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Konzeptionelle Überlegungen zur wissenschaftlichen Evaluierung von Human Performance Enhancement in der Luftwaffe

Aus der Fachgruppe Forschung und Erprobung, Manching (Leiter: Oberstarzt Dr. A. Grove) des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe, Köln (Generalarzt der Luftwaffe: Oberstarzt Prof. Dr. R. Schick)

Oliver Daum, Andreas Grove

WMM, 59. Jahrgang (Ausgabe 09-10/2015; S. 301-305)

Zusammenfassung

Das HPE-Konzept: Das Konzept Human Performance Enhancement (HPE) verfolgt das Ziel, die fliegerische Auftragserfüllung durch Verbesserung der individuellen Ressourcenlage langfristig auf hohem Niveau zu gewährleisten und Flugsicherheit, Effizienz im fliegerischen Einsatz sowie eine nachhaltige Verfügbarkeit von fliegerischem Personal sicherzustellen.

Die eingesetzten Mittel zur Erreichung dieses Ziels beziehen sich auf fliegerärztliche, physiotherapeutische, sportwissenschaftliche und psychologische Interventionsverfahren, die hinsichtlich der Wirksamkeit auf die Zielerreichung zu untersuchen sind. Dazu dient eine regelmäßige Evaluation des Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs der durchgeführten Maßnahmen einerseits und der Leistungen in einsatznahen Szenarien andererseits. PhotoAbbildung 1: Theorie geplanten Verhaltens (Ajzen, 1991)

Die Evaluation von HPE: Die Evaluation erfolgt als mehrstufiger Prozess mit einer Akzeptanzanalyse zum ersten Erhebungszeitpunkt. Eine Arbeits- und Anforderungsanalyse unterstützt die Vergleichbarkeit der Daten aus verschiedenen Verbänden mit unterschiedlichen Einsatzaufträgen, Flugzeugmustern und Rahmenbedingungen und berücksichtigt gleichzeitig lokale Besonderheiten und deren Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit.

Weiterentwicklung von HPE: Diese erfolgt im Rahmen der Befragung der Rezipienten und anhand virtueller Simulatorszenarien, die parallel entwickelt und geprüft werden sollen. Auch soll die Ausweitung des HPE-Konzepts auf den gesamten fliegerischen Dienst der Bundeswehr im Rahmen der Evaluation wissenschaftlich begründet werden können.

Stichworte: Robustheit, Human Performance Enhancement, Evaluation, Längsschnittstudie, Wirksamkeit, HPE im Einsatz.

Keywords: robustness, Human Performance Enhancement, evaluation, longitudinal analysis, effectiveness, HPE on deployment.

Einleitung

Im Konzept „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ (BGM) wird der Zusammenhang der Auftragserfüllung und der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr und den Menschen, die in der Bundeswehr ihren Dienst ableisten, hervorgehoben und auf die vielfältigen Anforderungen des Dienstes in den Streitkräften hingewiesen [1, 2]. Dabei ist die aus der Konzeption der Bundeswehr abzuleitende konsequente Einsatzorientierung und die damit verbundene Forderung nach einem besonders hohem Maß an physischer und psychischer Robustheit ihrer Angehörigen gerade für den Flugbetrieb eine besondere Herausforderung. Bereits vor der Einführung des BGM in die Bundeswehr hat sich die Luftwaffe mit dem „Konzept für Human Performance Enhancement (HPE) im Fliegerischen Dienst der Bundeswehr“ diesen Herausforderungen gestellt [3, 4]. Dies geschah auf Grund gestiegener Einsatzanforderungen an das fliegende Personal und vor dem Hintergrund komplexer werdender Waffensysteme, die deutlich höhere Anforderungen an die individuelle Leistungsfähigkeit stellen. Zudem zeichnet sich in Anbetracht der demographischen Entwicklung eine schwieriger werdende Regeneration von geeignetem fliegerischen Personal ab. Möglicherweise wird diese Entwicklung dazu führen, dass auch über eine längere Verweildauer als heute in aktiven fliegerischen Verwendungen nachgedacht werden muss. Im HPE Konzept wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass „gesunde, leistungsfähige und motivierte Besatzungen […] die Grundlage für eine erfolgreiche fliegerische Auftragserfüllung“ darstellen. Um diese grundsätzlichen Anforderungen zu erfüllen, „bedarf es geeigneter Maßnahmen, die individuelle Ressourcenlage zu verbessern und damit gleichzeitig Flugsicherheit, Effizienz im fliegerischen Einsatz und nachhaltige Verfügbarkeit zu gewährleisten“. Eine entsprechende Umsetzung des HPE-Konzepts unter den beschriebenen Gesichtspunkten wird in den Beiträgen von Nüsse sowie Bartz und Jäschner in dieser Ausgabe vorgestellt. Diese praktische Umsetzung des HPE-Konzeptes wird im weiteren Zeitverlauf einer Standardisierung und systematischen Evaluation unterzogen werden, deren Konzept  im Folgenden beschreiben wird.

