Interview

„Vorreiter eines sinnvollen und ­patienten- wie serviceorientierten ­Sanitätsdienstes“

Interview mit dem Leitenden Apotheker der Bundeswehr, Oberstapotheker Arne Krappitz

Sehr geehrter Herr Oberstapotheker Krappitz, am 10. Juli 2017, exakt 60 Jahre nach der Einführung der Statusgruppe der Sanitätsoffiziere Apotheker in die Bundeswehr, konnten Sie im Moltkesaal des Bundesministeriums der Verteidigung in Bonn auf 60 Jahre Wehrpharmazie zurückblicken.

WM: Welche Ereignisse in dieser Zeit waren aus Ihrer Sicht hierbei besonders prägend für die Wehrpharmazie?


Photo Abb. 2: Leitender Apotheker der Bundeswehr, Oberstapotheker Arne Krappitz (Foto: Beta Verlag) OTAp Krappitz: Die Wehrpharmazie ist kein eigenständiges Organisationselement, sondern ist in den Sanitätsdienst der Bundeswehr und damit in die Streitkräfte insgesamt fest eingebettet und nimmt im Schwerpunkt Unterstützungsaufgaben für den Sanitätsdienst der Bundeswehr an den verschiedensten Stellen wahr. Damit sind die Rahmenbedingungen, die für die Bundeswehr und den Sanitätsdienst gelten, natürlich auch für uns maßgeblich. Das bedeutet, dass insbesondere die politischen Entwicklungen und deren verteidigungspolitische Folgen die Ausprägung unserer wehrpharmazeutischen Fähigkeiten beeinflusst haben. Blicken wir zurück auf die Zeit des Kalten Krieges mit all ihren Herausforderungen z. B. für die Sanitätsmaterial­versorgung. Wir waren damals noch stark in der Fläche präsent und hatten enorme Bevorratungshöhen. Denken Sie daran, dass 8 Hauptdepots mit Außenlagern u. a. auch in den Nachbarländern, zur Verfügung standen, in denen auch in großer Zahl nicht-verfalldatierte Arzneimittel bereit gehalten werden mussten. Dann kamen die Wiedervereinigung unseres deutschen Vaterlandes sowie die ersten Auslandseinsätze in Kambodscha, Kroatien und Bosnien und auf einmal stellten wir fest, dass das in den Reservelazarettgruppen vorgehaltene Material nicht mehr dem Anspruch an eine Militärmedizin genügte, die der neuen Fachlichen Leitlinie mit ihrer geforderten Ergebnisqualität zu entsprechen hatte. Dies hatte zur Folge, dass damals in sehr kurzer Zeit sehr viel modernes Sanitätsmaterial (SanMat) beschafft wurde und das überzählige Material, wie z. B. fast das gesamte SanMat der Nationalen Volksarmee, als sogenannte Länder- und Ausstattungshilfe an viele befreundete Staaten in der Regel unentgeltlich abgegeben wurde. Darüber hinaus wurden mit den containergestützten Modularen Sanitätseinrichtungen (MSE), später mit den zeltgestützten Luftverlegbaren Sanitätseinrichtungen (LSE), zeitgemäße sanitätsdienstliche Behandlungsplattformen für die neuen Einsatzszenarien entwickelt und beschafft. Hieran haben Sanitätsoffiziere Apotheker an vielen Stellen über viele Jahre maßgeblich mitgewirkt, wie ich mich als damaliger Gruppenleiter Rüstung im Sanitätsamt noch gut erinnern kann. Ein weiteres einschneidendes Ereignis ist dann natürlich die Schaffung unseres Zentralen Sanitätsdienstes gewesen, welches u. a. dazu führte, dass die bisher in den verschieden TSK/OrgBer verteilten Bundeswehrapotheken im Schwerpunkt im ZSanDstBw konzentriert wurden. Natürlich mussten damals auch viele Bundeswehrapotheken geschlossen werden. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass auch schon vor dieser Zentralisierung die Arzneimittelversorgung im Inland nach regionalen Gesichtspunkten TSK/OrgBer-­übergreifend durchgeführt worden ist. Insofern war die Wehrpharmazie damals auch ein bisschen ein Vorreiter für einen sinnvollen und patienten- wie serviceorientierten Sanitätsdienst. Bleiben noch die aktuellen Entwicklungen der letzten Jahre mit Stichworten wie „Larger Formations“ oder „Framework Nations Concept“, welche natürlich auch die Weiter­entwicklung der verschiedenen wehrpharmazeutischen Fähigkeiten maßgeblich mit beeinflussen.

