Patiententransport an Bord
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Patiententransport an Bord

Der Sanitätsdienst an Bord ist integraler Bestandteil des Systems Schiff bzw. Boot.

Im Prozess der Patientenversorgung spielt der Patiententransport eine entscheidende Rolle. Insbesondere in See, wenn Patienten von Schiff zu Schiff oder von Schiff an Land transportiert werden müssen, kommen auf Mensch und Material spezifische Herausforderungen zu.

Grundsätzlich ist in See der luftgestützte Patiententransport das Mittel der Wahl. Die Herausforderung des Patiententransportes liegt beim Transport an Bord bzw. innerhalb des Schiffes. Der Weg vom Punkt der Verletzung bis zum Schiffslazarett bzw. vom Schiffslazarett in den Helikopter ist anspruchsvoll. Gründe sind die Enge an Bord und der häufige Wechsel zwischen horizontalen und vertikalen Transportwegen.

Der Artikel gibt zunächst einen allgemeinen Überblick über den Patiententransport an Bord. Im Hauptteil wird kurz der aktuelle Sachstand der Erprobungen von Material und Verfahren zum Patiententransport an Bord vorgestellt. Diese werden aktuell durch das Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine durchgeführt.

Rahmenbedingungen an Bord

Enge, steile Niedergänge und ständige Bewegungen durch Seegang kennzeichnen die Rahmenbedingungen des Patiententransports an Bord. Der Patiententransport umfasst nicht nur den Transport im Schiff, sondern es müssen auch eine ganze Reihe von Schnittstellen bedient werden. Die wichtigsten Schnittstellen sind Schiff/Hubschrauber, Schiff/Boot oder Schiff/Rettungsmittel.

Am Häufigsten wird die Schnittstelle Schiff/Hubschrauber bedient. Alle Einheiten mit einem Schiffslazarett (EGV, Fregatten, Korvetten und Tender) verfügen über ein Hubschrauberlandedeck (sog. Helo-Deck). Die Bedienung der Schnittstelle erfolgt über das Beladen des gelandeten Hubschraubers mit dem Patienten auf dem Helo-Deck.

Boote (Uboote und MBoote)und die Flottendienstboote verfügen über kein Helo-Deck. Der Patient muss hier immer gewincht werden. Insbesondere vom UBoot ist das Winchen eines Patienten aufwändig. So kann der Patient nur vom hinteren Teil der sog. Brücke gewincht werden. Das ist eine ca. 1,5 mal 2 m große Fläche. Der Patient muss dazu ca. sechs Meter vertikal durch den Turm des UBoots transportiert werden. Dieses Manöver ist insbesondere bei Seegang anspruchsvoll und verlangt Training sowohl von der UBoot-Besatzung als auch von der Hubschrauber-Crew.

Der Transport im Schiff ist anspruchsvoll und schwierig. Er ist gut zu vergleichen mit der Höhlenrettung. Denn auch hier müssen Hindernisse in engen Räumen vertikal oder horizontal überwunden werden. Als Hindernisse stellen sich enge Niedergänge, Treppenschächte oder enge Räume dar, aus denen der Patient zunächst gerettet und anschließend transportiert werden muss.

Der Transport im Schiff findet in der Regel vom Ort der Verletzung zum Ort der bestmöglichen Versorgung, z. B. Schiffslazarett, statt.

Wärmeerhalt spielt in See, ebenso wie an Land, eine wichtige Rolle. Insbesondere bei Verlassen des Schiffes und Einbringen in ein Rettungsmittel ist der Wärmerhalt von zentraler Bedeutung.

Stand der Forschung

Aktuell werden am Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine umfangreiche Erprobungen und Entwicklungen durchgeführt, um den Patiententransport an Bord den Einsatzerfordernissen in maritimen und streitkräftegemeinsamen Operationen zu optimieren. Dazu wird neben Material immer auch das Verfahren mit untersucht. Photo

Im Folgenden werden die aktuellen Ergebnisse und Erkenntnisse am Beispiel des Patiententransportes auf einem UBoot kurz wiedergegeben. Das Beispiel UBoot ist bewusst gewählt, da hier die höchsten Anforderungen an Material und Verfahren gestellt werden.

