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Frauen in der Bundeswehr

Aus dem Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr Koblenz (Leiter: Oberstarzt Prof. Dr. Dr. D. Leyk) und der Forschungsgruppe Leistungsepidemiologie der Deutschen Sporthochschule Köln

Eine Seltenheit sind Frauen in der Bundeswehr schon lange nicht mehr. Die Ausnahme hat sich mit zurzeit etwa 19 400 aktiven Soldatinnen in den Streitkräften zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Bundeswehr entwickelt. Seit 2001 hat sich der Frauenanteil bereits fast verdreifacht. Dieser Anteil soll zukünftig noch weiter ansteigen von aktuell ca. 10 auf 15 Prozent im Truppendienst; im Sanitätsdienst sind 50 Prozent angestrebt [1].

Geschlechtsspezifische Unterschiede sind naturgemäß zu erwarten. Augenscheinlich sind in erster Linie Kraftdifferenzen zwischen Männern und Frauen. Dies u. a. führte zu kritischen Stimmen in der Bundeswehr mit der Befürchtung, dass Soldatinnen körperlich fordernde Situationen nicht hinreichend bewerkstelligen könnten [2]. Die meisten Vorbehalte basieren auf subjektiven Einschätzungen und differenzieren beispielsweise nicht, ob diese Annahme auch beim Vergleich zwischen trainierten Frauen und untrainierten Männern zutrifft, deren Zahl schon seit vielen Jahren steigt [3,4].

Die Evaluierung von Muskelkräften ist ein zentraler Forschungsschwerpunkt der Koblenzer Ressortforschungseinrichtung: Mittels anthropometrischen Kraftmessungen wurden die Charakteristika bei über 10 000 Probanden ausführlich dokumentiert. Die Relevanz der Thematik Kraft wird in der Tätigkeitsanalyse nahezu jedes Soldaten bzw. jeder Soldatin deutlich: Verwundete bergen, Fortbewegung unter militärtypischen Einsatzbedingungen mit Schutzweste und Zusatzlasten und die Halte-/ und Tragearbeit von Lasten sind zentrale Kernkompetenzen, die in erster Linie Kraft benötigen.

Beschränkte sich die epidemiologische Forschung der letzten Jahre auf die Erfassung der Unterschiede, so gewinnen aktuell deren Auswirkungen im militärischen Alltag und Einsatz weiter an Gewicht. Ziel dieses Artikels ist die Darstellung geschlechtsspezifischer physiologischer Unterschiede und der körperlichen Leistungsfähigkeit. Abschließend werden Aspekte der Krafttrainierbarkeit und Verletzungsrisiken diskutiert.

Herausforderungen

„Der Auftrag der Soldatinnen und Soldaten im Einsatz wird auf absehbare Zeit facettenreich bleiben: Er kann von Training und Ausbildung über humanitäre Hilfe für Menschen in Not bis zur Anwendung militärischer Gewalt reichen. Daneben kann es auch erforderlich sein, die Bundeswehr stärker als bisher im Rahmen gesamtstaatlicher Sicherheitsvorsorge, zum Heimatschutz oder zur Amtshilfe einzusetzen. Diese Anforderungen machen es notwendig, die Bundeswehr zur Wirkung im gesamten Einsatzspektrum zu befähigen und einsatzbereit zu halten“ [5].

Dieses vielfältige Auftragsspektrum der Soldatinnen und Soldaten – definiert im Weißbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr 2016 – verlangt eine umfassende personelle Einsetzbarkeit. Gleichzeitig führt dies zu dem generellen Anspruch an jede Soldatin und jeden Soldaten, dass ein Mindestmaß kraftspezifischer soldatischer Grundfertigkeiten erfüllt werden kann. Wovon ist dieser Anspruch abhängig?