Zum Konzept Human Performance Enhancement

Im internationalen Rahmen (insbesondere auf US-amerikanischer Seite) wird HPE als Konzept verstanden, das sich auf die Anhebung der natürlichen menschlichen Leistungsgrenzen bezieht: „HPE […] methods enable Airman to operate beyond established and sustainable performance thresholds.“ Dabei werden klassische HPE-Methoden in „intrahuman“ (wie Biotechnologie, pharmakologische Interventionen) und „extrahuman“ (zum Beispiel Hardware, wie Exoskelette oder Software und Augmented Reality) unterteilt [5].

In einer Zukunftsanalyse des Planungsamtes der Bundeswehr wird das Konzept als „Human Enhancement“ (HE) umschrieben und darunter Methoden zusammengefasst, „die dazu dienen, die Leistungsfähigkeit des Menschen zu verbessern“ [6]. Aus diesem allgemeinen Ansatz heraus wurde so im Taktischen Luftwaffengeschwader 31 „Boelcke“ in Nörvenich, ein Programm entwickelt, das über fliegerärztliche, physiotherapeutische, sportwissenschaftliche und psychologische Interventionsverfahren zur Steigerung der körperlichen und geistigen Robustheit der fliegenden Besatzungen der Luftwaffe beitragen möchte [7]. Der methodische Ansatz ist dem Grundgedanken der Gesundheitsvor- und -fürsorge (GV und GF) im Rahmen des klassischen BGM verpflichtet und verfolgt die in der Konzeption HPE geforderte Zielsetzung, „durch Gesundheitsmanagement die Leistungsfähigkeit, Motivation und Gesundheit auf ein höchstmögliches Niveau zu bringen“ und zu einer Steigerung des individuellen Belastungswiderstandes und der Optimierung des Leistungsvermögens beizutragen. Beim Taktischen Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ in Laage wurden Testverfahren zum HPE-Konzept unter sportwissenschaftlichen Aspekten entwickelt. Aus beiden Verbänden wird in diesem Heft berichtet.

Zur Evaluierung der konzeptionellen Umsetzung von HPE

PhotoTab. 1: Evaluationsgegenstand, Maßnahmen und Zielvariablen (Beispiele) Jede Maßnahme, die eine Veränderung herbeiführen soll, von der man sich einen Effekt verspricht – wie das Konzept HPE, das Leistung steigern sowie körperliche und geistige Robustheit erhalten soll – ist in Bezug auf das Verhältnis zwischen eingesetzten Mitteln und Erreichungsgrad der erwarteten Ergebnisse bewertbar. Dies wird durch eine Evaluation erreicht: „die Auswertung und Interpretation von Informationen über die Wirkung von Handlungen“ [8]. Eine Evaluation umfasst die Identifikation der Ziele und Wirkungen einer Maßnahme, die Klärung relevanter Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge und die Rechtfertigung der ausgewählten Untersuchungsdesigns und der verwendeten Mess- und Erhebungstechniken [9]. Zur Nutzenbewertung und Optimierung der im Rahmen von HPE eingesetzten Ressourcen ist es daher geboten, die eingesetzten Maßnahmen nach definierten Zielkriterien zu überprüfen.

Akzeptanz von HPE-Maßnahmen aus der Perspektive des fliegenden Personals
In einem ersten Schritt wird in den fliegenden Verbänden der Luftwaffe die Akzeptanz der HPE-Maßnahmen aus der Perspektive der betroffenen Angehörigen des fliegenden Personals untersucht. Eine Befragung dieses Personenkreises soll jene Faktoren beleuchten, die die Akzeptanz und Wirksamkeit von HPE aus Sicht der Rezipienten stärken oder schwächen können. Für die Akzeptanzbefragung wurde ein Fragebogen konstruiert und für einen ersten Test bereits eingesetzt, der sich am Akzeptanzmodell von Ajzen (1991, Theorie des geplanten Verhaltens) orientiert [10]. Die theoretische Fundierung des Messinstruments ist in Abbildung 1 dargestellt. Der Fragebogen besteht insgesamt aus 66 Items. Innerhalb der Befragung werden Tendenzen der sozialen Erwünschtheit kontrolliert (4 Items).