Die hier vorgenommenen Betrachtungen haben den individuell behandelten Notfallpatienten an Bord eines Marine-Fahrzeugs zum Gegenstand. Nicht betrachtet werden diejenigen Techniken, die unter Zeitdruck notfallmäßig beim „Massenanfall“ oder in der „Gefechtssituation“ eher taktisch als patientenorientiert getroffen werden müssen.

Unterscheidung zwischen Innen- und Außentransportmittel

„Innen“-Transportmittel
Dieser Oberbegriff wurde zur Kennzeichnung derjenigen Transportmittel gewählt, die mit dem Körper des Patienten direkt verbunden werden, um auf diese Weise eine weitgehende Immobilität des Körpers zu erreichen und so die Bergung aus der Auffindeposition (Kunstbegriff hierzu: „Rettung“) zu ermöglichen.

Aufgrund der im Innenraum von Marinefahrzeugen häufig gegebenen beschränkten Raumverhältnisse sind das oft gleichzeitig diejenigen Transportmittel, die für den Krankentransport im Inneren des Bootes oder Schiffes Verwendung finden.

Auch während des Transportes ist meist ein rascher Zugang zum Patienten möglich, um medizinisch gebotene Maßnahmen treffen zu können.

„Außen“-Transportmittel
Diesen Oberbegriff wird zur Kennzeichnung derjenigen Transportmittel gewählt, die weniger zur Stabilisierung des Körpers, sondern hauptsächlich zur Verbringung des Patienten über längere Strecken dienen. Bedeutsam ist hier mehr die äußerlich geschützte Position des Patienten und eventuell die Kompatibilität mit einem bestimmten Transportmittel (z. B. Fahrtrage-Rettungsfahrzeug, Korbtrage-Drehleiter, Luftrettungsbergesack-Hubschrauber).

Ziel der laufenden Untersuchungen ist vor allem die Kompatibilität der einzelnen Systeme. Im Interesse einer zügigen Patientenversorgung soll ein „geradliniger“ Versorgungsweg gewählt werden, auf dem ein mehrfaches Umlagern des Patienten vermieden werden soll.

Eine untersuchte Option zur Kombination von Innen- und Außentransportmittel sieht folgendermaßen aus:

Der verunfallte Soldat wird am Auffindeort mit Hilfe eines Wirbelsäulenbretts immobilisiert, ohne Umlagerung im Schiffslazarett erstversorgt und kommt, wenn ein Abtransport mittels Hubschrauber im Winch-Verfahren geplant ist, ebenfalls zusammen mit seinem Transportmittel in einen Luftrettungs-Bergesack. Vorher kann noch ein Immersionsschutz in Form einer Überlebenshülle mit aufblasbaren Auftriebskörpern angebracht werden.

Aktuelle Ergebnisse zum Verfahren ­Patiententransport im U-Boot

Eine wichtige Bedingung für den Transport liegender Patienten ist, dass eine vertikale Position hergestellt werden kann. Beengte Räume, die von einer gesunden Person gerade eben aufrecht gehend oder gebückt begangen werden konnten, können kaum in liegender Position verlassen werden. Es ist deshalb unabdingbar, dass der Patient auf seinem Transportgerät so stabil fixiert werden kann, dass er bei Bedarf in eine vertikale Position gebracht werden kann. Dabei muss das Transportgerät auf dem Boden abgestellt werden können, ohne, dass die (eventuell verletzten) Beine des Patienten die Last des eigenen Körpers und des Transportmaterials aufnehmen. Nur durch gelegentliches Abstellen und Nachgreifen kann ein sicherer Transport einer Person mit dem Gewicht eines Erwachsenen auf beengtem Raum gewährleistet werden.