Geschlechtsspezifische Unterschiede

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Die meisten körperlichen Leistungsdifferenzen zwischen Männern und Frauen lassen sich auf den unterschiedlichen Körperbau und die Körperzusammensetzung zurückführen [6-8]. Frauen sind im Allgemeinen kleiner und leichter als Männer, haben einen höheren absoluten und relativen Körperfettanteil (Tab. 1), besitzen eher schmale Schultergürtel und breite Becken, einen längeren Rumpf und kürzere Extremitäten [9-12]. Männer verfügen nicht nur über mehr Muskulatur, auch die Verteilung differiert: Im Oberkörperbereich haben Männer etwa 40 %, in den unteren Extremitäten ca. 33 % mehr Muskelmasse als Frauen. Zudem besitzen Männern im Verhältnis mehr kraftrelevante Typ II Muskelfasern und der Muskelfaserquerschnitt (Typ I wie auch Typ II Muskelfasern) ist insgesamt größer [13-16].

Unterschiede im respiratorischen und kardiovaskulären System ergeben sich aus durchschnittlich kleineren Herz- und Lungenvolumina bei Frauen. Geringeres Schlagvolumen und Ejektionsfraktion führen zu einer geringeren maximalen Herzleistung [17,18]. Der Sauerstofftransport ist mit durchschnittlich 10 bis 16 % niedrigeren Hämoglobinwerten vermindert [19]. Die Kombination dieser Faktoren hat Auswirkung auf die Ausdauerleistungsfähigkeit. Die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) gibt indirekt Aufschluss über die Ausdauerleistungsfähigkeit und ist entsprechend bei Frauen durchschnittlich um 15 bis 30 % erniedrigt [20]. Diese Leistungsdifferenz kann durch Training deutlich verringert werden: Trainierte Frauen erreichen hierdurch Werte von männlichen Kollektiven [21].

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Die genannten geschlechtsspezifischen physiologischen Unterschiede und besonders die offenkundigen Kraftdifferenzen zwischen den Geschlechtern entstehen unter anderem durch den höheren männlichen Testosteron-Plasmaspiegel, was zum Beispiel die bei Männern deutlich bessere Ansprechbarkeit auf Kraftreize (= Trainierbarkeit) erklärt [8,9].

Physische Fitness

Einen repräsentativen Aufschluss über die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit liefert der Basis-Fitness-Test (BFT) mit drei einfachen sportmotorischen Tests (11 x 10 m-Sprinttest, Klimmhang, 1 000 m-Lauf). Die BFT-Daten der Kollektive „normale Männer“ und „trainierte Frauen“ sind in Tabelle 2 aufgelistet. Hierbei wird die Relevanz des körperlichen Trainings deutlich:

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Das Kollektiv „trainierte Frauen“ ist in jeder BFT-Disziplin signifikant besser als das männliche Normalkollektiv (p < 0,001). Ausdauerleistungen werden stärker durch Training und individuelles Potenzial als durch das Geschlecht bestimmt [7].  Analog sind geschlechtshomogene BFT-Leistungsunterschiede größer als die Leistungsdifferenz zwischen trainierten Frauen und trainierten Männern.

Die beträchtlichen Kraftunterschiede zwischen Frauen und Männern zeigen die Maximalkraftmessungen von Armbeugern, Beinstreckern, Greifkraft, Rumpfbeuger und -strecker:

Junge Frauen erreichen durchschnittlich nur etwa 50 - 70 % der Maximalkräfte der Männer. Selbst das Kollektiv „krafttrainierte Frauen“ („Top-Frauen“) liegt bei allen getesteten Muskelgruppen durchweg unter den entsprechenden Werten der durchschnittlichen Männer (p < 0,001; Tab. 3).

Kraft-Trainierbarkeit

Nichtsdestotrotz ist die Maximalkraft effektiv trainierbar: Innerhalb eines 3-monatigen Trainingszeitraums lässt sich etwa die Anzahl von Frauen, die mehr als drei Klimmzüge ausführen können, um 30 % steigern [22]. Letztendlich ist die Muskelkraft nur ein Mittel zum Zweck: der Bewältigung – häufig lastenabhängiger – militärischer Aufgaben. Nach einem 6-monatigen Krafttrainingsprogramm mit jungen Studentinnen wurde die Leistungsfähigkeit auch bei militärtypischen Tätigkeiten deutlich gesteigert. Insbesondere im wichtigen Bereich des Lastentragens konnte die Leistungsdifferenz zu untrainierten Männern vollständig aufgeholt werden. Auch die Leistungen im wiederholten Heben von Lasten (20,45 kg, 1,32 m) wiesen nach der Trainingsintervention keinen signifikanten Unterschied mehr zum Männerkollektiv auf. Bemerkenswerterweise wurde während des gesamten 6-monatigen Trainingszeitraums keine Plateauphase erreicht, so dass bei intensivem Training weitere Kraftzuwächse zu erwarten sind  [23].

