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Zur deutschen Militärpsychiatrie im Ersten Weltkrieg – wurde sie instrumentalisiert?

Der folgende Beitrag setzt sich mit einer Thematik auseinander, die in der Medizingeschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg immer wieder diskutiert wird und sowohl von fachlich-wissenschaftlicher als auch in hohem Maße von gesellschaftlicher und ethischer Bedeutung ist: dem Umgang mit psychisch traumatisierten Soldaten. Zugrunde liegt der Vortrag des Autors im Rahmen des AK Geschichte und Ethik der Wehrmedizin auf dem 45. Kongress der DGWMP in Berlin am 12.09.2014.

1. Zur Ausgangslage der Militärpsychiatrie

Wo stand die deutsche Militärpsychiatrie zu Beginn des Ersten Weltkrieges? Konnte man von einer entwickelten militärmedizinischen Disziplin überhaupt sprechen? Ganz sicher nicht.

Das deutsche militärische Denken war weithin noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lokalisiert, darin eingeschlossen auch das deutsche Sanitätswesen. Photo

Blickt man zurück in diese Zeit, dann wurden zwischen Juli 1870 und Juni 1871 316 Soldaten wegen „Geistesstörung“ in Lazaretten aufgenommen (7, S. 165). Die Zahl der leichteren Fälle oder der in den Gefechten Gefallenen ist hingegen unbekannt. Bemerkenswert ist, dass die Zahl der psychisch Erkrankten durch die Kriege von 1866 und 1870/71 ab 1872 einen erkennbaren Anstieg zeigt, was bereits zu dieser Zeit als Spätfolge gewertet wurde.

Da die meisten Militärärzte damals keine psychiatrische Ausbildung besaßen, begegnet man hier zunächst der Pauschaldiagnose „Geistesstörung“, wie überhaupt alle seinerzeit erhobenen Diagnosen wegen ihrer Unschärfe keine präzisen Schlüsse erlaubten.

Bei jenen 316 Soldaten dominierten 44 Fälle von Melancholie (14 %) (7, S. 164f). Dieser Befund war hauptsächlich auf den zermürbenden Belagerungsdienst vor Paris und den direkten französischen Artilleriebeschuss zurückzuführen (7, S. 167).Man kann hier durchaus von einem beginnenden Massenphänomen sprechen, das nach dem Schweizer Historiker Lengwiler im Sanitätsbericht als „Fatigatio“ (Ermüdung) den Kriegspsychosen zugeordnet wurde. Sie seien „quasi als das Gegenstück zur Kriegshysterie im Ersten Weltkrieg“ anzusehen (7, S. 172).

Wenngleich das Fach Psychiatrie in sehr bescheidenem Umfang ab 1875 zum Bestandteil des Medizinstudiums an der späteren Berliner „Kaiser-Wilhelms-Akademie“ geworden war (14, S. 206-215), fand dieses Fach selbst erst ab 1904 Eingang in das zivile Medizinstudium.

So vermochte sich bis 1914 die deutsche Militärpsychiatrie als solche nicht ausreichend zu etablieren und besaß mithin keinen Vertreter in der Militärverwaltung. Auch die Lazarette verfügten nicht über adäquate militärpsychiatrische Strukturen (7, S. 177f). Diese Entwicklung konnte bestenfalls ein gewisses Expertenwissen hervorbringen. Nach Lutter gab es zwar durchaus mahnende Stimmen, die sich etwa mit der Frage befassten, was „in einem zukünftigen Kriege auf dem Gebiet der Geisteskrankheiten zu erwarten“ wäre (9, S. 55). Doch erst zwei Jahre später, angesichts einer sich abzeichnenden kriegerischen Entwicklung, nahm sich die militärmedizinische Publizistik dieses Themas an (2).

Die ersten militärpsychiatrischen Erfahrungen aus den genannten Kriegen fanden, zumal mit Blick auf die sich abzeichnende militärpolitische Entwicklung, keinen nennenswerten Niederschlag. Der Preis dafür sollte während des Ersten Weltkrieges – vom US-amerikanischen Diplomaten und Historiker George F. Kennan (1904 - 2005) im Jahre 1979 als die „Urkatastrophe des Jahrhunderts“ bezeichnet – leider sehr hoch sein.

