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BEGRÜNDER DER MODERNEN ANATOMIE

ZUM 500. GEBURTSTAG VON ANDREAS VESAL

Ralf Vollmuth

WMM, 59. Jahrgang (Ausgabe 1/2015; S. 29)

Am Silvestertag des Jahres 1514 wurde in Brüssel ein Mann geboren, der wie kaum ein anderer für die Renaissancemedizin steht und als „Erneuerer“ oder „Begründer der modernen Anatomie“ gilt: Andries Witting van Wesel te Brussel, bekannter unter dem Namen Andreas Vesal oder Vesalius.

Photo Portrait von Andreas Vesal in seinem epochemachenden Werk ‚De humani corporis fabrica libri septem’ (Basel 1543).

Der Sohn eines kaiserlichen Leibapothekers Karls V. absolvierte zunächst ein altsprachliches Studium in Löwen und studierte ab 1533 an der Medizinischen Fakultät der Universität Paris. Im Jahre 1536 kehrte Vesal nach Löwen zurück; am 5. Dezember 1537 promovierte der noch nicht einmal 23-Jährige an der namhaften Universität Padua und erhielt gleichzeitig die Professur für Chirurgie, die auch die Lehrverpflichtung für das Fach Anatomie einschloss.
Bereits in der Art des anatomischen Unterrichts zeigte sich der innovative Geist Vesals. Üblicherweise las ein Professor nach althergekommenen Lehrbüchern Anatomie und wurde durch einen Dissektor und einen Demonstrator unterstützt, die das Lehrbuchwissen an der Leiche aufzeigten. Vesal hingegen sezierte selbst – charakteristisch war dabei die systematische schichtenabtragende Sektion – und erläuterte seine entsprechenden Befunde. 1538 veröffentlichte er mit den ‚Tabulae anatomicae sex‘ ein noch ganz in der Tradition der antiken medizinischen Autorität Galen stehendes anatomisches Schauwerk für die Lehre.

Photo Vesals Muskelmänner zählen zu den spektakulärsten und bekanntesten anatomischen Darstellungen und verdeutlichen die schichtenabtragende Sektion.

Aber Vesal traten die Widersprüche zwischen den an der Leiche erhobenen eigenen Befunden und den vor allem auf Tiersektionen beruhenden Lehrmeinungen Galens in den folgenden Jahren immer deutlicher vor Augen.
Im Jahre 1543 schließlich veröffentlichte er sein 1539 begonnenes Werk ‚De humani corporis fabrica libri septem‘ (‚Sieben Bücher vom Bau des menschlichen Körpers’), das eines der bekanntesten und gleichzeitig schönsten Bücher der Medizingeschichte darstellt. Mit seiner aus sieben thematisch gegliederten Teilen bestehenden ‚Fabrica‘ revolutionierte Vesal die Anatomie. Auf der Grundlage seiner eigenen Sektionen beschrieb er eine Vielzahl bislang unbekannter Strukturen oder vertiefte bekanntes Wissen. Vor allem aber korrigierte oder widerlegte er eine erhebliche Anzahl der anatomischen „Irrtümer“ Galens, die über mehr als ein Jahrtausend hinweg Bestand gehabt hatten. So verwarf Vesal etwa die Vorstellungen eines mehrkammerigen Uterus, einer fünflappigen Leber, eines zweigeteilten Unterkiefers oder eines siebenteiligen Brustbeins, wie er auch die Existenz des so genannten „rete mirabile“, das heißt eines Gefäßnetzes an der Schädelbasis bestritt. Ebenso bemerkenswert wie der Inhalt ist auch die Qualität der Abbildungen, die höchstwahrscheinlich von dem Tizian-Schüler Jan Stephan van Kalkar stammen und zu den Höhepunkten frühneuzeitlicher anatomischer Illustrationen zählen.
Obwohl Vesal auch auf Arbeiten seiner Vorgänger und Zeitgenossen aufbauen konnte, kam ihm das Verdienst zu, der Anatomie eine neue Richtung gegeben zu haben. Von den Einen frenetisch gefeiert und umjubelt, wurde er von den Anhängern Galens bekämpft und angefeindet.
Vielleicht war es auch dieses Wechselbad, das den damals 28-jährigen Anatomen bewog, seinem Leben eine andere Richtung zu geben. 1544 beendete er die Universitätslaufbahn und wurde Leibarzt Kaiser Karls V., den er auf Reisen und Feldzügen begleitete. 1555 publizierte Vesal nochmals eine überarbeitete Auflage der ‚Fabrica‘, und nach der Abdankung Karls V. 1556 verblieb er in Diensten von dessen Sohn, dem spanischen König Philipp II., mit dessen Hof er 1559 nach Madrid umzog. Andreas Vesal starb – unter Umständen, über die oft spekulativ diskutiert wurde – im Oktober 1564 auf der Rückfahrt von einer Pilgerreise auf der Insel Zakynthos im Ionischen Meer.

Bildquellen: Archiv Vollmuth
Oberfeldarzt Professor Dr. Ralf Vollmuth, Potsdam

Datum: 26.03.2015

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2015/1