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Preußens Sanitätsdienst in den Einigungskriegen

Zusammenfassung
Der Sanitätsdienst der Preußischen Armee veranschaulicht Gneisenaus Diktum, dass Preußen sich bei seiner Erneuerung auf die Waffen und die Wissenschaft (und die Verfassung) stützen müsse. Mit der fortlaufenden Armeevermehrung in den 1860er Jahren wurde der Sanitätsdienst zielgerichtet und systematisch verbessert.

Indem er die militärischen Erfolge in den drei Einigungskriegen stützte, gewann er historische Bedeutung für die Reichsgründung.

Schlüsselwörter: Preußische Armee, Sanitätsdienst, Einigungskriege

Key words: Prussian army, medical services, German unification wars

Hintergrund

Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt lag Preußen darnieder. Auch Friedrich Wilhelm III sah die Notwendigkeit, das Königreich neu zu sortieren. Die Photo Abb. 1: Preußischer Krankenwagen bei Düppel (Bildquelle: BArch, Bild 183-S46274, Zeichnung von Otto Günther) Federführung lag bei dem Freiherrn vom Stein und nach ihm beim Fürsten Hardenberg. Für die Leitlinien der Politik verantwortlich, trieben sie die staatliche Neuordnung, die Verwaltungsreformen und die Veränderungen in Agrarverfassung und Gewerbeordnung voran. Hinzu kamen die damit verknüpften Militärreformen von Scharnhorst, Gneisenau und Boyen sowie die Reformen im Bildungswesen. Preußen musste sich auf „den dreifachen Primat der Waffen, der Wissenschaft und der Verfassung“ gründen (Gneisenau).

Nach dem Wiener Kongress reichte der Deutsche Bund von Pommern bis zur Adria, von Luxemburg bis Krakau. Geführt wurde er vom Kaiserreich Österreich. Dessen natürlicher Gegenspieler war das Königreich Preußen mit Wesel und Trier im Westen und Königsberg und Kattowitz im Osten. Dazwischen drängten sich das Königreich Hannover und das Kurfürstentum Hessen. Dass die Reform trotzdem gelang, schuf die Grundlage für Bismarcks Einigungskriege. Die ständige Erweiterung der Armee ging mit einer systematischen Verbesserung des Sanitätsdienstes einher. Ihre Bedeutung für die militärischen Erfolge und damit für die Reichsgründung ist vergessen. Allein Peter Kolmsee – bis 1990 Historiker an der Militärmedizinischen Sektion der Universität Greifswald – hat 1997 in einer enzyklopädischen Übersicht über das Militärsanitätswesen die Entwicklung des preußischen Sanitätsdienstes dargestellt. Das Buch ist leider nur noch in wenigen Bibliotheken verfügbar.

Sanitätsdienst der Preußischen Armee

Helmuth von Moltke strukturierte den Generalstab neu. Ermöglicht werden sollten schnelle Manöver von Kräftegruppierungen mit dem Ziel, durch getrennt marschierende Armeen den Gegner unter Ausnutzung des Überraschungsmoments zum Kampf zu stellen und seine Hauptkräfte in einer Entscheidungsschlacht zu zerschlagen. Die Planung und die Feldführung des Militärsanitätswesens waren entsprechend zu gestalten. Wie alle europäischen Staaten hatte Preußen im Krimkrieg (1853  - 1856) viel gelernt und die Bedeutung sanitätsdienstlicher Kapazitäten erkannt. 1860 machte sich eine Expertenkommission an die Arbeit. Der Generalstabsarzt Heinrich Gottfried Grimm, Bernhard von Langenbeck (der schon damals weltberühmte Chirurgie-Ordinarius an der Charité) und der Generalarzt -Friedrich Loeffler nahmen den Aufbau des preußischen Sanitätsdienstes in Angriff. Gegen Albrecht von Roons Ablehnung fanden sie Hilfe bei Königin Augusta.

Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, die Frau von Wilhelm I., gründete 1866 den Vaterländischen Frauenverein, der sich um verwundete und erkranktePhoto Abb. 2: Schlacht von Langensalza (27.6.1866), Feldlazarett in Kirchheilingen mit Dorfbewohnern (Bildquelle: BArch Bild 146-1972-022-66; Fotograf: C. Bregazzi) Soldaten kümmerte. Sie war gegen Bismarcks Einigungskriege und wollte die Einigung Deutschlands unter preußischer Vorherrschaft durch „moralische Eroberungen“ erreichen, nicht durch Blutvergießen. Die Kaiserin-Augusta-Stiftung wurde 1872 „als ein Heim zur Erziehung hilfsbedürftiger Töchter von auf dem Felde der Ehre gebliebenen oder infolge des Krieges von 1870/71 gestorbenen deutschen Offizieren, Militärbeamten, Geistlichen und Ärzten“ gegründet.