Für das Verständnis der militärmedizinischen Folgen dieses Krieges seien an dieser Stelle einige Bemerkungen angebracht.

2. Der Krieg – Planung, Verlauf, Verluste

Der schon 1905 verfasste erste „Plan“ des Chefs des deutschen Großen Generalstabes, Generalfeldmarschall Alfred v. Schlieffen (1833 - 1913), sah einen „Angriffskrieg gegen Frankreich“ durch eine weiträumige Umfassung mit acht Armeen vor. Das erklärte Ziel, den Gegner durch diesen Bewegungskrieg schnell niederzuwerfen, scheiterte bereits kurz nach Beginn der im Juli 1914 ausgebrochenen Kampfhandlungen. Hier und auch an den anderen Fronten entwickelte sich ein zermürbender Stellungskrieg. Dieser dauerte vier Jahre, drei Monate und zehn Tage, erfasste zunächst 28, dann 34 Staaten (einschließlich der Kolonien) mit 67 % der Erdbevölkerung. Über 70 Millionen Soldaten waren im Einsatz, von denen 10 Millionen fielen, darunter 2 Millionen deutsche Soldaten, und über 20 Millionen wurden an Leib und Seele verwundet (1, S. 60 u. 67).

Es war ein von der Militärtechnik bestimmter Krieg, wovon neben einer Vielzahl weiterer Waffenarten insbesondere die erstaunlich hohe Anzahl der zum Einsatz gekommenen artilleristischen Systeme, Panzer und Flugzeuge sowie die über eine Million Maschinengewehre, zeugen (1, S. 67) .

Wir wissen, dass der besagte Stellungskrieg für beide Seiten gewaltige militärische Kraftanstrengungen erforderte und entsprechende Konsequenzen nach sich zog.

Psychologisch bedeutsam war, dass die Soldaten vor und während der Sturmangriffe permanent dem Beschuss durch eine Artillerie mit enormer Feuerkraft ausgesetzt waren. Man bediente sich dabei jener genannten Artillerie, die (wie etwa bei der Vorbereitung von Sturmangriffen) oft fortdauernd zum Einsatz kam. Und damit begegnen wir nun wieder den eingangs angeführten traumatischen Situationen aus dem Krieg von 1870/71, diesmal allerdings in einer weitaus größeren Dimension.

Die Anfang September 1915 begonnene, äußerst verlustreiche Marneschlacht, eine von der Nordsee bis tief in die Vogesen und im Osten bis zum Schwarzen Meer reichende Frontausdehnung, bestimmte den Verlauf des ersten Kriegsjahres.

Im Jahre 1915 kam es zu einem rasch ansteigenden Einsatz der maschinellen Kriegstechnik, neben den sehr oft sich über Tage hinziehenden Artillerievorbereitungen für begrenzte Angriffe. Nach dem Einsatz von Tränengas durch die französische Seite wurde von den deutschen Truppen bei Ypern erstmals Chlorgas als chemisches Kampfmittel eingesetzt. Damit begann ein bis Kriegsende dauernder Gaskrieg.

Im Februar 1916 begann auf einer Frontbreite von nur 15 km und einer Artilleriedichte von 75 Geschützen auf einem Kilometer der dann 10 Monate anhaltende Kampf um Verdun. Diesem Stellungskrieg auf dem engen Raum von 10 bis 30 km Breite und 10 km Tiefe fielen 600 000 deutsche und mehr als 350 000 französische Soldaten zum Opfer.

Auch das Jahr 1917 verlief ähnlich, lediglich Russland schied in der Folge der Revolution aus dem Krieg aus (1, S. 64).

Das Profil der in diesem Kriegsverlauf entstandenen menschlichen Verluste kann dem „Sanitätsbericht für das Deutsche Heer (Feld- und Besatzungsheer) zum Weltkriege 1914/1918“ entnommen werden (13).

Lerner verweist in Bezug auf die dort für die Kriegszeit angeführten 313 399 Fälle von Nervenkrankheiten darauf, dass er etwa 62 %, das sind 194 000 Fälle, der Hysterie, Neurasthenie, Nervenschock und einigen „Subdiagnosen“ zurechnen würde. Aber auch diese Zahlen seien schon allein deshalb ungenau, weil es sich hierbei nur um Lazarettaufnahmen, darunter sicher auch Mehrfachaufnahmen, gehandelt habe. Außerdem dürften Fehldiagnosen das Bild verfälscht haben (8, S. 92).

