Artikel

DER ERSTE WELTKRIEG UND SEINE BEDEUTUNG IM WISSENSCHAFTLICHEN KONTEXT

The First World War and its Importance in the Scientific Context

Aus dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr Potsdam (Kommandeur: Oberst Dr. H.-H. Mack)

Gerhard P. Groß

WMM, 58. Jahrgang (Ausgabe 7/2014; S. 226-230)

Zusammenfassung:

Der Erste Weltkrieg war in Deutschland ein vergessener Krieg. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen war die Erinnerung an den Ersten durch die an den Zweiten Weltkrieg und die in den Jahren 1939 bis 1945 verübten deutschen Verbrechen überlagert. Ein großes öffentliches Interesse an dem hundertsten Jahrestag der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bestand nicht.

In Frankreich und Großbritannien dagegen ist die Erinnerung an den „Great War“ oder „Grande Guerre“ im öffentlichen Leben und in der Politik, besonders zu den Feierlichkeiten des Waffenstillstandes am 11. November 1918, überaus präsent. Dass der Erste Weltkrieg und besonders die Frage nach der „Kriegsschuld“ in Deutschland mittlerweile wieder viele Menschen interessiert, zeigt die Vielzahl der neueren Publikationen zum Ersten Weltkrieg sowie der mediale Umgang mit der Thematik.
Schlüsselwörter: Erster Weltkrieg, Gefallenengedenken, Kriegsschuldfrage, Waffenstillstand, kollektives Gedächtnis. Photo

Summary

The First World War was for a long time a forgotten war in Germany. In the collective memory of the Germans, the recollections of the First World War were replaced with those of the Second World War and the crimes committed by Germans between 1939 and 1945. There was no great public interest in the centenary of the great seminal catastrophe of the 20th century. In contrast, remembrance of the “Great War” or “Grande Guerre” is an eminent feature of public life and political affairs in France and Great Britain that is highlighted in the ceremonies commemorating the armistice on 11 November 1918. The large number of publications on the First World War and the media coverage of the topic show that many people in Germany have meanwhile again become interested in the First World War and particularly in the “war guilt” issue.
Keywords: First World War, commemoration of soldiers killed in action, war guilt issue, armistice, collective memory.

Im Juli 2014 jährt sich der Kriegsausbruch des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal. Während aus diesem Anlass in Belgien, Frankreich, den Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien, Neuseeland und Australien mit beträchtlichem Aufwand und großem Interesse der Medien sowie der Öffentlichkeit an den „Great War“ oder „Grande Guerre“ erinnert wird, findet der bevorstehende Jahrestag in Deutschland bei weitem nicht den Widerhall wie in den genannten Staaten. Von einer breiten gesellschaftlichen Diskussion über den Ersten Weltkrieg unter aktiver Teilnahme von Regierungsmitgliedern wie in Großbritannien [1] kann schon gar nicht die Rede sein. Wie lässt sich dieser so unterschiedliche Umgang mit der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ erklären?

Die Beantwortung diese Frage führt uns zum Beginn und Ende sowie zu den Ursachen und Folgen des Ersten Weltkrieges. Während heute in vielen Teilen Deutschlands am 11. November um 11:11h laut und lustig der Karneval ausbricht, gedenken viele Briten an diesem Tag in Stille ihrer gefallenen Soldaten. Als äußeres Zeichen tragen sie an ihrer Kleidung eine angesteckte Mohnblume, die sogenannten Poppies. Dieser Brauch geht auf das Gedicht des Kanadiers John McCrae „In Flanders Fields“ zurück, in dem er den Klatschmohn auf den Schlachtfeldern in Flandern und Nordfrankreich beschrieb. Der Mohn steht mit seiner roten Farbe für das Blut der Gefallenen. Auch wenn heute in Großbritannien am „Remembrance Day“ der gefallenen britischen Soldaten aller Kriege gedacht wird, geht der Gedenktag, ursprünglich „Armistice Day“ genannt, auf das Ende des Ersten Weltkrieges zurück, denn nie zuvor und nie danach hat Großbritannien höhere Verluste in einem Krieg erlitten als im „Great War“. Neben dem Gefallenengedenken wird an diesem Tag aber auch der Stolz auf die eigenen Soldaten ausgedrückt [2]. In Frankreich ist der Tag des Waffenstillstandes gesetzlicher Feiertag und hat eine hohe gesellschaftliche Bedeutung als Gedenktag für die Gefallenen. Im kollektiven Gedächtnis beider Staaten ist der 11. November, wie auch in anderen ehemaligen Ententestaaten, bis heute immer noch als Erinnerung an den glorreichen Sieg über Deutschland fest verankert. So sehen viele Franzosen tief in ihrem Herzen im „Grande Guerre“ den Krieg, der ihr Land zwar ausgeblutet hat, aber im Gegensatz zur Schmach des Zweiten Weltkrieges nicht mit einer Niederlage und der Besetzung von Paris durch deutsche Truppen einherging. Versuche von offizieller französischer Seite, so von Präsident Sakorzy, den 11. November zum Tag der deutsch-französischen Freundschaft zu erklären und diesen gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Arc de Triomphe zu begehen, stießen in Frankreich nicht nur auf Zustimmung, sondern auch auf Widerstand [3].