In Anlehnung an Moltkes Vorgaben ging es darum, ein Sanitätskorps zu formieren und die Grundlagen eines modernen Feldsanitätswesens zu schaffen. Als erstes Ergebnis der Kommissionsarbeit wurde das „Reglement über den Dienst der Krankenpflege im Felde vom 17.4.1863“ vorgelegt. Demnach lag der Schwerpunkt der Verwundetenversorgung auf Korpsebene – für Moltke die zentrale taktische Ebene. Jedes Armeekorps erhielt 2 leichte Divisionslazarette (200 Betten) und 3 schwere Korps-Feldlazarette (400 Betten). [1, S. 115] Noch nicht berücksichtigt waren die guten Erfahrungen mit

• der Eisenbahn bei der „Krankenzerstreuung“ (Krim, Italienische Unabhängigkeitskriege, Sezessionskrieg),

• den freiwilligen Hilfsorganisationen und

• dem Einsatz ausgebildeter Krankenschwestern.

Die Kommissionsarbeit zog sich über die Einigungskriege bis 1873 hin. [1, S. 116]

Deutsch-Dänischer Krieg (1.2. - 30.10.1864)

Im Deutsch-Dänischen Krieg fielen 422 preußische Soldaten. 2021 wurden verwundet. Allein der entscheidende Sturm auf die Düppeler Schanzen im April Photo Abb. 3: Schlacht von Langensalza (27.6.1866), Lazarett in Heynemanns Caféhaus in Langensalza (Bildquelle: BArch Bild 146-1972-022-62, Fotograf: C. Bregazzi) 1864 forderte 306 Gefallene.

Die 1 474 Verwundeten wurden in kurzer Zeit in gut vorbereitete Lazarette verbracht. 13mal mehr preußische Soldaten (26 717) erkrankten an Infektionen, denen 280 Mann (1,1 %) erlagen. Es gab vereinzelt Typhus abdominalis, aber keine Epidemie. Die meisten Erkrankungen resultierten aus unzureichender Bekleidung und Mängeln in der Truppenhygiene. Bei Düppel hatten 97,3 % der Verwundeten Schussverletzungen erlitten.

Unmittelbar nach dem Krieg wurden die Genfer Konventionen unterschrieben, für Preußen von Friedrich Loeffler.[2] Er sah in ihnen einen „Triumph der Humanität.“

Deutscher Krieg (23.6. - 3.10.1866)

Der Deutsche Krieg brachte eine ernste Prüfung von Preußens noch unfertigem Militärsanitätswesen.

Nach Moltkes Feldzugsplan – getrennt marschieren, vereint schlagen – stießen Mitte Juni 1866 drei Armeen mit 254 000 Mann über die sächsische und böhmische Grenze auf den Zielpunkt Gitschin vor. In der Nähe von König-grätz (bei dem Dorf Sadowa) trafen sie auf die österreichischen Hauptkräfte. Am 3. Juli kam es zur entscheidenden Schlacht. Nach einem Artillerieduell mit mehr als 350 Geschützen konnten Teile der österreichischen Truppen sich aus der drohenden Umklammerung lösen und der vollständigen Vernichtung entgehen. Am Abend betrugen die Verluste sowie 5 735 tote und 8 440 verwundete Österreicher sowie 1 900 tote und 6 800 verwundete Preußen.