3. Kontroverse Traumainterpretationen

Durch den besagten Massenanfall sahen sich die darauf nicht vorbereiteten Militärpsychiater veranlasst, die bis dahin bekannten diagnostischen Bewertungen den entstandenen Verhältnissen anzupassen. Der Weg dahin, d.h. zu einer einigermaßen vereinheitlichten Deutung psychiatrisch relevanter Symptome, war indessen von erheblichen Kontroversen innerhalb des Fachgebietes begleitet. Auf den Kontext dieses Entwicklungsprozesses ist daher näher einzugehen.

Hierzu bietet sich ein Vergleich mit zivilen Großschadensereignissen des 19. Jahrhunderts an, wo sich die Unfallfolgen, besonders nach Eisenbahnunglücken, zu häufen begannen. Danach ergaben sich erste, von Gegensätzlichkeiten bestimmte Diskussionen im Hinblick auf deren Bewertungen.

Da sich die affektiven Veränderungen bei den Unfallopfern nicht mit pathologischen Befunden in Einklang bringen ließen, war es zunächst der hoch angesehene Berliner Neurologe Hermann Oppenheim (1857 - 1914), der 1889 den Begriff der traumatischen Neurose prägte (12, S. 28). Er verstand darunter strukturelle Veränderungen in Gehirn, Rückenmark und Nervensystem als Folge motorischer Impulse (11).

Diese mechanistische Betrachtungsweise muss im Zusammenhang mit dem im Juli 1884 verabschiedeten Unfallversicherungsgesetz gesehen werden. Denn nach der Oppenheim´schen Auffassung war damit die Gewährung von Entschädigungen bzw. Renten möglich geworden.

Das war für die Wirtschaft und die öffentliche Hand jedoch mit erheblichen Kosten verbunden und rief alsbald einen von politisch-ökonomischen Interessen geleiteten Widerstand hervor.

Auf dem 10. Internationalen Ärztekongress in Berlin 1890 schlugen sich diese Gegensätzlichkeiten im Zuge des dort ausgetragenen „Simulationsstreites“ nieder und führten dabei zu künftig richtungsweisenden Bewertungen traumatischer Ereignisse. Letztlich siegten mit Robert Gaupp (1870 - 1953), Karl Bonhoeffer (1868-1948) und Max Nonne (1861 - 1951), alle erklärte Gegner Oppenheims, nach denen ein hoher Anteil der nach einem Trauma angegebenen Symptome nur Simulationen sein konnten (12, S. 29). Da sich eine derart stringente Auffassung von der Leichtigkeit des Simulierens aber nicht durchsetzen ließ, tendierten zunehmend mehr Psychiater zu der Annahme „psychologischer und soziologischer Erklärungsmuster“ (ebd.).

Die Etikettierung der Traumaneurotiker als „Simulanten“ oder „Minderwertige“ bedeutete damit nicht nur, „den Boden des naturwissenschaftlichen Paradigmas zu verlassen“ (12, S. 33), vielmehr hatten diese Positionen eine weitreichende verhängnisvolle Langzeitwirkung. Von da aus war es nur noch ein kurzer Weg hin zur Leugnung der „Kriegsneurosen“, die, wie bereits erwähnt, sehr bald nach Kriegsbeginn in großem Umfang auftraten. In Literatur und Film wurden die schrecklichen Kriegserlebnisse reichlich beschrieben, worauf hier im Einzelnen nicht eingegangen werden kann. Diese stellten aber für die unmittelbar davon Betroffenen eine Traumasituation dar, die ohne ärztliche Hilfe nicht zu überwinden war.

Die deutsche MIlitärpsychiatrie sah sich jedenfalls in dieser Anfangsphase nicht ausreichend darauf vorbereitet, weder in ihren theoretischen Konzepten noch in personeller Hinsicht.

Mit steigender Dauer des Krieges kam es zunehmend zu Auflösungserscheinungen ganzer militärischer Einheiten. Damit entstand die Gefahr einer erheblichen Schwächung des deutschen Angriffspotentials. Dies wiederum veranlasste die Oberste Heeresleitung, von den Psychiatern entsprechende Maßnahmen einzufordern.