Arbeits- und Anforderungsanalyse
Darüber hinaus soll anhand einer Arbeits- und Anforderungsanalyse unter anderem die subjektive Einschätzung der Auswirkungen von HPE auf die Arbeit im Cockpit durch die Piloten erhoben werden. Hierbei wird der Pilot als der Experte für seinen Arbeitsplatz betrachtet. Die in den meisten Skalen abzugebenden subjektiven Bewertungen des Arbeitsplatzinhabers werden durch ein Expertenrating (erfahrene Piloten, Fluglehrer, Fliegerärzte und Flugpsychologen) ergänzt, um systematische Verzerrungen zu vermeiden. Darüber hinaus ist der Erhebungsbogen vor allem in seinem Teil F so konstruiert, dass durch Zwangswahlitems einer Verzerrung vorgebeugt wird. Dazu wird ein Fragebogen verwendet, der an die Theorie der Handlungsregulation von Hacker angelehnt ist [11, 12] und als Baukasten auftragsorientiert mit verschiedenen Analyseschwerpunkten eingesetzt werden kann [13]. Der Fragebogen besteht aus acht kombinierbaren Teilen: Der Allgemeine Teil (A) erhebt die soziodemographischen Variablen und dient der Kodierung. Teil B erfasst verschiedene Aspekte der Arbeitssituation (zum Beispiel Berufserfahrung, Organisation der Arbeitstätigkeit, Gestaltung des Arbeitsplatzes, Verteilung der Haupt- und Nebenaufgaben). In Teil C werden die Arbeitsbedingungen und Belastungen erfasst (wie körperliche Belastungen, Bewegungsabläufe, Unfallgefährdung). Teil D dient der subjektiven Erfassung der Arbeitssituation und Teil E den Belastungsfolgen und entsprechenden Maßnahmen. Die Teile F (subjektive Belastungsanalyse, zum Beispiel kognitiv-mentale Belastungen, energetische Belastungen, emotionale Belastungen) und G (Anforderungsanalyse im Selbst- und Expertenrating, wie Wahrnehmung, Informationsaufnahme und -speicherung, Informationsverarbeitung, Handlungsumsetzung und motorische Fähigkeiten) werden vorab in einem Vergleich von Anforderungen zweier Flugzeugmuster erstmalig erprobt und analysiert, ob die Erfahrungen im Rahmen der HPE-Evaluierung entsprechend umgesetzt werden können [14]. Der Teil H (Anforderungsanalyse als Verhaltensbeobachtung) soll aus der Beobachtung des Piloten im Realflug durch einen Experten die subjektiven Skalen des Fragebogens objektivieren. Aus den empirisch gewonnenen Daten lassen sich Anforderungsprofile und Ansatzpunkte für eine Anpassung und Optimierung der durchgeführten HPE-Maßnahmen ableiten. PhotoAbb. 2: Kontinuierliche Datenerhebung und Weiterentwicklung

Erhebung der Verfahrensumsetzung in den fliegenden Verbänden

Für die Bestimmung der Wirksamkeit der im Rahmen von HPE durchgeführten fliegerärztlichen, physiotherapeutischen, sportwissenschaftlichen und psychologischen Interventionsverfahren ist vor allem die Erhebung der Verfahrensumsetzung in den einzelnen Verbänden unabdingbare Voraussetzung. Dies erfordert eine Bestandaufnahme der angewandten Verfahren und eingesetzten Geräte, um Hypothesen hinsichtlich der zu erwartenden Wirkungszusammenhänge im Vorfeld der Evaluation zu generieren. Im Rahmen dieser ersten Prüfung wird sich die Frage nach der Vergleichbarkeit der Umsetzung von HPE in den einzelnen Verbänden der Luftwaffe stellen und auf die Planung der Evaluation hinsichtlich der Definition der Zielvariablen (Tabelle 1) zurückwirken.