Australier und Neuseeländer gedenken ihrer Gefallenen am „Anzac-day“. Dieser wird in Erinnerung an die Kämpfe australischer und neuseeländischer Verbände auf der türkischen Halbinsel Gallipoli 1915 immer am Tag der Landung begangen, dem 25. April eines Jahres. Bis heute wird in Australien an diesem Tag jedoch nicht nur der Gefallenen gedacht, sondern mit Militärparaden auch an den Sieg über die Mittelmächte erinnert. Der Erste Weltkrieg nimmt als „Blutopfer“ im kollektiven Gedächtnis der Australier einen zentralen Platz als Gründungsmythos der heutigen australischen Gesellschaft ein. So steht der „Anzac spirit“ außenpolitisch dafür, dass Australien im Great War erstmals als vereinte Nation und souveräner Akteur auf der internationalen Bühne auftrat, und innenpolitisch für die nationale Integration durch die „gesamtaustralische Leidensgemeinschaft“ in den Kriegsjahren. Die aufgeführten Beispiele verdeutlichen zum einen die dramatischen politischen Veränderungen, die der Erste Weltkrieg weltweit auslöste und die in vielen Staaten bis heute positiv konnotiert sind. Zum anderen, dass militärische Erfolge der Urgroßväter, trotz des Widerstands einiger nationaler Friedensbewegungen, heute als militärische Siege gefeiert und als Vorbild für heutige Soldaten tradiert werden. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass zum Beispiel die australische Regierung über 80 Millionen Dollar für die Erinnerungsfeierlichkeiten von 2014 bis 2018 bereitstellt.

Photo In Deutschland wiederum stößt der Umgang der ehemaligen Ententestaaten mit dem 11. November im Speziellen und dem Ersten Weltkrieg im Allgemeinen auf Unverständnis. Einen militärischen Sieg überhaupt zu feiern und dann auch noch in Verbindung mit dem Gefallenengedenken, ist für viele Deutsche heute genauso unvorstellbar, wie an diesem Tag öffentlich den Stolz auf die eigenen Soldaten zu demonstrieren. Der im Vergleich mit anderen am Ersten Weltkrieg beteiligten Staaten einzigartige deutsche Umgang mit militärischen Erfolgen und dem Gefallenengedenken erschließt sich aus der deutschen Geschichte des „Zeitalters der Weltkriege“.
Während der Weimarer Republik und des „Dritten Reichs“ war es undenkbar, die Unterzeichnung des Waffenstillstandes, die die Masse der Deutschen als Eingeständnis der Niederlage bewerteten, zu begehen. Nur die allerwenigstens Deutschen dürften der Niederlage in den 1920er Jahren etwas Positives abgewonnen haben. Im Gegenteil – der Versailler-Vertrag, der im Artikel 231 Deutschland und seinen Verbündeten die Verantwortung am Kriegsausbruch zuwies, wurde von vielen Deutschen als Schanddiktat abgelehnt. Eine positive sinnstiftende Konnotation mit dem Ende des Ersten Weltkrieges entstand daher in Deutschland nach dem Krieg nicht. Als Folge des Zweiten Weltkrieges verschwand der 11. November und mit ihm die Niederlage von 1918 als historisches Ereignis aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen. Heute wird in Deutschland am letzten Sonntag des Kirchenjahres im November am Volkstrauertag nicht nur der Gefallenen deutschen Soldaten beider Weltkriege, sondern der „Toten zweier Kriege an den Fronten und in der Heimat“ und an „die Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen“ gedacht. Ganz bewusst wird jegliches Heldenpathos vermieden und sich so unmissverständlich vom Heldengedenktag der Nationalsozialisten abgegrenzt. Damit einhergehend verschwindet der Erste Weltkrieg im Schatten des Zweiten. Zugleich wird das Gedenken um die zivilen Opfer von Gewaltherrschaft erweitert und so im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten zivilisiert und internationalisiert. Mit dem Volkstrauertag, der in den 1920er Jahren, wie die Gedenktage in Frankreich oder Großbritannien, als Gedenken an die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges begründet wurde, ist in der Bundesrepublik daher keine bewusste Bindung an den Ersten Weltkrieg mehr vorhanden. Schon gar nicht wird an diesem Gedenktag mit Stolz auf die militärischen Leistungen deutscher Soldaten in der Vergangenheit und heute hingewiesen.