Während der Mobilmachung (3. - 12. Mai) konzentrierte sich der Generalstabsarzt mit seinem kleinen Stab auf die Vorbereitung des Sanitätsdienstes der Armeekorps. Sie erhielten eine neue Feldlazarettausrüstung. Eine Instruktion über die Evakuierung der Feldlazarette vom 22.5.1866 bestimmte den Einsatz der bereits mobilgemachten leichten (Divisions-) und der schweren (Korps-)Feldlazarette. Die Korpslazarette sollten nach ihrem ersten Einsatz am Ort bleiben, bis die Verwundeten in „stehende Kriegslazarette“ im grenznahen Raum und von dort in „Reservepflege- und Heilanstalten“ des Heimatgebiets abtransportiert waren. Dieser Abtransport wurde nicht zielgerichtet vorbereitet. Als bei Königgrätz die schweren Feldlazarette gebraucht wurden, waren sie nicht zur Stelle. Nur die fahrenden Abteilungen der Divisionslazarette waren rechtzeitig auf dem Schlachtfeld. [1, S. 117]

Ihre Chefärzte organisierten sofort den Einsatz der Kräfte der Krankenträgerkompanie und den Aufbau der Divisionsverbandsplätze. Auch mit den Depots der Lazarette reichten sie bald nicht mehr hin, den großen Strom der Verwundeten aufzunehmen. Tausende Verwundete, meist Österreicher, verblieben zum Teil mehrere Tage ohne Hilfe auf dem Schlachtfeld. Der Kampf gegen Hunger und Durst der Verwundeten und deren unverzügliche Sichtung (Triage) wurden in den folgenden Tagen zur Hauptaufgabe. Die Leichtverwundeten konnten nur behelfsmäßig verbunden und bis zum Abmarsch in Scheunen untergebracht werden. Viele Verwundete starben trotz aufopferungsvoller Arbeit der Ärzte und ihrer Helfer an Entkräftung oder Wundinfektionen.

In den fünffach überbelegten Lazaretten war die Führung von Krankenjournalen kaum möglich. Genaue Angaben über die Sterblichkeit der Verwundeten (insgesamt bei 10,6 %) konnten nur dort ermittelt werden, wo die Verwundeten länger im selben Lazarett blieben. Von den 819 Verwundeten in Königinhof (Dvůr Králové nad Labem) starben 305, gut 37 %. 31 von 59 Amputationen verliefen letal. Im Lazarett Nechanitz (Nechanice) mit seinen schlechten räumlichen Bedingungen starben 139 von 392 Verwundeten, davon 87 an Pyämie. Die Hygienemängel hätten auch Gesunden geschadet (E. v. Bergmann). Im Kriegsministerium musste man erkennen, dass eine einheitliche Feldführung des Militärsanitätswesens fehlte. Zwischen den verschiedenen Ressorts, die für die Vorbereitung des Lazarettwesens und der Medikamentenversorgung und für den Abtransport Verwundeter in die Heimat verantwortlich waren, war die Koordinierung mangelhaft. Die leitenden Ärzte der Armeen, Korps und Divisionen konnten die Feldzugsidee nur zum Teil in vorausdenkende Entschlüsse und zielgerichtete Maßnahmen umsetzen.

Jede Armee erhielt im Mai ein Lazarettdepot für Arznei- und Verbandmittel. Infolge des schnellen Vormarsches der Armeen in Böhmen konnten die Depots ihre Aufgaben nicht erfüllen. Um den Bedarf der Lazarette bei Königgrätz abzudecken, wurde am 4. Juli von Berlin aus ein Depot-Eilzug abgesandt. Er versorgte von Pardubitz aus, bis ein Zwischendepot von Turnau aus alle Armeen beliefern konnte.

Völlig unzureichend wurde vor Feldzugsbeginn der Abtransport Verwundeter und Kranker mit der Eisenbahn überdacht. Österreich verfügte seit 1859 über speziell vorbereitete Sanitätszüge. In Preußen hielt man Leerzüge des allgemeinen Transports, die vor Ort mit Strohschütten und Decken ausgerüstet werden sollten, für ausreichend, um auf der Rückfahrt dem Verwundetentransport zu dienen. Manche der Verwundeten und Kranken starben während des Transports, bevor man sie in Dresden als erster Hinterland-Lazarettstation aus den teilweise offenen Loren barg.

Selbst an Banalitäten scheiterte die Realisierung sinnvoller Festlegungen. Laut Weisung des Generalstabsarztes sollten alle Ärzte mit einheitlichen Wundtafelformularen ausgestattet werden. In sie waren einzutragen die Personalien, Zeitpunkt und Art der Verwundung, die eingeleitete Behandlung und die zutreffende Stufe des Abtransports (I - III). Diese ausgezeichnete Organisationshilfe kam erst am 23. Juli, das heißt 20 Tage nach Königgrätz und drei Tage vor Friedensschluss, zur Auslieferung.