WM: Sie sprechen die verschiedenen wehrpharmazeutischen Fähigkeiten an. Sanitätsoffiziere Apotheker sind ja in der Regel approbierte Apotheker und staatlich geprüfte Lebensmittelchemiker und werden daher in ganz unterschiedlichen Bereichen eingesetzt. Zudem gibt es auch für die Apotheker künftig den neuen Verwendungsbereich „Führung und Management Gesundheitsversorgung“. Wie gelingt es da, als Leitender Apotheker der Bundeswehr die notwendige Klammer zu bilden?

OTAp Krappitz: Das ist in der Tat nicht ganz leicht. Ich bin aber ausgesprochen dankbar für die Frage, gibt sie mir doch die Gelegenheit, das breite Tätigkeitsspektrum der Sanitätsoffiziere Apotheker zumindest anzudeuten. Dabei bildet zunächst die Definition der Wehrpharmazie mit ihren Teilbereichen Pharmazie, Lebensmittelchemie und Sanitätsmateriallogistik die notwendige Grundlage für den Einsatz in Bundeswehr- und Bundeswehrkrankenhausapotheken, in den Zentralen Instituten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr (ZInstSanBw) oder in den Überwachungsstellen für öffentlich-rechtliche Aufgaben des Sanitätsdienstes der Bundeswehr (ÜbwStÖffRechtlAufgSanDstBw). Dort findet sich der eigentliche Schwerpunkt der wehrpharmazeutischen Wertschöpfung – und nicht etwa hier im Kommando. Nach meinem Verständnis sorgen die Sanitätsoffiziere Apotheker in den verschiedenen Kommandoebenen sowie auf der Ebene des BMVg dafür, dass die notwendigen fachlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden und somit die Arbeit vor Ort vernünftig erfolgen kann. Darüber hinaus müssen aber auch die personellen, organisatorischen und sonstigen Rahmenbedingungen stimmen und damit kommen wir zu den Bereichen, wo Sanitätsoffiziere Apotheker auch außerhalb ihrer eigentlichen Fachlichkeit eingesetzt werden. Ich begrüße in diesem Zusammenhang das neue Verwendungsaufbaukonzept außerordentlich. Dass diese Kameradinnen und Kameraden jetzt in dem neuen Verwendungsbereich „Führung und Management Gesundheitsversorgung“ auch einen systematischen Verwendungsaufbau und einen zusätzlichen Karrierepfad erhalten, gibt neue Möglichkeiten. Wichtig ist doch in vielen Positionen nicht die Approbation, sondern das Grundverständnis eines Sanitätsoffiziers, eines Heilberuflers. Einige werden diesen neuen Weg bestimmt sehr erfolgreich gehen – da bin ich ganz sicher. Meine Zuständigkeit als Leitender Apotheker der Bundeswehr an der Mitwirkung der Personalentwicklung auch dieser Sanitätsoffiziere Apotheker bleibt hiervon im Übrigen unberührt, so dass der Wehrpharmazie hier auch niemand wirklich „verloren“ geht. Auch eine Rückkehr in den Verwendungsbereich „Wehrpharmazie“ bleibt grundsätzlich möglich. Denken Sie in diesem Zusammenhang aber auch daran, dass es selbstverständlich Dienstposten gibt, z. B. auch hier im Kommando, die mit einer wichtigen Fachaufgabe hinterlegt sind, die aber genauso umfangreiche Führungs- und Managementaufgaben umfassen.

WM: Welche aktuellen Arbeitsschwerpunkte und Projekte gibt es in den verschiedenen Bereichen der Wehrpharmazie und wie werden diese von den aktuellen Entwicklungen auf dem zivilen Sektor beeinflusst?