Dies liegt nicht zuletzt dran, dass im kollektiven Gedächtnis der Deutschen die Erinnerung an den Ersten durch die an den Zweiten Weltkrieg und die in den Jahren 1939 bis 1945 verübten deutschen Verbrechen überlagert wird, da weder in der Bundesrepublik Deutschland noch in der Deutschen Demokratischen Republik nach 1945 angesichts des Schreckens des Zweiten Weltkrieges und dessen Aufarbeitung ein großes Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte des Ersten Weltkrieges bestand.

Lediglich Anfang der 1960er Jahre trat der Erste Weltkrieg mit einem Knall für kurze Zeit aus dem Schatten des Zweiten Weltkrieges als Fritz Fischer 1961 mit seinem Buch „Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918“ [4] weit über den kleinen Kreis der Fachleute hinaus eine heftige Debatte über die deutsche Vergangenheit vor der nationalsozialistischen Machtergreifung auslöste. Beließ es Fischer doch nicht bei einer Analyse der deutschen Kriegsziele im Ersten Weltkrieg, sondern wies Deutschland eine erhebliche Verantwortung für die Auslösung der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu. Die Folge waren ein publizistisches Erdbeben sowie eine bis dato beispiellose Diskussion in der westdeutschen Geschichtswissenschaft, die auch weite Teile der deutschen Öffentlichkeit erfasste. Die besonders in den Jahren nach dem Versailler Friedensvertrag hochgradig politisiert geführte Debatte über die deutsche Kriegsschuld flammte erneut auf. Konrad Jarausch bringt die damalige Stimmung treffend auf den Punkt:

„Fischers Thesen waren ein Schock. In Jerusalem stand Adolf Eichmann vor Gericht, in Frankfurt begannen die Auschwitzprozesse. Allen Deutschen wurde vor Augen geführt, welche schrecklichen Dinge im Dritten Reich passiert waren. Und nun sollten sie auch noch schuld am Ersten Weltkrieg sein.“ [5]

Die bis Ende der 1970er Jahre andauernde „Fischer-Kontroverse“ über die Frage nach der Kriegsschuld des Kaiserreichs am Ersten Weltkrieg nahm ihren Lauf. Fischer spitzte in seinem Werk „Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914“ [6] wenige Jahre später seine Position weiter zu, indem er der Reichsleitung eine langfristige Kriegsplanung zur Erringung einer deutschen Hegemonie in Europa vorwarf. Der Hamburger Ordinarius verwarf damit nicht nur die These von der schicksalhaften Verstrickung, die zum Krieg führte, er stellte an ihre Stelle die des kühl berechnenden Aktes der Reichsleitung. Fischers wissenschaftliche Gegner, wie Egmont Zechlin, Karl Dietrich Erdmann und Gerhard Ritter, kritisierten seine Thesen aufs schärfste. Sie warfen ihm vor, er weise Deutschland die Alleinschuld am Kriegsausbruch zu und stelle ungerechtfertigter Weise eine Kontinuitätslinie in der deutschen Geschichte von Friedrich II. über Bismarck hin zu Adolf Hitler auf.
Der Streit wurde über den wissenschaftlichen Disput hinaus von allen Beteiligten bis an die Grenze der persönlichen Diffamierung geführt. Dazu trug nicht zuletzt bei, dass die Diskussion über Fischers Thesen sich quasi sofort zu einer Debatte über die Kontinuität deutscher Kriegszielpolitik von Kaiser Wilhelm II. zu Adolf Hitler erweiterte und Massenmedien wie der „Spiegel“ Partei für Fischer ergriffen mit Beiträgen wie:

„Fischer [...] weist dem Kaiserreich [...] einen Expansionsdrang nach, der fast noch maßloser anmutet als der Volk-ohne-Raum-Komplex der Nationalsozialisten. [...] Die kaiserlichen Ostlandfahrer bewiesen mithin kaum weniger Appetit als die späteren Haken-Kreuzritter“[ 7].