Das Kriegsende wurde nicht nur durch die Schlacht bei Königgrätz, sondern auch durch eine europäische Choleraepidemie erreicht. An ihr erkrankten 12 000 preußische Soldaten. 120 000 Bürger Preußens und 110 000 Bürger Österreichs wurden Opfer der Epidemie. Im Krieg mussten sich 64 181 Erkrankte in ärztliche Behandlung begeben. Das waren 4,6mal so viele wie Verwundete. 5 219 (8,1 %), vielleicht auch 6 427 starben in den Lazaretten. Die Verluste durch Krankheiten spielten in den Kriegsberichten zwar nur eine marginale Rolle; aber der preußische Kriegsminister handelte sofort, als die Choleraepidemie Mitte Juli 1866 die Truppe erfasste. Er verfügte eine achttägige Quarantäne über alle betroffenen Orte und Truppenteile und die strenge Einhaltung hygienischer Maßnahmen. [1, S. 119]

Organisation des Sanitätskorps

Um einige Mitglieder erweitert, trat die frühere Reorganisationskommission vom 18. März bis zum 5. Mai 1867 als Militär-Sanitäts-Konferenz in Berlin Photo Abb. 4: Krankenbaracke bei Straßburg, Krieg 1870/71 (Bildquelle: BArch, Bild 183-1982-0415-501, Fotograf unbekannt) erneut zusammen. Sie stellte fest, dass die Idee eines in sich geschlossenen Maßnahmenkomplexes zur Verwundeten- und Krankenversorgung – vom Schlachtfeld bis zum Reservelazarett im Heimatgebiet – sich als richtig erwiesen hatte; allerdings sei sie nur in Ansätzen verwirklicht worden. [1, S. 119]

Am 20. Februar 1868 erging die Allerhöchste Kabinettsorder „Verordnung über die Organisation des Sanitätskorps“. Danach wurden alle im Offiziers- und Unteroffiziersrang stehenden Militärärzte des aktiven Dienstes und des Beurlaubtenstandes der Armee und der Flotte in einem Sanitätskorps vereinigt. [1, S. 119]

Ende April 1869 trat die „Instruktion über das Sanitätswesen der Armee im Felde“ in Kraft. Sie bestätigte die Einführung der Divisionsärzte und unterstellte den Korpsärzten die Sanitätsdetachements und Feldlazarette. Für den Kriegsfall sah sie die Einrichtung von Etappenlazaretten, stehenden Kriegslazaretten und Reservelazaretten vor. [5]

Nach der Allerhöchsten Kabinettsorder vom 2. Juni 1869 wurde das „Zentralkomitee der deutschen Vereine zur Pflege verwundeter und erkrankter Krieger“ geschaffen und ein Königlicher Kommissar und Militär-Inspekteur der freiwilligen Krankenpflege ernannt.

Deutsch-Französischer Krieg (19.7.1870 - 10.5.1871)

Wie von Bismarck mit der Emser Depesche ausgeklügelt, erklärte Napoleon III. am 19. Juli 1870 dem Norddeutschen Bund den Krieg. Die „Süddeutschen“ traten an die Seite der „Norddeutschen“. In den Straßen von Paris erschallte der Ruf „À Berlin“. Emil du Bois-Reymond, der Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität, forderte die akademische Jugend auf, zu den Waffen zu greifen und das „friedensmörderische Volk der Franzosen“ zu bestrafen. Auch andere Ärzte ergriffen Partei. Rudolf Virchow hielt den Krieg gegen den „herrschsüchtigen Nachbarn“ für unvermeidlich: „Wir müssen siegen, um endlich Ruhe zu haben im eigenen Hause.“ Theodor Billroth stellte sich von Wien aus den deutschen Kriegslazaretten zur Verfügung. Viele Hunderte deutscher Ärzte erklärten ihre Bereitschaft zum freiwilligen Dienst in Feld-, Reserve- oder Vereinslazaretten. Die Kampfhandlungen begannen am 2. August 1870 mit einem französischen Vorstoß auf Saarbrücken. Dem folgten für beide Seiten verlustreiche Grenzschlachten. Der Überlegenheit seiner Truppen sicher, hoffte Moltke auf die baldige Entscheidungsschlacht und den Vorstoß auf Paris. Schon in der ersten Augusthälfte erlitt die französische Armee bei Spichern, Wörth, Vionville-Mars-la-Tour und Gravelotte-St. Privat schwere Verluste. Ihre Hauptkräfte wurden in der Festung Metz und die Ersatztruppen unter Napoleon III. in Sedan eingeschlossen und zur Kapitulation gezwungen. Die Ausrufung der Dritten Republik verhinderte ein schnelles Kriegsende. Die deutschen Truppen mussten noch lange Märsche und Belagerungen durchstehen, bis Frankreich am 31. Januar 1871 um Waffenstillstand ersuchte.[1, S. 120]