OTAp Krappitz: Auch für diese Frage bin ich Ihnen dankbar, denn wir sind Heilberufler und müssen uns natürlich am Stand von Wissenschaft und Technik orientieren – und der wird natürlich überwiegend außerhalb der Bundeswehr geprägt. Ich erinnere hier an das Grußwort des Präsidenten der Bundesapothekerkammer auf unserer Festveranstaltung am 10. Juli in Bonn. Maßgebliche Entwicklungen gibt es beispielsweise im Bereich pharmazeutischer Dienstleistungen. Wenn es im Zivilen neue Strategien validen Medikationsmanagements bei Polymedikation gibt, z. B. zur Verbesserung oder Erhöhung der Sicherheit bei Arzneimitteltherapien, dann darf natürlich eine Soldatin oder ein Soldat der Bundeswehr nicht schlechter gestellt sein als ein ziviler Patient draußen. Zur Bear­beitung entsprechender klinisch-pharmazeutischer Fragestellungen, aber auch zur sachgerechten Anwendung von Antiinfektiva im Rahmen des interdisziplinär aufgestellten Antibiotic Steward­ships (ABS), haben wir vor zwei Jahren eine Konsiliargruppe Klinische Pharmazie ins Leben gerufen, die hier überaus erfolgreich tätig ist. In diesem Kontext ist auch das sogenannte Therapeutische Drug Monitoring (TDM) zu nennen, welches der Bestimmung der notwendigen individuellen Arzneimitteldosis für das Erreichen eines optimalen Wirkspiegels – z. B. bei ß-Lactam-Antibiotka – dient und welches bereits in der Bundeswehrkrankenhausapotheke Berlin pilotmäßig etabliert ist. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Weiterentwicklung unserer Arzneimittelherstellung. So dürfen wir gemäß den Vorgaben des Rechnungsprüfungsausschusses des Deutschen Bundestages – ich hatte selbst damals das Vergnügen, bei der entsprechenden Sitzung in Berlin dabei zu sein – künftig nur noch Arzneimittel / Medizinprodukte herstellen, die wehrmedizinisch relevant und am Markt nicht oder nicht sicher verfügbar sind. Dies trifft natürlich nicht mehr auf das allseits bekannte Xylometazolin-Spray oder die Bw-­Sonnencreme zu, aber zu nennen sind hier doch – neben der Eigenproduktion hochwirksamer Mückenschutzmittel mit deutlich besserer Wirksamkeit als zivile Produkte – insbesondere unsere Autoinjektoren. So sind wir derzeit dabei, eine entsprechende Fähigkeit zur Herstellung von Morphinautoinjektoren und Atropinautoinjektoren an unserer einzig verbliebenen Herstellungsstätte im Bundeswehrkrankenhaus Ulm zu etablieren. Dabei setzen wir weitgehend auf marktverfügbare Komponenten, um langwierige Entwicklungen zu vermeiden. Ansonsten sind wir Apotheker der Bundeswehr natürlich eng vernetzt mit denen des zivilen Bereichs. Ich bin z. B. Ende des Jahres regelhaft in einem interdisziplinären Gremium beim Präsidenten der Bundesapothekerkammer, in dem wir uns u. a. mit dem Bereich der Hochschulen sowie der Krankenhausapotheken intensiv abstimmen. 

WM: Das klingt durchaus ambitioniert. Wie gelingt es Ihnen denn, Ihre Sanitätsoffiziere Apotheker fachlich so weiter zu qualifizieren, dass sie den entsprechenden Herausforderungen gewachsen sind?