Eine bis dato innerhalb der Historikerzunft geführt Diskussion erfasste so in Windeseile breite Kreise der deutschen Öffentlichkeit. In der aufgeheizten Stimmung machten auch führende westdeutsche Politiker wie Bundeskanzler Ludwig Ehrhard oder Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier öffentlich Front gegen Fischer, da er das Ansehen der jungen Bundesrepublik schädige und letztlich den Neuaufbau Deutschlands behindere [8]. Auch wenn in den nächsten Jahren gemäßigte Kontrahenten Fischers zumindest in Teilen seine Position anerkannten, die deutsche Reichsleitung habe bewusst einen Krieg einkalkuliert, standen sich die streitenden Lager in vielerlei Hinsicht noch lange unversöhnlich gegenüber. Über die Jahre entwickelten sich zwei Lehrmeinungen. Zum einen die kompromisslosen Verfechter eines geplanten und bewusst herbeigeführten Krieges durch die deutsche Reichsleitung, zum anderen Vertreter der These, die die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch in Berlin verorteten, eine systematische, langfristige Kriegsvorbereitung jedoch ablehnten.
Während in der deutschen Geschichtswissenschaft über die Frage nach der Kriegsschuld des Kaiserreichs am Ersten Weltkrieg weiterhin lebhaft diskutiert wurde, verloren die Politik und die Öffentlichkeit schon nach wenigen Jahren das Interesse an der Thematik. Hatte doch für viele der Reiz an der Diskussion nicht mit der Beschäftigung mit dem Kriegsbeginn des Ersten Weltkrieges zu tun, sondern mit dem „Sonderweg Deutschlands“ und dem zielstrebigen deutschen Griff nach der Weltmacht, die im Nationalsozialismus und den ungeheuren Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg gipfelten.
Das Interesse an den Ursachen der „Urkatastrophe“ blieb über die Jahre hinweg ungebrochen.
Fünfzig Jahre nach Beginn der „Fischer-Kontroverse“ und wenige Monate vor dem hundertsten Jahrestag des Kriegsausbruchs 2014 lassen sich Veränderungen unseres Bildes vom Ersten Weltkrieg an verschiedenen Aspekten festmachen. In Deutschland haben die neuen Erkenntnisse zum Kriegsausbruch 1914 mittlerweile, wenn auch mit der für Schulbücher typischen Verspätung, Einzug in die Schulgeschichtsbücher gefunden. Die bis in die 1950er und 1960er Jahre noch verbreitete „Unschuldsthese“ ist „Geschichte“. Der Kriegsausbruch wird differenziert dargestellt [9]. Breiten Raum in den Geschichtsbüchern, wie in Großbritannien, Frankreich oder Australien, nimmt der Erste Weltkrieg jedoch nicht ein. Auch in der deutschen Öffentlichkeit und in den Medien wurde er in den letzten Jahrzehnten nur selten wahrgenommen und wenn – dann immer auch unter Verweis auf den Zweiten Weltkrieg. So der Spiegel Spezial „Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Dieser erschien neunzig Jahre nach Kriegsausbruch 2004 und stellte nicht nur im Untertitel „1. Weltkrieg und die Folgen“, sondern mit den Abbildungen Kaiser Wilhelms II. und Adolf Hitlers auf dem Titelbild, die Kontinuitätslinie vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg dar [10].
