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FACHBERATUNGSSEMINAR "BETREUUNG UND FÜRSORGE UNTER EINEM DACH" BETROFFENE UND DEREN FAMILIEN SOWIE HINTERBLIEBENE PROFITIEREN VON EINEM BUNDESWEHRGEMEINSAMEN PROJEKT

Die Betreuung und Behandlung von Soldatinnen und Soldaten mit in besonderen Auslandsverwendungen oder im Grundbetrieb aufgetretenen körperlichen Verletzungen und/oder psychischen Erkrankungen ist durch die Bundeswehr umfassend gewährleistet.

Der Einbeziehung von Familienangehörigen sowie Hinterbliebenen in Betreuungs- und Fürsorgemaßnahmen kommt ergänzend besonderes Gewicht zu. Diesem wichtigen Aspekt wird durch die ins Leben gerufenen Fachberatungsseminare „Betreuung und Fürsorge unter einem Dach“ besonders Rechnung getragen.  Photo Betreuung und Fürsorge.

Die Bundeswehr nimmt seit Anfang der 1990er Jahre an besonderen Auslandseinsätzen teil, die mit einer hohen physischen und psychischen Belastung für die teilnehmenden Soldatinnen und Soldaten sowie für die zivilen Bundeswehrangehörigen einhergehen. Auf Grund der zunehmenden Komplexität und höheren Intensität der Einsätze deutscher Streitkräfte - insbesondere mit dem Einsatz in Afghanistan seit dem Jahr 2002 - und den daraus resultierenden wachsenden Anforderungen an jeden Einzelnen sind zunehmend sowohl körperliche Einsatzverletzungen als auch psychische Erkrankungen zu verzeichnen.
Mit der Einrichtung des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie/ Psychotraumazentrum am Bundeswehrkrankenhaus Berlin im Mai 2010 hat der Sanitätsdienst die Voraussetzungen geschaffen, insbesondere im Bereich der psychiatrisch-psychotherapeutischen Krankheitsbilder wissenschaftliche Grundlagenarbeit mit den Erkenntnissen aus der Behandlung zusammenzuführen und einen unmittelbaren Wissens- und Erfahrungstransfer herzustellen.
Zeitlich unmittelbar im Zusammenhang mit der Einrichtung des Psychotraumazentrums wurde auf Weisung des damaligen Bundesministers der Verteidigung der Sanitätsdienst mit der Einrichtung von sog. „Fachkompetenzzentren“ beauftragt.
Im Rahmen eines Pilotprojektes sollten mit „Fachkompetenzzentren“ die Voraussetzungen geschaffen werden, neben der Betreuung von betroffenen Soldatinnen und Soldaten auch deren Angehörige und betreuungspflichtige Kinder, frühere Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, zivile Bundeswehrangehörige sowie Hinterbliebene in Betreuungs- und Fürsorgemaßnahmen mit einzubeziehen. Dabei handelte es sich um einen für die Bundeswehr grundlegend neuen Ansatz.

Ziel sollte es sein, alle Betroffenen, deren belastende Lebenssituation unmittelbare Folge des eigenen (ehemaligen) Dienstes in den Streitkräften oder des (ehemaligen) Dienstes eines nahen Angehörigen oder einer nahen Angehörigen war, in die Lage zu versetzen, ihre belastende Lebenssituation besser und mit Hilfe professioneller Unterstützung meistern zu können. Während einer Beratungswoche sollte ein interdisziplinäres Team aus Vertretern des Psychologischen Dienstes, des Sozialdienstes, der Militärseelsorge und des Berufsförderungsdienstes – zunächst im Rahmen von Pilotwochen - eine umfassende Beratung und Betreuung, sowie allgemeine Maßnahmen der psychischen Stabilisierung und Fürsorge sicherstellen.