Leistungssteigerungen sind bei hochqualitativen Trainingsinterventionen unter Anleitung bereits nach kurzen Zeiträumen zu beobachten:  Die Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining führt nach acht Wochen bei Soldatinnen zu relevanten Verbesserungen der soldatischen Leistungsfähigkeit in den kritischen Bereichen Heben und Tragen [24]. Als essentiell stellt sich bei diesen Beobachtungen jeweils das Krafttraining des Oberkörpers heraus. Unmittelbare gesundheitliche Relevanz fällt der Muskelkraft zudem durch die Verbindung mit Überlastungsverletzungen zu.

Verletzungsrisiken

Um die Belastungen und Verletzungsrisiken für Frauen richtig einschätzen zu können, sind die militärtypischen Rahmenbedingungen zu betrachten und damit rückt zwangsläufig die „Kraft-Last-Problematik“ in den Vordergrund: Im Gegensatz zum Sport oder vielen anderen beruflichen Bereichen müssen Soldaten in der Ausbildung und im Einsatz u. a. einen Feldanzug, Helm und ballistische Schutzweste tragen, was allein schon eine Gewichtslast von rund 20 kg bedeutet. Beim Einsatz als beweglicher Arzttrupp beispielsweise beträgt die Zuladung bis zu 40 kg. Kombiniert mit ungünstigen Bewegungen wie gebücktes Gehen, dynamischen Handlungen im Gelände unter Zeitdruck oder beim Retten von Personen führt dies zwangsläufig zu einer hohen Beanspruchung des muskuloskelettalen Systems [25-28]. Orr et al. [29] konnten in einer Studie mit 1 954 verletzten Soldaten der Australian Defence Force knapp 21 % der Verletzungen auf Lastenhandhabung zurückführen. Für die körperliche Überforderung von Soldatinnen spricht das höhere Verletzungsrisiko (1,8 bis über 15-fach) im Bereich des Muskel-Skelett-Systems [30-34]. Das weibliche Geschlecht wurde in diesem Zusammenhang sogar als eigenständiger Risikofaktor für die Entstehung von Überlastungsschäden genannt [35-37]. Auch am Beispiel Marsch lässt sich die höhere Überlastungsgefahr von Soldatinnen gut darstellen. Eine Studie mit US Navy-Rekruten zeigt das erheblich größere Risiko für Frauen:  Die Diagnosehäufigkeit von Hüftfrakturen lag bei Soldatinnen im Verhältnis von 1:376, bei Soldaten lediglich bei 1:40 000 [36]. Dabei besteht ein enger Zusammenhang zwischen Muskelkraft und Verletzungsrisiko. Rekruten der U.S. Army wurden im Zeitraum des Basic Trainings – was dem deutschen Pendant der Grundausbildung entspricht –  hinsichtlich Verletzungsprävalenz beobachtet. Während Verletzungen bei weiblichen Rekruten mit der geringsten Anzahl erbrachter Liegestütz zu 57 % innerhalb des acht-wöchigen Basic Trainings auftraten, so waren es im höchsten Leistungsquartil nur 38 %. Bei den männlichen Rekruten sank die Verletzungsgefahr gleichförmig von 33 % auf 14 % [38].

Der gleiche Zusammenhang zwischen Trainingszustand und Verletzungsrisiko gilt auch für aerobe Fitness (1-Meile laufen); schnellere Rundenzeiten gingen mit einem geringeren Verletzungsrisiko einher. Unter Berücksichtigung von Fitnessindikatoren mittels Regressionsanalyseverfahren gleicht sich das relative Verletzungsrisiko von Männern und Frauen jedoch nahezu an. Als signifikanter relevanter Risikofaktor verbleibt lediglich der körperliche Fitnesszustand [39].

