Artikel

Medizin im Gaskrieg Vor 100 Jahren: Einsatz von Chlorgas bei Ypern

Medicine in chemical warfare
One hundred years ago: Attack with chlorine gas at Ypres

Aus der Sanitätsakademie der Bundeswehr (Kommandeurin: Generalstabsarzt Dr. E. Franke)

Volker Hartmann

WMM, 59. Jahrgang (Ausgabe 5/2015; S. 159-163)

Zusammenfassung

Am 22. April 1915 begann mit dem vor Ypern vorgenommenen deutschen Chlorgas-Angriff der erste großflächige Einsatz von chemischen Kampfstoffen in der Geschichte. In dem Beitrag werden die Ereignisse dieses Tages, seine Hintergründe und die Einordnung in das Kriegsgeschehen beschrieben. Zur Sprache kommen auch Aspekte des Gasschutzes und der medizinischen Behandlung von Kampfstoffverletzten.

Schließlich wird die weitere Entwicklung des Einsatzes von Kampfgasen im Ersten Weltkrieg skizziert.

Schlagworte: Erster Weltkrieg, Gaskrieg, Versorgung von gasvergifteten Verwundeten, Opferzahlen, Sanitätsdienst

Summary

On 22th April 1915 the German chlorine gas attack at Ypres started the chemical warfare, the first military mass use of poisoning gases in history. The article tells the story of this day, the background conditions as well as the significance for and influence on warfare in WW I. The need for better protection comes up just as the medical treatment of victims of the chlorine attack. Finally the further development of gas warfare in WW I is outlined.

Keywords: Great War, gas warfare, gas injury, gas victims, treatment of gas casualties, medical service Photo Abb. 1: Abblasen von Kampfgas – National Archives Nr. 530722, USA

Ereignisse des 22. April 1915

„Man konnte am Ufer des Kanals nur noch einige gelbliche Rauchschwaden erkennen, als wir uns aber Boesinghe auf drei oder vierhundert Metern genähert hatten, fühlten wir heftiges Prickeln in der Nase und Kehle, in den Ohren sauste es, das Atmen fiel uns schwer; ein unerträglicher Chlorgeruch umgab uns. Wir mussten bald absitzen, da die dadurch belästigten und behinderten Pferde sich weigerten zu galoppieren oder zu traben. […] In der Nähe des Dorfes war das Bild, das sich uns bot, mehr als bedauernswert, es war tragisch. Überall Flüchtende: Landwehrleute, Afrikaner, Schützen, Zuaven, Artilleristen ohne Waffe, verstört mit ausgezogenen oder weit geöffneten Röcken, abgenommener Halsbinde liefen wie Wahnsinnige ins Ungewisse, verlangten laut schreiend nach Wasser, spuckten Blut, einige wälzten sich sogar am Boden und versuchten vergeblich, Luft zu schöpfen.“ [1, S. 44]

Photo Abb. 2: “Gassed“ – Gemälde von John Singer Sargent (+1925), 1918, Imperial War Museum, London Mit diesen Worten schilderte der spätere französische General Henri Mordacq (1868 - 1943) die Wirkung einer neuartigen und erstmals eingesetzten Waffe bei Soldaten seiner 45. algerischen Division an der Front vor der Kleinstadt Ypern in Flandern (vgl. auch [2]). Der Krieg, der Große Krieg, wie er später genannt wurde, war kaum neun Monate alt und schon seit sieben Monaten lag man sich in den Stellungen Kopf an Kopf gegenüber. Trotz allen herkömmlichen Waffeneinsatzes hatte es seither kaum eine Seite geschafft, nennenswerte Gebietsgewinne zu erreichen. An einen kriegsentscheidenden Durchbruch war ohnehin nicht zu denken, auch wenn in den Generalstäben neue Waffenarten, neue taktische Verfahren und grundlegend neue Ansätze in der Kriegführung überlegt wurden. In den Nachmittagsstunden des 22. April 1915 wälzten sich nun auf einer Breite von 6 km gelb-grünliche Schwaden, die aus Tausenden von in die Erde versenkten Stahlzylindern abgeblasen worden waren, gegen die französischen Schützengräben zwischen den Ortschaften Poelcapelle und Langemarck nördlich von Ypern. Der Wind stand günstig aus Nord; es dauerte nur wenige Minuten, bis insgesamt 150 t Chlorgas in einer riesigen Wolke die vorderen Linien erreichten, die schließlich das gesamte Stellungssystem überzog. „Ce nuage s’avancait vers nous, poussé par le vent.“ [3, S. 227], schilderte der französische Leutnant Jules-Henri Guntzenberger diesen Moment. Die Soldaten, meist aus den französischen Kolonien, wurden völlig überrascht, zeigten schwere Erstickungssymptome, aspirierten oder wiesen Anzeichen von schwerster Dyspnoe auf. Panik brach aus, die Truppe verließ – soweit noch möglich – die Stellungen und rannte nach hinten davon.