Weniger Probleme bereitet der vertikale Transport, wenn er nicht per Hand erfolgen muss, sondern Hebegeräte vorhanden sind. Ein Teil der Marine-Fahrzeuge verfügt über Anschlagpunkte für Hebegeräte an Niedergängen.

Der Turm eines U-Bootes ist insofern keine große Herausforderung hinsichtlich der Kraftaufwendung, weil mit Hilfe einer bedarfsweise anzubringenden Stahlseilwinde die Last des Patienten relativ problemlos vom Deck ins Freie auf die äußere Deckshaut übertragen und der Patient mittels dieser nach oben gezogen werden kann.

Auf dem U-Boot existiert die zusätzliche Schwierigkeit, dass der Patient, sobald er auf dem äußeren Deck angelangt ist, den Unbillen der See und des Wetters ausgesetzt ist. Deswegen wurde die im Folgenden beschriebene Variante erprobt, die aus folgenden zusätzlichen Komponenten besteht: 1. Kälteschutzsack und 2. Luftrettungsbergesack.

Bei dem Kälteschutzsack handelt es sich um einen in Erprobung befindlichen Prototypen, der den Patienten samt der ihn begleitenden lebenserhaltenden Gerätschaften, ähnlich dem Immersionsanzug gesunder Crewmitglieder vor Nässe und Kälte beim Eintauchen schützt. Wichtiger noch, es werden auch die Atemwege geschützt. Allerdings ist die mögliche Aufenthaltsdauer in der Schutzhülle begrenzt, da der Schutzsack keine geprüften und zugelassenen Vorrichtungen zum Anbringen von Hebezeug besitzt. Er wird daher mit einem entsprechend geeigneten Luftrettungsbergesack kombiniert, der die äußerste Umhüllung bildet.

Während des Transports durch den Turm wird der Patient durch eine Person begleitet, die auf der Leiter hinterherklettert und wo nötig, die Trage durch leichte Drehungen entsprechend der Raumstruktur ausrichtet.

Der Transport durch den Turm und das Winschen mit dem Hubschrauber sind zwar spektakuläre und aufwändige Aktionen, aber sie sind relativ einfach und sicher durchführbar.

Schwieriger ist der Transport zwischen den beiden Decks auf einem U-Boot. Das U-Boot verfügt über keine sanitätsdienstliche Infrastruktur. Der Patient wird in der Offizier-Messe behandelt. Auf dem Weg zum Behandlungsplatz ist es zuweilen nötig, das Krankentransportgerät mit dem Patienten senkrecht zu stellen, um Ecken, enge Türdurchlässe oder den Vertikalschacht zwischen den Decks zu überwinden.

Die schwierigste Strecke ist der Gang durch den Maschinenraum, weil hier Maschinenteile in den Gang hineinragen und nur er so weit ist, dass eine Person sich hindurchmanövrieren kann. Ein liegender Patient müsste etwa in Brusthöhe durch zwei Helfer hindurchgetragen werden. Bei Erprobungen wurde die etwas ungewöhnliche Variante genutzt, dass durch einen oder zwei Helfer das Gewicht auf dem Rücken abgefangen wurde, ähnlich dem „Rückentragegriff“ oder dem „Gamstragegriff“. Jedoch sind dann noch zwei weitere Helfer vonnöten, die vorne und hinten die Lage des Transportmittels kontrollieren und hierzu nicht unerhebliche Haltekraft aufwenden müssen.

Zusammenfassung

Der Patiententransport ist anspruchsvoll. Die Einführung neuen Materials und Verfahren machen umfangreiche Erprobungen nötig. Für die Besatzung bedeutet das, dass nach Einführung neuer Patiententransportsysteme Verfahren intensiv ausgebildet und trainiert werden
müssen.

Datum: 09.12.2015

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2015/3