Photo Abb. 1: Leitender Apotheker der Bundeswehr, Oberstapotheker Arne Krappitz, im Gespräch mit dem Chefredakteur, Flottenarzt Dr. Volker Hartmann, und der Verlegerin, Heike Lange. (Foto: Beta Verlag) OTAp Krappitz: Gezielte Aus-, Fort- und Weiterbildung sind hierfür natürlich essentiell, denn man kann seine Arbeit letzten Endes nur vernünftig absolvieren, wenn man entsprechend qualifiziert ist. Neben den beiden Studiengängen und den entsprechenden militärischen Ausbildungen ist zunächst die dauerhafte fachliche Fortbildung, wie für alle Angehörige der Heilberufe, verpflichtend. Darüber hinaus haben wir aber auch gezielt Lehrgangsformate entwickelt, um unsere Kolleginnen und Kollegen für Ihre speziellen Aufgaben fit zu machen. Beispielhaft möchte ich hier den Lehrgang Arzneimittelherstellung im Einsatz nennen, bei dem wir die Ausbildung an der neuen Mobilen Sauerstofferzeugungs- und –abfüllanlage (MSEA) mit integriert haben und der bereits zweimal sehr erfolgreich im Versorgungs- und Instandsetzungszentrum Sanitätsmaterial Quakenbrück durchgeführt wurde. Er wurde übrigens auch durch die Apothekerkammer Niedersachsen akkreditiert und mit immerhin 70 Fortbildungspunkten bewertet, was auch die Qualität der Ausbildungsinhalte unterstreicht. Die Resonanz war bisher hervorragend. Wir nutzen aber auch zivile Angebote. So schicken wir ausgewählte Sanitätsoffiziere Apotheker zu einem dreiwöchigen Hochwertlehrgang für Medizintechnik an das Zentralinstitut für Medizintechnik der Friedrich-Alexander Universität in Erlangen, um sie für die anspruchsvollen Aufgaben im Zusammenhang mit der Auswahl, Beschaffung und Materialerhaltung moderner Sanitätsgeräte zu schulen. Denken Sie daran, dass wir mittlerweile hochkomplexe diagnostische Geräte wie MRT oder digitale Röntgengeräte beschaffen und diese natürlich auch verstehen müssen, um die Ärzte kompetent zu unterstützen. Darüber hinaus bieten wir die Möglichkeit der Weiterbildung zum Fachapotheker, zum Beispiel für Arzneimittelinformation, Öffentliches Gesundheitswesen oder Klinische Pharmazie. Wer heute Leiter einer Bundeswehr-Krankenhausapotheke werden will, muss die Weiterbildung zum Fachapotheker für Klinische Pharmazie absolviert haben. Für den Bereich unserer Institute haben die Weiterbildung zum Fachapotheker für Pharmazeutische Analytik oder für Toxikologie und Ökologie besondere Bedeutung und darüber hinaus brauchen wir auch Pharmazeutische Technologen für unsere Arzneimittelherstellung in Ulm. Zusätzlich lassen wir ausgewählte Sanitätsoffiziere Apotheker extern an der Wirtschaftsakademie Deutscher Apotheker zum Praktischen Betriebswirt für die Pharmazie ausbilden, um ihre pharmaökonomische Kompetenz für das Management der Sanitätsmaterialversorgung zu stärken.

WM: Herr Oberstapotheker Krappitz, Sie haben am Anfang des Gespräches bereits auf die aktuellen sicherheitspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre hingewiesen und dabei auch das Stichwort „Larger Formations“ schon selbst genannt. Welche Auswirkungen hat das für die Weiter- und Zukunftsentwicklung in Ihrem Bereich und wie wollen Sie den neuen Herausforderungen begegnen?