Erneut waren es die schon genannten Psychiater um Bonhoeffer und Gaupp, die diesem Verlangen gern und aktiv nachkamen. Sie waren dazu bereit, sich einer von da an entfaltenden, völlig inhumanen „therapeutischen“ Praxis zu bedienen. Daran vermochte auch die nun noch einmal kurz auflebende Oppenheimer`sche Auffassung von der durch Granatexplosionen hervorgerufenen körperlichen Erschütterung, eben jener traumatisch induzierten Neurose, qualitativ nichts mehr zu ändern. Eine böse Saat begann nun aufzugehen.

Schon auf der besagten Berliner Tagung stellte Gaupp in seinem Schlusswort die künftige und mit Beifall bedachte Orientierung vor:

„...wir wollen den Weg einschlagen, der am sichersten zur Heilung führt, gleichgültig, ob wir ihn früher gern betraten, und wollen niemals vergessen, daß wir Ärzte unser ganzes Handeln jetzt in den Dienst der einen Aufgabe zu stellen haben: unserem Heere, unserem Vaterlande zu dienen.“ (12, S. 37f)

Oppenheim hingegen sagte die weitere Entwicklung mit den Worten zutreffend voraus:

„Hysterie – Begehrungsvorstellungen – Simulation, das ist jetzt die bequeme Fahrstraße für jeden Praktiker und Gutachter.“ (12, S. 38)

So kam es, um es hier nur kurz zu sagen, zu dem Oberbegriff des „Psychopathen“. Er erlaubte, dem Patienten eine negative Handlungsmotivation und ein Drückebergertum zu Lasten seiner Kameraden zu unterstellen. Dieses galt es nun konsequent zu „behandeln“, besser gesagt ihm auszutreiben.

Dabei kann einem durchaus jene Szene aus dem Film „Der brave Soldat Schweyck“, in der Version von Wolfgang Liebeneiner (1972/1976), in den Sinn kommen, wie der Stabsarzt des Garnisonsspitals in seiner Visite mit „Simulanten“ umging.

Die „Stahlgewitter“, eine literarisch verbrämende Bezeichnung jener Kriegsjahre, brachten eine außergewöhnlich große Anzahl Traumatisierter hervor. Sie waren, wie bereits angedeutet, nicht selten in Kompaniestärke durch emotionale Fehlreaktionen wie Weinen, Lachen, wirre Reden oder Depressionen regelrecht kampfunfähig geworden. Gresch, der sich auf Richard A. Gabriels Werk „The painful field“ bezieht, verweist darauf, dass „27,7 % der Frontkämpfer wegen eines Zusammenbruchs aus der Kampfzone evakuiert, weitere 16,6 % vorübergehend in psychiatrische Einrichtungen gebracht“ wurden (5). Auch die so genannten „Herzklopfer“, also die Herzneurotiker, verdienen hier erwähnt zu werden. Mit Verlauf des Krieges begannen die Ärzte deren „Minderwertigkeit“ zunehmend kritischer zu sehen, ohne dass indessen erste wissenschaftlich basierte militärmedizinische Maßnahmen zur Anwendung gekommen wären (18, S. 199-216).

In der einschlägigen Literatur begegnet man des Öfteren auch der Frage, inwieweit die individuelle Vorgeschichte für das Zustandekommen psychischer Erkrankungen begründend sein kann.

In einer Jenaer Klinik fand sich das vollständig erhaltene Patientenarchiv eines zwischen 1914 und 1921 genutzten „Nerven-Lazarettes“. Lemke kam in seiner Analyse der rd. 2 000 neurologischen und psychiatrischen Patienten zu der Feststellung, dass bei 71,5 % der Soldaten mit psychiatrisch auffälliger Familienanamnese ein solcherart relevanter Combat-Stress-Aufnahmebefund vorlag. Diese Zah­len und weitere Ergebnisse bestätigen also die zeitlos gültigen Fragen nach der Qualität des psychischen Gesundheitszustandes der zur militärischen Verfügung stehenden Population. So kann wohl angenommen werden – quod errat demonstrandum –, dass gewisse Prädispositionen die traumatisierenden Einflüsse verstärkt haben könnten (15; 16).

4. Zur „Therapie“ Traumatisierter – Formen, Positionen

In den Publikationen begegnet man in Bezug auf die so genannten „Therapien“ sehr oft dem Ludwigshafener Stabsarzt Fritz Kaufmann (1875 - 1941), einem der bekanntesten Anhänger derart rigoroser Behandlungsformen.