Vor dem geschilderten Hintergrund verwundert es nicht, dass sich das offizielle Deutschland mit dem Begehen des Jahrhundertereignisses schwer tut. Während in vielen ehemaligen Ententestaaten schon vor Jahren die Vorbereitungen für das Begehen des Weltkriegsjubiläums begannen, bemühte sich die Bundesregierung, das Jahrhundertereignis möglichst tief zu hängen und übte sich lange in offizieller Zurückhaltung. Ist doch eine „sinnstiftende Deutung“, wie in den Siegerstaaten, dem Kriegsverlierer Deutschland nicht möglich [11]. Als sinnstiftendes Ereignis sehen viele Deutsche dagegen im Jahr 2014 viel eher die Feiern zum 25. Jahrestag der friedlichen Revolution. Im Ausland stieß der deutsche Umgang mit der aktiven Erinnerungspolitik auf Unverständnis. Die Bemühungen des Auswärtigen Amtes, im Rahmen der Erinnerungsfeierlichkeiten nicht herauszustellen, wer den Krieg gewonnen habe, sondern im gemeinsamen Gedenken der über 15 Millionen Toten dem Ersten Weltkrieg eine „sinnstiftende“ Funktion für die europäische Integration zuzuweisen, stieß bei den Siegerstaaten nicht auf ungeteilte Zustimmung. In Großbritannien ist die Zahl derer, die den Sieg über Deutschland feiern wollen, nicht zu unterschätzen. Mit Bezug auf diese führte der britische Historiker Hew Strachan aus, „viele Menschen haben im Glauben gekämpft, dass es lohnenswert ist. Wir müssen diese Motivation akzeptieren.“ [11] Mit diesen Ausführungen hebt er sich wohltuend von Michael Gove ab. Dieser, immerhin britischer Bildungsminister, erklärte, der „Große Krieg“ sei ein gerechter Krieg gegen den „skrupellosen Sozialdarwinismus der deutschen Eliten, ihr mitleidloses Vorgehen bei der Besetzung, ihre aggressiv expansionistischen Kriegsziele und ihre Verachtung für die internationale Ordnung“ [12] gewesen. Auch wenn diese Äußerungen in Großbritannien auf große Kritik stießen, wird deutlich, auf welch schwierigem Terrain sich deutsche Erinnerungspolitik bezogen auf den Ersten Weltkrieg bewegt.
In Deutschland wurde das zurückhaltende Agieren der Bundesregierung von Seiten vieler Medien und von Historikern, so zum Beispiel Gerd Krumeich, als Desinteresse und „Dummheit“ kritisiert [11]. Die neue Bundesregierung hat mittlerweile die offizielle Zurückhaltung in Teilen aufgegeben. So wird der Bundespräsident an den Feiern in Frankreich und Belgien im Sommer teilnehmen. Dass der Erste Weltkrieg und insbesondere der Kriegsausbruch 1914 auch in Deutschland immer noch die Menschen bewegen kann, bewies der australische Historiker Christopher Clark mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ [13]. Es belegte über Wochen die Spitzenplätze der Bestsellerlisten. Der Erfolg dieses Werkes liegt nicht zuletzt darin, dass Clark in seinem kontrovers diskutierten Band Deutschland zwar keinen „Freispruch“ am Kriegsausbruch erteilt, jedoch darauf verweist, die Deutschen seien im Vorfeld nicht aggressiver gewesen als die anderen europäischen Großmächte. Der Krieg sei eine gemeinsame europäische „Frucht“ [14] gewesen.
Mit den „Schlafwandlern“ feuerte Clark fast 50 Jahre nach Fischer eine erneute Diskussion über die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges an, die von der deutschen Öffentlichkeit unbeachtet in der internationalen Geschichtswissenschaft schon längere Zeit geführt wurde und den Blick weg von Deutschland verstärkt auf Österreich-Ungarn oder auch einzelne Ententestaaten richtete.
Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler widersprach in seinem neuen Buch „Der Große Krieg. Die Welt 1914- 1918“, von einigen Rezensenten als „Meisterwerk“ gelobt [15], der These von der deutschen Kriegsschuld [16]. Diese pointierte Aussage blieb natürlich nicht unwidersprochen. Neben Gerd Krumeich kritisierten auch andere Historiker wie Michael Epkenhans Clarks und Münklers Thesen. Berlin und Wien, so Epkenhans, hätten 1914 die Weichen auf den Krieg gestellt [17]. Wie in der Fischerkontroverse griffen die Medien die Diskussion auf. Volker Ulrich stellte in seinem Zeitartikel vom 24. Januar 2014 „Nun schlittern sie wieder. Mit Clark gegen Fischer: Deutschlands Konservative sehen Kaiser und Reich in der Kriegsschuldfrage endlich rehabilitiert“ einen direkten Zusammenhang zwischen der aktuellen Diskussion und der Fischerkontroverse her. Neue Quellen, die Fischers Thesen widerlegen, gäbe es in den neueren Werken nicht. Trotzdem werde Fischer, so Ulrich, geschmäht wie in den sechziger Jahren. Die deutschen Konservativen versuchten mit einer geschichtspolitischen Weichenstellung, die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte zurückzugewinnen. Kritiker von Clark und Münkler, die an der deutschen Hauptverantwortung festhielten, versuche man mit dem Begriff „Schuldstolz“ zu diskreditieren. Leicht resigniert stellt Ulrich abschließend fest: „Es fällt auf, wie matt der Widerspruch bislang war. In der Zunft scheint man des Streites müde geworden zu sein.“ [18] Diese Aussage bezog sich auch auf das Manifest „Warum Deutschland nicht allein schuld ist“ von Dominik Geppert, Sönke Neitzel, Cora Stephan und Thomas Weber in der Welt vom 4.1.2014, in dem sie auch ausführen, die Schuldfrage spiele heute kein wichtige Rolle mehr [19].
Nicht zuletzt dank Clarks „Schlafwandlern“ ist das Jahrhundertereignis Kriegsausbruch des Ersten Weltkrieges 2014 in der deutschen Politik und Gesellschaft angekommen. Die Medien haben das Thema aufgegriffen. Fernsehsendungen und Zeitschriftenartikel nehmen sich der Thematik an. Eine Vielzahl von Büchern zum Ersten Weltkrieg ist schon erschienen oder wird in den nächsten Monaten erscheinen, zudem ist eine Vielzahl kultureller Veranstaltungen und historischer Fachtagungen geplant. Auch die deutsche Politik haben die Folgen des Ersten Weltkrieges eingeholt. So ist eine Verweigerung des gesamteuropäischen Erinnerns an den Ersten Weltkrieg nicht möglich. Zugleich zeigt die aktuelle Krise um die Ukraine, die als eigenständiger Staat unter deutscher Vorherrschaft erstmals als Folge des Friedensvertrags von Brest-Litowsk 1918 die Bühne der Weltpolitik betrat, dass Großmachtpolitik auch im 21. Jahrhundert noch üblich ist und wie wichtig geschickte Diplomatie in Krisenlagen ist. So mahnte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier angesichts des Versagens der Diplomatie in der Julikrise 1914 mit Blick auf die Lage in der Ukraine in seinen einführenden Worten zu der vom Auswärtigen Amt initiierten Veranstaltung zum Ersten Weltkrieg mit dem Titel „Vom Versagen und Nutzen der Diplomatie“ davor „was passiere, wenn Gespräche nicht gesucht werden.“ Bezogen auf die aktuelle Krimkrise sei die Frage nach Krieg und Frieden nach Europa zurückgekehrt und das lasse ihm „den einen oder anderen Schauer über den Rücken laufen.“ [14]
Der Wunsch von Kurt Kister vom Januar 2014, nachdem ein Jahrhundert seit dem Beginn des Ersten Weltkrieges vergangen sei, diesen jetzt endlich „für sich“ zu betrachten, scheint trotz aller berechtigten Ablehnung historischer Parallelen angesichts der aktuellen Lageentwicklung zu optimistisch gewesen zu sein. [20]