Die sofort im Angriff vorgehenden deutschen Truppen konnten den Erfolg freilich nicht ausnutzen. Hinter der Gaswolke marschierend, stellten sie den Vormarsch nach wenigen Kilometern ein, an den Flanken von Briten, Kanadiern und Belgiern bedrängt. Man war nach den monatelangen blutigen Grabenkämpfen schlichtweg von der verhängnisvollen Wirkung der neuen Waffe überrascht, größere Truppenreserven stellte eine ohnehin skeptische Führung nicht bereit. Und zudem hatte der Angriff offensichtlich keinen strategisch-taktischen Ansatz, sondern diente der Erprobung des Gases in dem seit Monaten herrschenden Stellungskrieg.

Opfer

Über die Opfer dieser ersten Kampfstoffattacke gibt es widersprüchliche Angaben, auch Ausdruck einer von Anfang an propagandistisch und moralisch überlagerten Betrachtungsweise des Geschehens. Die französische Seite proklamierte zunächst 15 000 Gasopfer, davon 5 000 Tote; tatsächlich sollen etwa 800 bis 1 500 Franzosen umgekommen und 2 000 - 3 000 Soldaten verletzt worden sein.

In die Lazarette der deutschen 4. Armee wurden am 22./23. April 1915 neben neun deutschen etwa 200 französische Gasverletzte eingeliefert, von denen zwölf starben. Der deutsche Sanitätsbericht verzeichnete später: Photo Abb. 3: Behandlung eines Gasverwundeten mit Sauerstoffgerät, 15. Bayerisches Infanterieregiment, um 1915

„In den Schützengräben sah der Armeearzt am 23. April 1915 keine Leichen erstickter, sondern ausschließlich verletzter Feinde. Die Mehrzahl der dem Gase ausgesetzt gewesenen Feinde hatten nur geringe, rasch vorübergehende Atmungsbeschwerden gehabt.“ [4, S. 177]

Zudem könne

„[…] die Wirkung des Gases im allgemeinen nicht als lebensgefährlich bezeichnet werden“ [5, S. 564]

und nehme

„[…] wie es scheint, nur unter besonderen Bedingungen […] durch Auftreten einer Lungenentzündung oder eines akuten Emphysems einen tödlichen Ausgang.“ [5, S. 564]

Diese Beobachtung traf sicherlich nur die halbe Wahrheit, denn die Gaswirkung führte auch noch nach langen Stunden zu vielen Todesfällen. So berichtete der Intelligence Officer des 1. Britischen Korps, John Charteris, der kurz nach den Ereignissen französische Feldhospitäler besuchte, über die Wirkung des Chlorgases:

„The horrible part of it is the slow lingering death of those who are gassed. I saw some hundred poor fellows laid out in the open, in the fore-court of a church, to give them all the air they could get, slowly drowning with water in their lungs – a most horrible sight, and the doctors quite powerless.“[6, S. 94]

Auf jeden Fall schien die ungeheure psychologische Wirkung des Gases die Beobachter fast noch mehr zu beeindrucken als die tatsächlichen Auswirkungen auf die Physis der Soldaten: Panik, Angst und keine vorhandenen Schutzmöglichkeiten führten zum Fluchtreflex, dem Verlassen der Stellungen, dem Aufbrechen der militärischen Disziplin und heftigen psychischen Alterationen, mithin zu einem Alptraum jeder Generalität.