Standardisierung der Verfahren
Nach der Bestandsaufnahme und der Identifikation möglicher Zielvariablen wird eine Standardisierung eines in allen Verbänden vorhandenen, gemeinsamen Maßnahmenpools angestrebt. Dies ist erforderlich, um eine Vergleichbarkeit im Bereich gezielter Maßnahmen herstellen und gewährleisten zu können. Maßnahmen, die nicht vergleichbar sind, werden dennoch in die Evaluation aufgenommen, um ihre Wirksamkeit an einer verbandsinternen Stichprobe im Längsschnitt prüfen zu können. Auf diese Weise soll eine einheitliche Umsetzung des HPE-Konzeptes in der Luftwaffe angestrebt werden, ohne wirksame und akzeptierte lokale Initiativen aufzugeben.

Entwicklung der Messbarkeit von HPE
Der Kernpunkt der Evaluation ist die wissenschaftliche Definition und Messbarmachung der Steigerung des individuellen Belastungswiderstandes und der Optimierung des Leistungsvermögens der fliegenden Besatzungen der Bundeswehr. Dies bedeutet für jeden Arbeitsplatz und jedes Luftfahrzeugmuster etwas anderes. Aus diesem Grunde sprechen wir von einem HPE-Konzept als theoretischem Leitgedanken, das für die einzelnen Verbände jeweils etwas anderes bedeuten wird. Man kann hier von einem gemeinsamen theoretischen Rahmen mit jeweils unterschiedlich ausdifferenzierten Rahmenbedingungen sprechen. Der Kausalzusammenhang zwischen HPE-Maßnahmen und Leistungsvermögen am Arbeitsplatz (für den Kampfpiloten Eurofighter zum Beispiel die Performance beim Luftkampf, für den Doorgunner eines NH90 dagegen der Erfolg beim Niederhalten feindlichen Infanteriefeuers) ist daher jeweils gesondert herzustellen und die Wirkung zu messen. Dafür sind geeignete Kriterien zu bestimmen, die das Leistungsvermögen für den Arbeitsplatz definieren, und daraus HPE-Maßnahmen abzuleiten, die geeignet sind, das Leistungsvermögen medizinisch, sportwissenschaftlich, physiotherapeutisch und psychologisch zu optimieren – im Grundbetrieb ebenso wie in einem Einsatz.

PhotoTab. 2: Empirisch beantwortbare Fragestellungen beim Längsschnittdesign mit mehreren Stichproben Inwieweit die dazu bereits angelaufenen HPE-Maßnahmen in den Verbänden wirksam sind, lässt sich mit dieser Evaluation bereits in den ersten Jahren beantworten. Dies bedeutet aber auch, dass neue Maßnahmen identifiziert werden können, deren Umsetzung in der kontinuierlichen Weiterentwicklung zu prüfen sind. Entsprechend kann auch die Aussetzung von bereits angelaufenen Maßnahmen die Folge sein.

Zeitplan
Die Durchführung der Evalua-tion in der Luftwaffe ist auf fünf Jahre ausgerichtet und wird im Sinne einer Prozessevaluation definiert. Dies bedeutet, dass nach der Akzeptanzanalyse, der Ergebnisauswertung und einer eventuellen Verbesserung des Messinstruments ein Prozess mehrfach durchlaufen wird, in dem jede Messung der Zielvariablen über Auswertung und Weiterentwicklung in die nächste Messung hinein wirken wird (Abbildung 2). Dabei ist darauf zu achten, dass Veränderungen nur moderat durchgeführt werden, da sonst die Vergleichbarkeit mit den zu früheren Zeitpunkten erhobenen Daten nicht mehr möglich ist.

Problem: Bestimmung der Wirksamkeit von HPE

Die Bestimmung der Wirksamkeit von HPE anhand der Zielkriterien ist das Kernelement der Evaluation. Diese erfolgt durch Testung der im Vorfeld aufgestellten wissenschaftlichen Hypothesen. Die Messung der Wirksamkeit kann nur anhand zweier Maße erfolgen: (1) Zunahme der Leistungsfähigkeit im Zeitverlauf (t2 bis t5) oder (2) Vergleich mit einer adäquaten Stichprobe ohne Trainingseinfluss (Trainings- versus Kontroll- oder Placebogruppe). Beide Vorgehensweisen sind im Zusammenhang mit der Evaluation von HPE mit Problemen behaftet.