Um dies zu erreichen, wurden unter Federführung und in enger Zusammenarbeit zwischen dem Sanitätsdienst und dem Psychologischen Dienst der Bundeswehr im Sommer 2010 erste konzeptionelle Überlegungen angestellt. Dabei wurde erkennbar, dass auf Grund der Erweiterung des zu betreuenden Personenkreises manch bürokratische Hürde überwunden werden musste. Insbesondere galt es, die rechtlichen und haushalterischen Voraussetzungen zu schaffen. Der zunächst konzeptionell verfolgte Ansatz, neben Beratung und Betreuung auch medizinische Behandlung Personen anzubieten, die nicht als Soldatin oder Soldat ihren Dienst verrichten, konnte auf Grund fehlender rechtlicher Grundlagen nicht aufrechterhalten werden. Der Schwerpunkt der Maßnahmen musste daher auf den Bereich der Betreuung und Fürsorge gelegt werden.

Der ehemalige Parlamentarische Staatssekretär Kossendey begleitete das Projekt auf Leitungsebene des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) von Beginn an mit großem persönlichem Engagement. Diese Unterstützung war in der Umsetzung des Projektes sehr hilfreich. Die konzeptionelle Arbeit gestaltete sich unter Einbeziehung von insgesamt sechs ministeriellen Abteilungen sehr konstruktiv. Insbesondere die Einbindung der Beauftragten Angelegenheiten für Hinterbliebene (Beauftragte AfH) sowie des Beauftragten für einsatzbedingte posttraumatische Belastungsstörungen und Einsatztraumatisierte (Beauftragter PTBS) war unverzichtbar und wertvoll. Das mit breiter Zustimmung erarbeitete Konzept wurde abschließend im August 2011 vorgelegt und von der Leitung des BMVg gebilligt. Mit der ersten von vier Pilotwochen wurde bereits im Oktober 2011 begonnen.

Über eine Weisung des Inspekteurs des Sanitätsdienstes vom September 2011 konnte unter Einbindung des damaligen Sanitätsführungskommandos in Koblenz trotz der kurzen Frist bis zur ersten Pilotwoche am Bundeswehrkrankenhaus Westerstede die weitere Planung, Organisation und Durchführung erfolgen. Besonders hervorzuheben war die großartige Bereitschaft der Leitung des Bundeswehrkrankenhauses Westerstede sowie der Mitarbeiter zur Umsetzung und Gestaltung. Ohne diese hervorragende Unterstützung wäre das Pilotprojekt kurzfristig nicht zu realisieren gewesen.

Bis zum Oktober 2012 wurden in vier Pilotwochen die angebotenen Maßnahmen erprobt und weiterentwickelt. Inhaltlich wurden neben Gruppengesprächen vor allem Einzel- und Paarberatungen durch die verschiedenen Dienste durchgeführt. Weiterhin wurden verschiedene Programmpunkte zur Entspannung und Erholung angeboten.

Neben der professionellen Betreuung, bei der auch der Militärseelsorge besondere Bedeutung zukommt, erleben die Betroffenen in den Fachberatungsseminaren vor allem die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen als besonders hilfreich. Hierdurch werden die Familienangehörigen, Kameraden und Hinterbliebenen in die Lage versetzt, mit den Belastungen besser umgehen zu können. Gemeinsam können die Folgen der Ereignisse und Erlebnisse besser verarbeitet werden. Gespräche von „Mann zu Mann“ und von „Frau zu Frau“ sind beispielhaft ein wichtiger Bestandteil der Seminare. Das Gefühl, von gleichermaßen Betroffenen verstanden zu werden und mit seinem Schicksal nicht allein zu sein, ist ein wichtiger Erkenntnisgewinn.

Wesentliche Grundlage für diese Inhalte der Pilotwochen waren die Rückmeldungen der Teilnehmenden, aber auch die Erfahrungen des eingesetzten Betreuungspersonals. Hierdurch wurden das Angebot der Maßnahmen und die Gestaltung des Ablaufs angepasst. Bereits nach der ersten Pilotwoche wurde das Programm um zwei Tage verlängert, da sich der gewählte Zeitansatz als zu kurz herausgestellt hatte.