Logistik, Verwundetenversorgung und Verwundetentransport klappten auf deutscher Seite besser als je zuvor – obwohl die Stärke des Feldheeres mit 937 000 Mann fast die Millionengrenze erreichte und 99 566 Verwundete sowie 480 035 Kranke zu versorgen waren. Geführt wurden die Sanitätsdienste nach den Festlegungen der erwähnten „Instruktion über das Sanitätswesen der Armee im Felde“ vom 29. April 1869. Für die Koordinierung sorgte der Generalstabsarzt der Preußischen Armee. Das betraf auch die Vorbereitung der Mobilmachung, die die Medizinalabteilungen der Kriegsministerien von Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden und Hessen unabhängig voneinander vornahmen. Im Krieg hatten sie sowohl für die personelle und materielle Auffüllung ihrer Sanitätsdienste als auch für den Abtransport und die Betreuung der Verwundeten und Kranken im Heimatgebiet zu sorgen. Dort unterstanden ihnen die Reservelazarette, die wie die Lazarette der Vereine -unter dem Roten Kreuz, den Johannitern, Maltesern und -Albertinern während der Mobilmachung eingerichtet worden -
waren.

Bereits am zehnten Mobilmachungstag waren die mobilen Sanitätsanstalten mit dem Heer abmarschbereit. Sie traten unter die militärische Befehlsgewalt der Armeeoberbefehlshaber und unter die fachliche Leitung der Armeegeneralärzte der jeweiligen Armee. In den Armeekorps und Divisionen hatten die Korps- bzw. Divisionsärzte die fachliche Leitung. In allen mobilen und stationären Sanitätsanstalten waren die Chefärzte die alleinigen Vorgesetzten. Im Hinterland hatten Etappengeneralärzte die volle Weisungsbefugnis für alle Kräfte des Sanitätsdienstes. 

Schon in den ersten Kampftagen bewährte es sich, dass jeder Soldat mit einem Verbandspäckchen und die Lazarettgehilfen der Bataillone mit Arznei- und Bandagenkoppeltaschen sowie mit Bandagentornistern ausgestattet worden waren. [1, S. 121] Das Sanitätspersonal war in der Lage, verwundeten Soldaten auch an vorderster Front zu helfen.

Besondere sanitätsdienstliche Herausforderungen

Krankentransport mit der Eisenbahn

Nach den Grenzschlachten war es allerdings äußerst schwierig, die unerwartet vielen Verwundeten (bei Spichern und Wörth z. B. 11 000) zu versorgen und den Rücktransport geordnet durchzuführen.

In der Feldzugsplanung des deutschen Generalstabs hatte der Eisenbahntransport einen hohen Stellenwert; aber die Medizinalabteilung des preußischen Kriegsministeriums hatte den Abtransport Verwundeter und Kranker schlecht vorbereitet. Zweckmäßige Anweisungen wurden erst im Kriege erarbeitet. In Bayern und Württemberg standen zu Kriegsbeginn einsatzbereite Sanitätszüge bereit. Sie verfügten über Krankenwagen nach dem Durchgangsprinzip, Chefarztwagen mit OP-Teil, Apotheken- und Küchenwagen. Erst im Januar 1871 konnte Preußen neun Sanitätszüge (Typ Esmarch) einsetzen. Bis dahin bewältigten 20 Sanitätszüge der freiwilligen Hilfsorganisationen enorme Transportanforderungen. Sie wurden von erfahrenen Ärzten geleitet, z. B. von Rudolf Virchow. Außerdem mussten viele Behelfszüge eingesetzt werden. Da die Franzosen bei ihrem Rückzug die meisten Eisenbahnlinien zerstörten, machte der Abtransport der Verwundeten bei den verlustreichen Schlachten vor Metz große Schwierigkeiten. An der einzigen intakten Kopfstation Pont-à-Mousson warteten Verwundete tagelang auf den Abtransport. Im September 1870 gelang die Normalisierung des Eisenbahntransports. Bis Kriegsende wurden über 240 000 Verwundete und Kranke mit der Bahn in die Heimat verbracht. Sie kamen in Reserve- und Vereinslazarette, manchmal auch in Baracken- und Zeltgroßlazarette. Der Einsatz vieler Krankenschwestern und Pflegerinnen bewährte sich überall.