Zusammenfassend gilt, dass ein hohes Kraft- und Fitnessniveau kritischen Belastungen auf die muskuloskelettalen Strukturen entgegenwirkt. Das Ergebnis sind sinkende Verletzungsraten.

Die Verringerung von Verletzungsrisiken, die Steigerung der militärischen Leistungsfähigkeit und Gesundheitsförderung sind sich ergänzende Präventionskomponenten. Im vorbeugenden Gesundheitsschutz gibt es eine Vielzahl von Fragestellungen, die im militärischen Kontext bisher noch nicht hinreichend beantwortet sind. Dazu gehören u. a. Fragen zur Trainingsgestaltung:

•Wie ist der Dienstsport für Soldatinnen optimal auf die Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit und Verbesserung der Maximalkraft auszurichten?

•Welches Training hilft am besten Verletzungen bei typischen militärischen Belastungen (wie zum Beispiel beim Marsch) zu vermeiden?

Fazit – Integration von Frauen in die Bundeswehr unter dem Aspekt körperlicher Leistungsfähigkeit und Prävention

Trotz geschlechtsspezifischer physiologischer Unterschiede erbringen trainierte Soldatinnen bessere Ausdauerleistungen als männliche Normalkollektive. Auch die Trainierbarkeit der Kraft birgt erhebliches Potenzial: Die in diesem Artikel beschriebenen möglichen Kraftzuwächse bei Frauen und die damit einhergehenden Leistungszuwächse bei der militärischen Aufgabenbewältigung sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration von Soldatinnen unter dem Aspekt der körperlichen Leistungsfähigkeit. Die dargestellten Ergebnisse verdeutlichen die essenzielle Bedeutung eines angepassten Trainings für Soldatinnen. Speziell das Krafttraining des Oberkörpers ist dabei unabdingbar.

Insbesondere im Hinblick auf männliche Rekruten mit geringer körperlicher Leistungsfähigkeit ist jedoch nicht das Geschlecht der entscheidende Faktor für die Bewältigung von absoluten Leistungshürden, sondern der Trainingszustand im Allgemeinen. Geschlechtsunabhängig und somit auch für Männer gilt: Je niedriger die körperliche Leistungsfähigkeit, desto höher das Verletzungsrisiko. Aufgrund der Fürsorgepflicht rückt das Themenfeld Kraft und Training in das Sichtfeld jedes militärischen Vorgesetzten. Es ist zu fragen, ob der bisherige in der Breite durchgeführte Dienstsport diesen präventivmedizinischen Ansprüchen suffizient und zeitgemäß gerecht wird. In der jetzigen Form werden geschlechtsspezifische Unterschiede vernachlässigt und die „Kraft-Last-Problematik“ nicht gelöst. Die leistungsphysiologische Evaluation eines Konzepts für funktionelle Fitness – vor allem mit dem Schwerpunkt geschlechts- und muskelgruppenspezifischen Trainings – ist infolgedessen zwingend erforderlich. Der große Nachholbedarf von gezieltem Training wie auch ergonomischen Anpassungen ergibt sich z. B. auch aus den häufig unzureichenden Schießleistungen von Soldatinnen, die vor allem auf zu hohe Waffenabzugskräfte zurückzuführen sind.

Das künftige Institut für Präventionsmedizin der Bundeswehr mit den Kompetenzbereichen körperliche Leistungsfähigkeit und vorbeugenden Gesundheitsschutz kann die Chance zur nachhaltigen Förderung und Integration von Frauen in die Bundeswehr verbessern. z

 

Literatur beim Verfasser.

Anschrift des Verfassers:
Oberstabsarzt Dr. Kai Nestler
Zentrales Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr Koblenz
Laborabteilung IV
Andernacher Str. 100
56070 Koblenz

E-Mail: kainestler@bundeswehr.org

Dienstlicher Werdegang

  • 2006 - 2012: Studium der Humanmedizin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
  • 2013 - 2015: Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz - Klinik für diagnostische und interventionelle Radiologie
  • 2015 - 2016: Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr Abteilung C

Derzeitige Verwendung

  • Zentrales Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr Koblenz Laborabteilung IV Wehrmedizinische Ergonomie und Leistungsphysiologie-

Datum: 18.01.2017

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2016/4