Der Aspekt der Unterstützung durch Gespräche und Beratung war deutlich erkennbar und gab den Pilotwochen Seminarcharakter. Daher wurde im Verlauf die Begrifflichkeit „Fachberatungsseminar Betreuung und Fürsorge“ gewählt. Durch die Möglichkeit der Nutzung von Liegenschaften, u. a. des Bundeswehrsozialwerkes und des Kolpingwerkes, konnten Unterkunft, Verpflegung und betreuende Maßnahmen „unter einem Dach“ angeboten werden.

Mit Abschluss der Pilotphase wurden die in dem Jahr des Pilotprojektes gesammelten Erfahrungsberichte ergänzend ausgewertet. Auf Grund der ausgesprochen positiven Rückmeldungen der Teilnehmenden wurden durch die Leitung des BMVg im November 2012 die Überführung der Fachberatungsseminare in einen Regelbetrieb und somit die dauerhafte Durchführung der Maßnahmen zur Betreuung und Fürsorge in der angebotenen Form gebilligt. Dies war für alle Beteiligten ein großer Erfolg. Aus innerer Überzeugung und mit leidenschaftlichem Engagement haben viele Akteure an der Realisierung dieses gemeinsamen Projekts mitgewirkt.

Nach Billigung des Regelbetriebes der Fachberatungsseminare wurden die begründenden Dokumente für die dauerhafte Durchführung und Umsetzung in Form eines Erlasses sowie des angepassten Konzeptes in Kraft gesetzt. Seit März 2013 konnten seither insgesamt drei Wochen im Regelbetrieb durchgeführt werden. Die Leitung und Verantwortung für die Ablauforganisation wurde zwischenzeitlich dem Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung in Diez übertragen. Die fachliche Leitung obliegt weiterhin dem Psychologischen Dienst der Bundeswehr. Aus den Erfahrungen der bisherigen Fachberatungsseminare wurde zudem erkennbar, dass zur Durchführung der einzelnen Seminare die Unterstützung durch einen Leitverband unerlässlich ist. Der beauftragte Verband stellt eine entsprechende personelle und materielle Unterstützung zur Durchführung der erforderlichen Maßnahmen sicher. Die Inanspruchnahme weiterer Unterstützung wird im Rahmen des Regelbetriebes fortgeführt. Für das laufende Jahr 2014 werden drei Fachberatungsseminare bundeswehrgemeinsam geplant, vorbereitet und organisiert.

Unter der wissenschaftlichen Leitung des Psychologischen Dienstes werden die Fachberatungsseminare in der Sektion Forschung im Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie/ Psychotraumazentrum am Bundeswehrkrankenhaus Berlin kontinuierlich evaluiert und im Sinne der teilnehmenden Betroffenen optimiert.

Zusammenfassung

In besonderen Auslandsverwendungen, aber auch im Grundbetrieb auftretende körperliche Verletzungen und/oder psychischen Erkrankungen von Soldatinnen und Soldaten werden auch in Zukunft nicht gänzlich zu vermeiden sein. Viele Maßnahmen zur Unterstützung der Betroffenen sind bereits vorhanden. Das Ziel von Fachberatungsseminaren ist es, Angehörige von Betroffenen und Hinterbliebenen stärker in die Betreuung und Fürsorge einzubeziehen, denn auch sie bedürfen besonderer Hilfe und Unterstützung. Die angebotenen Maßnahmen der Betreuung und Fürsorge sind ein deutliches und starkes Signal des Dienstherrn nach Innen und Außen und dienen unmittelbar der Steigerung der Attraktivität und damit der Sicherstellung der personellen Einsatzbereitschaft der Streitkräfte. Betreuung und Fürsorge ist und bleibt somit ein zentrales Handlungsfeld, an dem es auch künftig gilt, gemeinsam und intensiv weiterzuarbeiten.

Aufmacherbild: Albrecht E. Arnold/pixelio.de

Datum: 23.02.2015

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2014/1