Krankheitsbild, Behandlung und Schutzmaßnahmen

Photo Abb. 4: A soldier and his horse in gas masks, ca. 1918 Bei dem bei Ypern eingesetzten reinen Chlor handelte es sich um einen schwer lungenreizenden bzw. ätzenden Kampfstoff, der seine Wirkung konzentrationsabhängig vor allem in den Atemwegen entfaltete. Gelang es den Soldaten, eigenständig oder – bereits bewusstlos – mit Hilfe von Sanitätsmannschaften aus der Wirkung des Gases in ärztliche Behandlung zu kommen, zeigten sich den Sanitätsoffizieren bläulich verfärbte Lippen und eine beschleunigte Atmung bis hin zu Atemnotzuständen. Bei den schweren Vergiftungen erfolgte innerhalb weniger Minuten der Gastod „unter dem Gesamteindruck akuter Erstickung mit gleichzeitig schwerster chemischer Schädigung des Lungenparenchyms.“ [7, S. 527] Bei vielen Soldaten trat ein akutes Lungenödem auf, dem sie auch noch Tage später erliegen konnten. Die Sektionsprotokolle der Feldprosektoren notierten hier eine erhebliche Gewichtszunahme der Lungen mit schaumigen hämorrhagischen Ödemen, partiellen Emphysemen bis hin zu Pleuraergüssen. Als Spätfolgen bildeten sich zuweilen Bronchopneumonien bis hin zu Lungenabszessen und -gangrän aus.

Die bei Ypern vorgehenden deutschen Soldaten hatten als Gasschutz lediglich mit Natriumthiosulfat getränkte Putzwolllappen erhalten, nur eine unzureichende und kaum chlorbindende Maßnahme, die auch zu eigenen Verlusten führte. Auf französischer und britischer Seite setzten unmittelbar nach dem Angriff toxikologische Untersuchungen ein und innerhalb einer Woche wurden zehntausende provisorische Maskensysteme beschafft. Gegen reines Chlor ließen sich infolge seines ausgeprägten Bindungsbedürfnisses noch relativ leicht Absorptionsmaßnahmen erreichen, bei den später eingesetzten Kampfstoffen war dies kaum noch möglich. Auch in Deutschland wurden die Behandlung und Prophylaxe von Kampfgaswirkungen rasch organisiert. Hier ist insbesondere die Arbeitsgruppe um den Nobelpreisträger (1915), Direktor des „Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie“ und späteren Münchner Universitätsprofessors Richard Willstätter (1872-1942) zu nennen, die die Entwicklung des neuartigen dreischichtigen Universalfilters, der gegen nahezu alle bekannten Kampfgase schützte, vornahm. Der auswechselbare Filter bildete den Kern der sog. Heeresgasmaske aus gummiertem Stoff mit Augengläsern aus bruch- und feuerfestem Zelluloid. Zusätzlich wurden rasch Sauerstoffrespiratoren in großer Zahl beschafft, die Sanitätsausstattung angepasst, Gasschutzkurse etabliert, Merkblätter und Vorschriften konzipiert und eigene Gaslazarette eingerichtet. [4, S. 179-182]

Das Erleben der Soldaten

In der ohnehin von Tod und Leid geprägten Erlebenswelt der Soldaten stellte das Kampfgas eine neue ungeheuer bedrohliche Qualität dar und wurde zum „zentralen Symbol des Kriegsgrauens.“ [8, S. 16] Vor der Artillerie mag es Schutzmöglichkeiten gegeben haben, das Gas hingegen drang durch alle Ritzen des Stellungssystems bis in den letzten Winkel der Gräben. Schutz bot nur die Maske, auf die sich blindlings verlassen werden musste; man achtete auf deren Dichtigkeit und geradezu panisch auf mögliche Gerüche. Erich Maria Remarque beschrieb diesen Moment:

