldaten überprüft werden.Photo Abb. 1: Entwicklung des „Impfschutz für Hilfs- und Katastrophenkräfte“ im Rahmen der Kohortenstudie von März 2016 bis März 2017

Material / Methodik:

Als Studiendesign der vorliegenden Kohortenstudie wurde eine randomisierte kontrollierte 12-monatige (03/2016 - 03/2017) Interventionsstudie mit zwei Gruppen (Interventions- und Kontrollgruppe) und 5 Erhebungszeitpunkten in den Jahren 2016 und 2017 gewählt. Zunächst wurden die bereits durchgeführten Impfungen basierend auf den Impfbüchern der Soldaten des Standorts Rotenburg (Wümme) in einer Microsoft Access®-Datenbank mit abwechselnder Zuteilung zu einer der beiden Gruppen erfasst. Ausschlusskriterium war ein für das Jahr 2016/2017 geplanter Auslandseinsatz. Über den Studienzeitraum wurden alle im Sanitätsversorgungszentrum -(SanVersZ) Rotenburg durchgeführten Impfungen fortlaufend dokumentiert. In Abständen von 3 Monaten erfolgte der Versand von individualisierten Remindern für fehlende Impfungen an die Interventionsgruppe. Die Kontrollgruppe wurde weiter durch die Impfbeauftragten der Einheiten an die notwendigen Impfungen erinnert. Des Weiteren wurde alle 3 Monate der aktuelle Impfstatus der einzelnen Soldaten festgehalten. Soldaten, die während der Studienlaufzeit versetzt wurden oder aus der Bundeswehr ausschieden, wurden nicht betrachtet. Die statistische Analyse wurde mit SPSS™ Version 24 vorgenommen.

Ergebnisse

Photo Abb. 2: Verlauf der Impfraten in der Interventionsgruppe Die Informationen zum Impfschutz von 506 Soldaten wurden erfasst. Nach Abzug der im Verlauf der Studienlaufzeit ausgeschiedenen Probanden (n = 72) verblieben 210 in der Interventions- und 224 in der Kontrollgruppe. Das mittlere Alter der Soldaten lag bei 27,7 ± 6,5 Jahren in der Interventions- beziehungsweise 27,9 ± 6,3 Jahren in der Kontrollgruppe. Hierbei bestanden zwischen den Gruppen keine signifikanten Altersunterschiede (p > .05). Zu Studienbeginn besaßen 26,2 % der Interventions- und 31,3 % der Kontrollgruppe den vollständigen „Impfschutz für Hilfs- und Katastrophenkräfte“, es zeigte sich kein signifikanter Gruppenunterschied (p > .05). Der initiale Impfschutz gegen die einzelnen Krankheiten lag zwischen 50,5 % gegen Influenza und 94,3 % gegen MMR in der Interventions- bzw. 49,1 % gegen Influenza und 97,8 % gegen MMR in der Kontrollgruppe. Die Rate der Soldaten mit vollständigem „Impfschutz für Hilfs- und Katastrophenkräfte“ stieg nach 12 Monaten auf 47,1 % in der Interventions- und 48,2 % in der Kontrollgruppe an (Abbildung 1). Damit kam es nach 12 Monaten in beiden Gruppen zu einer signifikanten Zunahme der Impfrate (p < .001). Auch zu diesem Zeitpunkt bestand kein -signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen (p > .05). Die einzelnen Durchimpfungsraten stiegen auf Werte von 63,3 % gegen Influenza bis 99,1 % gegen MMR in der Interventions- und von 64,7 % gegen Influenza bis 98,2 % gegen MMR in der Kontrollgruppe (Abbildungen 2 und 3).

Diskussion / Fazit

Photo Abb. 3: Verlauf der Impfraten in der Kontrollgruppe (Tetanus- und Diphteriekurve haben einen identischen Verlauf.) Es konnte gezeigt werden, dass bei Soldaten ein erheblicher Impfmangel vorliegt. Nur jeder 4. Soldat besaß den vollständigen „Impfschutz für Hilfs- und Katastrophenkräfte“. Im Rahmen dieser Studie konnte der Mangel signifikant reduziert werden, zum Ende war jeder 2. Soldat ausreichend geimpft.

Der Impfschutz zeigte sich bei MMR am höchsten, was sich dadurch erklären lässt, dass eine einmalige Impfung nach dem 2. Lebensjahr für den lebenslangen Vollschutz ausreichend ist [2]. Besonders ausgeprägt zeigte sich der Mangel bei den Impfungen, die häufig aufgefrischt werden müssen. Hier ist insbesondere die Impfung gegen Influenza auffällig. Des Weiteren ist ein ausgeprägter Mangel bei der Impfung gegen das FSME-Virus festzustellen. Dies beruht möglicherweise darauf, dass FSME in Norddeutschland nicht zu den vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Impfungen zählt [1], sodass die Vollschutzrate beim Eintritt in die Bundeswehr ein niedriges Level aufweist.

Die Verbesserung der Impfraten ging jedoch nicht mit einer Erhöhung der Impfrate im Interventionsarm gegenüber der Kontrollgruppe einher. Es ist anzunehmen, dass durch die Durchführung der Studie die Aufmerksamkeit der Vorgesetzten und der Soldaten beider Gruppen für das Thema erhöht und hierdurch die gezeigte Verbesserung in beiden Studienarmen erreicht wurde. Zwar erfolgte eine initiale Randomisierung, jedoch war eine Kommunikation der Soldaten beider Gruppen untereinander möglich, da die Soldaten alle aus einem Standort entstammten. Dies könnte zu einer Sensibilisierung der Kontrollgruppe geführt haben, wodurch es möglicherweise zu einem Bias in der Datenbasis gekommen ist.

Insgesamt besteht trotz der deutlichen Steigerung der Vollschutzraten weiterhin ein Defizit bei den Impfungen des „Impfschutz für Hilfs- und Katastrophenkräfte“ bis zur Erfüllung der weisungsgemäßen Vorgaben. Dies gilt es in Zukunft weiter zu reduzieren.

Literatur :

  1. Robert-Koch-Institut. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut. Epidemiologisches Bulletin 2017; 34: 333 - 380.
  2. Bundesministerium der Verteidigung: Zentral-
     vorschrift A1 - 840/8 - 4000: Impf- und weitere ausgewählte Prophylaxemaßnahmen für die Bundeswehr – Fachlicher Teil.
  3. Bundesministerium der Verteidigung: Zentralvorschrift A-840/8 - 4000: Impf- und weitere ausgewählte Prophylaxemaßnahmen – Organisatorischer Teil.
  4. Bader HM, Egler P. Initiativen zur Steigerung der Impfbereitschaft in Schleswig-Holstein –Impfschutz bei Erwachsenen in der Arbeitswelt 2003 - Nutzung von arbeitsmedizinischen Routineuntersuchungen zur Erfassung von Impfraten unter Beschäftigten. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 2004; 47: 1204 - 1215.


Leuntnant zur See (SanOA) Jana Nele Arnold
E-Mail: nelearnold@t-online.de


[1]* Im Folgenden wird zur besseren Lesbarkeit nur noch die maskuline Form genutzt, es sind aber immer sowohl Soldaten wie Soldatinnen gemeint.     


Datum: 08.12.2017

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 12/2017