OTAp Krappitz: Die von Ihnen genannten Entwicklungen erfüllen uns nicht nur mit Sorge, sondern haben in der Tat Auswirkungen auf fast alle Teilbereiche der Wehrpharmazie. Insbesondere die Tatsache, dass die Landes- und Bündnisverteidigung im neuen Weißbuch der Bundesregierung aus dem letzten Jahr wieder als gleichrangige Aufgabe für die Bundeswehr festgeschrieben wurde, hat zur Notwendigkeit einer „Re-Fokussierung“ auf Herausforderungen geführt, wie wir sie aus den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts kennen. Ein ganz wichtiges Thema für uns ist dabei die sachgerechte Bevorratung von Sanitätsmaterial in der erforderlichen Menge. Nachdem die Bevorratungshöhen in den letzten Jahrzehnten erheblich zurückgefahren worden sind– übrigens ähnlich wie im Bereich des zivilen Katastrophenschutzes – gilt es nun, die entsprechenden Vorräte zielgerichtet wieder aufzubauen. Die Notwendigkeit hierzu wird verstärkt durch das weltweit zunehmende Risiko von Lieferengpässen gerade auch bei für uns wichtigen Arzneimitteln, wie z. B. Antibiotika. Aus diesem Grund wird derzeit zusammen mit den fachärztlichen Konsiliargruppen eine Liste essentieller – also wirklich unverzichtbarer – Arzneimittel- und Medizinprodukte erarbeitet, die der Sanitätsmateriallogistik sozusagen als Forderungskatalog für entsprechende Marktanalysen und Bevorratungsentscheidungen und –planungen dienen soll. Auch die Realisierung unserer Rüstungsprojekte „Basisversorgungspunkt Sanitätsmaterial“ und „Unterstützungspunkte Sanitätsdienst“ wird vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen immer dringlicher. Genauso, wie der Sanitätsdienst mitwachsen muss, wenn dies die zu versorgende Truppe tut, muss natürlich auch innerhalb des Sanitätsdienstes bedacht werden, dass es eben nicht reicht, nur die Behandlungs- und Verwundetentransportkapazitäten zu erhöhen, ohne auch im Bereich der (sanitätsmaterial-) logistischen Unterstützungsleistungen nachzusteuern. 

WM: Die Wehrpharmazie besteht – wie erläutert – aus drei Säulen. Dabei scheint uns die Lebensmittelchemie im bisherigen Gespräch etwas zu kurz gekommen zu sein. Spielt sie in der Wehrpharmazie nur eine untergeordnete Rolle?

OTAp Krappitz: Das tut sie natürlich nicht, im Gegenteil. Aber Sie haben Recht, sie steht tatsächlich vermeintlich nicht immer so im Fokus. Das liegt aber auch daran, dass die hier tätigen Sanitätsoffiziere Apotheker, z. B. in den Überwachungsstellen oder Instituten, ihren umfangreichen Untersuchungs- und Überwachungsauftrag sowohl im Inland als auch im Rahmen der Auslandseinsätze tagtäglich geräuscharm, aber mit hoher Professionalität und großer fachlicher Expertise bewältigen. Sie leisten damit zusammen mit den Sanitätsoffizieren der anderen Approbationen multidisziplinär unter dem Dach der „Force Health Protection“ einen ganz wichtigen Beitrag im Rahmen des Gesundheitsschutzes und tragen damit nachhaltig zur personellen Einsatzbereitschaft der Streitkräfte bei. Aktuell sind beispielsweise unsere Sach­verständigen aus den ZInstSanBw sowie der ­ÜbwStÖffRechtlAufgSanDstBw Süd maßgeblich daran beteiligt, die schwierige Situation in Mali hinsichtlich einer ausreichenden Versorgung mit sauberem Trinkwasser und sicheren Lebensmitteln zu lösen. Gerade auch für solche Einsätze, bei denen wir nicht immer dauerhaft mit unseren Sachverständigen sowie mit unseren Laborcontainern vor Ort sind, entwickeln wir zurzeit neue hochmobile Analytikausstattungen. Als Schlagwort darf ich Ihnen hier „lab in a box“ nennen und auf den interessanten Beitrag unserer Kolleginnen und Kollegen aus dem Institut in München zu diesem Thema hinweisen. Im Übrigen gehören wir NATO-weit zu den ganz wenigen Nationen, die über die Fähigkeit verfügen, gesundheitlich relevante chemische Bedrohungen aus Trinkwasser und Lebensmitteln auch im Einsatz umfassend nach den NATO ­Guidelines, wie z. B. AMed-P4.9, zeitnah zu erkennen und zu analysieren. Diese Fähigkeit und Expertise können und wollen wir im Rahmen des Framework Nations Concepts als Anlehnnation und als Vorreiter mit einbringen und somit unseren Beitrag zur Food Security auch im internationalen Verbund leisten. 