„[…] wir liegen zu viert in schwerer, lauernder Anspannung und atmen so schwach wie möglich. Diese ersten Minuten mit der Maske entscheiden über Leben und Tod – ist sie dicht?“[9, S. 64]

Und der Stabs- und Regimentsarzt Dr. Hugo Natt sah sich in einer solchen Situation dem gefürchteten Chlorgas exponiert, das die Dichtungen seiner Gasmaske durchdrungen hatte:

„Wir hatten die Maske vor dem Gesicht, und durch die Brillengläser sah man undeutlich die gelben Gaswolken sich vorüberwälzen. Da plötzlich spüre ich, wie Gas mir in den Mund, Nase und Augen dringt. Ich bekomme keine Luft mehr, aber immer schwerere Hustenstöße. Versuche langsam, aus der Wolke herauszukommen. […] Der Brustkasten steht wie aufgeblasen, fortwährend Hustenstöße und mir wird sehr unwohl.“[10, S. 171-172]

Sogar der als unerschrockener Stoßtruppführer jahrelang an der Front mit allen Schrecknissen konfrontierte Ernst Jünger äußerste seinen Respekt vor dem Gas: Photo Abb. 5: Angriff in der Gaswolke – National Archives Nr, 530749, USA

„Überall, wo im Trümmergewirr eine Menschenseele hauste, erscholl der langgezogene Schrei: „Gasangriff! Gasangriff! Gas! Gaas! Gaaas! […]. Am nächsten Morgen konnten wir im Dorf die Spuren bestaunen, die das Gas hinterlassen hatte. Ein großer Teil aller Pflanzen war verwelkt, Schnecken und Maulwürfe lagen tot umher, und den in Monchy untergebrachten Pferden der Meldereiter lief das Wasser aus Maul und Augen. Die überall verstreuten Geschosse und Granatsplitter waren von einer schönen grünen Patina bereift. […] In Monchy sahen wir vor dem Revier eine Menge von Gaskranken sitzen, die sich die Hände in die Seiten preßten, stöhnten und würgten, während ihnen das Wasser aus den Augen lief. Die Sache war keineswegs harmlos, denn einige von ihnen starben wenige Tage nach furchtbaren Schmerzen. Wir hatten einen Blasangriff von reinem Chlor auszuhalten gehabt […]. Von diesem Tage an beschloß ich, nie ohne Gasmaske auszugehen, denn bisher hatte ich oft in unglaublichem Leichtsinn die Maske im Unterstand gelassen, um in der Büchse wie in einer Botanisiertrommel Butterbrote mitzunehmen.“ [11, S. 84 - 86]

Durch die in der Folge sich ständig ändernden und noch wirksameren Kampfstoffe und ihre Anwendungsmethoden stieg die Angst der Soldaten vor Vergiftung weiter und führte gegen Ende des Krieges in Verbindung mit den häufigen allgemeinen psychischen Traumatisierungsformen zu Massenphänomenen, die Besorgnisse bei Militär und Ärzteschaft in Hinsicht auf die Einsatzbereitschaft der Truppe hervorriefen. Der als fachärztlicher Berater für Neurologie und Psychiatrie des XIII. Armeekorps eingesetzte Tübinger Psychiater Prof. Robert Gaupp (1870 - 1953) untersuchte zahlreiche als gasvergiftet eingelieferte Soldaten und schrieb dazu später mit einem gewissen Zynismus:

„Was ich sah, waren psychogene Zustände ganz bekannter Art, die auch durch ihre rasch suggestive Heilung in einer Sitzung ihre nichttoxische Herkunft bekundeten. […] Die Gasvergiftung war `Mode` geworden.“ [12, S. 71]

Bedeutung des 22. April 1915

Dieser „schwarze Tag von Ypern“, dem in den Folgemonaten Hunderte weiterer Blasangriffe folgten, stellte nicht nur den Beginn des neuzeitlichen Gaskrieges dar, sondern war auch der Beginn eines verhängnisvollen Rüstungswettlaufs zwischen den kriegführenden Parteien in Hinsicht der Nutzbarmachung noch wirkungsvollerer chemischer Substanzen für den Krieg und protektiv wirkender Ausbildungs- und Schutzmaßnahmen.