Im August 1870 begann die Einrichtung von Kriegs- und Etappenlazaretten. Dadurch konnte der Abtransport von unzureichend versorgten Verwundeten und Leichtkranken unterbunden werden. In der Schlacht von Sedan kamen die Vorzüge der Instruktion vom April 1869 erstmals voll zur Geltung. Die Armeekorps und die württembergische Felddivision manövrierten vorzüglich mit ihren 21 fahrenden Detachements. Diese richteten zügig Hauptverbandsplätze ein und sicherten den Abtransport in die Feldlazarette oder direkt in ein Kriegslazarett. Die Korpsärzte bildeten Reserven (1 Detachement und bis zu 6 Feldlazarette). Durch das Manöver mit den fahrenden Einrichtungen mussten nur 21 der 74 Feldlazarette eingesetzt werden. Die übrigen konnten an ihren bisherigen Arbeitsorten verbleiben. Freigesetzte Feldlazarette wurden zeitweilig zu Seuchenlazaretten umfunktioniert. [1, S. 123]

Die Depotversorgung mit Arzneimitteln und Sanitätsgerät war rechtzeitig vorbereitet worden. Die Anlage von Lazarettreservedepots bewährte sich. Die Bevorratung und der Nachschub von Arzneimitteln und Sanitätsgerät konnten zwischen den Stellvertretenden Korpsapothekern bei den Stellvertretenden Generalkommandos und den Organisationen der freiwilligen Krankenpflege mit Beginn der Mobilmachung einvernehmlich abgestimmt werden. [1, S. 123]

Seuchen

Auch im dritten Einigungskrieg waren die Kriegsseuchen ein großes Problem. Die Armeebefehlshaber und die Armeegeneral-ärzte hatten die Seuchenabwehr unterschätzt. Im August 1870 stießen die deutschen Armeen aus dem Raum Saarbrücken durch Lothringen vor. Typhus und Ruhr waren in diesen Gegenden seit langem endemisch – was den Medizinalabteilungen der Kriegsministerien bekannt war; Vorkehrungen hatten sie aber nicht getroffen. In kurzer Zeit erfassten Epidemien den gesamten Personalbestand. Für Truppenhygiene zu sorgen, war für die Offiziere ein fremder Gedanke. 73 396 Angehörige der deutschen Armeen erkrankten 1870 an Bauchtyphus und 38 652 an Ruhr. Die Ruhrepidemie erreichte im September und die Typhusepidemie im Oktober 1870 ihren Höhepunkt. Sie klangen schon im Folgemonat rasch ab. Die großen Ausfälle hatten bei der vor Metz stehenden 1. Armee empfindliche Auswirkungen auf die Kampfkraft der Truppe. Feldlazarette mussten in Seuchenlazarette umgewandelt oder zusätzlich eingerichtet werden. In einem dieser Lazarette diente Rudolf Koch. Die Kriegserlebnisse hatten wesentlichen Einfluss darauf, dass er sich künftig ganz dem Kampf gegen die Infektionskrankheiten widmete. Die deutschen Armeen vor Metz wurden von Prinz Wilhelm, dem späteren Kaiser, geführt. Die Erinnerung an diese Zeit ließ ihn zum Förderer des Militärsanitätswesens und der Forschungsarbeiten von Koch werden. Das Medicinisch-chirurgische Friedrich-Wilhelm-Institut hieß ab 1895 Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen. Einsatz und Ausbildungsniveau der Ärzte und des Pflegepersonals und die Fortschritte der Medizin ließen die Sterblichkeit aller im Felde Erkrankten (480 000) auf 3,1 % sinken. [1, S. 123]