Zu (1): Da es keinen Zeitpunkt vor Beginn der Maßnahmen gibt, zu dem eine systematische Messung vorgenommen wurde (t0), lässt sich das Maximum der Effektstärken nicht mehr bestimmen. Aber selbst wenn es einen definierten Startpunkt gäbe, wäre mit ohnehin geringeren Effektstärken zu rechnen, da die Stichprobe der Piloten eine im Vergleich mit zivilen Trainingsgruppen sehr hoch trainierte und spezifisch ausgebildete Population darstellt. Der Trainingszuwachs in dieser Spitzenklasse lässt somit geringere Effekte erwarten.

Zu (2) ist festzustellen, dass es aus Gründen der ständigen Einsatzbereitschaft im Flugbetrieb – wie auch aus grundsätzlichen ethischen Gesichtspunkten, die sich bei der Bildung von Kontrollgruppen, die eine gewisse Benachteiligung erfahren könnten, immer ergeben – nicht vertretbar ist, einem Verband die Teilnahme an HPE zu verwehren und somit Abstriche in der Gesundheitsfürsorge und möglicherweise eine geminderte Einsatzbereitschaft in Kauf zu nehmen. Auch der Vergleich mit Flugzeugführern anderer Flugzeugtypen, die aufgrund ihres im Vergleich zu Jetpiloten unterschiedlichen Anforderungsprofils (zum Beispiel durch G-Belastung) nicht so stark in HPE eingebunden sind, ist problematisch, da sich das abgestufte Konzept von HPE gerade aus den Unterschieden ergibt, die durch die differenten, mit dem Flugdienst verbundenen Anforderungen gerechtfertigt werden. Auch aus diesem Grunde ist der Einsatz eines Arbeitsanalyseverfahrens für fliegendes Personal sinnvoll, womit die unterschiedlichen Anforderungsprofile der einzelnen Flugzeugmuster und Flugaufträge systematisch dargestellt werden.

Die mit dem hier vorgestellten Ansatz verfolgte Lösung sieht vor, als Vergleichsgruppe Flugschüler zu betrachten, die auf dem jeweiligen Flugzeugmuster ausgebildet werden sollen und nach ihrer fliegerischen Ausbildung in den USA in ihrem neuen Verband zum ersten Mal mit HPE in Berührung kommen. Die Erhebung schließt selbstverständlich alle Piloten des Verbandes ein, die kritischen Daten sind jedoch vor allem im Leistungszuwachs der neu hinzu gekommenen Piloten zu erwarten. Gleichzeitig lässt sich die Wirksamkeit der HPE-Maßnahmen auch bei trainierten Piloten untersuchen, wobei hier – wie eben erwähnt – mit einem geringeren Zuwachs zu rechnen ist. Insgesamt lassen sich mit diesem methodischen Vorgehen vielfältige Fragestellungen beantworten, die in Tabelle 2 exemplarisch beschrieben sind.

Neben der Evaluation des HPE-Programms in den Geschwadern ist bei der Betrachtung der einzelnen Verbände ein Vergleich der jeweiligen HPE-Maß-nahmen prinzipiell möglich, wenn man die verschiedenen Auftragsschwerpunkte, Einsatzbelastungen und Materialausstattungen berücksichtigt. Problematisch ist hier, wenn ein zu unterschiedliches Portfolio an HPE-Maßnahmen angewendet wird, das sich nicht vergleichen lässt. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn Verband A im psychologischen Bereich Entspannungsverfahren und Verband B ein kognitives Leistungstraining anbietet. Hier lassen sich zwar die Maßnahmen nicht miteinander, wohl aber deren Wirksamkeit auf die objektive Leistungsfähigkeit bestimmen, auch wenn aufgrund der zahlreichen nicht kontrollierbaren Variablen damit nicht geklärt ist, wie der Leistungszuwachs eigentlich zustande gekommen ist. Wenn die HPE-Maßnahmen standardisierbar gemacht werden können, ist nicht nur ein einfacher Vergleich der Wirksamkeit der Maßnahmen in den jeweiligen Geschwadern, sondern auch ein Vergleich verschiedener Flugzeugmuster denkbar, zum Beispiel indem man Verbände mit Eurofighter denen mit Tornado gegenüberstellt. Rechnet man die einsatzspezifischen Effekte heraus, lassen sich direkt vergleichbare Kennzahlen (zum Beispiel gewichtete Mittelwerte) bestimmen.