Der Einsatz von Chlorgas war auf deutscher Seite auch Resultat einer stringenten Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Universitäten, Industrie und Militär. Die dabei entstehenden synergetischen Effekte, die im Laufe der kommenden Monate zu immer wirksameren und aktiveren Kampfstoffen bis hin zu der Entwicklung von Gelbkreuz (S-Lost[1], Senfgas) und dessen erstem Einsatz im Jahre 1917 führten, gehen insbesondere mit dem Namen von Professor Dr. Fritz Haber (1868 - 1934) und dessen Mitarbeitern einher. Haber, damals Direktor des „Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie“ in Dahlem und zu diesem Zeitpunkt durch die Entdeckung der Ammoniaksynthese bereits weltberühmt (Nobelpreis für das Jahr 1918, überreicht am 1. Juni 1920), sollte als Abteilungsleiter im Allgemeinen Kriegsdepartment zum zentralen Angelpunkt für die „volle wissenschaftliche und organisatorische Leitung von Gasforschung, Produktion und Gasschutz“ [13, S. 356] avancieren. Bereits im Dezember 1914 hatte er General-stabschef Erich von Falkenhayn (1861 - 1922) die Verwendung des leicht zu beschaffenden und zu lagernden Chlorgases für den Einsatz bei Ypern vorgeschlagen. Eine Gaspioniereinheit brachte seit Februar die Stahlzylinder mit dem Gas in den vorderen deutschen Schützengräben in Stellung, immer wieder kam es dabei zu Unfällen und Vergiftungen durch französischen Artilleriebeschuss.

Völkerrechtliche Betrachtung

Photo Abb. 6: Deutsche Soldaten im Gaskampf, 1917 Die Anwendung von Kampfgasen zeigte sich als eine der neuartigen militärisch-industriellen Ausdrucksformen kriegerischer Auseinandersetzungen im Ersten Weltkrieg. Von Anfang an war dieser Einsatz in Hinsicht auf seine militärische Effizienz, aber vor allem auch unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten umstritten. Während die Entente die besondere Grausamkeit des Gases betonte sowie offensichtlich die Opferzahlen des Angriffs von Ypern übertrieb und die Deutschen daraufhin insbesondere im Verhältnis zu den USA moralisch ins Hintertreffen gerieten, sprachen andere Protagonisten, wie z. B. auch Prof. Haber, sogar von einer besonderen „Humanität“ der Anwendung von Gasen im Krieg. Sie bezogen sich auf die vergleichsweise geringe Letalität der neuen Waffen und auf die – nach damaliger Auffassung – niedrigen Spätfolgen. Einige wenige deutsche Offiziere, wie Kronprinz Rupprecht von Bayern, Oberbefehlshaber der 6. Armee, sprachen sich eher aus ethischen Gründen gegen die Verwendung von Gas aus. Andere sahen den Gasangriff von Ypern nach dem Kriege ebenso äußerst kritisch – aber nicht aus moralischen Beweggründen oder weil der Gaseinsatz gegen eine ohnehin kaum noch vorhandene Ritterlichkeit im Kampf verstoßen habe, sondern weil er lediglich halbherzig durchgeführt worden sei. Statt mit ausreichenden Kräften den Durchbruch gewagt zu haben, sei dem Gegner damit die zeitliche Möglichkeit zur Reaktion gegen ein hochwirksames eigenes Waffensystem gegeben worden. Auch juristisch gesehen war der Ypern-Einsatz als neue Qualität des Waffen-einsatzes durchaus umstritten. Völkerrechtlich sah die deutsche Seite das Abblasen von Chlor oder Phosgen formal nicht  als Verstoß gegen die in diesem Punkt nicht präzise und auslegungsfähige  Haager Landkriegsordnung. Zwar untersagte dieser im Jahre 1907 erlassene Eckpfeiler des humanitären Völkerrechts den Einsatz solcher Geschosse, ‚deren einziger Zweck es ist, erstickende oder giftige Gase zu verbreiten‘, aber explizit untersagt war das Abblasen von Giften und der Einsatz von Artilleriegeschossen, bei denen die Giftwirkung von der Splitterwirkung übertroffen wurde, nicht. Auch der in der Landkriegsordnung verzeichnete Hinweis auf die Vermeidung „unnötiger Leiden“ gestaltete sich in zynischer Weise interpretationsfähig und zudem – so die deutsche Position – sei durch vorherige Anwendung von Reizstoffen durch die Franzosen die Haager Landkriegsordnung in diesem Punkt ohnehin aufgehoben gewesen. Zwar wertete die Entente den Ypern-Einsatz als einen Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung, entwickelte und setzte im Gegenzug aber genauso entsprechende Kampfgase ein. Die eindeutige Ächtung des Einsatzes von Giftgas erfolgte völkerrechtlich erst nach dem Krieg im noch heute gültigen Genfer Protokoll von 1925 über das Verbot der Verwendung von erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen sowie von bakteriologischen Mitteln im Kriege. [15, S. 37-41; 16, S. 391-392; 17, S. 125]