Literatur

  1. Funk A: Erster Weltkrieg und Europa. Wie in England mit 1914 Politik gemacht wird. Tagesspiegel vom 5.1.2014: http://www.tagesspiegel. de/politik/erster-weltkrieg-und-europa-wie-in-england-mit- 1914-politik-gemacht-wird/9290166.html [7.2.2014].
  2. So verkündete Dame Helen Mirrer am Remembrance Day 2011 allen Briten auf einem Plakat mit einem poppy-sticker am Pullover lächelnd „Our troops are the real stars“: http://twitpic.com/7ape1b [25.3.2014].
  3. So erklärte ein Vertreter des französischen Veteranenverbandes: „Mein Vater hat elf Monate hier gekämpft und wenn ich an ihn denke, empfinde ich diesen Schritt als Verrat.“ Zitiert nach: Woller H: Frankreich und der 11. November. Angela Merkel und die Frage, diesen Tag zu einem deutsch-französischen Feiertag zu machen. Beitrag vom 11.11.2009: http://www.deutschlandfunk.de/frankreich-und-der-11- november.795.de.html?dram:article_id=118416 [7.3.2014].
  4. Fischer F: Griff nach der Weltmacht: Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918. Düsseldorf: Droste Verlag 1961.
  5. Ein Buch wie ein ‘Sprengsatz’ – Der Historiker Konrad H. Jarausch über den Streit um Fritz Fischers Forschungen im Gespräch mit Karen Andresen (Der Spiegel). In:, Burgdorff S und Wiegrefe K (Hrsg.): Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Spiegel special 2004; 1: 135.
  6. Fischer F: Krieg der Illusionen: Die deutsche Politik von 1911 bis 1914. Düsseldorf: Droste Verlag 1969.
  7. “Wilhelm der Eroberer”. Der Spiegel 49, 29.11.1961: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43367711.html [26.3.2014].
  8. Rüdiger M: Kontinuitätsthese und Kriegsschulddebatte: Die Fischer- Kontroverse in den Massenmedien 1961–1964/65. Masterarbeit Universität Freiburg i.Br. 2007, 83–85: http://www.freidok.unifreiburg. de/volltexte/6694/pdf/Fischer_Kontroverse.pdf [26.3.2014].
  9. Bergien R: “Fritz Fischers Thesen in Schulbüchern”. Militärgeschichtliche Zeitschrift 2005; 64: 135 - 149.
  10. Spiegel Spezial. Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Nr. 1, Hamburg 2004.
  11. Krump H: Die zögerlichen Deutschen: http://www.dasparlament. de/2014/01-03/Themenausgabe/48462304.html [28.3.2014].
  12. Eigenwillige Geschichtsdeutung zum Ersten Weltkrieg. Großbritanniens Bildungsminister ruft „gerechten Krieg“ gegen Deutschland aus: http://www.focus.de/politik/ausland/henkels-london/eigenwillige- geschichtsdeutung-grossbritanniens-bildungsminister-ruft-gerechten- krieg-gegen-deutschland-aus-1_id_3528539.html [28.3.2014].
  13. Clark C: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2013.
  14. Fürstenau: Erster Weltkrieg: Ein Krieg den so keiner wollte: http://www.dw.de/erster-weltkrieg-ein-krieg-den-so-keinerwollte/ a-17498180 [30.3.2014].
  15. So beispielsweise Schröder C: Das große Sterben: http://www.tagesspiegel. de/kultur/herfried-muenkler-ueber-den-ersten-weltkriegdas- grosse-sterben/9154582.html [31.3.2014].
  16. Münkler H: Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918. Berlin: Rowohlt 2013.
  17. Interview mit Michael Epkenhans. Ein sehr gefährliches Spiel. Das Parlament 01-03-2014: http://www.das-parlament.de/2014/01- 03/Themenausgabe/48462219.html [31.3.2014].
  18. Ulrich V: Nun schlittern sie wieder. Mit Clark gegen Fischer: Deutschlands Konservative sehen Kaiser und Reich in der Kriegsschuldfrage endlich rehabilitiert. Zeit-online vom 24.1.2014: http://www.zeit.de/2014/04/erster-weltkrieg-clark-fischer/ [31.3.2014].
  19. Geppert D, Neitzel S, Stephan C und Weber T: Warum Deutschland nicht allein schuld ist. Die Welt, 4.1.2014: http://www.welt.de/debatte/ kommentare/article123516387/Warum-Deutschland-nicht-allein- schuld-ist.html [31.3.2014].
  20. Kister K: Die Welt brennt. Vor 100 Jahren begann der große Krieg, der das alte Europa einstürzen ließ. Süddeutsche Zeitung, Nr. 3 Wochenende 10v1, 4./.5./6. Januar 2014.

Bildquelle:
Abb. 1: Archiv Oberfeldarzt Prof. Dr. Vollmuth
Abb. 2: Matt Leonard on http://www.ww1centenary.oucs.ox.ac. uk/?p=214, accessed 22 Juni 2014

Abb. 1: „wer weiss ob wir uns wiedersehn!“ - Soldaten des Ersten Weltkrieges auf einer Feldpostkarte des Jahres 1917 im Bewusstsein ihres möglichen Schicksals

Abb. 2: Beinhaus von Douaumont - letzte Ruhestätte von mehr als 16 000 Gefallenen der Schlacht um Verdun

Datum: 22.07.2014

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2014/7