Im Mai 1916 gab er die nach ihm benannte Richtlinie unter dem Titel „Die planmäßige Heilung komplizierter Bewegungsstörungen bei Soldaten in einer Sitzung“ heraus (10), eine von ihm aber schon seit 1915 angewandte Methode.

Neu waren die Behandlungen mit Strom indessen nicht. Man begegnet ihnen bereits im 19. Jahrhundert nicht nur in Deutschland. Auch im österreichischen, französischen und britischen Heer waren sie nicht unbekannt.

Kaufmann stellte seine „Kriegsneurotikertherapie“, eine Kombination von gezielten Stromstößen an sehr empfindlichen Stellen, suggestiven Methoden und Überrumpelungen bei strenger militärischer Befehlsform, auf der Münchner Tagung des „Deutschen Vereins für Psychiatrie“ und der „Gesellschaft Deutscher Nervenärzte“ im September 1916 vor. Dort fand er, trotz einiger mahnender Stimmen, überwiegende Zustimmung.

Er stellte seine „Elektrotherapie“ zeitweilig auf faradaysche oder sinusoidale Stromstöße um, und wandte, nach dem Auftreten von Todesfällen, Induktionsstrom an. Doch die auf diese Weise „Geheilten“ erwiesen sich letztlich als für den Felddienst untauglich und mussten doch entlassen werden (3, S. 57). Kaufmann forderte, dass der Erfolg mit größtem militärisch-autoritativem Nachdruck unbedingt in einer, also der ersten Sitzung erreicht werden müsse, selbst wenn diese sich unter Umständen über mehrere Stunden hinziehen könnte. Bei einer weiteren Sitzung würde das Überraschungsmoment wirkungslos und von Seiten der Patienten Widerstand gegen die schmerzhaften Stromstösse zu erwarten sein (12, S. 54).

So war also das erklärte Interesse bei Kaufmann wie bei seinen „therapeutischen“ Kollegen darauf ausgerichtet, diese Soldaten wenigstens arbeitsfähig zu machen, um damit dem Staat die Zahlung von Kriegsrenten zu ersparen. Er wusste selbst nur zu gut, dass bei psychisch Traumatisierten bestenfalls eine Symptombeseitigung, keineswegs jedoch eine völlige Heilung zu erwarten war (6, S. 307).

Blickt man auf die seinerzeit gebräuchlichsten Behandlungsmethoden, so erweisen sie sich – je nach den gemachten Erfahrungen ihrer Anwender – als ebenso differenziert wie abenteuerlich. Die meisten dieser Vorgehensweisen bestanden aus einer von psychotherapeutischen Einflüssen begleiteten Hypnose, ergänzt durch Beschäftigungen, Übungen oder Ablenkungen. Zu den häufig genannten Anwendern gehörten etwa Birnbaum, Strümpell, Weygandt oder Lewandowsky, allesamt zu ihrer Zeit angesehene Psychiater. Güsse mit eiskaltem Wasser, feuchte Ganzpackungen, trotz der riskanten Nebenwirkungen sogar Injektionen mit Apomorphin, ferner faradaysche Stromstöße bei sofortiger vierwöchiger frontnaher Lazarettbehandlung, wurden beispielsweise durch Lewandowsky angewendet. Galvanische Ströme sollten die optische und akustische Sensibilität anregen.

Sprachstörungen hingegen begegnete Urbantschitsch mit einem starken faradayschen Schlag auf den Kehlkopf. Der Neurologe Otto Muck (1871 - 1942) „behandelte“ die Aphonie mit der Einführung einer Metallkugel von etwa einem Zentimeter Durchmesser in den Kehlkopf, um durch das Erstickungsempfinden einen Angstschrei auszulösen.

Angesichts dieser wahrlich brutalen Methoden nahm sich das von Kehrer geübte „zu Tode langweilen durch Isolationshaft“ beinahe schon wieder als milde aus (4).