Weiterer Einsatz von Kampfgasen im Ersten Weltkrieg

Der Höhepunkt des Einsatzes von Kampfgasen sollte erst 1917/18 erreicht werden. Von den 1915 angewandten Blasverfahren war man inzwischen zugunsten eines windunabhängigen, besser steuerbaren und fokussierten Einsatzes von Gasartillerie abgekommen. Jede dritte Granate besaß in der letzten Kriegshälfte einen Gasanteil. Hinzu kamen neue Einsatzverfahren wie das sogenannte „Buntschießen“, in dem verschiedene Gase zum Einsatz kamen, die abgestuft als „Maskenbrecher“, zum Herunterreißen der Gasmaske zwangen und danach ihre verhängnisvollen haut- und lungenschädigenden Wirkungen entfalteten. [vgl. 18, 19]

Auch der Anteil an Verlusten unter den Soldaten lag nun bedeutend höher.

„Als relativ sicher kann die Angabe von über einer halben Million gasverletzter Soldaten und 15.000 – 20.000 Toten in den Truppen Deutschlands, Englands, Frankreichs und der USA […] gelten“ (14, S. 195)

Die russische oder italienische Seite beklagte in Folge schlechter Schutzmaßnahmen noch höhere Opfer.

Kaum Erkenntnisse gibt es über die Spätfolgen des Giftgaseinsatzes im Ersten Weltkrieg auf Mensch und Umwelt. Noch heute werden in Flandern Granaten mit Giftgas gefunden und in der belgischen Kampfstoff-Verbrennungsanlage bei Brügge mit speziellen Verfahren entsorgt.