Auf die gleiche Weise lassen sich innerhalb der Stichprobe zum Beispiel Alterungseffekte bestimmen, wenn man die Gruppe junger Piloten mit der Gruppe älterer Piloten vergleicht. Bei einem solchen Vergleich ist natürlich die mit zunehmendem Alter verbundene Erfahrung, die sich in der Anzahl der Flugstunden oder Einsätze mathematisch ausdrücken lässt, statistisch zu kontrollieren. Gleichzeitig ist diese Erfahrung selbst wieder ein Indikator für weitere Fragestellungen: Haben Piloten mit langjähriger HPE-Erfahrung auch die meisten Flugstunden und deswegen ein besseres Leistungsoptimum?

Zum dritten Erhebungszeitpunkt der Längsschnittstudie ist ein Zwischenbericht geplant, der die Wirksamkeit der HPE-Maßnahmen in den untersuchten Verbänden darstellen und Vorschläge zur weiteren Standardisierung und Weiterentwicklung machen soll. Auf der Grundlage dieser ersten umfassenden Auswertung werden auch die Zielkriterien und Erhebungsinstrumente neu bewertet. Auf Grundlage dieser Ergebnisse werden die weiteren Daten in den Folgejahren erhoben und gegebenenfalls angepasst. Erst nach Abschluss sämtlicher Datenerhebungen wird in einem Abschlussbericht das Lagebild zusammenfassend dargestellt. Dabei werden dann auch Maßnahmen zur Weiterentwicklung von HPE vorgestellt.

Weiterentwicklung von HPE in der Bundeswehr

Die Weiterentwicklung von HPE bezieht sich nicht ausschließlich auf die im Längsschnitt erhobene Stichprobe der Jetpiloten, sondern sollte immer weiter auf die Gruppe des fliegenden Personals der Bundeswehr mit ihren jeweils typischen einsatzspezifischen Anforderungen ausgeweitet werden. Damit ist gemeint, dass die derzeit umgesetzten Maßnahmen, die im Rahmen der Längsschnittstudie hinsichtlich ihrer Wirksamkeit für den Flugbetrieb untersucht wurden, auch an die Besonderheiten der Transportflieger und der Hubschrauberpiloten sowie deren mitfliegendes Personal (zum Beispiel Bordtechniker, Lademeister, Bordschützen, Versuchsingenieure) angepasst und angeboten werden sollten.

Dabei ist natürlich eine kontinuierliche Überprüfung der weiteren Wirksamkeit der angewandten Methoden zum Leistungserhalt und zur Leistungssteigerung notwendig. Diese Methoden sind nicht nur auf die jeweilige Zielgruppe abzustimmen, sondern auch hinsichtlich ihrer statistischen Bedeutung weiter zu verbessern. So sollte die Validität durch die Festlegung einsatzrelevanter Außenkriterien gesteigert werden. Dies kann durch definierte Erfolgskriterien (zum Beispiel Reaktionszeiten, Multitasking, situational awareness) bei Flügen in einer simulierten Umgebung erreicht werden, in denen die Piloten mit kontrollierten Einsatzszenarien konfrontiert werden und das Reaktionsverhalten auf der Grundlage von Tests und Verhaltensbeobachtungen durch eine Expertengruppe (zum Beispiel Fluglehrer, erfahrene Piloten, Fliegerärzte, Flugpsychologen) bewertet wird. Auch sind Vergleiche mit ähnlich geforderten Berufsgruppen, wie Leistungssportlern oder Zivilfliegern, wie zivilen Fracht- und Hubschrauberpiloten, anzustreben und die Trainingsmaßnahmen und der Berufserfolg hinsichtlich der Bedingungen für das fliegende Personal der Bundeswehr zu bewerten. In diesem Fall wären Kooperationen mit den entsprechenden Sportverbänden/Vereinen oder Unternehmen denkbar.