Nicht zu vergessen sind die weit auseinandergehenden Auffassungen der Psychiater und Neurologen zum Willensbegriff. Sie führten in der zunächst noch siegreichen Anfangsphase des Krieges dazu, von einer seelischen Gesundheit bei den Soldaten zu sprechen. Lerner führt hierzu Kurt Springer an, als sich dieser 1915 in der „Berliner Klinischen Wochenschrift“ wie folgt äußerte:

„Das Gros unserer Truppen widersteht den Riesenstrapazen des Krieges mit einer Riesenkraft an Nerven und Energien (...). Und wenn auch der Körper einmal zusammenbricht, so hebt ihn der Geist wieder empor.“ (8, S. 90)

Auch der Neurophysiologe und Generalarzt Alfred Goldscheider (1858 - 1935) blickte in die gleiche Richtung, indem er den positiven Einfluss des Frontlebens auf Geist und Körper lobend betonte (8, S. 89).

In diesen Kontext ist auch der Spruch von Hindenburg einzuordnen, dem der Erste Weltkrieg wie eine Badekur vorkam.

Der in dieser anfänglichen Kriegsphase erkennbare Rückgang nervöser Beschwerden schien nach Binswanger in der kriegsbedingten, die Nation einigenden Haltung zu liegen, die zu einer Leerung der „Luxus-Sanatorien“ geführt habe (8, S. 91f).

Als sich jedoch das Blatt zu wenden begann, schwand auch die vermeintliche psychische Stabilität schnell dahin. Doch war damit die These eines Berge versetzenden Willens keineswegs beendet. Vielmehr gab sie den beurteilenden Psychiatern und Neurologen eine besondere Form der Bewertung in die Hände, welche geeignet war, die eigenen diagnostischen und ätiologischen Unschärfen zuzudecken.

Das brachte der Berliner Nervenarzt Siegfried Placzeck (1866 - 1946) in seiner 1919 erschienenen Arbeit zur Hysterie so zum Ausdruck:

„Wie setzt sich eine Vorstellung, eine Willensregung, ein Gefühl in körperliche Erscheinungen der absonderlichen hysterischen Form um?“ (8, S. 96)

Dem Stande des Wissens nach musste diese Frage also offen bleiben. Folglich wurde damit ein gesunder Wille gleichgesetzt mit einem den nationalen Zielen dienenden Gehorsam, mit Patriotismus und moralischen Qualitäten. Das Fehlen dieser Eigenschaften implizierte hingegen das Attribut der Minderwertigkeit. Charakteristisch dazu die Position von Emil Kraepelin (1856 - 1926), als er die Entziehung der Kriegsneurotiker vom Kriegsdienst so bewertete:

„Der Krieg hat eine fürchterliche Auslese unter unseren fähigsten und opferwilligsten Männern gehalten; verschont blieben in erster Linie die Untauglichen und Selbstsüchtigen.“ (8, S. 100)

5. Versuch eines Resümees

Will man ein Resümee zur Position jener Kriegspsychiater, zu ihren Handlungsweisen ziehen, so wird man enttäuscht sein, sollte man nach 1918 auf ihre Einsicht oder gar auf Selbstkritik gehofft haben.

Im Gegenteil, sie waren untereinander teilweise heftig zerstritten, ja, sie mussten gelegentlich sogar um ihr Leben fürchten, nachdem zuerst die Matrosen mit ihrem Aufstand diesen Krieg beendet hatten.

Wir sehen also, dass sich die deutsche Neuropsychiatrie in einer tiefen Existenzkrise befand.

Daran, dass insbesondere die führenden Vertreter der Neuropsychiatrie nach einer kurzen Schreckphase recht schnell und demonstrativ in die Öffentlichkeit gingen und dabei ihr eigenes Versagen umzudeuten versuchten, lässt sich ablesen, dass sie keineswegs Lehren gezogen hatten. Vielmehr dienten sie sich recht schnell den neuen konservativen Verhältnissen an, was dazu führte, dass bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Vorstellungen prägend fortleben konnten (12, S. 200-207).

So kehren wir denn zu der diesem Beitrag voranstehenden Frage zurück und kommen bei deren Beantwortung nicht umhin festzustellen, dass sich die in besonderer Weise in das Kriegsgeschehen involvierten Psychiater und Neurologen in der Tat haben instrumentalisieren lassen.