Literaturverzeichnis

  1. Hanslian, Rudolf, Der deutsche Gasangriff bei Ypern am 22. April 1915. Eine kriegsgeschichtliche Studie, Berlin 1934.
  2. Mordacq, Henri: Le Drama del’Yser. Paris 1933.
  3. Schubert, Dietrich: Künstler im Trommelfeuer 1914 - 1918. Wunderhorn Heidelberg 2013.
  4. Sanitätsbericht über das Deutsche Heer im Weltkriege 1914/1918. (Deutscher Kriegssanitätsbericht 1914/18). Bearbeitet in der Heeres-Sanitätsinspektion des Reichswehrministeriums III. Band Die Krankenbewegung bei dem Deutschen Feld- und Besatzungsheer. Berlin, Mittler 1934.
  5. Sanitätsbericht über das Deutsche Heer im Weltkriege 1914/1918. (Deutscher Kriegssanitätsbericht 1914/18). Bearbeitet in der Heeres-Sanitätsinspektion des Reichswehrministeriums II. Band. Der Sanitätsdienst im Gefechts- und Schlachtenverlauf im Weltkriege 1914/1918. Berlin, Mittler 1938.
  6. Haigs Medical Officer. The Papers of Colonel Eugene `Mickey` Ryan. Edited by Eugene P. Ryan. Pen & Sword Books Ltd. Barnsley 2013.
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  8. Dörfler, Sebastian: Gaskrieg. In: Fastnacht der Hölle. Der Erste Weltkrieg und die Sinne. Katalog zur Grossen Landesausstellung im Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2014, S. 14-17.
  9. Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2014.
  10. Natt, Hugo: Zwischen Schützengraben und Skalpell. Kriegstagebuch eines Arztes 1914-1918. Hrsg. Von Heinrich Hesse und Bernhard Natt. Tarnoverlag Frankfurt 2007.
  11. Jünger, Ernst: In Stahlgewittern. Klett-Cotta 2. Aufl. Stuttgart 2014.
  12. Gaupp, Robert: Schreckneurosen und Neurasthenie. In: Handbuch der Ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege 1914/18. Hrsg. V. Otto v. Schjerning. Bd. IV Geistes- und Nervenkrankheiten. Hrsg. Von Karl Bonhoeffer. Johann Ambrosius Barth Leipzig 1922-34, S. 68–100.
  13. Martinetz, Dieter: Zur Entwicklung und zum Einsatz von Schwefel-Lost (Gelbkreuz) als bedeutendstem chemischen Kampfstoff im Ersten Weltkrieg. Militärgeschichtliche Mitteilungen 55 (1996), S. 355-379.
  14. Schmaltz, Florian: Chemie als Waffe: Fritz Haber und Richard Willstätter im Ersten Weltkrieg. In: Krieg! 1914-1918. Juden zwischen den Fronten. Hrsg. von Ulrike Heikaus und Julia B. Köhne. Ausstellungskatalog Jüdisches Museum München. Hentrich & Hentrich Berlin 2014, S. 187-214.
  15. Wietzker, Wolfgang: Giftgas im Ersten Weltkrieg. Was konnte die deutsche Öffentlichkeit wissen? Inaugural-Dissertation, Düsseldorf 2006, S. 37-41.
    Münkler, Herfried: Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918. Rowohlt, Berlin 2013, S. 391-392.
  16. Müller, Rolf-Dieter:  Gaskrieg. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg, hrsg. von Gerhard Hirschfeld u.a., aktualisierte und erw. Studienausgabe Paderborn u.a.  2009, S. 519-522.
  17. Kolmsee, Peter: Unter dem Zeichen des Äskulap. Eine Einführung in die Geschichte des Militärsanitätswesens von den frühen Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Beiträge Wehrmedizin und Wehrpharmazie. Bd. 11, Beta Verlag Bonn 1997.
  18. Gradmann, Christoph: ‚Vornehmlich beängstigend‘ – Medizin, Gesundheit und chemische Kriegsführung im deutschen Heer 1914-1918, in: Die Medizin und der Erste Weltkrieg, hrsg. von Eckart, Wolfgang U. und Gradmann, Christoph: 2. Aufl. Herbolzheim 2003 (= Neuere Medizin- und Wissenschaftsgeschichte. Quellen und Studien, 3), S. 131-154.

Bildquellen:

Abb. 1, 2, 5 : Wikimedia.commons
Abb. 3 und 6: Wehrhistorische Lehrsammlung, München
Abb. 4: Woodrow Wilson Presidential Library, Virginia, USA


[1] Lost = Anfangsbuchstaben der Chemiker und Haber-Mitarbeiter Wilhelm Lommel und Wilhelm Steinkopf

Datum: 19.01.2015

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2015/5