Damit war die Sterblichkeit um 0,3 % niedriger als in den Friedensgarnisonen. Wissenschaftlich gesicherte Aussagen zur Ätiologie, Diagnostik und Therapie der Infektionskrankheiten standen aus und die hygienische Aufklärung der Truppe war mangelhaft; die Soldaten nahmen aber dankbar jeden Hinweis auf, wie sie ihre persönliche Hygiene und ihr Ernährungsverhalten verbessern konnten. Große Zustimmung fanden bei ihnen die von Virchow verfassten, auf seine Kosten gedruckten und massenhaft ins Feld gesandten „Gesundheitsregeln für Soldaten im Felde“. Allmählich setzte bei Militärärzten und Militärs ein Umdenken in epidemiologischer Aufklärung und Absicherung von Manövern und Feldzugshandlungen ein. 1870/71 überstieg die Zahl der durch Waffenwirkung Gefallenen (28 278) erstmals die Zahl der an Erkrankungen Gestorbenen, nämlich um das 1,9-fache. [1, S. 124]

Sanitätsoffiziere als Hygieniker

Das 19. Jahrhundert brachte große Fortschritte in der Hygiene. Wegmarken sind die Dampfsterilisation (Koch, Pasteur), OP-Handschuhe (Halsted) und die Asepsis (Lister). Trotzdem blieben die Seuchen das größte Problem. An der Spitze der Forschung standen die Ärzte, die aus dem „Medicinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Institut“ hervorgegangen waren. Von 1795 bis 1895 wurden 4 300 Militärärzte an den Bildungsanstalten ausgebildet. In allen Fächern wurden sie an die besten Kliniken Deutschlands kommandiert. Außer der Charité waren das Kaiserliche Gesundheitsamt, das Preußische Institut für Infektionskrankheiten und das Hygiene-Institut der Friedrich--Wilhelms--Universität bevorzugte Ausbildungs- und Verwendungsplätze. Für Adolf Gusserow, Ordinarius für Gynäkologie in Utrecht und seit 1879 Lehrer am Friedrich-Wilhelm-Institut, war „die Ausbildung der preußischen Militärärzte wissenschaftlich und praktisch von keinem der anderen Staaten Europas übertroffen, kaum erreicht“.

Zu den berühmten Bakteriologen gehören Leyden (* 1832), Loeffler (* 1852) und Behring (* 1854). Ernst von Leyden betrieb Sammelforschungen zu Influenza und Tuberkulose. Der von ihm gegründete „Deutsche Zentralverein zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke“ bewirkte einen deutlichen Rückgang der Tuberkulosesterblichkeit. Friedrich Loeffler war am Kaiserlichen Gesundheitsamt Mitarbeiter von Robert Koch. Er identifizierte die Erreger von Rotz und Diphtherie sowie den Virus der Maul- und Klauenseuche. 1913 wurde er Leiter des Robert-Koch-Institutes. Emil Behring erhielt für seine Leistungen den preußischen Adel und den Nobelpreis.

Schlussbemerkung

Für den galizischen Juden Karl Emil Franzos hatte „der herrliche deutsche Geist [in den Einigungskriegen] zu den stolzesten Siegen geführt, von denen die Geschichte berichtet“. Ermöglicht wurden sie durch den Sanitätsdienst, den Preußen seit 1859 systematisch aufgebaut und verbessert hatte. Ohne ihn wäre der deutsche Traum vom Nationalstaat wohl unerfüllt geblieben. An diese vergessene Bedeutung des Sanitätsdienstes soll dieser Beitrag erinnern.

Literatur

  1. Kolmsee P: Unter dem Zeichen des Aeskulap. Eine Einführung in die Geschichte des Militärsanitätswesens von den frühesten Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Beiträge Wehrmedizin und Wehrpharmazie, Bd. 11. Bonn: Beta 1997; 114 - 135.
  2. Showalter D: The wars of German unification. London: Arnold 2004.
  3. Kirsch FP: Berliner Militärärzte im Labor von 1870 - 1895. Dissertation Charité 2009.
  4. Döhler R: Corpsstudenten der Kaiser-Wilhelms-Akademie –Schlachtenlenker am Mikroskop. Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Bd. 62 (2017), in Vorbereitung.
  5. Friedrich Loeffler: Das preußische Militärsanitätswesen und seine Reform nach der Kriegserfahrung von 1866, Bd. 2.

 

Für die Verfasser

Flottenarzt d. R. Prof. Dr. med. Rüdiger Döhler, FRCSEd
Gerichtsberg 24, 19395 Plau am See
E-Mail: doehler@vfcg.eu

[1] Professor Dr. phil. Peter Kolmsee, Oberst der NVA a. D., Erkrath

[2]
Loeffler war der Vater des gleichnamigen Bakteriologen und der Großvater des gleichnamigen Orthopäden.

 

Datum: 24.08.2016

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2016/8