Diese Bewertung jedoch in toto auf das gesamte Fachgebiet, ja auf alle Sanitätsoffiziere auszudehnen, hieße jenen Kollegen Unrecht tun, welche sich von ihren berufsethischen Normen, trotz aller herrschenden und sie bedrückenden Umstände, nicht abbringen ließen. Teilten sie doch oft genug in den Unterständen der vordersten Linie die unvorstellbaren Überlebensbedingungen mit den einfachen Soldaten und versuchten, die wahren Gründe für deren Traumatisierung erkennend, ihnen mit herkömmlichen roborierenden Mitteln zu helfen. Dazu liegen inzwischen neuere Untersuchungen vor wie etwa jene jüngst in der Wehrmedizinischen Monatsschrift von Philipp Rauh vorgestellten (17).

Literaturverzeichnis

  1. Autorenkollektiv: Geschichte der Kriegskunst. Mil.Verl., Berlin 1982.
  2. Deutsche Militärärztliche Zeitschrift, 42 (1913),Vereinsbeilage, S. 15.
  3. Friedrich, E.: Zur Einschätzung psychiatrisch-neurologischer Folgewirkungen des Ersten Weltkrieges (Sammlung epidemiologischer Daten). Med.Dipl.-Arbeit, Leipzig 1986.
  4. Dies.: Entwicklungstendenzen und Behandlungsmethoden der deutschen Militärpsychiatrie im I. Weltkrieg. Vortrag, gehalten am 11.05.1988 zur Verleihung des "Margarethe-Blanck-Preises" der Stadt Leipzig an die Autorin (unveröffentlicht).
  5. Gresch, H.-U.: Die Psychiatrie und der Krieg. in: www.Pflasterritzenflora, veröff. 26.12.2013.
  6. Hofer, H.-G.: Nervenschwäche und Krieg. Böhlau, Wien-Köln-Weimar 2004.
  7. Lengwiler, M.: Zwischen Klinik und Kaserne. Die Geschichte der MIlitärpsychiatrie in Deutschland und der Schweiz zwischen 1870 und 1914. Chronos, Zürich 2000.
  8. Lerner, P.: "Ein Sieg des Willens": Wille und Gemeinschaft in der deutschen Kriegspsychiatrie, in: Eckart,W.U.; Gradmann, C. (Hg.): Die Medizin und der Erste Weltkrieg. Pfaffenweiler 1996.
  9. Lutter, R.W.: Die Stellung der Psychiatrie und Neurologie im deutschen militärärztlichen Bildungssystem zwischen 1850 u. 1914. Med.Dipl.-Arbeit, Leipzig 1986.
  10. Münchner Medizinische Wochenschrift (MMW) 63 (1916), Feldärztliche Beilage Nr. 27.
  11. Oppenheim, H.: Die traumatischen Neurosen nach dem in der Nervenklinik der Charitè in den 5 Jahren 1883 - 1888 gesammelten Erfahrungen. Berlin 1889.
  12. Riedesser, P.; A. Verderber: "Maschinengewehre hinter der Front". Zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie. Fischer, Frankfurt/M. 1996.
  13. Sanitätsbericht über das Deutsche Heer (Deutsches Feld- und Besatzungsheer) im Weltkriege 1914/1918, Bde. 1-3, Mittler, Berlin 1935.
  14. Schickert, O.: Die Militärärztlichen Bildungsanstalten von ihrer Gründung bis zur Gegenwart (Festschrift zur Feier des hundertjährigen Bestehens des medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Instituts). Mittler, Berlin 1895.
  15. Lemke, S.: Die posttraumatischen Belastungsstörungen bei deutschen Soldaten des 1. Weltkrieges, in: Der Nervenarzt 2007/1.
  16. Lemmens, F.: Zur Entwicklung der Militärpsychiatrie in Deutschland zwischen 1870 und 1918, in: Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften (Hg. Winau, R.; Müller-Dietz, H.) H. 69: Medizin für den Staat – Medizin für den Krieg. Aspekte zwischen 1914 und 1945, S. 35 - 44.
  17. Rauh, Ph.: Zwischen fachärztlichem Diskurs und therapeutischem Alltag – Die Militärpsychiatrie im Ersten Weltkrieg, in: Wehrmedizinische Monatsschrift 58 (2014), S. 251-255.
  18. Hahn, S.: "Die erste Granate, die einschlug, traf unser Herz...".

Aufmacherbild: Gabi Eder/pixelio.de

Datum: 25.05.2015

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2015/1