WM: 60 Jahre Wehrpharmazie bedeuteten für die Sanitätsoffiziere Apotheker nicht nur Höhen, sondern auch schmerzliche Einschnitte. Mit der Übernahme der Aufgaben des Inspizienten Wehrpharmazie bzw. des Leitenden Apothekers der Bundesehr im Jahr 2012 hat die Wehrpharmazie den Generalapotheker verloren. Wie bewerten Sie diese Entscheidung aus heutiger Sicht? Welche Erfahrungen haben Sie in den letzten fünf Jahren mit dieser Veränderung gemacht?

OTAp Krappitz: Ich habe diese Entscheidung nachvollziehen können, aber Sie werden verstehen, dass ich sie nicht gutheißen kann. Insbesondere ist es auch nicht sehr erfreulich, wenn man – sozusagen als Leidtragender – immer wieder auf diese Veränderung angesprochen wird und diese dann erklären und rechtfertigen muss. Sehen Sie, der Spitzendienstgrad Generalapotheker war über 45 Jahre hinweg sichtbares Zeichen der Bedeutung und Wertschätzung der Wehrpharmazie sowohl innerhalb des Sanitätsdienstes als auch in der Außenwirkung gegenüber den Standesorganisationen, den Fachgesellschaften oder der Hochschule und das sowohl national als auch international. Wenn ich beispielsweise in meiner Funktion als Chairman der Technical Commission for Pharmacy des ICMM mit meinem französischem Counterpart – natürlich einem Generalapotheker – konferiere, dann macht es eben doch einen Unterschied, ob man einer von vielen Oberstapothekern oder eben Generalapotheker ist. Streitkräfte sind nun einmal hierarchisch aufgebaut und fehlende Dotierungshöhe kann man auch mit Persönlichkeit und fachlicher Kompetenz nur bis zu einem gewissen Grade ausgleichen. Umso mehr freut es mich natürlich, dass sich unser Inspekteur für eine Wiederanhebung der Dotierung einsetzt und auch die Unterstützung seitens der Spitze unserer Standesorganisationen konnten Sie ja bei der akademischen Feierstunde hautnah miterleben. Vielleicht ergibt sich ja im Zuge des Aufwuchses der Bundeswehr und der Trendwende Personal die Möglichkeit, entsprechende Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Dies wäre auch vor dem Hintergrund der politisch gewollten Attraktivitätssteigerung der einzelnen Laufbahnen ein tolles Signal für mehr als 230 Sanitätsoffiziere Apotheker in der Bundeswehr.

WM: Schließlich noch eine abschließende Frage zur Nachwuchsgewinnung in der Wehrpharmazie: Wie sehen Sie hier Ihren Verantwortungsbereich aufgestellt?

Wir übernehmen pro Jahr sechs bis sieben Apotheker vom Zeitsoldaten in den Status eines Berufssoldaten. Bei etwa vier bis fünf Bewerbungen pro Platz können wir hier wirklich nach dem Prinzip der Bestenauslese verfahren. Ich bin sehr froh, dass wir in den letzten Jahren auch zahlreiche hochqualifizierte Frauen übernehmen konnten und insofern auch den Frauenanteil in der Wehrpharmazie gesteigert haben. Ebenso können wir bei den Sanitätsoffizieranwärterinnen und – anwärtern Apotheker genauso wie bei den Seiteneinsteigern – häufig sehr talentierte Kolleginnen und Kollegen, die unsere Wehrpharmazie mit ihren speziellen Kenntnissen und Fähigkeiten befruchten – eine konstante Bewerberlage auf gutem Niveau beobachten. Ich bin daher hochzufrieden mit der Personallage in meinem Verantwortungsbereich, denn wir sind ein attraktiver Arbeitgeber und gut aufgestellt, um die Herausforderungen der Zukunft aktiv anzugehen.

WM: Herr Oberstapotheker, wir bedanken uns für das informative Gespräch und wünschen Ihnen und der Wehrpharmazie nur das
Beste. 

Datum: 05.11.2017

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 3/2017