HPE im Einsatz
Ein weiteres wesentliches Kriterium für den Erfolg von HPE in der Bundeswehr ist die Bewährung im Einsatz. Wenn das HPE-Konzept konsequent vom Einsatz her gedacht werden soll, muss es sich auch im Einsatz bewähren. Dies bedeutet aber nicht nur, sich im Inland kontinuierlich auf den Einsatz vorzubereiten und mit einem ausreichenden Puffer in den Einsatz zu gehen, sondern auch die Einsatzfähigkeit gerade im Einsatz durch die Fortführung entsprechender Maßnahmen vor Ort zu erhalten und weiter zu steigern. Die Belastungen in den Einsätzen sind vielfältiger und gegebenenfalls einschneidender, als dass eine gute Vorbereitung die einzige Versicherung für die Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit bleiben sollte. Im Einsatz kommen, neben den üblichen Belastungen des fliegerischen Dienstes, noch einsatzspezifische Belastungen, wie die Trennung von Familie und Freunden, Gefährdungen und mögliche Konfrontation mit Verwundung und Tod hinzu, die sich auf die Leistungsfähigkeit auswirken können. Daher ist die kontinuierliche Fortsetzung der im Verband vertrauten HPE-Maßnahmen im Einsatz ein gutes Mittel der Aufrechterhaltung der Kontinuität.

Kernaussagen / Fazit

  • Das Konzept Human Performance Enhancement dient der Gesunderhaltung und Steigerung der physischen und psychischen Robustheit des fliegenden Personals der Bundeswehr im Grundbetrieb und Einsatz.
  • Zur Bestimmung der Wirksamkeit der durchgeführten Maßnahmen und deren Effizienzsteigerung im weiteren Zeitverlauf ist eine entsprechende Evaluierung nach wissenschaftlichen Standards erforderlich.
  • Diese erfolgt in einem mehrstufigen und rückgekoppelten Prozess und orientiert sich an den Bedingungen der Verbände vor Ort, dient aber gleichzeitig der Standardisierung der lokal angewandten Verfahren.
  •  Auf dieser Grundlage werden erfolgreiche Maßnahmen identifiziert, weiterentwickelt, systematisiert und ständig überprüft.

Literatur

  1. Konzept Betriebliches Gesundheitsmanagement, Bundesministerium der Verteidigung Berlin, 2013.
  2. Verteidigungspolitische Richtlinien, Bundesministerium der Verteidigung Berlin, 2011.
  3. Konzeption der Bundeswehr, Bundesministerium der Verteidigung, Az 09-02-04, 2013.
  4. Konzept für Human Performance Enhancement (HPE) im Fliegerischen Dienst der Bundeswehr, Inspekteur der Luftwaffe, 2012.
  5. Brown, L., & Tvaryanas, A. P.: Human Performance Enhancement. Air & Space Power Journal 2008; 08/12: 1-6.
  6. Future Topic Human Enhancement – Eine Übersicht, Planungsamt der Bundeswehr, Dezernat Zukunftsanalyse, 2013.
  7. Nüsse, R.: Grundlagen der Gesundheitsfürsorge im Jagdbombergeschwader 31 “Boelecke” – Neuausrichtung fliegerärztlicher Betreuung im EUROFIGHTER-Flugbetrieb. Interner Bericht, 2011.
  8. Dorsch, F., Häcker, H. & Stapf, K.H. (Hrsg.): Dorsch – Psychologisches Wörterbuch. Bern: Verlag Hans Huber, 1994.
  9. Asanger, R. & Wenninger, G. (Hrgs.). Handwörterbuch Psychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union, 1994.
  10. Ajzen, I.: The theory of planned behavior. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 1991, 50, 179-211.
  11. Hacker, W. Arbeitstätigkeitsanalyse. Heidelberg: Asanger, 1995.
  12. Hacker, W. Allgemeine Arbeitspsychologie. Psychische Regulation von Arbeitstätigkeiten (2. Aufl.). Bern: Hans Huber, 2005.
  13. Daum, S. O. & Stein, M. Analysis of military workplaces. The development of a job analysis questionnaire for military aviation personnel. Poster auf der Ramstein Aerospace Medicine Summit and NATO STO Technical Course “The Future and Aerospace Medicine – Meeting the Challenge” (10.03.2014-14.03.2014), Ramstein Air Base, 2014.
  14. Daum, S. O. & Stein, M. Analyse militärischer Arbeitsplätze: Vergleich von Schulungsflugzeugen der Deutschen Luftwaffe. In: Grandt, M. & Schmerwitz, S. (Hrsg.): Der Mensch zwischen Automatisierung, Kompetenz und Verantwortung (S. 277-280). DGLR-Bericht 2014-01. Bonn: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt.

Datum: 27.10.2015

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2015/9-10